Korrespondentenbericht #Frankreich

Nicht mit uns, Herr Präsident

Emmanuel Macron will Politik für die Jungen in Frankreich machen, aber das kommt bei denen nicht an. Sie demonstrieren gegen seine Rentenreform.





• „Macron tut so, als sei er ein Vertreter der jungen Generation. Das stimmt überhaupt nicht. Er ist einfach nur ein Vertreter des Kapitalismus“, sagt Candice Demirdjibashian, eine junge Aktivistin. Zusammen mit ihrem Freund, einem Gewerkschafter bei der Bahn, ist die 24-Jährige zum Studium aus dem konservativen Südfrankreich nach Paris gezogen. Die beiden wohnen in einer winzigen Wohnung hinter dem Gare du Nord, in einem der letzten Arbeiter- und Migrantenviertel der Stadt. Macron ist für sie nur Le Président des Riches – der Präsident der Reichen.

Egal ob mit der Bahnschaffnergewerkschaft oder mit den Anhängern der Gelbwesten: Demirdjibashian lässt keine Demo aus. Auch bei den Schüler- und Studentenstreiks im vergangenen Jahr war sie dabei.

Doch anders als in Deutschland ging es bei den größten Demonstrationen im Land meist nicht ums Klima, sondern um die geplante Rentenreform. Das jetzige System, so Macron, privilegiere klassische Karrieren, die heute immer seltener möglich seien. Auch könne es wegen des demografischen Wandels auf Dauer zu teuer werden. Macron und seine Regierung wollen deswegen ein einheitliches Umlagesystem nach Punkten einführen, in dem jedes Berufsjahr gleich viel zählt und alle mit 62 Jahren in Rente gehen. Aus gutem Grund: Bei der staatlichen Bahngesellschaft SNCF etwa gehen Schaffner im Schnitt mit 52 Jahren in den Ruhestand – die Regeln stammen noch aus der Zeit der Staublungen.

Macron argumentiert auf eine Weise, die für Deutsche einleuchtend klingt: Lasst uns heute Reformen machen, damit es uns morgen noch gut geht! Lasst uns ein paar Privilegien der älteren Generationen abschaffen, damit auch die Jüngeren noch ein funktionierendes Rentensystem haben!

Dennoch zog der Präsident mit seinen Plänen den geballten Furor der Straße auf sich – vor allem von jungen Leuten wie Demirdjibashian. „Es kann schon sein, dass es ein Finanzierungsproblem bei der Rente gibt, aber wir dürfen doch nicht einfach die Errungenschaften aufgeben, die wir erkämpft haben“, antwortet sie auf die Frage, warum sich so viele junge Menschen für die Privilegien der Älteren einsetzen. Ob sie denn glaube, selbst einmal in den Genuss einer guten Rente zu kommen? „Nein.“ Es geht ihr, wie vielen Franzosen, ums Prinzip. „Ich habe die Schnauze voll. Ernsthaft.“

Wie jeder fünfte Mensch in ihrer Altersgruppe ist die Aktivistin momentan arbeitslos. Von den über 50-Jährigen ist dagegen trotz Corona nur jeder zwanzigste gerade ohne Arbeit. Zu diesen Zahlen kommen weitere Probleme, die vermuten lassen, dass das Verhältnis zwischen den Generationen im Land strapaziert sein könnte. Die horrende Staatsverschuldung zum Beispiel. Oder die Frage, was eigentlich mit dem Atommüll passiert, der täglich in den Kraftwerken anfällt.

Emmanuel Macron spricht viel und oft über die Zukunft und Innovationsfähigkeit Frankreichs, über „nos jeunes“, Frankeichs Jugend. Doch Candice Demir- djibashian hält nichts von Politik entlang der Linie „Jung gegen Alt“: „Macron will mit seinem Gerede von Reformen einen Keil zwischen die Generationen treiben. Das ist ekelhaft.“

Warum verachten ausgerechnet so viele junge Menschen in Frankreich ihren Präsidenten und seine Reformpolitik? Warum protestieren sie gegen eine Rentenreform, wenn sie wie Demirdjibashian nicht einmal davon ausgehen, selbst je eine Rente zu bekommen?

Für deutsche Beobachter ist das schwer verständlich. Woran es liegen könnte, formuliert Candice Demirdjibashian so: „Der wahre Konflikt hat nichts mit dem Alter zu tun. Er liegt in der Aufteilung der Reichtümer.“ Es ist die Klassenfrage – immer noch.

Emmanuel Macron trat mit 39 Jahren sein Amt an und war mit Abstand der jüngste Präsident der Staatsgeschichte. Für viele Junge ist er dennoch in erster Linie der arrogante Abgänger einer Elite-Universität und ehemalige Investmentbanker, der die Sorgen und Nöte einer Generation, die trotz Studium und Ausbildung keine Arbeit findet, nicht nachempfinden kann. „Ich laufe einmal hier über die Straße und finde für dich eine Arbeitsstelle“, sagte Macron 2018 zu einem jungen Arbeitslosen vor laufender Kamera. Immer wieder rutschen dem französischen Präsidenten derlei irritierende Sätze heraus.

Das passt zu den Zahlen, die deutsche Korrespondentinnen und Korrespondenten bei der großen Erzählung vom jungen Heilsbringer Macron gern unter den Tisch fallen ließen: Er wurde nicht mit den Stimmen der Jungen Präsident, sondern weil die Älteren – statistisch gesehen auch die Wohlhabenderen – ihn mögen.

In der Wählergruppe der unter 24- Jährigen lag er deutlich hinter der rechtsextremen Marine LePen; die mit Abstand meisten Stimmen der Jugend erhielt der heute 68-jährige Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon. Ginge es nach den jungen Leuten, wäre Macron also nicht einmal in die Stichwahl gekommen. ---