Korrespondentenbericht #Israel

Lasst sie arbeiten

Nur wenige strenggläubige Männer in Israel verdienen Geld. Das wird zum Problem.





• Es gab Momente in seinem Studium, da musste Avihay Marciano den Saal verlassen, um heimlich draußen zu weinen. „Alle wussten, worum es geht“, sagt er heute, „nur ich nicht. Das hat mich sehr unter Druck gesetzt.“

Avihay Marciano, 31 Jahre alt, sitzt an einem schwülen Julimorgen in einem Co-Working-Space in Tel Aviv. Er trägt Poloshirt, Brille, Dreitagebart und unterscheidet sich äußerlich nicht von den jungen Digitalnomaden, die mit ihren Laptops die Cafés der Stadt bevölkern.

Doch Marciano kommt aus einer Welt, in der die Männer keine Poloshirts tragen, sondern weiße Hemden und Kippa, tagein, tagaus; in der es keine Musik von Pink Floyd gibt, die er als Erwachsener lieben gelernt hat, sondern nur die Gebetsgesänge der Männer. Avihay Marciano wuchs in einer ultraorthodoxen Familie auf, zwölf Jahre lang besuchte er eine Jeschiva, eine religiöse Schule, in der er viel über die Tora lernte und nichts über das moderne Leben. Seine Eltern hofften, er würde Rabbiner werden.

Als Zwanzigjähriger rebellierte er, ging zur Armee und beschloss, das Bagrut nachzuholen, das israelische Abitur. Inzwischen hat er ein Studium der Medienwissenschaften abgeschlossen und arbeitet für die Organisation Yotzim LeShinui (Raus für den Wandel), die Aussteigern wie ihm den Weg ins säkulare Bildungssystem bahnt.

150.000 ultraorthodoxe Jungen besuchen im Staat Israel derzeit die Schulen strengreligiöser Gemeinden. Diese sollen auf ein lebenslanges Torastudium vorbereiten. 50 Prozent der erwachsenen ultraorthodoxen Männer folgen diesem Ideal, ohne einer weltlichen Beschäftigung nachzugehen. Geld erhalten sie aus Spenden, vom Staat und von den Frauen, die meist berufstätig sind. In ultraorthodoxen Mädchenschulen werden deutlich mehr säkulare Themen unterrichtet, weshalb die Hälfte ihrer Schülerinnen das Bagrut ablegt, aber nur 13 Prozent der ultraorthodoxen Jungen.

Noch kann der Staat sich das leisten: Die Strenggläubigen, Haredim genannt, machen nur zwölf Prozent der Bevölkerung aus. Israels Wirtschaft floriert, vor der Corona-Krise lag die Arbeitslosenquote bei 3,5 Prozent, der innovative Hightech-Sektor lockt Investoren, Käufer und Kunden aus aller Welt an.

Allerdings wächst der Anteil der Haredim an der Gesellschaft rasant. Im Schnitt bekommen ultraorthodoxe Frauen sieben Kinder. In 30 Jahren, schätzen Demografen, dürften sie ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Schon heute besucht fast ein Fünftel der israelischen Kinder strengreligiöse Schulen.

„Die Haredim bekommen eine Dritte-Welt-Bildung. Wo sollen die Ärzte, die Ingenieure und Architekten herkommen, wer soll in diesem Land Steuern zahlen?“, fragt Dan Ben-David im Zoom-Gespräch. Er ist einer von Israels angesehensten Öko- nomen, der an der Universität von Tel Aviv forscht und lehrt.

Ben-David hat diese Fragen schon oft gestellt, in Vorträgen, Interviews und Artikeln, er will die Öffentlichkeit aufrütteln und die Politik sensibilisieren für ein Thema, das er für existenzbedrohend hält. „Wir leben in einer gefährlichen Nachbarschaft. Deshalb brauchen wir eine Erste-Welt-Armee, die auf einer Erste-Welt-Ökonomie basiert.“

Die Statistiken, mit denen er seine Argumente stützt, sind beunruhigend. Doch es bewegt sich etwas in der Gemeinde, die Außenstehenden so fremd und verschlossen erscheint. Es gibt Haredim, die neue Wege suchen. Yoeli Brim zum Beispiel, ein 18-Jähriger aus Jerusalem.

Als Frau kann man Yoeli Brim nicht treffen, zumindest nicht allein, das wäre ein Tabubruch in der konservativen Gemeinde. Doch man kann mit ihm telefonieren, lange sogar, denn Brim hat viel zu sagen. „Ich verstehe die Angst der Säkularen“, sagt er. „Wenn man die Studien sieht, die zeigen, dass die Gemeinde wächst und dass keine säkularen Stoffe unterrichtet werden, kann man sich wirklich Sorgen machen. Aber wir Haredim müssen uns selbst darum kümmern.“

Und Yoeli macht vor, wie es gehen könnte. Seit einem Jahr besucht er das Beit Midrash Barkai in den Golanhöhen, eine Art Internat für ultraorthodoxe Jungen, das religiöse Studien mit säkularem Unterricht kombiniert. Alle Schüler müssen sich verpflichten, nach ihrem Abschluss den Wehrdienst in der israelischen Armee anzutreten.

Yoeli Brim, der sich auf Informatik spezialisiert, hofft, eines Tages in einer der legendären Aufklärungs-Einheiten der Armee zu dienen, die viele von Israels erfolgreichsten Hightech-Entrepreneuren hervorgebracht haben. Das doppelte Unterrichtspensum macht ihm nichts aus, lange Schultage ist er gewöhnt: Mit drei Jahren lernen ultraorthodoxe Jungen lesen, vom ersten Schuljahr an verbringen sie mindestens neun Stunden täglich in der Jeschiva.

Brim hat zwölf Geschwister. Alle besuchen religiöse Schulen, die auch säkulare Stoffe lehren. Seine Eltern haben sich von seinem Weg überzeugen lassen. Und darin sei seine Familie keine Ausnahme, meint er. „Das passiert häufig.“

Auch andere sind überzeugt, dass sich in der ultraorthodoxen Gemeinde etwas ändert, langsam vielleicht, aber unaufhaltsam. Moshe Prigan gehört zu denjenigen, die diesen Trend beobachten und vorantreiben.

Der 35-Jährige wuchs in einer strengreligiösen Familie auf, verortet sich heute aber „in der Peripherie“ der Gemeinde. Er ist gläubig, aber undogmatisch, trägt Jeans zur Kippa und bewegt sich in der ultraorthodoxen Stadt Bnei Brak ebenso natürlich wie im säkularen Tel Aviv. Er arbeitet inzwischen am Beit Midrash Barkai, sucht geeignete Schüler und hilft bei der Entwicklung von Studienprogrammen. „Für ultraorthodoxe Jungen ist die Aussicht, in der Hightech-Branche zu arbeiten oder Offizier in einer Aufklärungs-Einheit zu werden, völlig fremd“, sagt er. „Bei uns lernen sie zu träumen.“

Das Beit Midrash Barkai, 2012 gegründet, finanziert sich durch Spenden, Schulgelder und staatliche Zuschüsse. Es gibt knapp 20 weitere Schulen in Israel, die ein ähnliches Programm anbieten, darunter die Hachmey Lev Jeschiva, die der Rabbiner Bezalel Cohen 2013 gegründet hat. Auch er sagt, er sei „beunruhigt“ angesichts der demografischen Entwicklung, glaubt aber, dass der Wandel, den so viele fordern, aus der ultraorthodoxen Gesellschaft selbst kommen muss.

Moshe Prigan sieht das ähnlich – und ist überzeugt, dass dieser Wandel bereits im Gange ist. „Ich brauche eine kritische Masse von ultraorthodoxen Hightech-Experten“, sagt er. „Wenn ich gut genug bin, wollen die Leute sein wie ich.“

Das Problem ist nur, dass der Wille allein nicht immer reicht. Der Staat versucht schon länger, Haredim mit verschiedenen Anreizen zur Integration in den Arbeitsmarkt zu bewegen. Es gibt spezielle Arbeitsagenturen, Stipendien und eine Vielzahl von Projekten, staatlich und privat finanziert, um sie aus- und weiterzubilden.

All diese Programme haben jedoch eines gemein: Sie müssen im Schnelldurchgang tiefe Wissenslücken füllen. Das gelingt nicht immer. Zwar steigt die Zahl der Haredim, die ein akademisches Studium beginnen, seit Jahren – aber mehr als die Hälfte von ihnen bricht es wieder ab. Bei den Männern sogar zwei Drittel.

Der Ökonom Dan Ben-David fordert deshalb, dass die Politik sich an das sensibelste Thema wagt: das strengreligiöse Bildungssystem. Der Staat solle jeder Schule, die nicht ausreichend säkulare Stoffe unterrichte, die finanzielle Unterstützung streichen. „Die Politiker weigern sich, die schwierigen Dinge zu tun“, sagt er. „Aber angesichts der demografischen Entwicklung wird das, was heute schwierig ist, morgen unmöglich sein.“ Nämlich die Zukunft des Landes zu sichern.

Andere setzen darauf, dass der Druck auf die ultraorthodoxen Rabbiner, die in ihren Gemeinden die Meinungsführer sind, nicht von oben kommt, von der Politik, sondern von unten – von den eigenen Anhängern. „Vielleicht wird es die Generation der 20- bis 30-Jährigen sein, die Druck macht, den Unterricht zu verbessern – weil die jetzt arbeiten gehen und die Notwendigkeit begreifen“, sagt der Sozialwissenschaftler Gilad Malach, der am Israel Democracy Institute, einem liberalen Thinktank, zur ultraorthodoxen Gesellschaft forscht.

An einzelnen Orten meint er das schon zu beobachten. Zwar lernen nur 3,5 Prozent der ultraorthodoxen Schüler derzeit an Schulen, die sie aufs Bagrut vorbereiten, doch die Konkurrenz habe manche traditionellen Schulen bereits dazu gebracht, Englischunterricht anzubieten – ein erster Schritt.

Außerdem darf bei all dem eines nicht unterschätzt werden: Strenggläubige sind gut darin zu lernen. Für Avihay Marciano, den Aussteiger im Tel Aviver Co-Working-Space, war es kein größeres Problem, den Stoff von zwölf Schuljahren in anderthalb Jahren nachzuholen. „Uns hinsetzen und studieren, das können wir“, sagt er. ---