Blick in die Bilanz

Heißer Reifen

Die deutsche Essens-Bestell-Plattform Delivery Hero wächst schneller als die meisten Konkurrenten. Allerdings auch in puncto Verluste.





• Delivery Hero, eines der wenigen Unternehmen aus der hiesigen Start-up-Szene, das es an die Börse geschafft hat, hat Konzernformat erreicht: Rund 22.000 Mitarbeiter in 44 Ländern erwirtschafteten 2019 rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz, indem sie für die Auslieferung von 666 Millionen Bestellungen sorgten. Bis Ende 2020 soll sich der Umsatz laut Managementprognose mindestens verdoppelt haben, schon Ende Juli lag er mit 1,1 Milliarden Euro 94 Prozent über dem Vorjahr. Die Bestellungen legten um gut 93 Prozent zu. Die großen Wettbewerber (für sie lagen bei Redaktionsschluss die Zahlen für 2020 nur bis Ende Mai vor) hinken deutlich hinterher: Just Eat Takeaway aus den Niederlanden erzielte bei den Bestellungen ein Plus von 23 Prozent, Grubhub, einer der führenden US-Anbieter, ein Plus von 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Dennoch sind die Konkurrenten im Vorteil, denn sie arbeiten profitabel. Das liegt unter anderem daran, dass sie in wenigen, aber großen Essens-Bestell-Nationen wie Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien oder den USA zu den Marktführern zählen, mit entsprechenden Skaleneffekten für IT, Verwaltung und Marketing. Delivery Hero ist in keinem dieser Länder präsent. Die Firma bedient Nischenmärkte von Bosnien und Herzegowina über Myanmar bis Oman. Von ihrem Heimatmarkt Deutschland zogen sie sich zurück, als sie die Marken Pizza.de und Lieferheld an Takeaway verkauften. Nur der Verkaufserlös von rund 920 Millionen Euro bewahrte Delivery Hero vor einem Jahresverlust von knapp 700 Millionen Euro.

Zwar wuchs der Umsatz in 2019 um 86 Prozent. Doch auch die Kosten legten deutlich zu, nicht nur für Marketing, IT oder Verwaltung. Vor allem die Cost of Sales verdreifachten sich fast – von 318 auf 926 Millionen Euro. Dies hat mit einer weiteren Besonderheit von Delivery Hero zu tun: Die Berliner setzen stärker als die Konkurrenz auf eine eigene Lieferflotte. Die Ausgaben dafür (delivery expenses) machten 770 Millionen der 926 Millionen Euro Cost of Sales aus. Sie steigen weiter. Denn Delivery Hero hat neuerdings ein weiteres Geschäftsfeld: den Quick Commerce. Dahinter verbirgt sich unter anderem die Lieferung von Produkten des täglichen Bedarfs innerhalb von weniger als 20 Minuten aus eigenen, lokalen Lagern. Sie nennen sie Dmarts, bis Ende des Jahres sollen 400 von ihnen weltweit in Betrieb sein.

Delivery Hero geht mit den roten Zahlen selbstbewusst um: Das Ziel sei nicht ein positives Nettoergebnis, sondern zunächst ein positiver „adjusted Ebitda“. Das ist eine Art operatives Ergebnis, aus dem die Kosten etwa für Restrukturierungen oder für die Implementierung von IT-Systemen bei neuen Plattformen herausgerechnet werden. Nicht einmal dieser adjusted Ebitda soll 2020 positiv werden. Delivery Hero gibt ihn als Marge vom Umsatz an: Minus 29,5 Prozent betrug sie Ende 2019, minus 28,4 Prozent Ende Juli 2020. Ende des Jahres soll sie zwischen minus 14 und minus 18 Prozent liegen, so die Managementprognose. Zum Vergleich: Just Eat Takeaway und Grubhub, die im Juni ihren Zusammenschluss bekannt gaben, kamen Ende 2019 gemeinschaftlich auf plus 14,9 Prozent.

Die Börse indes feiert Delivery Hero. Die Marktkapitalisierung stieg seit Jahresbeginn um mehr als 40 Prozent auf rund 20 Milliarden Euro. Damit brachte sich die Bestell-Plattform als Nachfolger des gestrauchelten Finanzkonzerns Wirecard im Dax ins Rennen. Ein großer Sprung für eine Firma, deren Fähigkeit, Gewinne zu erwirtschaften, unbewiesen ist – und die zuletzt einen operativen Verlust auswies, der ein Drittel des Eigenkapitals ausmacht. Ohnehin ist es mit den Zahlen beim Geschäftsmodell von Delivery Hero so eine Sache: Sie stammen von Dutzenden lokaler Plattformen aus teilweise entlegenen und in puncto Finanzregulierung noch in der Entwicklung befindlichen Regionen. Ihre korrekte Erfassung und Kontrolle dürfte für ein so schnell wachsendes Unternehmens eine Herausforderung darstellen. ---

Delivery Hero wurde 2011 in Berlin von Niklas Östberg mit dem Ziel gegründet, einen weltweiten Essens-Bestelldienst im Internet zu etablieren. Die Firma wuchs schnell durch Firmenkäufe im In- und Ausland und erregte das Interesse des Investors Oliver Samwer, dessen Holding 2015 knapp 39 Prozent an Delivery Hero erwarb. Östberg gewährte Samwer trotzdem nie einen Sitz im Aufsichtsrat. Delivery Hero kaufte weiter zu, trennte sich aber auch oft von Firmen, wenn es nicht gelang, sie zu Marktführern zu machen. Dadurch ist das Unternehmen auf mehreren bedeutenden Märkten nicht mehr präsent. Seit 2017 ist es börsennotiert.