Spießer! Faulenzer!

Was ist dran an den Klischees über Jung und Alt?





 Stimmt es eigentlich, dass … 

 … junge Menschen die digitale Welt beherrschen? 

Die Mächtigsten in der digitalen Welt sind Männer mittleren Alters. Sieht man einmal von Mark Zuckerberg ab, haben die Chefs der größten Digitalunternehmen das Topmanager-Durchschnittsalter: Es liegt bei 56 Jahren.

Etwas jünger sind die Gründer von Tech- und Software-Start-ups. Sie sind im Durchschnitt Anfang 40, hat eine Studie des Massachusetts Institute of Technology ergeben. Aber auch wenn sie sich gern als die jungen Digitalen sehen, die die Etablierten das Fürchten lehren – ihre größten Erfolge erzielen sie erst später. So war Steve Jobs bereits 52 Jahre alt, als er eines seiner erfolgreichsten Produkte vorstellte: das iPhone. Auch Jeff Bezos gelang es erst mit Mitte 40, Amazon stark wachsen zu lassen – und die etablierten Konkurrenten in Angst und Schrecken zu versetzen.

 

Unternehmen

Chief Executive Officer

Alter

1

Apple

Tim Cook

59

2

Microsoft

Satya Nadella

52

3

Samsung Electronics

Ki-Nam Kim

62

   

Hyun-Suk Kim

59

   

Dong-Jin Koh

59

4

Alphabet

Sundar Pichai

48

5

AT&T

John Stankey

57

6

Amazon

Jeff Bezos

56

7

Verizon

Hans Vestberg

55

8

China Mobile

Yang Jie (Executive Director)

58

9

Walt Disney

Bob Chapek

60

10

Facebook

Mark Zuckerberg

36

Quelle: Ranking größte Digital-Unternehmen (Technologie-, Medien-, E-Commerce- und Telekommunikationsunternehmen) nach Forbes-Liste 2020

 … die Jungen das mit der Digitalisierung besser drauf haben? 

Auch wenn Teenager privat ständig digitale Medien nutzen, wissen sie über den reinen Konsum hinaus oft wenig mit den Möglichkeiten des Internets anzufangen. Laut einer Bitkom-Studie haben drei Viertel der Jugendlichen von zehn Jahren an ein eigenes Smartphone und nutzen dieses jeden Tag. Ähnliches gilt für Tablet-Computer. Spätestens mit zwölf Jahren sind fast alle Jugendlichen (97 Prozent) regelmäßig online. Allerdings ist weniger als ein Viertel der in einer internationalen Vergleichsstudie befragten deutschen Achtklässler und Achtklässlerinnen (also der 12- bis 15-Jährigen) in der Lage, mit einem Computer eigenständig Informationen zu suchen und sie korrekt einzuordnen. Und nur knapp zwei Prozent der Jugendlichen verstehen in Grund-zügen, wie Software und Computer funktionieren und können digitale Inhalte und Anwendungen nicht nur konsumieren, sondern auch eigenständig gestalten und erstellen.

Anteil der Achtklässler, die eine hohe Digitalkompetenz zeigen (Technikverständnis, eigenständig Informationen suchen und einordnen, digitale Dokumente und Anwendungen erstellen), in Prozent 

1,9

Anteil der Achtklässler, die Anleitung und Hilfe benötigen, um in der digitalen Welt zurechtzukommen, in Prozent

42,9

Anteil der Achtklässler, die lediglich über rudimentärste Digitalkompetenz verfügen (E-Mails öffnen, Links anklicken, ein Wort in einen Text einfügen), in Prozent

33,2

Quelle: Studie ICILS 2018, internationale Vergleichsstudie der Digitalkompetenzen von Achtklässlern weltweit, veröffentlicht im November 2019

Die 14- bis 29-Jährigen schätzen ihre Kompetenz bei der Nutzung digitaler Technik am höchsten ein:


Grafik: D21-Digital-Index 2019 / 2020, eine Studie der Initiative D21, durchgeführt von Kantar, Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz

Die digitale Technik entwickelt sich rasant weiter. Um sie stets kompetent nutzen zu können, müssen alle Generationen bereit sein, das Neue zu erlernen. Wie offen Menschen dafür sind, hängt Studien zufolge auch davon ab, wie lange sie noch arbeiten müssen. Ältere Mitarbeiter eignen sich gern digitale Grundkenntnisse an – sehen aber nur selten einen Nutzen in Spezialkenntnissen.

Anteil der Lernwilligen in der Altersgruppe: 65 und älter, 55 bis 64, 45 bis 54, 35 bis 44, 18 bis 34

Lernbereitschaft für digitale Grundkenntnisse (Internetrecherche, Umgang mit digitalen Anwendungen), in Prozent

                                                                 

66

                                                                                     

85

                                                                                    

84

                                                                              

78

                                                            

60

Lernbereitschaft für digitale Spezialkenntnisse (Programmieren, maschinelles Lernen, Suchmaschinenoptimierung), in Prozent

               

15

                                  

34

                               

31

                               

31

                                                 

49

Quelle: Repräsentative Befragung im Auftrag des Stifterverbandes mit dem Infas Institut 2020

 … die Alten die Karrieren der Jungen behindern? 

Ältere Menschen arbeiten tatsächlich immer länger. Denn: Später in den Ruhestand zu gehen wird politisch gefördert und ist angesichts der demografischen Entwicklung auch notwendig, um die Renten für immer mehr ältere Menschen zu finanzieren. Diese Entwicklung gibt es aber vor allem bei Menschen mit hohem Bildungsniveau: In der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen arbeiten Hochqualifizierte deutlich häufiger (Erwerbstätigenquote von 72 Prozent) als Geringqualifizierte (47 Prozent). Letztere fangen zum einen meist früher an zu arbeiten und sind zum anderem häufiger in körperlich fordernden Berufen tätig, die sich nicht unendlich lange ausüben lassen.

Jutta Boenig ist Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. Sie arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Coach und ist eine sogenannte Outplacement-Expertin. Das heißt: Unternehmen rufen sie zur Hilfe, wenn sie erfahrenen Führungskräften kündigen wollen. Boenig und ihr Team sollen den Gekündigten dann helfen, anderswo – innerhalb oder außerhalb der Firma – eine andere Arbeitsstelle zu finden oder einen neuen Weg einzuschlagen.

Jutta Boenig sagt: „Ich beobachte in meiner Beratungsarbeit, dass es stärker als früher einen Generationenkonflikt in den Unternehmen gibt. Die Älteren sind – Stichwort Digitalisierung, Großraumbüros und agiles Arbeiten – mit Dingen konfrontiert, mit denen sie nicht groß geworden sind. Sie müssen irgendwie die letzten Jahre bis zur Rente durchhalten und länger arbeiten als frühere Generationen. Viele können oder wollen aber nicht von heute auf morgen ihre Arbeitsweise der vergangenen 30 Jahre verändern.

Die junge Generation wiederum gestaltet die neue Arbeitswelt aktiv mit, will die Veränderungen vorantreiben – und ist frustriert, wenn die Älteren nicht mitziehen. Dadurch entsteht eine eigenartige Dynamik: Die Jungen kommen in der Hierarchie nicht wirklich weiter, übernehmen aber trotzdem viele Aufgaben der Alten, weil diese die neue Arbeitswelt nicht verstehen.

Und die Alten finden das oft ganz okay, denn sie möchten ja so weitermachen wie vorher und ihre Posten behalten. Irgendwann führt das aber zu Frust und Konflikten.“

Prozentualer Anteil der Erwerbstätigen,

im Alter

2008

2018

von 55 bis 59 Jahre 

 69,9 

 81,8 

von 60 bis 64 Jahren 

 38,4 

 61,8 

von 65 bis 69 Jahren 

 8,1 

 17,9 

Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus

 … die Jungen sich nicht für die Gesellschaft interessieren? 

Der Sozialwissenschaftler und Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, selbst 76, führt regelmäßig deutschlandweite und international vergleichende Studien zu Einstellungen, Wertorientierungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen durch.

Er sagt: „Es kommt ganz darauf an, wen man vor sich hat. Es gibt im Wesentlichen zwei Gruppen. Am einen Ende stehen etwa 30 Prozent der jüngeren Generation, die politisch ungewöhnlich aktiv sind. Sie setzen sich sehr stark für die Gesellschaft und deren Fortbestand ein. Sie selbst sind im sozialen Gefüge fest verankert, haben meist gute Noten in der Schule und können sich auch mal einen Schulstreik leisten.

Am anderen Ende steht eine Gruppe von weniger gut situierten jungen Menschen. Sie haben keine gute Bildung, finden nur schwer gesellschaftlichen Anschluss. Diese jungen Leute interessieren sich eigentlich nur für ihre eigene Zukunft. Da besteht kein Interesse an der Weiterentwicklung der Gesellschaft, sondern – wie immer, wenn jemand in einer Notlage ist – vor allem ein Interesse daran, dass man nicht im Stich gelassen wird. Dazwischen gibt es natürlich auch Unentschiedene, Opportunisten. Aber alles in allem lässt sich festhalten: Der Mensch, und damit auch die junge Generation, kann sich das Engagement für das Gemeinwohl nur dann leisten, wenn es ihm selbst nicht an den Kragen geht.“

Prozentualer Anteil derjenigen, die sich nach eigenen Angaben freiwillig sozial oder politisch engagieren, im Alter

von 14 bis 29 Jahren

47

von 30 bis 49 Jahren

47

von 50 bis 64 Jahren

46

von 65 Jahren und älter

34

Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Zusammenfassung des alle fünf Jahre durchgeführten repräsentativen Freiwilligensurvey (Stand 2014)

 … ältere Arbeitnehmer zu teuer und weniger produktiv sind als jüngere? 

Mit diesen Fragen kennt sich Lutz Bellmann, 64, aus. Er forscht am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung unter anderem zur Beschäftigung älterer Arbeitnehmer.

Lutz Bellmann: Teuer stimmt zum Teil schon. Das ist ja eine Art Generationenvertrag, auf den man sich einlässt, wenn man in einem hierarchisch oder bürokratisch organisierten Unternehmen anfängt.

Wie meinen Sie das?

Die klassische Lohnstrategie sieht so aus: Die Jungen werden tendenziell eher niedrig bezahlt für ihre Leistung. Sie wissen aber, dass ihr Lohn mit der Zeit steigen wird und es dann irgendwann umgekehrt sein kann: relativ zu ihrer Produktivität bekommen sie dann ein sehr ordentliches Gehalt. Dies soll dafür sorgen, dass junge Mitarbeiter motiviert auf eine dieser attraktiven Senior-Stellen hinarbeiten. Zugespitzt gesagt: Man enthält den Jüngeren quasi einen Teil ihrer Entlohnung in den ersten Jahren vor und zahlt diesen später aus.

Die älteren Mitarbeiter dürfen es also guten Gewissens ruhiger angehen lassen, obwohl sie viel mehr verdienen?

Ich würde nicht sagen, dass ältere Mitarbeiter in dieser Phase weniger leisten. Sie übernehmen aber andere Arten von Aufgaben, für die sie durch das über die Zeit erworbene Erfahrungswissen prädestiniert sind: koordinierende und strategische Aufgaben zum Beispiel, Personalführung. Oft kann man ihre Leistung nicht mehr so leicht messen wie bei den Jüngeren, aber deshalb sind sie nicht weniger wichtig für das Unternehmen. Sie erhöhen das Teamergebnis, die Gesamtleistung – auch wenn es aus Sicht der Jüngeren manchmal so aussieht, als würden die Alten weniger tun als sie selbst.

Für die jüngeren Mitarbeiter ist das trotzdem frustrierend – vor allem wenn sie sehr lange auf eine Senior-Position warten müssen.

Deshalb gibt es ja mehrere Aufstiegsstufen – und die obersten Positionen werden oft mit Menschen besetzt, die schon recht kurz vor der Rente stehen. Dann können sie die attraktiven Stellen nicht mehr allzu lange besetzen, und es bleibt Bewegung im System.

Und wenn die junge Generation da nicht mehr mitspielt? Durch den Fachkräftemangel sind die Jungen begehrt,

viele können sich ihre Arbeitgeber aussuchen.

Es verändert sich in der Tat etwas, viele junge Menschen sind wählerischer geworden und weniger loyal zu einzelnen Arbeitgebern. Aber noch ist das keine breite Bewegung, in vielen Branchen und Betrieben läuft alles noch recht traditionell. Es ist ja nicht jede und jeder eine heiß begehrte Fachkraft. Und längst nicht alle jungen Leute sind Zugvögel, die ständig weiterziehen wollen.

Zurzeit sind die Unternehmen vor allem mit den Auswirkungen der Corona-Krise beschäftigt. Wenn Leute entlassen werden müssen, werden das wohl eher die teuren Alten sein. Aber es gibt aktuell auch weniger Einstiegsstellen für die Jungen. In dieser Situation profitieren diejenigen, die von Alter und Berufserfahrung her grade mittendrin sind.

 … die Alten den Planeten ruinieren? 

Forscher und Forscherinnen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung kommen zu dem Schluss, dass der CO2-Ausstoß bis zum Alter von etwa Mitte 60 kontinuierlich steigt. Denn: Am meisten Kohlenstoffdioxid verursacht, wer viele Energie- und damit CO2-intensive Produkte und Dienstleistungen kauft und in Anspruch nimmt. Also viel Strom verbraucht, Auto fährt oder fliegt. Mit zunehmendem Alter wächst meist das Einkommen und damit auch der Konsum und die Emissionen. Erst im Rentenalter sinken die Pro-Kopf-Emissionen wieder, weil ältere Menschen oft weniger konsumieren, kleinere Wohnungen haben, weniger Auto fahren und reisen.

CO2-Ausstoß in Tonnen, pro Kopf und Jahr, eines

Kindes 

 2 

Teenagers 

 4 

30-Jährigen 

 10 

50-Jährigen 

 14 

65-Jährigen

 15 

80-Jährigen

 13 

Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung, CO2-Emissionen und demografische Entwicklung, Datengrundlage aus den USA

Pauline Brünger ist bei Fridays for Future für die Koordination der Social-Media-Kommunikation und für die Kampagnenarbeit verantwortlich. Sie ist 18 Jahre alt und hat gerade Abitur gemacht.

„Man muss schon deutlich sagen, dass die älteren Generationen einen Großteil des insgesamt zur Verfügung stehenden CO2-Budgets bereits verbraucht haben. Daraus entsteht eine besondere Verantwortung für sie, jetzt zu handeln. Auch aktuell sind es die Älteren, die in Wirtschaft und Politik entscheiden, wie wir das verbliebene CO2-Budget nutzen. Wir als junge Generation müssen Druck auf die Entscheider machen, und da sind wir politischer und aktiver als diejenigen vor uns.

Das zentrale Gerechtigkeitsproblem besteht nicht zwischen Generationen, sondern zwischen Industrieländern und globalem Süden. Ob jung oder alt, Menschen in den Industrieländern sind Hauptverursacher der Emissionen. Deshalb bringt es nichts, aus dem Klima- einen Generationenstreit zu machen. Wichtig ist, jetzt gemeinsam die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Damit die Erde sich nicht um mehr als 1,5 Grad Celsius erwärmt, darf ein über die Generationen kumuliertes Gesamt-CO2-Budget nicht überschritten werden. Da ein Großteil dessen bereits verbraucht wurde, müssten die jüngeren Generationen demnach ihre CO2-Emissionen jetzt deutlich reduzieren.

Emissionsbudget eines Lebens, das die einen schon verbraucht haben und das den Jüngeren bleibt, in Tonnen CO2 für …

… einen Menschen aus der Generation Babyboomer (1950 in Deutschland geboren)

952

… einen Menschen aus der Generation Y („Millennials“, 1981 in Deutschland geboren)

612

… ein 2017 in Deutschland geborenes Kind

103

Quelle: CO2-Budget-Rechner der Klimaanalyse-Plattform CarbonBrief

 … die junge Generation kein Durchhaltevermögen mehr hat? 

Umfragen zeigen, dass jüngere Angestellte häufig frustriert von ihrer Arbeitsumgebung sind, sich ihren Arbeitgebern nicht stark verbunden fühlen und ihre Jobs schneller wieder aufgeben als junge Menschen in früheren Zeiten. Die Unternehmensberatung Deloitte befragt jährlich Millennials weltweit: In den vergangenen Jahren sagte fast die Hälfte der derzeit 24- bis 39-Jährigen, dass sie in den nächsten zwei Jahren gern ihren Arbeitgeber wechseln würde. 2020 überstieg die Zahl der Befragten, die mindestens die nächsten fünf Jahren bleiben wollen, erstmals die Zahl derer, die in den nächsten zwei Jahren kündigen möchten.

Die Verantwortlichen der Studie vermuten zwei Gründe dafür: Zum einen könnte es daran liegen, dass die Unternehmen stärker versuchen, auf die Bedürfnisse jüngerer Mitarbeiter einzugehen. Außerdem ist denkbar, dass den Beschäftigten ein sicherer Arbeitsplatz wichtiger geworden ist. Schon vor Corona.

Anteil der Millennials, die in den nächsten zwei Jahren gern den Arbeitgeber wechseln würden, in Prozent

 2018 

 43 

 2019 

 85 

 2020 

 31 

Quelle: Deloitte Global Millennial Survey 2020

Gründe für den angestrebten Jobwechsel, in Prozent

Unzufriedenheit mit Bezahlung

43

Nicht genug Aufstiegschancen

35

Nicht genug Möglichkeiten zur persönlichen Weiterbildung und Weiterentwicklung

28

Keine Wertschätzung

23

Keine ausreichende Work-Life-Balance

22

Langeweile

21

Unternehmenskultur gefällt nicht

15

Quelle: Deloitte Global Millennial Survey 2019

Henrik Roth, 27, hat mit Partnern aus Tschechien vor sechs Jahren das Start-up BeWooden in Frankfurt am Main gegründet, das Mode-Accessoires aus Holz verkauft.

brand eins: Herr Roth, Sie haben gerade Ihren Job als Geschäftsführer Ihres Start-ups abgegeben. Das Unternehmen wächst und läuft gut, warum hören Sie auf?

Henrik Roth: Ich habe gemerkt, dass alles etwas zu komfortabel geworden war, das Feuer vom Anfang war nicht mehr da. Ich habe viel gelernt, mich weiterentwickelt; jetzt will ich etwas mit mehr Impact machen.

Wie meinen Sie das?

Mit BeWooden haben wir schöne, nachhaltige Accessoires aus Holz gemacht. Das sind tolle Produkte, aber es ist und bleibt ein Nischen-Angebot. Es gibt immer mehr Marken und Konsumenten, die auf Nachhaltigkeit Wert legen, aber die größeren Hebel am Markt sind immer noch Preis und Individualität der Produkte. Gerade in der Corona-Krise habe ich gemerkt: Mir fehlt die größere Vision.

Sind Gründungen für Ihre Generation keine Lebens-, sondern Lebensabschnittsprojekte?

Man kann vielleicht sagen, dass wir uns ein Stück weit der schnelllebigeren Wirtschaftswelt angepasst haben. Wir sind vernetzter, offener, haben mehr Möglichkeiten und nutzen die auch. Das sieht man bei Gründern, die immer wieder neue Projekte haben, oder bei Angestellten, die häufig den Job wechseln. Meine Mutter hat ihre Firma seit 30 Jahren. Ich habe bei der Gründung nie darüber nachgedacht, ob das für immer ist. Vielleicht waren wir etwas verwöhnt: Wir dachten immer, dass wir aus der Vielzahl der Möglichkeiten nur auswählen müssen. Da ist die Corona-Krise schon ein Dämpfer.

Und jetzt?

Ich weiß es noch nicht. Angestellter war ich noch nie, das kann ich mir nur schwer vorstellen – ich schätze die Freiheit als Unternehmer sehr. Ich werde erst mal andere Gründer für ein paar Tage begleiten und mich jungen Start-ups als Mentor und Coach anbieten.

 … die Politik die Alten bevorzugt? 

Text: Johannes Böhme

Das Problem zeigt sich an einer Zahl: 58 Prozent. So viele Wähler waren bei der jüngsten Bundestagswahl älter als 50 Jahre. Durch die Stimmen der Älteren werden in Deutschland Wahlen gewonnen – oder verloren. Alle demografischen Trends zeigen: Das wird auf Jahrzehnte so bleiben. Aber heißt das auch, dass Politik vor allem für die Älteren gemacht wird und die Interessen der Jüngeren vernachlässigt werden?

Die Antwort darauf ist nicht einfach. Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass es Themen gibt, bei denen Ältere egoistisch denken. In einer großen Studie aus dem Jahr 2016 – mit 39 000 Teilnehmern in 34 Ländern – fanden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen heraus, dass sich bei älteren Menschen die politischen Präferenzen verschieben: Je höher ihr Alter, desto weniger bereit sind sie, Programme zur Linderung der Armut zu unterstützen oder höhere Ausgaben für Bildung. Stattdessen wollten sie öfter, dass das Geld zu ihrem Vorteil ausgegeben wird: für die Gesundheitsversorgung – und die Renten.

Politiker wissen das. Und so waren in den meisten Industrienationen die Renten nicht von den teils drastischen Kürzungen der Sozialausgaben in den Neunzigerjahren betroffen, anders als etwa die Arbeitslosenhilfe. Weil die Renten oft nicht spürbar gekürzt wurden und die Zahl der Alten in fast allen OECD-Ländern signifikant zugenommen hat, sind die Ausgaben in der Mehrheit der westlichen Länder gestiegen. Deutschland ist eher eine Ausnahme: Hier wurden die Renten deutlich gesenkt – aber besonders drastisch für diejenigen, die erst in einigen Jahrzehnten in den Ruhestand gehen.

Auch bei anderen Themen gibt es Ältere, die eine Politik zulasten der Jüngeren verfolgt haben – etwa beim Ausbau der digitalen Infrastruktur. Italienische Forscher haben herausgefunden, dass in Ländern, in denen die Abgeordneten sehr alt sind, weniger öffentliches Geld in Computertechnik investiert wird. Besonders deutlich werde das in Italien, Deutschland und Finnland. Auch beim Klimaschutz klaffen die Einstellungen zwischen Alt und Jung auseinander. Mehrere Umfragen haben ergeben, dass ältere Menschen öfter anzweifeln, dass die Erderwärmung existiert. Und diejenigen, die sie für real halten, glauben häufiger, sie sei nicht menschengemacht. Zudem erklären sich die Jüngeren eher bereit, drastische Einschränkungen für den Klimaschutz hinzunehmen. Man könnte also meinen: Es sind die Alten, die Maßnahmen gegen die Erderwärmung blockieren.

Aber in vielen westlichen Ländern unterstützt inzwischen auch die Mehrheit der Älteren solche Maßnahmen. Denn: In Deutschland glauben 70 Prozent der über 60-Jährigen, dass die Erderwärmung nur gestoppt werden kann, wenn wir unser Verhalten grundsätzlich ändern. In den USA sagen immerhin 58 Prozent derjenigen, die vor 1945 geboren wurden, dass die globale Erwärmung ein für sie wichtiges Thema sei. Die Jüngeren haben in den Umfragen zwar höhere Werte, aber den Kampf um die öffentliche Meinung haben die Leugner des Problems in allen Altersgruppen verloren.

Es gibt weitere Anzeichen dafür, dass die Konfliktlinie zwischen Alten und Jungen oft nicht so klar ist. Die Politikwissenschaftler Achim Goerres und Markus Tepe haben herausgefunden, dass ältere Menschen, die enge Beziehungen zu ihren erwachsenen Kindern haben, öfter höhere Ausgaben für Bildung und Kinderversorgung unterstützen als solche, die ihre Kinder nur selten sehen. Letztlich kommt es also auf die Lebensumstände an: Je integrierter Ältere sind, desto eher orientieren sie sich am Allgemeinwohl.

Zudem sind sie politisch flexibler als von vielen angenommen. Seit den Achtzigern sind Junge und Alte politisch linker geworden: Auch die Mehrheit der Älteren hält die Gleichstellung von Frauen inzwischen für wichtig und ist gegen die Diskriminierung von Homosexuellen und Migranten.

In den meisten Politikfeldern gibt es also keine klaren Fronten zwischen Alten und Jungen. Die wahren Konfliktlinien verlaufen zwischen Arm und Reich, Stadt und Land und in Deutschland auch zwischen Ost und West.

Trotzdem bleibt ein Generationenproblem: die zahlenmäßige Unterlegenheit der Jungen bei Wahlen. David Runciman von der Universität Cambridge schlug deshalb vor, das Wahlalter zu senken: auf 6 Jahre. Eine Absenkung auf 16 Jahre reiche nicht, um die Übermacht der Älteren auszugleichen. Eine Ausweitung des Wahlrechts habe sich stets als richtig erwiesen – Demokratien würden so spannender, unberechenbarer und vielleicht besser. Runciman sagte allerdings, er glaube nicht, dass sein Vorschlag Realität würde. Vielleicht könnten die Jungen mehr bewirken, wenn sie öfter bei den Eltern vorbeischauten.

 … junge Menschen zu freizeitorientiert sind? 

Die nach 1980 Geborenen seien besonders ernsthaft, optimistisch und fleißig, schrieben die amerikanischen Autoren William Strauss und Neil Howe, die den Begriff „Millennial“ prägten, in ihrem Buch „Millennials Rising“. Das war im Jahr 2000. 20 Jahre später ist von diesem Bild nicht viel übrig geblieben. Inzwischen machen die Millennials in vielen westlichen Industrienationen schätzungsweise mehr als ein Drittel der Arbeitskräfte aus. In den USA stellen sie mit mehr als 35 Prozent den größten Anteil der Arbeitskräfte. Sie sind damit zahlreicher vertreten als die Babyboomer und die Generation X. Und sie haben einen miserablen Ruf.

In Zeitungsartikeln, Manager-Ratgebern oder TV-Beiträgen wird über Millennials gelästert: Am Arbeitsplatz taugten sie zu nichts. Sie seien fauler als die Generationen vor ihnen. Es mangele ihnen an Eigeninitiative. Sie seien von ihren Eltern verhätschelt worden. Ihre Frustrationstoleranz sei gering. Sie seien leicht abzulenken und zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Der Beruf stehe nicht an erster Stelle (siehe auch brand eins 09/2018: Erst das Vergnügen, dann die Arbeit) *. Und vor allem dächten sie immer nur an Nachmittage am See, Urlaube auf Bali und Yoga-Retreats.

Wenn man diese Beschwerden liest, könnte man meinen, die Wirtschaft stecke in einer Phase spätrömischen Verfalls. Aber merkwürdigerweise ist davon in den Daten nichts zu sehen: Die jährliche Arbeitszeit ist zwar in vielen Ländern in den vergangenen zwei Jahrzehnten leicht gesunken, in Deutschland laut der OECD von 1466 Arbeitsstunden im Jahr 2000 auf 1386 im Jahr 2019. Aber der Trend zu einer geringeren Arbeitszeit begann lange, bevor die ersten Millennials geboren wurden. Zudem legen Studien nahe, dass diese ähnlich viel arbeiten wie vorherige Generationen zum gleichen Zeitpunkt in ihrer Karriere. Und die Produktivität pro Arbeitsstunde ist in den vergangenen Jahren, in denen Millennials massenhaft in die Arbeitswelt eingestiegen sind, in fast allen OECD-Staaten enorm gestiegen: in Deutschland zwischen 2000 und 2017 um 41 Prozent.

Es überrascht daher wenig, dass amerikanische Wissenschaftler, die untersucht haben, ob sich die Arbeitsmoral der Millennials von der früherer Generationen unterscheidet, erklären mussten: Den meisten ist ihre Arbeit genauso wichtig wie vorherigen Generationen. Auf der „Protestantischen-Arbeitsmoral-Skala“ – einem Test, der abfragt, wie wichtig Arbeit und Leistung den Befragten sind – erzielten sie teilweise sogar höhere Ergebnisse als die Babyboomer. Der einzige relevante Unterschied, den die Forscher fanden, war der zwischen Berufsanfängern und Studenten: Letztere schnitten auf der Skala im Schnitt sehr viel niedriger ab als junge Menschen, die bereits arbeiteten.

Woher kommen dann die Vorurteile? Zum einen dürfte das an einem Konflikt liegen, der wenig damit zu tun hat, wie viel wirklich gearbeitet wird. Stattdessen geht es um die Arbeitsorganisation: Studien zeigen, dass viele Millennials den Acht-Stunden-Tag für wenig sinnvoll halten. Sie möchten sich ihre Arbeit flexibler einteilen können, auch von zu Hause aus arbeiten. Sie wollen keine Zeit absitzen, wenn es nichts zu tun gibt. Das irritiert anscheinend ältere Kollegen, die die Struktur immer noch als Garant für Arbeitsdisziplin schätzen.

Hinzu kommt, dass die Jungen weniger Loyalität gegenüber ihren Arbeitgebern haben. Das wird ihnen von Älteren oft negativ ausgelegt: Die Jungen hätten keine Frustrationstoleranz. Man könnte aber auch sagen: Sie sind experimentierfreudiger als die Babyboomer.

Der Hauptgrund für das schlechte Image dürfte aber etwas sein, das man den „Die Jugend ist auch nicht mehr das, was sie mal war“-Effekt“ nennen kann. John Protzko und Jonathan Schooler von der University of California haben herausgefunden, dass Ältere oft Vorurteile gegenüber Jüngeren haben – speziell auf Gebieten, wo die Älteren sich für besonders kompetent halten. Diejenigen, die sich für sehr intelligent halten, meinten zum Beispiel, dass die Jugend immer mehr verblöde. Tatsächlich sind die durchschnittlichen Intelligenzquotienten in der Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten aber gestiegen. Die Forscher führten die falsche Wahrnehmung der Alten darauf zurück, dass diese idealisierte Erinnerungen an sich selbst als junge Menschen hätten. Im Vergleich wirke die Jugend immer fehlerbehaftet.

Am Ende ist die vermeintliche Faulheit der Jungen wohl nicht mehr als eine Finte des Gedächtnisses, der die Älteren aufgesessen sind – gerade jene, die sich für besonders diszipliniert und ausdauernd halten.

The kids are alright. ---

* b1.de/generation_z