Boxenstopp

Mach mal Pause – das sagt sich leicht. Wir sollten lernen, wie das geht.





Der spanische Filmemacher Luis Buñuel war ein Meister des Absurden. In seinem Oscar-gekrönten Werk „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ geht es um die Irrtümer und Missverständnisse, die im wohlgeordneten bürgerlichen Leben auftreten – eine fatale Geschichte, die etwas für heute sehr Wesentliches lehrt: Rituale und Regeln, alles, was wir gewohnt sind, kann sinnlos werden. Deshalb sollten wir regelmäßig ein wenig zur Seite treten und uns und unser Leben in den Blick nehmen: Was machen wir da gerade? Und ebenso wichtig: Was machen wir nicht?

Was bei Buñuel auf den ersten Blick absurd wirkt, enthüllt beim zweiten, schärferen Hinsehen die Wirklichkeit. Sein Muster ist immer gleich und immer wirksam: Nach der Irritation folgt ein Schock, dann Einsicht, schließlich eine Entscheidung.

Seinen vielleicht bizarrsten Filmstoff hat der 1983 verstorbene Regisseur nicht umgesetzt, aber dankenswerterweise hat ihn der Münchener Zeitforscher Karlheinz Geißler aus den Archiven geholt. Die Idee: Der Vatikan, „stets aufgeschlossen für die Errungenschaften der Zivilisation und des Sports“ will mit dem rasenden Tempo unserer Zeit mithalten. Schließlich möchte auch der Papst den Anschluss nicht verlieren, das musste man sich in Rom von religiösen Mitbewerbern lange genug vorwerfen lassen. Wer rastet, der rostet. Man macht Tempo. Nur so geht es voran.

In Buñuels Szenario werden auf dem Petersplatz viele Altäre aufgebaut, vor denen Priester im vollen Ornat stehen, assistiert von Ministranten. Diese absurd anmutende Anordnung dient einem Wettstreit, bei dem es darum geht, wer am schnellsten die Heilige Messe lesen kann – die Turbo-Liturgie.

Nach dem Startsignal geht die heilige Post ab, wer ist als Erster fertig? Bald schon herrscht völliges Chaos, die Ministranten ringen nach Luft, manche Priester fallen übereinander her oder geben auf. Am Ende gewinnt ein spanischer Priester namens Mosén Rendueles, der den gesamten Text der Messe atem- und pausenlos durchgesprochen hat, in 1 Minute 45 Sekunden.

Halleluja, das ist Spitze!

Man könnte meinen, es handle sich bei Buñuels Plot allein um Kritik an Kirche und Kapitalismus, also an den üblichen Verdächtigen. Doch das sind nur die Sündenböcke. Die Turbo-Liturgie lesen wir uns ganz allein, und nur wir sind in der Lage, sie wieder zu entschleunigen, wie es heute heißt, genauer gesagt: sein Leben in angemessenem, eigenem Tempo zu leben.

Die Riten aller Religionen sind, wie auch die Regeln der Kultur, der Gesellschaft und des Individuums, abhängig von dem, was zwischen dem Gesagten und den Taten geschieht: von den Pausen. Ohne sie geraten wir in ein Leben ohne Punkt und Komma, also jene den Lese- und Redefluss sinnvoll unterbrechenden Satzzeichen, die nicht einfach nur da stehen, damit man ein wenig Atem holen kann, bevor man weitermacht.

Ohne Pausen kann man das, was vor und nach ihnen geschieht, nicht verstehen. Buñuels Priester ist zwar der schnellste, aber er zerstört das, was die Messe ausmacht: die Konzentration der Gläubigen auf den Gegenstand ihres Glaubens. Der Fachbegriff dafür lautet Kontemplation, ein Wort, über das sich die Anhänger der Turbokultur nur lustig machen können – die Kontemplativen sind für sie die Faulenzer, die Untüchtigen.

Nichts ist falscher als das: Denn das Wort bedeutet „geistige Betrachtung“. Kontemplative, Menschen, die sich konzentrieren und dafür ihrem Gehirn auch mal eine Pause zum Reflektieren gönnen, arbeiten mit ihrem Kopf, nicht, wie so viele andere, gegen ihn. Die Pause akzentuiert den Inhalt, sie schafft die Voraussetzung für den Sinn, das Verstehen, das Erkennen. Die Pause macht es möglich, das Ganze zu denken, weil es in Teilen verstanden wird, die unser Gehirn und unser Gemüt gleichermaßen verarbeiten können. Ohne Pause wird alles zur endlosen Wurst – und wir zu armen Würstchen.

Auch jeder Musiker weiß, dass nicht nur der Ton die Musik macht, sondern das, was dazwischenliegt, die Pausen, die Abstände, die den Rhythmus und damit das Verständnis von dem prägen, was wir hören – und verstehen. Die Musik braucht die Pause wie die Mathematik die Null. Dafür ist niemand so bekannt wie der amerikanische Komponist John Cage und sein famoses Stück 4‘33“, das im Jahr 1952 komponiert wurde – und aus einer Pause besteht, die wiederum durch das Schließen und Öffnen des Deckels einer Klaviatur gegliedert wird. Das ist natürlich ein Gassenhauer unter Pennälern geworden, denn, hahaha!, das soll Kunst sein? Na ja, ich jedenfalls höre nichts!

Doch auch wenn das viele nicht bgreifen: Es ist Kunst, und man hört etwas. Nämlich, was schon zum Zeitpunkt der Uraufführung von Cages Werk kaum noch vorstellbar war: viereinhalb Minuten lang nichts, nur Stille. Im Aktionismus des Industriekapitalismus ist John Cages kurzes Stück eine Bitte um Aufmerksamkeit und Ruhe – und gleichsam ein Sakrileg. Es gibt wahrscheinlich mehr Bildungsbürger, die lieber eine ganze Wagner-Oper durchschnarchen, als sich der Zumutung von weniger als fünf Minuten Ruhe auszusetzen. Die Kultur des Fleißes braucht den ununterbrochenen Trubel, die Pausenlosigkeit, sonst wirkt ihr fauler Zauber nicht. Das ist in den Jugendkulturen nicht anders als im Arbeitsleben. Der Lärm macht schwerhörig und taub. Das ist sein Zweck.

Das Wort Pause hat zwei Bedeutungen, die heute in scheinbarem Widerspruch zueinander stehen. Die eine ist Rast, die andere Stillstand. Eine Rast ist eine kurze Unterbrechung eines Prozesses, der danach umso besser weitergehen soll. Die Rast dient der Regeneration. Pausen in Schulen, Büros und Fabriken sind, ganz gleich, ob fünf Minuten oder als Ferien deklariert ein paar Wochen lang, stets nur Mittel zum Zweck. Das ist modern.

Stillstand wiederum ist ein Wort, mit dem die neue Zeit noch nie so recht konnte. Die Protestanten warfen den Katholiken vor, die Bürger dem Adel und die Sozialisten der Bourgeoisie, dass sie stillstünden. Stillstand erinnert uns ans Aufhören, ans Ende, an Untergang und Tod. Deshalb sind die Moderne, also die Industrie und die „protestantische Ethik“, der „Geist des Kapitalismus“, wie der Soziologe Max Weber es nannte, so untrennbar miteinander verbunden – wie übrigens auch alle bekannten und möglichen Gegenströmungen dazu. Pausenlosigkeit ist zum Ideal geworden. Man ist emsig und effizient, hat keine Zeit und hasst den Stillstand. Die Industrie – die Fleißwirtschaft – will rund um die Uhr laufen.

Nun ist es nicht so, dass uns das nichts gebracht hätte – im Gegenteil. Wir hätten ohne diesen Fleiß heute keine Möglichkeit, darüber nachzudenken, ob und wie wir eine Pause einlegen können. Wir hätten schlicht keine Zeit dafür, weil wir – jedenfalls die meisten von uns – rund um die Uhr mit der Sicherung unserer Existenz voll ausgelastet wären. Die Rastlosigkeit der Moderne hat das Wohlstands-Level gehoben. Man nennt eine Wirtschaft, die nicht wächst, auch stationär, aber sie macht eben keine Pause, sondern kommt nicht vom Fleck.

Der Stillstand ist der Albtraum des Industrialismus, aus gutem Grund. In der alten, von den Religionen geprägten Welt war das Jahr und damit auch die Wahrnehmung der meisten Menschen so klar gegliedert wie ihr ganzes Leben. Im Großen und Ganzen gab es das mühselige Diesseits und die Hoffnung auf ein endloses Jenseits, ein Paradies, in dem niemand mehr leiden und schuften musste. Dort lebte man ewig jung und in körperlicher Frische. Das Paradies war keine Pause, es war ewiger Stillstand. Fast alle Religionen haben derlei zum Ziel und die ihnen folgenden Ideologien ebenfalls. Das große Versprechen lautet: Die ganze Plage im Diesseits ist nur irdischer Tand, während das Happy End keine Hast mehr kennt.

Mit Menschen, die auf so etwas getrimmt sind, kann man einiges machen, nur eben keine effiziente Produktion hochziehen. Für die braucht man ein Weltbild, in dem der Lohn im Jenseits im Hier und Jetzt verdient werden muss, durch gute Taten, sprich: harte Arbeit, Fleiß und Rastlosigkeit. Dafür braucht man eine andere Taktung.

Im Mittelalter kannte man noch bis zu 80 Feiertage im Jahr. Gearbeitet, so hat es der österreichische Sozialhistoriker Thomas Ertl einmal festgestellt, wurde damals aber sicher nicht weniger, 2000 Stunden pro Jahr – eine Arbeitsmenge, die – so Ertl im »Deutschlandfunk«, heute in Deutschland gerade mal von Selbstständigen erreicht wird, während Angestellte und Arbeiter, mit rund 350 Arbeitsstunden weniger pro Jahr ihr Auskommen finden, mehr als zwei Arbeitsmonate weniger also.

Natürlich ist die Arbeit, die unsere Vorfahren einst leisteten, nicht mit dem vergleichbar, was wir heute tun, weder für Angestellte noch für Freiberufler. Das Wort Knechtschaft beschreibt das Normalarbeitsverhältnis der Feudalgesellschaft. Aber es gab Rast und Stillstand nebeneinander. Wenn Arbeit aber zum Lebenszweck wird, sind die Pausen kein Grund zum Feiern, sondern schiere Notwendigkeit. Man rastet, damit man nicht rostet, also zerfällt und zusammenbricht.

Doch inzwischen laufen Maschinen und automatisierte Prozesse ohne unser Zutun, sie nehmen uns die schwere Routinearbeit seit der Industrialisierung mehr und mehr ab. Man könnte meinen, dass wir bald nur noch einige Spezialisten brauchen, die den Laden in Schuss halten – der Rest kann Urlaub machen, Dauerpause, die man mit Tätigkeiten nach Lust und Laune ausfüllen kann. Schließlich sorgen zunehmend Maschinen und Algorithmen für unser Einkommen.

Die künstliche Intelligenz und die Digitalisierung setzen fort, was mit dem Alten Testament begann: „Der Mensch denkt, Gott lenkt“ – das hat sich, vor dem Hintergrund allgegenwärtiger informatischer Systeme, in ein „Die Maschine denkt, der Mensch lenkt“ verwandelt. Wenn also alle Arbeit, jedenfalls die, die sich automatisieren lässt, von Maschinen und Systemen erledigt würde, bliebe trotzdem noch das Primat der menschlichen Entscheidung. Klingt gut!

Aber die Frage ist: Läuft es auch so? Etwas Abstand von der grenzenlosen Fortschrittseuphorie ist durchaus geboten. Denn bei vielen kann weder vom Denken noch vom Lenken die Rede sein. Wo aber keine Freude an der Selbstbestimmung herrscht, an der eigenen Entscheidung, auch der, weiterzumachen oder nicht, führt selbst die Aussicht auf ein Schlaraffenland zu Bauchschmerzen.

Viele aber gönnen sich keine Atempause, weil ihnen die Rennerei unangenehmes Nachdenken erspart. Die protestantische Ethik erfordert Eifer und Fleiß, und wer sich bewegt, muss sich nicht entscheiden. Das ist praktisch. Und es ging lange gut. Aber genau das steht jetzt zur Disposition, verstärkt durch die Corona-Krise, aber keineswegs von ihr ausgelöst. Automaten und Maschinen gibt es, weil sie menschliche Arbeitskraft ersetzen, und zwar pausenlos. Sie laufen 24 Stunden und sieben Tage die Woche. Nur ihre Betreiber brauchen den Schichtbetrieb, jedenfalls so lange, wie man Menschen in den Fabriken überhaupt noch nötig hat. Die brauchen, weil biologische Mängelwesen, auch ein bisschen Erholung. Wer den Stillstand verhindern will, muss auf menschliche Bedürfnisse wie Erholung und Schlaf oder Ereignisse wie Krankheiten Rücksicht nehmen, die alle Pausen erzwingen.

Das galt selbst für Sklavenhalter, die darauf bauten, dass eine Arbeitskraft so gut ist wie die andere und damit leicht ersetzbar. Im Industrialismus aber wurden für die Bedienung von Systemen und Maschinen immer mehr Fachkundige verlangt, denen man Pausen gewähren musste, um nicht selbst Schaden zu nehmen. Dieses Motiv ist für die Sozialgesetzgebung mindestens so bedeutungsvoll wie die Bemühungen der Arbeiterbewegung. Und im „War for Talents“ ist die Pause, das Sabbatical, für gut ausgebildete Fachkräfte schon eingepreist.

Das ist natürlich alles viel netter als noch zu Zeiten des Taylorismus, wo man recht offen über die Notwendigkeit redete, dass das menschliche Material lange halten müsse. Doch auch die sich selbst in verblüffender Offenheit Human-Resources-Abteilungen nennenden Personaler wissen: Ohne Pause läuft nichts. Zeitforscher Karlheinz Geißler berichtet von einem Versuch in den USA aus dem Jahr 1914, die Pausen von Fabrikarbeitern drastisch zu reduzieren, um die Produktivität zu steigern. „Das ging gründlich daneben“, sagt er, „man stellte fest, dass der Ausschuss durch weniger konzentriertes Arbeiten dramatisch anstieg, Fehler zur Regel wurden und die ganze Sache mehr Verlust brachte als die alte Zeitorganisation.“ Weniger Pause, weniger Gewinn.

Aber sie blieb, was sie im Industrialismus immer war, das Mittel zum Zweck. Nie diente sie der Kontemplation, der Besinnung der Arbeitenden, dem Ziel, Abstand zu gewinnen von dem, was sie täglich taten. Die Pause sollte nur ablenken, erholen für den neuen Anlauf. Ein bisschen Fronturlaub von der Fremdbestimmung also. Und dann wieder ab ans Fließband, dem Schützengraben der Produktivität.

Derlei ist keine Übertreibung. In den Kriegen und Kriegsvorbereitungen des 20. Jahrhunderts spielte die Pause eine wichtige Rolle. Totalitäre Regime kümmerten sich auch um die Freizeitgestaltung ihrer Untertanen, in Deutschland die Nationalsozialisten und in der Sowjetunion die Stalinisten. Kaum irgendwo wird der Sinn der Pause so klar wie in dem sprechenden Namen „Kraft durch Freude“, der zentralen Freizeitorganisation des Dritten Reiches. Durch Ferien, Pausen und Reisen sollten Gemüt und Körper auf die künftigen Belastungen in der Produktion und letztlich im Krieg vorbereitet werden. Bei den Nazis gab es in den schlimmsten Kriegsjahren einen regelrechten Pausenkult – da schunkelten verstümmelte Invaliden im Dreivierteltakt im Wunschkonzert der Fronturlauber zu Zarah Leanders „Davon geht die Welt nicht unter“, ein Wunsch, dem sich die Welt verschloss.

Zwischen den Illusionen, die man sich machte, wurde unermüdlich gekämpft, nicht nur aus Überzeugung, auch die forschende Pharmaindustrie half.

Der Chemiker Fritz Hauschild entwickelte in den Dreißigerjahren „Pervitin“, ein Methamphetamin, das der heutigen Modedroge Chrystal Meth entspricht. Damit wurden junge Soldaten seit dem Polenfeldzug versorgt, Panzerschokolade nannte man das Zeug. Entwickelt wurde Pervitin, wie der Militär-Historiker und Regisseur Gorch Pieken herausgefunden hat, nicht für die Wehrmacht, sondern fürs Management. Die leitenden Angestellten maßen ihre eigene Bedeutung nicht mit unmännlichen intellektuellen Fähigkeiten, sondern mit robuster körperlicher Leistungsfähigkeit: Munter und kräftig, frisch und fröhlich sollte man ans Werk gehen, pausenlos, wie es auch die Maschinen und Fabriken taten, die man beaufsichtigte.

Pause ist Schwäche. Stillstand wird nicht geduldet. Diese Generation der Industriemanager brüstete sich damit, möglichst wenig zu schlafen, höchstens vier Stunden, wie Napoleon, so lautete eine gängige Prahlerei aus dem Milieu.

Heute trägt man den Aktionismus der Organisation noch sichtbarer nach außen. Am Wochenende läuft man Marathon oder segelt und radelt durch die Weltgeschichte. Hauptsache, es scheppert auch dort, wo sonst Ruhe und Frieden herrschen könnte. Die gute, alte Mittagspause, die einst dazu diente, zu essen und zu trinken und vielleicht mit den Kollegen noch ein wenig über den Chef oder andere herzuziehen, ist ein Auslaufmodell – man geht mit Geschäftspartnern oder Mitarbeitern zum Lunch, um statt Pause Personalfragen und all die Nebensachen zu besprechen, zu denen man sonst keine Zeit hat. Für den Zeitforscher Geißler macht das deutlich, dass die Pause eben nur ein Lückenfüller ist, in den man reinpackt, was sonst nicht so wichtig ist – Mitarbeiter und das eigene Leben.

Gewiss: Schon vor Jahrzehnten flüchteten die Leute vorm Hamsterrad der fremdbestimmten Arbeit ins Wochenende, immer mit ein wenig Angst vor dem Montag im Kopf. „Dann sind die Leute von der Stadt in die Natur gefahren, um sich selbst zu begegnen – und damit natürlich gescheitert, weil alle anderen am Wochenende genau das Gleiche gemacht haben“, sagt Geißler. Solche Dramen wiederholen sich auf Autobahnen und Flugplätzen und in Urlaubsorten auf der ganzen Welt. Immer entlegener werden die Orte, an denen die, die es sich leisten können, versuchen, dem Trott zu entgehen. Diese Art der Pause aber kann, wenn das klappt, durchaus zerstörerische Wirkung für alte, schlechte Angewohnheiten entfalten: Die Geschichten von Leuten, die in Ruhe über das nachdenken, was sie machen, nehmen zu. Damit steigt die Chance, dass Leute außer Atem wieder zu sich und damit zur Vernunft kommen.

Das gelingt nicht nur mit Aus- und Ruhezeiten. Es gibt auch gute und schlechte Überraschungen, die die gewohnte Routine aufbrechen und als das entlarven, was sie ist: ein schlecht gewobenes Sicherheitsnetz, das nicht hält, was es verspricht.

Solche Überraschungen können uns helfen, klarer zu sehen. Und damit sind nicht die Zwangspausen gemeint, die man in der Corona-Zeit machen muss, wenngleich auch sie gelegentlich klarmachen, was nötig ist und was nicht. Denn wer nicht gelernt hat, selbst Grenzen zu setzen und selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten, der gerät in Ausnahmezeiten leicht unter die Räder. Zu viele wollen zu viel – Kinder, Partner, Kollegen, Chefs – und wer im euphemistisch Home Office genannten Quarantäneort hat schon gelernt, seine Verfügbarkeit, zumal in so schwierigen Zeiten, zu begrenzen?

Zur selbstbestimmten Arbeit aber gehört, selbst die Grenzen des Machbaren einzuschätzen, nicht aufs Pausenzeichen und das Klingeln der Büroglocke zu hören, sondern sich die Zeit selbst einzuteilen. Selbstorganisiert ist das Gegenteil von verfügbar. In immer mehr Berufen spielt Präsenzpflicht keine Rolle mehr. Aber die sozialen und kulturellen Techniken zur individuellen Arbeitsorganisation sind ungeübt, lästig, anstrengend. Bequemer ist es, wenn andere uns sagen, wie unser Leben laufen soll.

Geißler erzählt gern die Geschichte jener Menschen, die nach langer Schichtarbeit die Chance bekamen, in flexibler Gleitzeit zu arbeiten. Die Freude habe sich in Grenzen gehalten, die neue Selbstbestimmung ihrer Arbeitszeit galt als Zumutung. „Die kaufen sich lieber einen Wecker und stehen um halb fünf auf, statt ihren Tag selbst einzuteilen.“

Es werde eben auch nirgendwo gelehrt, was wir brauchen, sagt Geißler: „Unseren eigenen Rhythmus, nicht den, den andere und anderes uns auferlegen. Wir brauchen unsere eigene Tätigkeit, unsere eigene Pause, weil jeder von uns eine eigene Biologie hat. Es ist eigentlich gar nicht so schwierig.“

Und ganz gewiss keine umstürzlerische Idee. Denn es geht nicht um „radikale Freiheit“, wie er es sagt, sondern um „Freiheit innerhalb meiner Individualität“, darum, „sich selbst zu spüren“. Dabei lernt man, dass Pausen nicht dazu da sind, um einfach weiterzumachen, sondern dass sie zu Wendepunkten werden können, zu Aufbrüchen. Und dazu, dass man das, was vorher geschah und danach werden kann, begreift.

Wer das wirklich verstanden hat, wüsste zudem, dass man nicht lange damit wartet, sich zu besinnen, um kontemplativ zu sein, konzentriert. Der Wissensarbeiter, sagt Karlheinz Geißler „macht Pause, bevor er sie nötig hat“.

Punkt. ---

Aus der Ausgabe

Die Arbeit kennt keinen Feierabend mehr, die Pause ist nur noch Lückenfüller und Freizeit schon lange nicht mehr freie Zeit, sondern die Aufforderung, etwas für sich, die Familie, die Freunde zu tun. Die Pause ist unerträglich, wenn sie keinen Anfang und kein Ende hat. Sie ist unnütz, wenn wir sie hastig füllen. Und sie kann der Anfang von etwas Neuem sein.

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