Schaffe ich das?

Wie sollen Mitarbeiter, die im Gleis schuften oder Bahnsteige bauen, bis 67 arbeiten? Die Firma Hering im westfälischen Burbach hat Antworten gefunden.





Torsten Brückner

• Torsten Brückner erzählt gern von seiner Arbeit, die für Büromenschen schlicht Maloche ist. Brückner, ein Mann mit rauer Stimme, kräftigen Händen und orange leuchtender Schutzweste, ist erst 53 Jahre alt, aber schon seit 36 Jahren am Schaffen. Über Jahrzehnte hat er Bahnschwellen und Schienen verlegt. Dabei musste er, obgleich Maschinist, immer wieder mit anpacken. Zwar gibt es Stopfmaschinen, die das Gleisbett eben machen, und Bagger, die die Schwellen bereitlegen. „Aber manches bleibt Handarbeit, wird es auch immer bleiben“, sagt er.

Zum Beispiel, wenn die etliche Zentner schweren Schwellen aus Beton an die richtige Stelle zu wuchten sind. „Die Schwellen müssen auf ein paar Millimeter genau liegen. Deshalb muss man sie mit dem Richteisen zurechtrücken“, erklärt Brückner. Auch neue Schienen werden von Hand montiert. Das heißt: jeden Tag viel bücken, viel stehen – und viel laufen auf Schotter. Letzteres sei das Schlimmste, sagt Brückner. „Das geht auf den Rücken, auf den ganzen Körper. Aber gewaltig!“

Tag für Tag ist er frühmorgens zu Baustellen in ganz Deutschland gefahren, mal 100 Kilometer entfernt, manchmal auch 200. Vor Ort müssen die Kolonnen aus fünf oder sechs Personen Wind und Wetter trotzen. Sie schuften in Schichten, meist unter Termindruck, häufig auch nachts oder am Wochenende. Darunter leiden Freizeit und Familie, vor allem aber leidet der Körper. Probleme mit den Bandscheiben, dem Knie oder den Gelenken gehören zum Alltag. Gleisbau ist Schwerarbeit.

Irgendwann streikte Brückners Körper. „Ich hatte ständig Rückenschmerzen“, sagt er. Er habe es mit einem Korsett versucht, mit Medikamenten, Kuren und Massagen, doch nichts habe geholfen. Das habe ihm auch psychisch zu schaffen gemacht. Und so habe er all das 2019 im Mitarbeitergespräch angesprochen.

Heute arbeitet er in der Elektrotechnik, misst Stromkreise und kontrolliert Maschinen. Möglich machte dies eine Schulung ein paar Jahre zuvor. „Das war mein Glück“, sagt Brückner. Er hatte damals schon Rückenprobleme, absolvierte die Schulung aber vor allem, weil ihm Elektrokram seit jeher Spaß macht. Sein Arbeitgeber indes hatte, als er ihm die Fortbildung anbot, bereits im Blick, dass es mit dem Gleisbau einmal schwierig werden könnte. Dass seine Chefs dann jüngst den internen Wechsel organisierten, dafür ist Brückner dankbar. „Die haben gewürdigt, dass ich so viele Jahre im Gleisbau gearbeitet habe, dass ich Hering so lange treu geblieben bin.“

Hering ist eine Firmengruppe im südwestfälischen Burbach, Ortsteil Holzhausen. Brückner arbeitet dort seit Anfang der Neunzigerjahre. Es ist ein Familienunternehmen, 128 Jahre im Geschäft, mit zuletzt gut 123 Millionen Euro Umsatz im Jahr und rund 560 Mitarbeitern. Wenige kennen die Firma, doch jeder Deutsche kennt die Produkte, die sie baut: Gleise, Weichen, Bahnsteige, Bahnsteigdächer, Lärmschutzwände, öffentliche WCs, Gebäudefassaden. Seit einigen Jahren steht Hering vor einer Herausforderung: Wie gewinne ich Mitarbeiter? Wie schaffe ich es, dass sie lange gesund und arbeitsfähig bleiben? Wie halte ich sie im Alter?

Auf der Liste der Herausforderungen, die das Unternehmen für die nächsten Jahre definiert hat, steht der demografische Wandel auf Platz eins. Der Nachwuchs wird rar, die Menschen werden älter und müssen länger arbeiten – wer da an seine Mitarbeiter denkt, handelt auch im eigenen Interesse. Dies gilt vor allem für Firmen, deren Geschäft auf sehr viel harter körperlicher Arbeit basiert. Firmen wie Hering.

Annette Hering leitet das Unternehmen in vierter Generation
Erinnerung an den ehemaligen Chef Hartmut Hering

Im Foyer der schmucklosen Zentrale erinnert ein Foto mit Trauerband an Hartmut Hering, 36 Jahre lang Chef des Unternehmens. In diesem Juni ist er gestorben, mit 91 Jahren. Von Fachkräftemangel war zu seiner Zeit noch nicht die Rede. Doch er führte 1971 eine Gewinnbeteiligung ein, über die bis heute rund fünf Millionen Euro an die Belegschaft geflossen sind, und er etablierte Mitarbeitergespräche. Hering, Mitglied der CDU, war 14 Jahre lang Bürgermeister von Burbach und initiierte noch im hohen Alter den Bau der eindrucksvollen Autobahnkirche Siegerland. Er sei bodenständig und sozial gewesen, heißt es. Als er starb, schaltete selbst die örtliche Sektion von Bündnis 90 / Die Grünen eine Todesanzeige.

„Mein Vater hat das vorgelebt: das Bewusstsein dafür, dass alles zusammenhängt, die Umwelt, die Gesundheit, auch die der Mitarbeiter“, sagt Annette Hering, 61, die das Unternehmen heute in vierter Generation führt. Als sie 1996 an die Spitze rückte, hielt sie an vielem fest, was sie vorfand, so auch am jährlichen Treffen der Ehemaligen. „Ich habe das bewahrt, weil ich gesehen habe: Das ist wertvoll.“ Manches unterschätzte sie aber auch, etwa beim damals sehr hohen Krankenstand. „Wir sind da zunächst ganz naiv rangegangen und haben gedacht, wir müssen Turnkurse anbieten.“ Doch schnell sei klar geworden, dass die Mitarbeiter wenig Lust hatten, abends noch mit ihren Kollegen Rückenübungen zu machen. Also holte die Firma ein Fitnessstudio mit vielseitigem Angebot aufs Gelände, dessen Nutzung sie zur Hälfte bezahlt.

„Es war nicht immer unser oberstes Ziel, alle Mitarbeiter unbedingt zu halten“, gesteht Annette Hering ein. Es gab in den Neunzigerjahren zwei Baukrisen, die Firma musste eine Sparte schließen und Leute entlassen. Spätestens 2005 wurde Hering jedoch klar, dass sie sich systematisch um das Wohl ihrer Mitarbeiter kümmern musste. In einer Umfrage äußerten damals viele die Befürchtung, ihre Arbeit nicht bis zur Rente ausüben zu können. Zu Herings Überraschung waren es nicht alte, vom Leben ermattete Mitarbeiter, die sich sorgten, sondern Beschäftigte unter 35 Jahren: „Es waren die Jüngeren. Das war das Besondere!“

Noch stärker wurde der Druck zu handeln, als die Große Koalition im Jahr 2007 die Rente mit 67 verabschiedete. „Da habe ich gedacht: Nein, das schaffen einige nicht“, sagt Annette Hering. „Wir hatten damals Mitarbeiter, die eigentlich schon mit 62 Jahren nicht mehr konnten.“

2008 erwarb das Unternehmen eine Finca an der Costa Blanca in Spanien. Sie ist primär für Mitarbeiter gedacht, die das Unternehmen mit einem kostenlosen Urlaub belohnen will, sei es für besonders harte Einsätze, Sonderprojekte oder längere Mehrarbeit infolge des Ausfalls eines Kollegen. Anderen wird als Zeichen der Anerkennung für lange Dienste eine Woche geschenkt, etwa Viktor Schmidt, ein ruhiger, weißhaariger Mittsechziger, der 1988 als Aussiedler aus Kirgistan kam und bald in Rente geht. Er sagt: „Es gibt ein ehrliches Bemühen des Unternehmens, den Leuten zu helfen.“

Viktor Schmidt bekam von der Firma einen Spanien-Urlaub spendiert

2009 führte die Firma Arbeitszeitkonten ein. Mit denen können Mitarbeiter übertarifliche Zulagen oder die jährliche Gewinnbeteiligung zurücklegen, um ohne finanzielle Einbußen früher in Rente zu gehen. Rund 70 Beschäftigte nutzen solche Konten derzeit. Einer ist Viktor Frantz, der Angebote für Ausschreibungen schreibt. Er entschied mit 60 Jahren, dass er die angesparten Monate lieber früher nutzen würde, für Reisen oder Zeit mit seinen sechs Kindern und 14 Enkeln. „Jetzt habe ich jedes Jahr den Juli und August frei“, sagt er. „Mir gefällt das sehr gut.“

Viele Mitarbeiter verdienen dem Vernehmen nach übertariflich, aber Hering will mehr bieten als eine gute Entlohnung. Wo möglich, wird flexibles Arbeiten, die gezielte Weiterbildung oder der Wiedereinstieg nach Elternschaft oder Krankheit gefördert. Es gibt Gymnastik, Wanderungen, Kurse gegen Stress. Und im Gleisbau wird heute stärker darauf geachtet, dass die Kolonnen vom Alter her gemischt und möglichst mehrere Tage am Stück auf Montage sind statt ständig auf der Autobahn.

Das Bestreben ist, für jeden Mitarbeiter eine Lösung zu finden. Wie bei Reiner Arhelger, einem 57 Jahre alten Betonbauer in der Produktion von City-WCs. Er fiel vor zwei Jahren von der Leiter und stauchte sich das Knie. „Damit hatte ich lange zu kämpfen“, sagt er. „Jeden Tag hat mir ab 15 Uhr das Knie so wehgetan, dass ich fast nicht mehr gehen konnte.“ Heute mache er montags und mittwochs eine Stunde früher Feierabend. „Schon diese eine Stunde weniger bringt sehr viel.“

Arhelger kannte den Senior schon als Steppke, nannte ihn Onkel Hartmut, insgesamt ist er – keine Seltenheit bei Hering – fast 35 Jahre im Unternehmen. In seinem Gewerk, erzählt er, seien sie zu siebt und fünf von ihnen älter als 50. Daher habe die Firma ihn immer mal wieder ermuntert, eines der Fitnessangebote zu nutzen. Doch Arhelger sträubt sich: „Ich will keinen Sport machen. Ich laufe den ganzen Tag durch die Halle und bewege mich.“

Das ist durchaus typisch. „Wir müssen die Leute immer wieder motivieren, das ist eine Daueraufgabe“, sagt Nicole Trettner, die Personalchefin. Häufig seien gerade jene, die es am nötigsten hätten, am schwersten zum Mitmachen zu bewegen. Deshalb gingen sie auch immer wieder vor Ort und zeigten, was sich schon mit täglich 15 Minuten simpler Übungen auf der Baustelle bewirken lasse. „Viele sind zunächst skeptisch, doch wenn sie es einmal probiert haben, merken sie, wie gut das tut.“

37 Prozent der meist männlichen Belegschaft sind älter als 50 Jahre. Alle drei Monate prüfen die Personaler den Krankenstand. Fehlt jemand länger, fragen sie, ob sie helfen können. „Mal geht es nur um Einlagen für die Arbeitsschuhe, mal um eine ergonomische Umgestaltung des Arbeitsplatzes, manchmal ist das Problem aber auch größer“, sagt Trettner. Hilft einem Arbeiter nur noch ein interner Wechsel, wird versucht, ihn in anderen Bereichen einzusetzen – in der Produktion, nicht in der Verwaltung. „Wir haben es mehrfach versucht und gemerkt: Wer sein Leben lang mit den Händen gearbeitet hat, der geht im Büro ein. Für den ist es eine Qual, nur am Schreibtisch zu sitzen.“

Die 50-Jährige ist selbst seit 25 Jahren dabei und hat die Personalstrategie gemeinsam mit Annette Hering entwickelt. Für sie ist klar: „Wir versuchen mit allen Mitteln, die Leute bis zur Rente zu halten. Wir wollen keinen, der sich 30, 40 Jahre lang für Hering eingesetzt hat, am Ende verlieren.“

Seit einiger Zeit zeigen sich die Erfolge ihrer Bemühungen. „Beim Krankenstand sind wir deutlich besser geworden“, sagt Trettner. Einst habe dieser im hohen einstelligen, teils zweistelligen Bereich gelegen, doch aktuell sei man nah am Zielwert von weniger als fünf Prozent.

Ähnlich bei der Fluktuation: Diese lag noch vor einigen Jahren bei fünf, sechs oder acht Prozent. Aktuell bewegt sie sich bei etwas mehr als zwei Prozent im Jahr; Ziel ist es, sie unter diese Marke zu drücken. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer beträgt knapp elf Jahre.

Und das Alter, ab dem Mitarbeiter häufiger nicht mehr können und längere Zeit ausfallen? Das habe früher bei etwa 60 Jahren gelegen, so die Personalchefin. Heute liege es eher bei 63, 64.

Dem Rücken des langjährigen Gleisbauers Torsten Brückner geht es inzwischen deutlich besser. „Ich fühle mich gut jetzt“, sagt der Elektrotechniker, ein kerniger Mann, dem die vielen Jahre bei Sonne und Wind anzusehen sind. „Ab und zu zwickt’s noch, aber ich plane, mich demnächst im Fitnessstudio anzumelden, zum Muskelaufbau.“ Den neuen Job könne er bis zur Rente ausüben, also bis er 67 ist, glaubt Brückner: „Ich strebe das an. Und schaue mal, wie weit ich komme.“ ---

Nicole Trettner, die Personalchefin, ermöglicht interne Arbeitsplatzwechsel

Hering ist auf mehreren Geschäftsfeldern aktiv. Im Bahnbau konkurriert die Firma mit Milliardenkonzernen wie Strabag, Leonhard Weiss und der Deutschen Bahn sowie mit regionalen Mittelständlern, die wie Hering Millionen umsetzen. Bei Ausschreibungen für den Gleisbau gebe es „im Durchschnitt 5 bis 15 Wettbewerber“, heißt es, beim Bau modularer Bahnsteige dagegen nur vier ernst zu nehmende Konkurrenten. Weil das Geschäft von öffentlichen Aufträgen lebt und der Sanierungsbedarf der Bahn groß ist, lief es für das Unternehmen in den vergangenen Monaten trotz Corona gut.

Im Sanitärbereich ist Hering ein führender Anbieter, der unter der Marke Rail & Fresh die WCs in vielen Bahnhöfen stellt und zusammen mit Toiletten auf Parkplätzen, Autohöfen oder in Innenstädten bundesweit 1300 Anlagen betreibt. Der bekannteste Konkurrent ist Sanifair, eine Tochter des Raststättenbetreibers Tank & Rast, die nach eigener Aussage bundesweit gut 400 Anlagen betreibt und vor allem an Autobahnen vertreten ist.

Eine Sonderstellung hat Herings Hotel „My Cloud“: Es eröffnete 2017, ist das einzige im Transitbereich des Frankfurter Flughafens und bietet Reisenden auch stundenweise kleine Zimmer an, um sich in der Zeit bis zum Anschlussflug auszuruhen.