Die Rückkehrer

Ein Bruch im Leben kann hart sein, ihm aber auch eine neue Richtung geben. Drei Menschen über ihre Auszeiten – und wie sie diese genutzt haben.




Die Fußballerin Marina Hegering, 30, hatte mit 20 Jahren bereits zwei DFB-Pokale und einen Weltmeistertitel in der Tasche, als sie wegen einer eigentlich harmlosen Verletzung aus dem Spiel genommen wurde. Mehr als fünf Jahre lang stand die Karriere der Bundesligafußballerin auf Halt.

Was geschieht mit jemandem, der auf Hochleistung getrimmt, plötzlich aber zum Nichtstun verdammt ist?

brand eins: „They never come back“ heißt es im Boxsport: Wer einmal weg ist, kehrt nie mehr zurück. Gilt das auch im Profifußball?

Marina Hegering: Na ja, beim Boxen musst du dich ganz allein durchschlagen, da fällt jede Niederlage auf dich selbst zurück. Im Mannschaftssport Fußball hingegen gibt es immer Mitspieler, die einen auffangen. Aber es stimmt schon: Meine Zwangspause war so unfassbar lang, dass ich die Hoffnung aufgab, jemals wieder zurückzukehren.

Auf eine Verletzung im Jahr 2010 folgten fünf Operationen, fünfeinhalb Jahre Zwangspause und die unangenehme Aussicht, mit Mitte 20 bereits als Frührentnerin zu enden.

Eine eigentlich harmlose Fersen-Operation wollte bei mir wegen einer Wundheilungsstörung einfach nicht verheilen, sodass ich jahrelang nicht spielen konnte. Schlimmer noch: Durch die Verletzung stand gleichzeitig auch mein Sportstudium auf der Kippe. Wenn aber Sport und Ausbildung gleichzeitig infrage gestellt werden, gehen Nerven und Psyche in die Knie.

Wie haben Sie das überstanden?

Wenn es mir besonders dreckig ging, haben meine Familie und meine beste Freundin mich abgelenkt. Außerdem habe ich mich bei meinem Verein von einem Sportpsychologen unterstützen lassen. Ein neutraler Blick war in einer scheinbar aussichtslosen Lage wie meiner enorm hilfreich.

Was hat Ihnen der Psychologe geraten?

Er hat mir geholfen, weniger darüber zu grübeln, was ich jetzt nicht mehr kann, und mich mehr auf die Dinge zu konzentrieren, die mir Kraft geben. Kann ich nur jedem empfehlen, dem das Leben ein Strich durch die Rechnung macht. Ich habe mich in meiner Pause neu fokussiert. Mir blieb ja auch gar nichts anderes übrig.

Fußball war Ihr Leben. Wie kann man sich da neu fokussieren?

Indem man sich einen Weg um das Problem herum sucht. Ich brauche Bewegung, aber da ich nun einmal nicht mehr Fußball spielen konnte, habe ich mir eben ein Rennrad gekauft und Kilometer abgespult. Ich habe mir eine Gitarre zugelegt und mir mithilfe von Youtube-Tutorials selbst das Gitarrespielen beigebracht. Das hat mich am Leben erhalten und mir neue Ziele eröffnet.

Welche Ziele waren das?

Manche waren es ganz banale, wie zum Beispiel jenes, meinen Alltag wieder störungsfrei bewältigen zu können. Weil meine Wunde nicht verheilte, musste ich drei Jahre lang offene Schuhe tragen. Mein größter Wunsch war damals ganz schlicht, endlich wieder in geschlossenen Schuhen unterwegs sein zu können. Ob das mit dem Fußball wieder etwas werden würde, war mir da gar nicht so wichtig.

Fühlte sich Ihre erzwungene Auszeit stets gleich trist an, oder gab es unterschiedliche Phasen?

Natürlich. Zunächst habe ich mich gefragt, warum es ausgerechnet mich getroffen hat. Dann folgte die Phase der Resignation, in der ich erkannt habe, dass ich die Situation nicht ändern kann. Schließlich habe ich es akzeptiert. Von da an wurde es besser.

Was haben Sie getan, als sich Ihr Lebenstraum in Luft auflöste?

Ich habe mich immer tiefer in die Frage nach dem Warum verbohrt. Aber nicht alles hat einen Grund, der sich verstehen lässt. Die Kunst besteht darin, die Situation so zu wenden, dass sie einem nutzt. Mir hat meine Zwangspause geholfen, für mein Leben zusätzlichen Sinn zu entdecken: Ich habe neu herausgefunden, was mir Spaß macht, und das dann einfach gemacht. Ich glaube, das kann jeder schaffen, auch wenn man zu Beginn einer Krise nicht daran glauben mag.

Das klingt sehr einfach.

Stimmt, das ist jetzt auch die Kurzfassung. Für die Tage, an denen einem dazu die Kraft fehlt, sollte man sich mit positiven Menschen umgeben, die einem helfen.

Sind Sie heute eine andere als die, die sie ohne Verletzungspause wären?

Natürlich. Die Pause hat mich gezwungen, mich persönlich weiterzuentwickeln. Vorher stand ich unter einem enormen selbst gemachten Leistungsdruck, habe nie nach rechts oder links geschaut. Ehrgeizig bin ich immer noch, aber ich habe auf die harte Tour herausgefunden, dass es in meinem Leben mehr gibt als Fußball. Ich habe auch gelernt, von außen zu helfen und für andere Spielerinnen da zu sein, zum Beispiel für die auf der Ersatzbank. Denn ich weiß, wie es ist, nicht spielen zu können.

Wovon haben Sie in all den Jahren gelebt?

Ich habe parallel zum Studium eine kaufmännische Ausbildung bei Bayer in Leverkusen begonnen. Meine Sportprüfungen konnte ich wegen meiner Verletzung nicht absolvieren, die habe ich später nachgeholt. Seit drei Jahren arbeite ich in Vollzeit im Büro eines Bauunternehmens hier in Westfalen. Ich unterstütze unsere Bauleiter, das macht mir sehr viel Spaß. Von mir aus hätte es so weitergehen können. Ich hatte meinen Frieden gemacht.

Dann aber kam die Wende: Sie konnten seit 2017 wieder nebenbei beim Bundesligisten SGS Essen spielen, wurden mit 28 Jahren sogar noch in die Nationalmannschaft berufen. Anfang Juli haben Sie im Pokalfinale gegen Wolfsburg noch das 1:2 geschossen. Ein unglaubliches Comeback.

Absolut. Aber ich hatte die ganze Zeit osteopathische Unterstützung und habe hart trainiert. Und ich hatte das Gefühl, dass ich auch beim Zuschauen etwas gelernt hatte, zum Beispiel Situationen einzuschätzen und Ruhe zu bewahren.

Jetzt hat ein Bundesliga-Konkurrent Sie abgeworben. In der nächsten Saison wechseln Sie zu Bayern München.

Tja, ich hatte meinen neuen Beruf, ich konnte nebenbei sogar wieder Fußball spielen, in meinem Leben war eigentlich alles super. Aber ich bin jetzt 30 Jahre alt, das ist definitiv meine letzte Chance, also hab’ ich mir gesagt: Das wage ich jetzt einfach und ziehe allein nach München. Ich werde da sogar vom Sport leben können, auch wenn man als Bundesligafußballerin nicht reich wird: Unser Durchschnittsverdienst liegt bei 39.000 Euro – im Jahr. Vorher steht aber erst noch einmal mein letzter Arbeitstag in der Baufirma an, da werde ich sicher die eine oder andere Träne verdrücken. Ein paar Wochen später werde ich dann bereits für den FC Bayern auflaufen. Das ist surreal und großartig zugleich. Aber auch wenn es die Erfüllung eines Traums ist, werde ich mir in München etwas suchen, was mir nebenbei Freude bringt.


Hauptsache draußen: Jan Hrdlicka

Den Job als Marketingleiter gekündigt, die Karriere an den Nagel gehängt, ins Ungewisse gesprungen: Der Hamburger Jan Hrdlicka, 36, hatte keinen Plan davon, wohin ihn seine Auszeit führen würde. Einen besseren hätte er nicht fassen können.

„Die ersten Tage waren seltsam. Morgens nicht mehr aufstehen zu müssen. Keinen Job, keine Funktion, keinen Terminplaner und kein Einkommen mehr zu haben. Nicht gebraucht zu werden. Das war ungewohnt.

Die Woche zuvor hatte ich meinen Büroschlüssel abgegeben und mich von den Kollegen in der Brauerei verabschiedet. Drei Jahre lang hatte ich die Marketingabteilung aufgebaut und geleitet, frühmorgens bis spätabends und gern auch am Wochenende gearbeitet und war dabei einigermaßen erfolgreich gewesen: Unsere Biermarke ist heute eine der populärsten in Hamburg.

Allerdings war nach zwei Jahren zusehends die Luft raus. Mit unseren Eigentümern gab es Differenzen über die Strategie. Ein halbes Jahr lang schleppte ich meine wachsende Unzufriedenheit mit mir herum, fragte mich: Was will ich hier eigentlich? Was bliebe von mir, wenn ich Beruf und Position – bis dahin die Angelpunkte meines Lebens – aufgäbe? Und vor allem: Was wäre die Alternative?

Ich wusste es nicht. Ich wusste lediglich: Um es herauszufinden, brauchte ich eine Pause. Ohne Agenda, mit ungewissem Ausgang.

Wir haben uns dann auf die Auflösung meines Vertrages geeinigt. Von Abfindung und Arbeitslosengeld, das rechnete ich mir aus, würde ich fast zwölf Monate über die Runden kommen. Zeit genug, um herauszufinden, wo ich eigentlich hinwill.

Ängste hatte ich wenige. Ich bin nicht so der zweifelnde Typ und war einfach zuversichtlich, dass sich irgendwas finden würde. Und das Leben hat mich darin bislang immer bestätigt.

Es mangelte auch nicht an Ideen und Möglichkeiten, was ich tun könnte. Freunde empfahlen mir, mich als Marketingberater selbstständig zu machen. Oder sollte ich mit meinen damals 33 Jahren noch mal zurück an die Uni und einen Master in Marketing machen? Auf einen anderen, möglicherweise neu motivierenden Marketingleiterposten wechseln?

Ich entschied mich gegen das Naheliegende. Und nahm mir vor, Dinge auszuprobieren, die ich immer schon einmal machen wollte. Eines der wichtigsten: mehr draußen zu sein. Ich bin schon immer ein Naturmensch gewesen und habe unter anderem mit Freunden einen Angel- und Abenteuerverein gegründet, aber für all das war mir als Marketingleiter einfach zu wenig Zeit geblieben.

Ich sprang, ohne zu wissen, wo ich landen würde. Am Neujahrstag 2018 war es so weit.

Dinge, die ich in diesem Jahr gemacht habe:

– zwei Roadtrips durch Andalusien

– Kettensägenschein und Schießstätten-Aufsichtsschein

– meinen Jagdschein. Den hatte ich mir schon länger vorgenommen, er ist enorm anstrengend, diente mir aber auch als Test: Wie viel Wissen kannst du dir in kurzer Zeit noch aneignen? Nach drei Wochen hatte ich den Schein in der Tasche und die Gewissheit: Ich kann noch eine Menge.

– ein Schlachtseminar, bei dem ich genauer lernte, Wild zu zerlegen und Wurst herzustellen. Seitdem essen meine Freundin und ich nur noch Fleisch, das wir selbst erlegt haben.

– gar nichts. Einen Monat lang habe ich stumpf auf dem Sofa gelegen, meine Lieblingsserien geguckt und Langeweile aushalten gelernt.

– mich um einen Hund gekümmert, der uns quasi zugelaufen ist. Ludwig beansprucht seither mindestens zwei Stunden meiner Zeit, Tag für Tag. Mittlerweile habe ich ihn ausgebildet und mit ihm die Jagdgebrauchsprüfung gemacht.

– den „Baltic Sea Circle“ absolviert, eine Rallye, die einen fast 10.000 Kilometer um die Ostsee führt. Meine Freundin und ich haben das in unserem alten Mercedes in 16 Tagen geschafft. Danach sind wir, weil’s so schön war, gleich noch mal nach Norwegen gefahren: mit Auto, Zelt und ohne Plan.

Dinge, die ich dabei gelernt habe:

– Einkommen und ein gewisser Lebensstandard sind durchaus erstrebenswert. Aber irgendwann reicht es. Dann ist Zeit wertvoller als Geld und Status.

– „Head of Marketing“ ist ein netter Titel, aber ich brauche ihn nicht, um mich als vollwertiger Mensch zu fühlen. Um das herauszufinden, musste ich ihn allerdings erst einmal ablegen.

– Mich und mein früheres Leben mit anderen Augen zu sehen. Die Landwirte, mit denen ich bei der Jagdausbildung zusammen gelernt habe, interessierte mein urbanes Business-Gewese nicht die Bohne. Das hat mich eingenordet.

– Mich auf das zu konzentrieren, was mir wirklich wichtig ist. Seit meinen Frei-Monaten weiß ich, dass es Angeln, Jagen und alles ist, was mit Natur und Draußensein zu tun hat. Davon kann ich nicht leben, aber ich würde es auch nicht wollen. Denn dann wäre es ja wieder Zwang.

– Kontrolle abzugeben und mich treiben zu lassen. Dem Unerwarteten Raum zu geben. Um das zu können, braucht man als durchgetakteter Büromensch erst einmal Training, und das waren meine Roadtrips: ohne Ziel und Karte loszufahren, einfach zu schauen, was auf mich zukommt.

So verging das erste halbe Jahr. Im August erlegte ich mein erstes Wildschwein. Im September begann mein Geld zur Neige zu gehen, ich schaute mich nach einem neuen Job um. Und ich traf eine radikale Entscheidung: Ich würde mir eine Arbeit suchen, die meine Miete bezahlt und den Kühlschrank vollmacht, ansonsten aber maximalen Raum für meine Leidenschaften lässt.

Bei meinen Bewerbungsgesprächen wurde ich immer gefragt, warum ich mich mit meiner Erfahrung nicht auf eine Führungsposition bewerbe. Ich habe dann ehrlich geantwortet, dass ich auf der Suche nach einem Nine-to-five-Job sei. Für meinen neuen Arbeitgeber, einen Hamburger Energiekonzern, war das völlig okay. Ich bin jetzt nur noch Marketingmanager statt -leiter, ich verdiene etwa ein Fünftel weniger als vorher, und meine Aufgaben sind auch nicht immer die allerspannendsten. Aber ich habe jeden Tag pünktlich um 17 Uhr Feierabend und die Wochenenden frei. Und meinen Kopf auch.

Das verdanke ich meiner Pause. So eine Auszeit ist, als würde sich dein Kompass neu ausrichten. Ich habe keine Ahnung, wo mich meiner hinführen wird. Aber ich weiß, er zeigt mir jetzt meinen Weg. Meine Mutter hat immer gesagt: ,Unterschätze nie jemanden, der einen Schritt zurück macht – er könnte Anlauf nehmen.‘“

Vor sieben Jahren verletzte sich Andreas Crüsemann, damals Marketing- und Vertriebsleiter einer Kinokette. Er drohte zu erblinden, verlor seinen Job, verfiel in Depressionen, verbrachte Monate in Kliniken, kämpfte mit Versicherungen und Berufsgenossenschaft um seine Rente. Heute arbeitet Crüsemann, 53, als freier Atemtherapeut und Volkshochschullehrer. Er ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und lebt in Essen.

Wie es losging

„Ich habe das acht Zentimeter tiefe Loch in der Fußgängerzone einfach übersehen. Es war eine dieser 60-Stunden-Wochen, der nächste Termin wartete schon, da guckt man nicht so auf seinen Weg. Außerdem war ich geübt im Übersehen: In den Monaten und Jahren zuvor hatte ich beharrlich die Warnsignale meines Körpers ignoriert – Überarbeitung, Fieber, selbst eine schwere Lebensmittelvergiftung hatte ich überspielt. Dann kam das Loch. Erst das in der Fußgängerzone von Baden-Baden, das mich auf meine rechte Gesichtshälfte stürzen ließ. Dann das sehr viel tiefere, in dem ich, meine Familie und meine Vorstellung von meinem weiteren Leben versanken.“

Wie es weiterging

„Ich hatte einerseits Glück, meine Sehkraft kam nach einiger Zeit wieder. Seitdem sehe ich Gegenstände wie auf einer welligen Leinwand, aber immerhin sehe ich. Dreimal habe ich versucht, zurück in meinen alten Job zu kommen, auch mithilfe meines Arbeitgebers. Dreimal hat es nicht funktioniert. Als ich dann auf einem Röntgenbild sah, dass mein eines Auge erneut voller Zysten war, brach ich zusammen.

Zwei Jahre und mehrere Klinikaufenthalte brauchte ich, um aus dem Loch herauszukommen, von dem ich erst nach einiger Zeit verstand, dass es sich um eine schwere Depression handelte. Auf meinen körperlichen Absturz war ein schwerer seelischer gefolgt. Und jeder gescheiterte Versuch, in meinen alten Beruf zurückzukehren, verstärkte die Depression.“

Wie mich die Pause verändert hat

„Heute kann ich mich nicht mehr länger als zwei bis drei Stunden vor dem Bildschirm konzentrieren. Ich benötige Hilfsmittel bei der Computerarbeit und weiß, dass ich nicht zu hundert Prozent verlässlich bin. Ich funktioniere nicht mehr so, wie man es von einer Führungskraft erwartet, ich bin einfach nicht ausnahmslos verfügbar. Wenn es mir nicht gut geht, nehme ich mich aus der Situation heraus. Aber ich bin empathisch und authentisch. Mir ist nicht egal, was in der Welt passiert, diese Sensibilität zeichnet viele depressive Menschen aus. Früher bin ich durch den Wald gepest. Heute bleibe ich auch mal stehen und höre den Vögeln beim Singen zu.“

Was ich kann

„Ich habe dann sehr rational überlegt: Was kann ich als Sehbehinderter machen? Wo liegen meine Stärken? So kam ich auf die Atemtherapie, die mir schon als Manager geholfen hatte. Als freier Therapeut gebe ich heute unter anderem Anwendungen für Herz-Reha-Patienten im Essener Kurhaus, in einem Trainingsraum im Essener Stadtwald und in der Praxis einer befreundeten Physiotherapeutin – jedenfalls bis Corona kam. Seitdem versuche ich, mit Atemspaziergängen an der frischen Luft das Business wieder etwas in Bewegung zu bringen. Außerdem coache ich per Telefon Führungskräfte in ganz Deutschland.

Auch Sprache macht mir Spaß, also unterrichte ich jetzt an der Volkshochschule Deutsch als Fremdsprache. Damit verdiene ich nur noch einen Bruchteil meines früheren Managergehalts, aber zusammen mit den bescheidenen Zahlungen der Versicherungen kommen wir über die Runden.“

Wozu eine Pause gut ist

„Sich im Leben komplett neu aufstellen zu müssen ist schwer. Noch schwerer aber, das habe ich gelernt, ist ein radikaler Wechsel für das Umfeld. Dass man seine alte Rolle hinter sich lassen, seine gewohnten Karten nicht mehr spielen und etwas ganz Neues anfangen muss, können viele Leute nicht akzeptieren. Freunde bezeichneten es als Scherz, dass ich Atemtherapeut werden wollte: ,Du hast doch Super-Kontakte in deiner alten Branche, werd’ doch Berater, das passt zu dir.‘ Auch das Finanzamt wollte die Kosten meiner Ausbildung zum Atemtherapeuten nicht anerkennen, weil ich ja ausgebildeter Kaufmann und Manager war. Selbst meine Frau brauchte einige Zeit, um zu begreifen, dass ihr Mann einfach nicht mehr der Alte war und es auch nie mehr sein würde.

Eine Pause ist also nicht nur dazu da, sich neu zu orientieren. Sie ist auch die Atempause, die Familie, Freunde und Kollegen benötigen, um eine Veränderung zu verdauen.“

Was mir geholfen hat

„Menschen. Manche gingen auf Distanz, besonders nachdem ich offen mit meiner Depression umzugehen begann. Genauso meldeten sich aber auch andere, boten Hilfe an und meinten das auch wirklich so. Und ich habe mir professionelle Helfer gesucht – Coaches und Psychotherapeuten, von denen ich weiß, dass ich sie jederzeit anrufen kann, wenn es mir schlecht geht.“

Was man gewinnt

„Seit dem Lockdown kann ich weder Atemtherapie anbieten noch Deutsch unterrichten. Finanziell geht es mir daher gerade nicht so gut. Aber sieben Jahre nach dem Unfall weiß ich jetzt, dass ich Unvorhergesehenes, selbst ein tiefes Loch überstehen kann. Eigentlich kann mir nichts mehr passieren.“ ---