Das geht

Summender Lieferservice

Bienen und Hummeln sind bekannt als Nektarsammler und Bestäuber. Eine kanadische Firma nutzt sie nun auch als Boten: Die Insekten bringen Mittel zum Pflanzenschutz auf Blüten aus.





• Das Wetter ist schön, die Erdbeeren blühen, die Hummeln summen. Fliegen von Blüte zu Blüte, sammeln Nektar und Pollen, bestäuben, was ihnen unter den Pelz kommt. Hier wäre die Geschichte eigentlich zu Ende. Doch die Fluginsekten im Dienste der kanadischen Firma BVT (Bee Vectoring Technologies) werden nicht in erster Linie für Bestäubung gebucht. Ihr Job ist auch nicht das Sammeln. Sie sind Spediteure. Beim Ausfliegen aus ihrer Behausung werden sie mit einem nützlichen Pilz bepudert und transportieren ihn dorthin, wo er seine Wirkung entfalten kann: auf die Blüten.

Christoph Lehnen ist Senior Technical Manager für Europa bei BVT. Anfang Mai ist der Agronom zu Besuch bei einem seiner Versuchspartner, der Firma Räss Wildbeeren in Benken im schweizerischen Kanton St. Gallen. Im VideoTelefonat richtet er sein Smartphone auf vier mannshohe Folientunnel, darunter je drei Reihen Erdbeerpflanzen. In einem der Tunnel fliegen dicke Hummeln um eine braune Pappschachtel herum. Bombus terrestris, die dunkle Erdhummel, ist für kommerzielle Bestäubungsdienste die erste Wahl.

„In den vergangenen Wochen war es trocken, da hatte Botrytis kaum eine Chance“, sagt Lehnen. „Dann wurde das Wetter feuchter.“ Er hält inne und führt das Handy nah an eine Pflanze: dunkle Flecken auf grünem Blatt – Botrytis cinerea, die Graufäule. „In ein paar Tagen werden wir Unterschiede zwischen den Versuchen sehen.“ Im unbehandelten Tunnel breitet sich die Graufäule aus. Über die Blüten wandert der Pilz in die Fruchtknoten und lässt die Beeren faulen. Pilze der Gattung Botrytis bescheren Obst- und Gemüsebauern Jahr für Jahr Verluste durch Ernteausfälle in Höhe von 10 bis zu 100 Milliarden US-Dollar weltweit. In den anderen Tunneln wird dem Pilz Einhalt geboten: durch biologische Fungizide, die auf die Pflanzen gespritzt werden, mittels der Transporthummeln und mit einer Kombination beider Methoden.


Die Insekten sind weit effizienter als herkömmliche Mittel.


Christoph Lehnen, Senior Technical Manager für Europa bei BVT


Die Plastikschalen, die das patentierte Pflanzenschutzpulver enthalten, sind austauschbar

Verlässt eine Hummel ihr Nest, führt ihr Weg durch eine Plastikschale im Deckel der Box, BVT nennt sie den Vektorpak. Dort kommt das Insekt in Kontakt mit dem sogenannten Vektorit. Das patentierte Pulver enthält Kalziumsilikat, Maisstärke, Trocknungsmittel und CR7, das ist ein spezieller Stamm des Pilzes Clonostachys rosea.

Clonostachys rosea kommt weltweit vor, er besiedelt Pflanzen und lebt in ihrem Inneren. Doch er schadet ihnen nicht. Im Gegenteil: Macht er sich in einer Pflanze breit, hält er andere Untermieter fern – unter anderem Botrytis. Beim Schutz von Nutzpflanzen seien Stämme von Clonostachys „für gute Aktivitäten als biologische Antagonisten bekannt“, sagt Ralf Vögele, Professor für Phytopathologie an der Universität Hohenheim.

Seit Jahrzehnten wird mit Insekten experimentiert, die nützliche Stoffe verteilen. Neu sind die Boxen. Die Vektorpaks lassen sich komplett tauschen, wenn das Pulver nach zwei bis fünf Tagen aufgebraucht ist. „Wir wollen dem Landwirt das Leben leicht machen“, sagt Ashish Malik, der Vorstandsvorsitzende von BVT.

Das Prinzip, auf das die Firma setzt, funktioniere bei allen Pflanzen, die blühen und von Insekten bestäubt werden, sagt Christoph Lehnen. Nicht nur bei Erdbeeren wird es angewendet, es laufen auch Versuche mit Heidelbeeren, Himbeeren oder Brombeeren, mit Tomaten, Äpfeln oder Sonnenblumen. Während in Gewächshäusern oder unter Folien Hummeln zum Einsatz kommen, setzt BVT im Freien Honigbienen ein, zum Beispiel auf Rapsfeldern. Neben CR7 ist auch andere Fracht denkbar: Pilze der Gattung Beauveria etwa, die schädlichen Insekten wie dem kalifornischen Blütenthrips zusetzen, oder das Antibiotikum Streptomycin, das Obstbauern gegen Feuerbrand einsetzen. Ein großer Vorteil der Insektenboten ist ihre Effizienz: Um dieselbe Fläche zu behandeln, verbrauchen sie „20- bis 40-mal weniger Wirkstoff als beim herkömmlichen Spritzen“, sagt Lehnen.

Im August 2019 erhielt BVT von der US-amerikanischen Um- weltschutzbehörde EPA die erste Zulassung für CR7 – rechtzeitig für die Erdbeersaison in Florida, die im Oktober beginnt. Seit Februar sind Hummeln auch auf Heidelbeerfeldern in Georgia kommerziell im Einsatz. Die meisten Kunden sind Bauern, aber BVT hat auch die vielen Bestäubungsimker im Visier, die mit Hummel- oder Bienenvölkern von Farm zu Farm ziehen. Sie könnten die Botendienste als Bonusleistung anbieten. Vom Preis her ist das Bienensystem laut Malik vergleichbar mit herkömmlichen Fungizidbehandlungen.

Bereits in den Siebzigerjahren forschte der Biologe John Sutton an der kanadischen University of Guelph an Clonostachys rosea. In den Neunzigern beschäftigte er sich mit Bienen als Pilzverteiler. Doch erst der Unternehmer Michael Collinson brachte Schwung in die Sache, indem er 2012 mit Sutton und zwei Forscherkollegen BVT gründete. 2015 ging das Unternehmen an die Börse, heute beläuft sich das Gesamtvermögen auf rund zwei Millionen Euro, und in den sechs Wintermonaten Ende 2019 und Anfang 2020 setzte die Firma fast 174.000 Euro um.

Bis die Einnahmen mit den Investitionen mithalten, dürften noch ein paar Jahre vergehen. Die Strategie der Firma und ihrer neun Mitarbeiter ist zunächst, viele Pflanzen an verschiedenen Orten zu erproben – und weitere Zulassungen zu erhalten. Erst dann will Malik ernsthaft in den Vertrieb einsteigen, mit etablierten Agrarunternehmen als Partner. In der Schweiz hat BVT bereits einen Antrag auf Zulassung eingereicht, in Mexiko, Kanada, Marokko und der Türkei soll es dieses Jahr so weit sein.

Nur die Europäische Union bereitet den Unternehmern Sorge: „Es ist teuer, hier eine Zulassung für ein Pflanzenschutzmittel zu erhalten“, sagt Christoph Lehnen. „Und es dauert lange.“ Mit zwei bis fünf Jahren sei zu rechnen. ---