Social Media

Mal was Vernünftiges

Tiktok ist mit kurzen Spaßvideos extrem erfolgreich, wünscht sich aber mehr Lerninhalte auf der Plattform. Wie kommt’s?



Bildquelle: Tiktok


• Im Hintergrund eine Standuhr, ein Ölgemälde, ein massiver Schreibtisch mit Ledersessel. Im Vordergrund ein Dampfplauderer, der mit seiner überzogenen Macker-Pose an die Chef-Karikatur Strom- berg erinnert. Die Rede ist von Tim Hendrik Walter, 35, Rechtsanwalt in der Kanzlei Besler & Walter & Keuneke in Unna. In den sozialen Medien nennt er sich Herr Anwalt und vermittelt als solcher sein Fachwissen.

„Sophie Dalia Vanessa, du hast dich schon wieder mit diesem liederlichen Dima getroffen, das habe ich bei Tiktak gesehen, du darfst nun erst mal die nächsten Wochen nicht mehr raus!“ Tim Hendrik Walter steigt in seine Tiktok-Videos stets launig ein, dann kommt er zur Frage des Tages: „Hallo Herr Anwalt, dürfen mir meine Eltern verbieten, dass ich nicht mehr raus darf?“

Der Advokat aus Unna hat aktuell mehr als zwei Millionen Tiktok-Follower. Obwohl er auf der Plattform auf jeden Hinweis zu seiner Kanzlei verzichtet, versteht sich seine dortige Präsenz zweifellos als Marketing in eigener Sache.

Aber auch den Betreibern von Tiktok passen solche Formate prima ins Konzept. Vor wenigen Wochen kündigten sie an, europaweit 13 Millionen Euro in Lerninhalte zu investieren, davon rund 4,5 Millionen in Deutschland. Für einen Wettbewerb mit dem Namen „Teile Dein Wissen“ riefen sie dazu auf, „hochwertige Videos mit Aha-Effekt zu den Themen Allgemeinwissen, Beruf und Karriere, Körper und Fitness sowie Gesundheit zu erstellen“. Den besten Produzenten wurde eine Entlohnung für die Teilnahme sowie professionelle Betreuung durch eine Influencer-Agentur in Aussicht gestellt.

Will Tiktok erwachsener werden und Youtube in Sachen Wissensvermittlung per Video Konkurrenz machen? Die chinesische Plattform ist zum Leitmedium für Jugendliche und mit etwa einer Milliarde Downloads zur weltweit erfolgreichsten App avanciert. Doch zugleich sorgt sie für Zündstoff: In Indien wurde sie im Juni wegen Sicherheitsbedenken gesperrt. Donald Trump sieht sie als chinesisches Spionageprogramm und droht, sie auf dem Heimatmarkt zu verbieten, es sei denn, sie lasse sich von einem US-Unternehmen übernehmen.

Unterdessen investiert Tiktok viel Geld – Produzenten von Inhalten sollen binnen drei Jahren mit 255 Millionen Euro gefördert werden – im weniger feindlich gesinnten Europa. Seit Februar bieten die Chinesen dort nun auch einen „begleitenden Modus“ an, bei dem sich die Nutzung der vor allem bei Teenies beliebten App zeitlich und inhaltlich beschränken lässt. Offenbar will Tiktok besorgte Eltern besänftigen – was auch ein Grund für die Lerninhalte sein könnte.

An das Niveau von Youtube reichen die allerdings nicht heran. Dort bietet etwa die deutsche Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim tiefgründig recherchierte Analysen zu Corona und anderen komplexen Sachverhalten. Sie erreicht damit fast eine Million Abonnenten. Die Medizinerin Florence Randrianarisoa klärt seit ein paar Wochen als Dr. Flojo über Gesundheitsthemen wie Intervallfasten oder Bluthochdruck auf – und scheut sich dabei nicht, wissenschaftliche Studien vorzustellen.

Tiktok, das anstrebt, „ein Ökosystem des Lernens“ zu schaffen, und Tim Henrik Walter als Vorbild nennt, will die eigene Zielgruppe wohl nicht überfordern. Der „Herr Anwalt“ ist komödiantisch, gräbt sich bei Themen wie „Ab wann darf man Kondome kaufen?“ nicht gerade in die Tiefen der Rechtswissenschaft. Sein Format heißt: „Eine Minute Jura“. ---

Martin Fehrensen ist Autor vom „Social Media Watchblog“ – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.