Der neue grüne Deal – Folge 05

Runde Sache

Kern des europäischen Green Deals ist die Kreislaufwirtschaft. Sie beginnt bei einem vorausschauenden Produkt- und Verpackungsdesign. Und braucht verlässliche Regeln für Hersteller, Händler und Kunden.





• Strandspaziergänger finden seit einigen Jahren immer wieder rätselhaft bunte, mitunter recht dekorative Gebilde. Wirft man diese ins Wasser, und sie gehen nicht unter, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich um sogenannte Plastiglomerate handelt. So nennen Meeresforscher Konglomerate aus Gestein, Sedimenten wie Muschelkalk und geschmolzenem Plastik. Thermoplastische Kunststoffe legen als Treibgut weite Strecken zurück und nehmen unterwegs jede beliebige Form an, wenn sie warm werden. Man findet Plastiglomerate inzwischen rund um den Globus. Sie sind ein weiteres Zeichen für das Vermüllen der Ozeane – aber eher harmlos im Vergleich zu den Polymer-Fitzelchen, die insbesondere im Pazifik massenhaft in den Wellen treiben und für Fische und Seevögel appetitlich aussehen. Oder den Fischernetzen aus Nylon, die zwar so verschlissen sind, dass sie sich vom Trawler losreißen, aber immer noch reißfest genug, dass sich Wale, Delfine, Robben oder Seeschildkröten rettungslos in ihnen verheddern. Außerdem erfüllen die Plastiglomerate eine pädagogische Funktion: Verschiedene Museen nutzen solche Fundstücke, um deutlich zu machen, dass Plastikabfälle im Meer nichts verloren haben.

Martin Stuchtey will davon diejenigen überzeugen, die für das Problem verantwortlich sind: Hersteller von Kunststoff und Verpackungen, Manager aus der Getränke- und Nahrungsmittelindustrie, Politiker. Der 52-jährige Geologe und Vater von sechs Kindern kennt viele von ihnen, denn bis zu seinem Ausstieg 2016 war er bei McKinsey Leiter der für Nachhaltigkeit zuständigen Beratungssparte, die er mit aufgebaut hatte. Dann gründete Stuchtey mit einem Partner eine eigene Firma namens Systemiq, deren inzwischen 200 Mitarbeiter nichts anderes tun, als sich Gedanken über eine Wirtschaftsweise zu machen, die er vor seinen Kindern vertreten kann.

„Wenn wir so weitermachen, schwimmt in 30 Jahren genauso viel Plastik im Meer wie Fisch.“ Das sagt Stuchtey nicht einfach so. Er kennt die Schätzungen der Fischbestände, die Wachstumsprognosen für Kunststoffe und den ungefähren Anteil der Produktion, für den der Ozean das Endlager ist. Er kennt aber auch Lösungsansätze. Ende Juli hat Stuchtey die Studie „Breaking the Plastic Wave“ vorgestellt, die Systemiq in Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Stiftung Pew Charitable Trusts erarbeitet hat. Die Botschaft: Wir können die Welle brechen, wir können die Plastikflut stoppen. Wenn wir aufhören, Kunststoffe als wertlose Ex-und-hopp-Materialien zu behandeln.

Ein paar Tage vor der Veröffentlichung der Studie sitzt Stuchtey auf der zum Home Office umfunktionierten Terrasse seines Hauses – mitten im Grünen in der Nähe des Starnberger Sees, fernab sichtbarer Umweltverschmutzung – und verströmt Aufbruchsstimmung. Wenn die Zeit jetzt nicht reif sei, wann dann? Was er seit Jahren predigt, etwa beim Weltwirtschaftsforum im Jahr 2016 in Davos, passt zu dem, was der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seinem Umweltgutachten Anfang des Jahres der Bundesregierung empfohlen hat: Zur Forderung der 2019 gegründeten Nichtregierungsorganisation German Zero nach einem klimapolitischen Strukturwandel der Wirtschaft. Und vor allem zum European Green Deal, mit dem die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und ihr Vize Frans Timmermans im Dezember viele Politiker, Manager und Normalbürger verblüfft hatten.

Zentraler Bestandteil dieses Vorhabens, mittels einer europäischen Industriestrategie grünes Wachstum zu stimulieren – statt weiter beispielsweise mit Verboten von Polymer-Trinkhalmen Symbolpolitik zu treiben –, ist ein Aktionsplan für eine echte Kreislaufwirtschaft. Eine, die sich für die Öko-Bilanz eines elektrischen Geräts, Kleidungsstücks, Möbels, Werkstoffs oder Baumaterials nicht erst dann interessiert, wenn dieses schon auf dem Wertstoffhof gelandet ist. „Bis zu 80 Prozent der Umwelteigenschaften eines Produktes“, heißt es in dem Brüsseler Papier, „werden bereits in der Designphase festgelegt.“ Das gilt im Guten wie im Schlechten.

Diese neue Ökonomie stellt erheblich höhere Ansprüche an die unternehmerische Weitsicht als das deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz aus dem Jahr 2012. Dieses regelt nicht viel mehr als die Entsorgung und dies auch nicht besonders konsequent – zumindest bis zur anstehenden Novelle. Rechtlich gelten Abfälle als recycelt oder verwertet, sobald sie in einer „Behandlungsanlage“ landen; bloßes Sortieren zählt bereits als Behandlung. Alles, was weder dort hingehört noch wiederverwertet werden kann, wird mitgewogen und hübscht so die Recyclingquote auf. Tatsächlich wurde laut SRU-Gutachten nicht einmal die Hälfte der 3,4 Millionen Tonnen Plastik-Verpackungsabfall des Jahres 2017 von der Industrie als Rohmaterial genutzt. Etwa gleich viel wurde „energetisch verwertet“ – so der Euphemismus fürs Verheizen in einer Müllverbrennungsanlage mit Kraft-Wärme-Kopplung. Der Rest, circa sechs Prozent, ging in den Export.

Ein geschlossener Wertstoffkreislauf hingegen endet weder in der Verbrennungsanlage noch in Standfüßen für Baken an Autobahnbaustellen, sondern stellt ohne größere Qualitätseinbußen das Ausgangsmaterial wieder her. Das wären bei Kunststoff sortenreine, ungefärbte und schadstofffreie Granulate. Voraussetzung dafür ist, dass der Recycling-Betrieb die sogenannten Fraktionen sauber trennen kann. Unkompliziert ist das nur bei den PET-Einwegflaschen, die über das Pfandsystem des Handels zurückkommen. „Regel Nummer eins der Kreislaufwirtschaft lautet: Plastik ist nicht Plastik“, sagt Martin Stuchtey. „Das sind Millionen unterschiedliche Permutationen von Polymeren, Laminaten, Pigmenten, Additiven, Antioxidanzien, Hartmachern und Weichmachern. Die Summe daraus ist dann eben mal nicht rezyklierfähig.“

Entsprechend gering ist der Anteil von Rezyklaten am Ausstoß der deutschen Kunststoffindustrie. Ihr Anteil am Gesamtvolumen lag 2017 bei 12,2 Prozent. Verglichen mit Metallen, Papier oder Glas, ist das sehr wenig. Dort liegen die Verwertungsquoten bei weit mehr als 80 Prozent; Verpackungen aus diesen Materialien bestehen zu rund 60 bis 90 Prozent aus Sekundärrohstoff. Am lohnendsten ist das Recycling bei den Aluminiumverpackungen, die zu fast 90 Prozent im Kreislauf bleiben: Die Herstellung von Primäraluminium aus dem Erz Bauxit verschlänge bis zu 20-mal so viel Energie. Würden externe Umweltkosten durch eine europaweite CO2-Abgabe in realistischer Höhe kompensiert, dürfte sich die Kreislaufwirtschaft für die Industrie ebenso auszahlen. „Deren Verbände wissen sehr wohl, dass ihre Mitglieder zu Gewinnern eines klimapolitischen Strukturwandels werden können“, sagt Heinrich Strößenreuther, Mitgründer von German Zero.

Die größte Herausforderung auf dem Weg in eine Kreislaufwirtschaft sind die Vielfalt der Materialien und die Wegwerfgesellschaft. Beide bedingen einander und verstärken sich gegenseitig. Selbst Sammelsysteme wie der Grüne Punkt, die geschaffen wurden, um Wertstoffe vor der Müllhalde zu retten, haben sich zur perfekten Ergänzung einer auf maximale Bequemlichkeit getrimmten Einbahn-Warenlogistik entwickelt. Dass wir achtlos alle Arten von Kunststoff in dieselbe gelbe Tonne werfen können, fördert zwar die Bereitschaft zu einer groben Mülltrennung, nicht aber weiteres Nachdenken darüber, wie ökologisch sinnvolle Verpackungen beschaffen sein sollten.

Tatsächlich herrscht in der scheinbar vorbildlichen Mülltrenner-Nation Deutschland heute eine von den Kommunen weitgehend tolerierte Wurstigkeit. Und die betrifft nicht nur die verbreitete Unsitte, an Joghurtbechern den Aludeckel und die Papphülle dranzulassen, was ein Recycling aller drei Wertstoffe zuverlässig verhindert. Ende Juli stellte das Umweltbundesamt (UBA) die Ergebnisse einer Studie vor, für die Forscher in Städten, in Randgebieten und im ländlichen Raum den Inhalt von 2800 Restmülltonnen durchsucht hatten. Mehr als ein Viertel des Gewichts entfiel auf trockene Wertstoffe, für die es Recycling-Möglichkeiten gegeben hätte – wie Papier, Glas, Metall, Holz, Kork und sogar Elektrogeräte und Textilien.

Den größten Haufen unter den Fehlwürfen bildeten Kunststoffe, hochgerechnet 700 Millionen Kilogramm (zu 60 Prozent Verpackungen) pro Jahr. Immer wieder stießen die vom UBA beauftragten Forscher auf volle oder teilentleerte Packungen. So werfen viele Leute nach wie vor alles achtlos weg, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Zumindest landete aber der Löwenanteil des Plastiks entleert in der richtigen Tonne: Insgesamt werfen Privathaushalte jährlich mehr als 3,8 Milliarden Kilogramm Kunststoffverpackungen weg.

Die Verhaltensunterschiede sind gewaltig. Bei durchschnittlichen Städtern holt die Müllabfuhr pro Jahr und Person mehr als 150 Kilogramm Restmüll ab, im Umland gut 40 Kilo weniger. Besonders konsequente Müllvermeider kommen mit weniger als zehn Kilogramm aus.

Auch die Hersteller delegierten ihre ökologische Verantwortung gern ans Duale System und nutzten die Möglichkeiten der Form- und Farbgestaltung, um mit unverwechselbarem, markentypischem Design im Supermarktregal aufzufallen. Der über Jahrzehnte hinweg billige Rohstoff Erdöl machte es möglich. Paradoxerweise machen heute ausgerechnet Bemühungen der Verpackungsspezialisten, mit geringerem Ressourceneinsatz auszukommen und ihre CO2-Bilanz zu verbessern, den Recyclingbetrieben das Leben schwer. So kamen in den vergangenen Jahren immer mehr Verpackungen auf den Markt, die aus mehreren Schichten verschiedener Polymere bestehen, deren Eigenschaften sich ergänzen. „Materialien aus mehreren Schichten sind unter anderem entwickelt worden, um Material zu sparen“, sagt Jörg Rothermel, Rohstoffexperte beim Verband der Chemischen Industrie. „Durch die Kombination konnte man die Verpackungsdicke teilweise auf ein Zehntel reduzieren.“ Der Nachteil: Die Lagen lassen sich nicht ohne Weiteres wieder trennen.

Recyceln lassen sich die Verbundmaterialien nur, indem man sie chemisch aufbricht, um die Ausgangsstoffe für die verschiedenen Polymere zurückzugewinnen. Der Aufwand ist jedoch so hoch, dass es fraglich ist, ob oder wann sich die Technik durchsetzt. Vielleicht legt die Branche auch den Rückwärtsgang ein. Laut Rothermel werden bestimmte Verbundmaterialien bereits wieder ersetzt durch ein dickeres Monomaterial.

Am sinnvollsten wäre es, das Volumen an Stoffen und die Zahl der Gegenstände zu minimieren, die überhaupt recycelt werden müssen. Denn Energie ist dafür immer nötig, oft auch Wasser und eine Zugabe an jungfräulichem Material. Das wird bis auf Weiteres fast immer aus Mineralöl gewonnen, selten aus nachwachsenden Rohstoffen und eines ferneren Tages vielleicht aus eingefangenem CO2, das als chemischer Rohstoff genutzt wird, statt damit die Atmosphäre zu belasten. Ganz oben auf der Forderungsliste des Sachverständigenrats für Umweltfragen für den Übergang zur Kreislaufwirtschaft steht deshalb die weitere Nutzung von Produkten. Handys oder Waschmaschinen sollen nicht mehr so früh verschrottet werden, sondern generalüberholt in einen Secondhand-Markt gehen. Voraussetzung wären Produkte, die viel länger leben als die zweijährige Gewährleistungsfrist. „Außerdem müssen sie reparierbar sein, materialeffizient, energiesparend, schadstofffrei und recyclingfähig“, sagt Mechthild Baron, wissenschaftliche Mitarbeiterin des SRU in Berlin.

Schafft es die Politik, Hersteller und Importeure zur Einhaltung dieser Ziele zu verpflichten, bekommen die Einkäufer von Handelsketten ein Problem, die große Mengen an recht kurzlebiger Billigware aus Fernost auf den Markt bringen. Dieses Geschäft könnte ins Wanken geraten. Denn in den vergangenen Jahrzehnten hat im unteren Segment des Konsumgütermarktes ein Unterbietungswettlauf stattgefunden mit der Folge, dass sich etwa ein verkalkter Multifunktions-Brausekopf samt Schlauch durch einen neuen ersetzen lässt zum Preis einer Flasche Marken-Entkalker. Dabei hätte ein Duschkopf, den jeder Laie mühelos auseinanderschrauben und entkalken kann, eine viel bessere Ökobilanz, würde viele Jahre halten, eine höhere Wertschöpfung erwirtschaften als die vielen in dieser Zeit verschlissenen Ex-und-hopp-Exemplare mit ihren Margen im Cent-Bereich – und wäre unter dem Strich kaum teurer.

Bei höherwertigen Gebrauchsgütern wie Weißer Ware sieht Baron neue Chancen für das Modell „Nutzen statt kaufen“: „Wenn ein Hersteller Waschmaschinen nur noch verleiht, bezahle ich ihn dafür, dass das Ding läuft. Wenn es nicht mehr funktioniert, muss er es reparieren oder austauschen.“ Damit habe er automatisch ein größeres Interesse daran, es reparaturfreundlich zu konstruieren und robust zu bauen.

Für den Verpackungssektor heißen die Lösungen Mehrweg oder unverpackt. Es experimentieren bereits Weltkonzerne mit neuen Varianten dieser scheinbar archaischen Vertriebsweisen. Der kleine, aber bereits international tätige Recycling-Spezialist Terracycle aus New Jersey hat für Kunden wie Procter & Gamble, The Body Shop oder Häagen-Dazs einen Onlineshop namens Loop aufgebaut, der in Testmetropolen wie New York oder Paris ausgewählte Produkte in Mehrweg-Pfandbehältern anbietet, die eigens für diese Versuche designt wurden – zum Teil aus Edelstahl, was lange hält und gut zu recyceln ist. Der Lieferdienst UPS nimmt das Leergut bei der nächsten Zustellung in einer Mehrweg-Polstertasche wieder mit. Das Sortiment reicht von Kosmetika über Müsli bis zu Eiscreme in der doppelwandigen Isolierdose, die mehr wert ist als der Inhalt.

Das selbst im Vergleich zu einem deutschen Unverpackt-Laden schmale Sortiment und die nur für Bestverdiener akzeptablen Preise deuten freilich darauf hin, dass die logistischen Kosten sehr hoch sind und noch kein Geschäftsmodell für den Massenmarkt mit eher geringen Margen in Sicht ist. Das ist ganz anders bei Algramo, einem Start-up in Santiago, das mit einem Elektro-Dreirad in der chilenischen Hauptstadt unter anderem Waschmittel von Unilever lose nach Gewicht anbietet. Die Kunden sind Menschen mit wenig Geld, die kleine Mengen in mitgebrachte Behälter abzapfen. Während Kleinpackungen im Laden schon wegen des Verpackungsaufwands immer mit einem heftigen Zuschlag kalkuliert werden, berechnet Algramo einen einheitlichen Gramm-Preis, der etwa 30 Prozent unter dem von Großpackungen liegt. Auch Grundnahrungsmittel wie Reis, Bohnen und Zucker verkauft die Firma lose.

Für Kunden, die an Supermärkte mit vielen Tausend Artikeln und Hunderten von Marken gewöhnt sind, sind solche ressourcenschonenden Vertriebsmodelle wohl eher nichts. Potenzial für neue oder wiederbelebbare Mehrwegkonzepte gibt es dort aber auch, zum Beispiel bei Brauereien und Mineralbrunnen, die ihre Getränke bundesweit vermarkten. Aus Marketinggründen verwenden viele Abfüller markenspezifische Kästen und Flaschen, die dann später leer durch die Republik gekarrt werden. Mechthild Baron vom SRU rät den großen Marken deshalb zu einer Rückkehr zu sogenannten Pool-Flaschen und standardisierten Wasser- und Bierkästen. Die Erdinger Brauerei könnte ihr Weißbier in Jever-Pils-Leergut abfüllen und umgekehrt. Für die Präsentation im Supermarkt täten es auch Papierbanderolen.

Pool-Mehrweggläser hätten nach Ansicht der Expertin auch großes Potenzial bei Konserven. „Ob ich ein Glas in den Container schmeiße oder zurück in den Laden bringe, ist für mich als Verbraucherin letztlich egal“, sagt Baron. Der Supermarkt habe zwar mehr Aufwand und müsse dafür einige Quadratmeter Lagerfläche abzwacken. Dafür wäre der Einstieg leicht, denn viele Konservenhersteller nutzten sowieso einheitliche Gläser. Ein Beitrag zur CO2-Einsparung sei Mehrweg in dieser Branche allemal: „Jedes Glas, das wir in den Container werfen, muss mit viel Energie eingeschmolzen werden.“

Der vielleicht größte Hebel bei der Einführung einer ernst zu nehmenden Kreislaufwirtschaft könnten soziale Normen sein, also die landesüblichen Gebräuche. Gemeinhin gelten sie als schwer steuerbar. Doch nicht nur die große Zahl derer, die in Corona-Zeiten Maske tragen, hat gezeigt, dass sich auch kurzfristig viele Menschen zu Verhaltensänderungen bewegen lassen, wenn sie erkennen, dass es etwas bringt und nicht wehtut.

So lief es auch mit der Kampagne „Refill Nation“ in Großbritannien: Viele Briten gingen nicht ohne Einweg-Wasserflasche aus dem Haus, um jederzeit trinken zu können – was die Abfallberge wachsen ließ. Dann riefen Aktivisten Geschäftsleute, Behörden, Wirte und andere nette Bürger dazu auf, öffentlich zugängliche Wasserhähne zu montieren, an denen sich jeder gratis eine mitgebrachte Trinkflasche auffüllen konnte. Allein in Wales stieg die Zahl solcher Zapfstellen binnen eines Jahres von 10 auf mehr als 1000.

In einem Land wie Indonesien, das deutlich mehr unter der Plastikflut leidet, lässt sich das Refill-Konzept aus hygienischen Gründen nicht kopieren. Aber Martin Stuchtey ist guter Dinge, auf dem dicht bevölkerten pazifischen Archipel etwas bewegen zu können. Schon seit McKinsey-Zeiten arbeitet er beim Kampf gegen das Plastik im Meer eng mit der Ellen MacArthur Foundation zusammen. Die Stiftung der britischen Seglerin und Umweltaktivistin hat wiederum eine beachtliche Phalanx an internationalen Konzernen an Bord geholt, deren Chefs es nicht mehr egal ist, dass Müll ihrer Marken die Umwelt verschmutzt. Daher verpflichten sich Hersteller wie Nestlé, Pepsico, Unilever, Mars, Coca-Cola und Händler wie Walmart, Carrefour, Ahold oder die Lidl-Mutter Schwarz, gemeinsam mit Kunststoff- und Verpackungsherstellern an der Entwicklung einer New Plastics Economy mitzuwirken.

Mit dabei ist auch der Wiener Petrochemie-Konzern Borealis. Im Projekt „Stop Ocean Plastics“ baut er gemeinsam mit Stuchteys Firma Systemiq auf verschiedenen Inseln Indonesiens Recyclingsysteme auf. „Alle Kunststoffverpackungen werden gesammelt und sortiert“, erklärt Stuchtey, „die Einnahmen fließen zurück ins System und helfen bei dessen Finanzierung.“ Die Regierung des Landes setzt auf Kreislaufwirtschaft, denn die Millionen von Flaschen, die die Inselbewohner in ländlichen Regionen wild entsorgten, waren zur ernsten Gefahr für Fischerei und Tourismus geworden, zwei lebenswichtige Branchen. So fließt insbesondere das extrem weitverbreitete und gut wiederverwertbare Monomaterial PET weitgehend in den Kreislauf zurück. Drei Jahre nach dem Start sammelt Stop Ocean Plastics in den teilnehmenden Regionen bereits so viel ein, dass Stuchtey sagt: „Das läuft dort fast besser als in Deutschland.“ ---