Generationsfragen

Der Konflikt zwischen Alt und Jung ist heute wieder in Mode – und von gestern.



© Illustration: Max Kersting



Neu – das ist in der Regel nur, was einer Generation neu vorkommt.
Ludwig Marcuse

Okay, Boomer. Was haben sich eure Eltern eigentlich dabei gedacht, als ihr auf die Welt gekommen seid, damals in den wilden Sechzigerjahren, dem Jahrzehnt der Jugendbewegung, mit Flower-Power, Kommunen und Utopien an jeder Ecke? Gab es unter den Streetfighting-Men und -Women, von denen die Rolling Stones sangen, auch welche, die an ihre Rente dachten?

You can’t always get what you want, warnten die Stones.

Und das wusste auch das amerikanische Autorenduo George Clayton Johnson (Jahrgang 1929) und William F. Nolan (Jahrgang 1928), die zusammen den sozialkritischen Roman „Logan’s Run“ schrieben, dessen Stoff in den Siebzigerjahren unter dem peinlichen Verleihtitel „Flucht ins 23. Jahrhundert“ in die Kinos kam. Die Autoren berichten von einer Zukunft, in der der Wohlstand hoch ist, die Fürsorge umfassend, niemand mehr schuften muss. Das ist super. Aber weil man nicht alles haben kann, muss man auch ein paar Einbußen auf sich nehmen. Leben kann man in diesem Schlaraffenland nur unter einer schützenden, riesigen Kuppel, die Umwelt ist zerstört. Drinnen feiert die Jugendkultur sich selbst, die Party nimmt kein Ende. Das Motto: „The perfect world of total pleasure“.

Da sieht niemand alt aus. So weit kommt es nämlich nicht. Denn in diesem Jugendwunderland ist es Brauch, dass die Bürgerinnen und Bürger mit Vollendung ihres 30. Lebensjahres im Rahmen einer feierlichen Zeremonie getötet werden.

You can’t always get what you want.

Der Vorteil: Um die Zukunft muss sich niemand sorgen, weil es eh keine gibt, die Jungen haben es lustig, und kein alter Sack mäkelt herum. Wo es keine Generationen gibt, gibt es auch keinen Generationenkonflikt.

Forever Young.

Im späten Konsumkapitalismus ist man toleranter. Da ist man erst mit 49 so gut wie tot, weil nicht mehr als Zielgruppe relevant. Alt sein will eh niemand. Alt – das heißt schwach, krank, hässlich und kostspielig. Die Alten sind Risikogruppe, nicht nur während einer Pandemie, sie riechen komisch, sie sterben bald. Damit will niemand etwas zu tun haben. Jedes Jahr mehr auf dem Buckel erinnert uns daran. Alter, so hat ein kluger Mensch gesagt, ist nichts für Feiglinge. Aber den meisten fehlt der Mut, sich das klarzumachen. Jung sein wollen alle, heute auch die Alten, und der Wohlstand und die gute Versorgungslage helfen dabei, diese Illusion zu nähren, bis das Essen auf Rädern kommt.

Doch eine Kultur lässt sich nicht so einfach liften. Früher starben die Leute schnell weg, und wer da nicht mitmachte, kam aufs Altenteil oder ins Siechenheim, dem Ort, an den man ganz Alte und Sterbenskranke brachte, die zu nichts mehr nütze waren, weil die körperliche Kraft fehlte. Ohne die war man nichts. Und heute? In der Wissensgesellschaft zählt der Geist? Echt?

Jugendwahn und Altersstarrsinn sind sich recht ähnlich. Die einen wissen noch nichts, die anderen nichts mehr vom wirklichen Leben, aber die Ursachen dafür haben weniger mit dem Alter zu tun als mit der Art und Weise, wie wir mit Jungen und Alten umgehen. Der Kern des Ge- nerationenkonfliktes ist, dass beide Seiten sich nicht ernst nehmen, weil sie nicht ernst genommen werden.

Junge und Alte lassen sich gleich gut manipulieren, gegeneinander ausspielen, sich etwas einreden und andrehen. Man kann sie ausbeuten und betrügen, auf die Seite stellen. Und nein, es geht nicht darum, den Konflikt zu relativieren – er sollte ausgefochten werden, denn das könnte die unterschiedlichen Ansprüche und Bedürfnisse klarmachen. Aber die Differenzen werden, wie so vieles heute, zugedeckt. Alle wollen jung sein – und niemand mehr was vom Leben wissen.

Jungsein als wichtigste Eigenschaft, das ging schon dem Säulenheiligen der Jugendkultur der Sechzigerjahre, Bob Dylan, bald so auf den Zeiger, dass er gegen den wild grassierenden Jugendwahn anschrieb. In seinem Lied „My Back Pages“ lobt er 1964 die Erfahrung, weil sie einen im Kopf jünger macht, weil sie hilft, Vorurteile als solche zu durchschauen, zu sich selbst zu finden und andere besser zu verstehen. Das ist keine Frage der gelebten Jahre – Dylan ist gerade mal 23 Jahre alt –, sondern der Einstellung: „But I was so much older then/I’m younger than that now“ (My Back Pages, Another Side of Bob Dylan, 1964).

Jung im Kopf heißt: lernen, fragen, neugierig sein, nachdenken, wie es ist oder sein könnte.

© Illustration: Max Kersting

Wenn wir über Generationenverträge sprechen, dann sollten wir uns erst einmal klarmachen, was eine Generation überhaupt sein soll. In Zeiten des ausgeprägten Schubladendenkens ist das keineswegs eindeutig. Unverdächtig ist das Wort Generation nur in seiner naturwissenschaftlichen Variante, wo es für Familie und Abstammung steht. Nun muss man sich bekanntlich mit seiner Familie nicht unbedingt identifizieren. Aber der neue Generationenbegriff, den die Sozialwissenschaften seit dem 19. Jahrhundert ins Spiel bringen, hat nichts anderes im Sinn: Man leiht sich eine Identität, eine Zugehörigkeit. Man macht keine eigenen Erfahrungen mehr, sondern ist Teil eines Ganzen, einer Generation X, Y, Z, die einem selbst und vor allem den anderen sagt, wo es langgeht und was gut und böse ist. Das erleichtert die Zuordnung, die Kontrolle und das Denken ungemein, vor allen Dingen der Werbung, den Medien, der Politik.

Teil einer Generation zu sein macht aus Persönlichkeiten Zugehörige, also aus Individuen Gruppenmitglieder, die sich nach einfachen Kategorien zuordnen lassen, ohne viel Eigeninitiative zu verlangen. Der Jahrgang, die „Kohorte“ macht einen zum Sieger oder Verlierer, ein Stereotyp, das man etwa im Begriff der Digital Natives findet, die sich selbst Kompetenz zuschreiben, weil sie im Zeitalter von Computer und Netzwerken geboren wurden. Ebenso gut könnte man behaupten, dass alle um das Jahr 1804 geborenen Menschen in Europa Eisenbahnexperten sein müssten, weil damals die erste Dampflok auf Schienen fuhr. Warum waren eigent- lich alle, die Anfang der Sechzigerjahre geboren wurden, nicht auch Raumfahrt- experten? Das ist ein blöder Vergleich? Stimmt.

Sich auf Generationsstereoptype zu berufen ist denkfaul und überheblich. Man definiert sich so seine Privilegien gegenüber den Vor- und Nachgeborenen, bis die nächste Kohorte nachrückt. Die Feindbilder werden weitergelebt. Und so wird aus Jugendwahn der Altersstarrsinn, die gleichen Leute, die das vermeintlich so schwere Schicksal der eigenen Generation beklagt haben und die Probleme der anderer nur marginalisiert, verlangen – mindestens! – Hausarrest für die Rotzlöffel der nächsten Generation, wenn die auch nur husten.

Der Philosoph Walter Benjamin, der bei seiner Flucht vor den Nazis umkam, hat in seinem Aufsatz „Der destruktive Charakter“ festgehalten: Dieser sei „jung und heiter. Denn Zerstören verjüngt, weil es die Spuren unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt (…), der destruktive Charakter ist immer frisch bei der Arbeit. Die Natur ist es, die ihm das Tempo vorschreibt, indirekt wenigstens: denn er muss ihr zuvorkommen. Sonst wird sie selber die Zerstörung übernehmen.“

Die Jungen fressen die Alten, und die Alten verheizen die Jungen, wenn sie können. Das ist die alte Logik. Der Jugendwahn kam später und ist noch mal was anderes, ein Kind ausgerechnet der Aufklärung, die solchen Unfug verhindern sollte. Perfektioniert wurde der Jugendwahn zum Ende des 18. Jahrhunderts in einem Pariser Kloster namens Saint-Hono- ré, das dem Jakobinerorden gehörte. Dort traf sich der harte Kern jener verhaltens-originellen Fraktion der Französischen Revolution, die die totale Macht anstrebte. Keine Kompromisse! Alles Alte war böse und hinfällig, nicht nur das Ancien Regime (das französische System vor der Revolution) und dessen Feudalgesellschaft, die 1789 stürzte. Alles musste neu sein: Maße, Gewichte, sogar der Kalender, die Sprache und die Kleider, die Frisuren und die Welt als solche. Tabula rasa, kein Stein auf dem anderen.

Die Jakobiner waren Anhänger der Heilslehren des Jean-Jacques Rousseau, der den „Contrat Social“ verfasst hat, den neuen Gesellschaftsvertrag, den man umsetzen wollte. Unter der Führung des eigenbrötlerischen Juristen Maximilien de Robespierre gab es kein Pardon, nur die totale Revolution. Das Zentralorgan des Terrors war der sogenannte Wohlfahrtsausschuss, der seit 1793 über die absolute Macht im Staat verfügte. Dort wütete der jugendliche Louis Antoine de Saint-Juste, der, als er 1791 zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt wurde, das Amt zunächst gar nicht antreten konnte – weil er dafür mit 24 Jahren noch zu jung war. 1792 wird er dann als Ankläger des Königs Ludwig XVI. berühmt. Saint-Justes Anklage spricht vom Schönen, Wahren, Guten, von Menschenrechten, die in einem neuen Gesellschaftsvertrag im Mittelpunkt stehen sollen.

Saint-Juste will „Europa das Glück bringen“, und darauf sollen alle ein Recht haben, alle, außer dem König, denn der und seine Familie und deren Leute stehen außerhalb des Gesellschaftsvertrags.

Saint-Juste trennt das Junge, das immer recht hat, vom Alten, das immer sterben muss. Das kostet den König, seiner Familie und geschätzten 40 000 Franzosen das Leben, und es vertreibt die intellektuelle Elite aus dem Land, das sich von so viel Gutem nie wieder erholen wird. Nur der große europäische Krieg wird Frankreich noch für knapp 20 Jahre an der Spitze halten, danach versinkt die Grande Nation im Mittelfeld. Der Triumph der Jungen über die Alten kostet jede Menge Zukunft. Aber nach wie vor hält man die dem Terror zugrunde liegende Argumentation für richtig und revolutionär, auch wenn man keine Köpfe rollen lässt. Beim Kampf zwischen Jung und Alt geht es immer noch um Leben und Tod.

Die Jungen bedienen die Guillotine, die Alten schicken die Jungen aufs Schlachtfeld, um für ihre Interessen zu bluten. Jeder will sich Vorteile verschaffen, keiner will sie mehr hergeben. Generationenkonflikte bestehen sehr oft aus diesem Stoff. Vordergründig mag es da stets um hehre Ziele gehen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Es geht nur darum, an den Drücker zu kommen. Da gibt es keine Gewinner. 1794 starben Robespierre und Saint-Juste an ihrer eigenen Logik – auch der jugendliche Messias war plötzlich nicht mehr Teil des Gesellschaftsvertrags.

Dass die Revolution ihre Kinder frisst, wird vom Nachwuchs gern unterschätzt. Extremismus führt zu extremen Reaktionen, und wer seinen Generationenkonflikt nach Art des Wohlstandsausschusses einrichtet, wird nicht alt. So geht es allen Jakobinern, denn wer Wind sät, wird auch dann Sturm ernten, wenn er noch nicht ganz trocken hinter den Ohren ist.


Der destruktive Charakter ist jung und heiter. Denn Zerstören verjüngt, weil es die Spuren unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt.
Walter Benjamin

Schauen wir noch mal auf den harten Kern: Sehen wir die Leidenschaft und Naivität der Jungen auf der einen Seite, Starrsinn und Rechthaberei in der Liga der Alten auf der anderen mal nicht als einzige Ursache des Konflikts. Wer um die Deutungshoheit in einer Gesellschaft kämpft, tut das nicht zum Selbstzweck. Dahinter steckt die Frage, wer die Ressourcen kontrolliert und verteilt, also nüchterne, materielle Interessen, die man moralisch verbrämt.

Wer hat das Sagen? Wer kriegt die besten Jobs? Wer kriegt die sichersten Posten? In Zeiten der heftigen Transformation und sich abzeichnender Krisen wird das immer wichtiger. Hinter dem Pathos der Jakobiner von der neuen, gerechteren Welt steckt natürlich auch Selbstgerechtigkeit – und die Gier auf das, was andere haben. Das gilt nicht nur für Sachen und Ressourcen, sondern auch für ihre Voraussetzungen. Wissen und Können sind die Grundlagen des persönlichen wie gesellschaftlichen Wohlstands. Sie machen den Unterschied.

Im jakobinischen Selbstverständnis sind Unterschiede aber verboten. Denn man kämpfte, durchaus verständlich, gegen eine alte Welt, in der Privilegien erblich waren, in der einige wenige Junge von den Alten eine Welt bekamen, die sie erhalten sollten, nicht verändern. Alle anderen gingen leer aus.

Den Rahmen dafür setzte ein Gleichnis des französischen Gelehrten Bernhard von Chartres, das er im Jahr 1120 geprägt hatte: Wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Das sollte im Geist von Chartres die alten Machthaber stützen, Kirche und Adel. Das Gleichnis ist auch heute noch von Bedeutung.

Im Jahr 2002 ging der Sozialwissenschaftler Michael Astor in seinem Aufsatz „Innovation – eine Domäne der Jugend?“ der Frage nach, ob sich die für selbstverständlich gehaltene Gleichung „jung = innovativ“, die sich von „jung = neu und besser denken“ ableitet, empirisch erhärten lässt. In der Agrar- und Industriegesellschaft war, wie gesagt, die physische Leistungsfähigkeit das Maß der Dinge. Doch wo es um Verstand auf der Grundlage von Know-how und Erfahrungswissen geht und nicht nur um Fitness, sieht die Sache schon lange anders aus. Junge, so fand Astor heraus, experimentierten zwar beispielsweise mehr mit digitaler Technik, doch die Erfahrung der Alten stellte das im Ergebnis beim Finden neuer Lösungen in den Schatten. Wo es um „konkrete Projekte“ und ganz handfeste Lösungen geht, so Astor, steigt in einer Wissensgesellschaft „das qualifikatorische Potenzial jedes Beteiligten (…) mit der Zahl der durchgeführten Projekte.“

Kurz: Übung macht den Meister, und das gilt erst recht dort, wo es um praktische Problemlösung geht. Das ist auch im Hinblick darauf, dass im Jahr 2100 die Gruppe 60+ rund 40 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen wird, keine schlechte Nachricht. Evolutionäre Innovation braucht die Neugier und den Aufbruchsgeist der Jungen und das Know-how der Alten. Es geht um Zusammenarbeit, Kooperation, nicht um Konflikt.

Die im Westen so verbreitete Vorstellung, dass einer Ära die nächste folgt, ein klar getrennter Abschnitt dem anderen, führt zu Unverständnis und Ausgrenzung, zu falschen Unterschieden also.

Umgekehrt darf sich der Zwerg auf den Schultern des Riesen auch nicht machtlos fühlen, nicht so, als ob er an der Perspektive, die ihm zukommt, nichts ändern könnte. Richtig bedacht und in die Zeit gesetzt, bedeutet Bernhard von Chartres Gleichnis, dass man sich seiner Rolle und der Entwicklung gleichermaßen bewusst sein soll.

Man soll die Regeln kennen, um sie zu brechen. Um große Herausforderungen zu bewältigen, von der Klimakrise bis zur Transformation von der Industrie- zur Wissensarbeit, ist Abgrenzung – im Sinne von Abschottung und Nichtwissenwollen – eine ganz schlechte Idee. Viel schlauer ist der Austausch, das Verbinden von Interessen, das Nutzen von Erfahrungen, soweit das möglich ist. Solange es einen Generationenkonflikt gibt, der nur nachweisen will, dass die anderen falschliegen, kommt man nicht weiter.

Entwicklung kennt kein Alt und Jung. Entwicklung kennt nur Fortschritt, und der besteht nicht im Weiter-So, sondern im Immer-Besser.

Das ist die Logik der Evolution, der echten Entwicklung, die immer mehr als eine Seite hat. Ihre Geschichte kann man verstehen und nutzen – und aus ihr lernen, wenn man will. Das ist es, was Jakobiner und alte Starrköpfe am meisten hassen.

Geschichtsvergessenheit herrscht auf beiden Seiten, bei den Jakobinern wie bei den Reaktionären. Erfahrung und Lernen sind das Gegenteil ihres Geschäftsmodells, bei dem es um stoisches Bewahren oder hemmungsloses Zerstören geht.

Entwicklung setzt voraus, dass man sich nicht auf Stereotype festlegen lässt, sondern selber denkt. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat in seinem Buch „Über die Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand“ dazu aufgefordert: Junge – lernt Geschichte! Nicht um nachzubeten, was war, sondern um Zusammenhänge mit dem, was ist, zu erkennen. Weil man erst dann sein eigenes Ding machen kann. Wer seine Geschichte kennt, der hält dem Gruppendruck stand, der lässt sich nicht durch Moden und Parolen definieren.

Man müsste allerdings (mindestens) hinzufügen: Junge, lernt Rechnen! Lernt die Grundlagen der Ökonomie. Zahlen sind nicht alles, aber sie helfen dabei, die Welt ein wenig besser einschätzen zu können – und damit auch den eigenen Platz treffsicherer zu definieren. Die These zum Beispiel, dass die Alten diese Welt auf Kosten ihrer Kinder und Enkel verprassen, auf Nachhaltigkeit pfeifen, die ist zu einfach. Das hier ist die beste Welt, die wir jemals hatten, und zwar in vielerlei Hinsicht. Das heißt nicht, dass man zufrieden sein muss: mit Bildung, Infrastruktur, dem Mangel an bezahlbaren Wohnungen, der Frage der Gestaltung von Arbeit und Selbstbestimmung.

Das geht alles viel besser. Aber man muss auch das materielle Fundament sehen, das heute zumindest hierzulande besteht – und, ja, an dem die Alten durchaus ihre Verdienste haben: Das BIP lag in Deutschland im Jahr nach der Wiedervereinigung bei 1586 Milliarden Euro, im Jahr 2019 hat es sich auf 3436 Milliarden Euro erhöht. Das ist ein gewaltiger materieller Sprung, aus dem etwas zu machen wäre.

Und auch die so gern als vernachlässigt beschriebene Bildung ist so schlecht nicht: Immerhin hat sich die Studienanfängerquote, die zeigt, wie hoch der Anteil der Erstsemester an Universitäten und Hochschulen pro Jahrgang ist, zwischen 2002 und 2019 von rund 37 auf etwas mehr als 56 Prozent erhöht. Mag sein, dass viele auch deshalb studieren, weil sie der Arbeitswelt noch eine Zeit entgehen wollen, vielleicht auch, weil sie, durchaus verständlich, noch nicht wissen, wo es langgeht. Dennoch steht den Jungen offen, was noch vor zwei Generationen nicht so einfach möglich war, hochwertige Bildung, mit der sie lernen können, die Welt nicht nur rhetorisch zu verändern, sondern faktisch.

Und dazu kommt: Es wird geerbt wie nie zuvor. Seit den Achtzigerjahren hat sich das Geldvermögen im Land verfünffacht, und auch wenn es durch die Niedrigzinsen kaum noch wächst oder gar schrumpft: Immobilien, in die sich Vermögende gern flüchten und die häufig vererbt werden, sind dafür enorm im Wert gestiegen. Nicht alle Jungen erben, und die vererbten Summen unterscheiden sich enorm. Nicht allen steht mit einem Studium schon die Welt offen. Nicht alle werden Erfolg haben mit dem, was sie tun. Aber eine „verlorene Generation“? Sieht anders aus.

Karl Marx schrieb, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, und daran hat sich auch in der hoch entwickelten Konsumgesellschaft nichts geändert. Die Voraussetzungen für einen gelungenen Generationenvertrag sind: Geschichte zu kennen, sich erinnern zu können und gleichsam lernen zu wollen. Dafür braucht man eine heute recht selten gewordene Ressource, den Realitätssinn, der den eigenen Ärger, die eigenen Bedürfnisse hinterfragt. Ist es so schrecklich, wie alle sagen? Oder reden wir nur mit denen, die uns ständig das sagen, was wir hören wollen?


Wer bei der Frage, wie die Jungen und Alten ticken, nur auf Twitter und Facebook schaut, der schaut an der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorbei.
Bernhard Heinzlmaier

Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier vermutet Letzteres, und damit auch, dass der Konflikt der Generationen weitgehend ein „Selbstgespräch der Eliten ist, das mit der Wirklichkeit wenig bis nichts zu tun hat. Wer bei der Frage, wie die Jungen und Alten ticken, nur auf Twitter und Facebook schaut, der schaut an der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorbei“, so der Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts T-Factory. Überhaupt: Beim französischen Soziologen Pierre Bourdieu habe er gelernt, dass „die Behauptung, man wisse, was die Jugend bewegt, immer unter Manipulationsverdacht stehen sollte – weil es ‚die Jugend‘ nicht gibt. Welche Jugend meint man? Die Studenten, und welche davon? Berufstätige, die in Kurzarbeit sind oder einen Job suchen? Pendler, Auszubildende?“ Und keine dieser Kategorien, sagt Heinzlmaier, ließe eine allgemeine Antwort zu. Vielleicht sollte man einfach mal über den Rand des Kinder- beziehungs-weise Seniorentellers gucken. Die Überraschungen wären groß.

Vor Kurzem hat die T-Factory eine repräsentative Umfrage bei unter 30-Jährigen in Österreich gemacht und nach besonders vertrauenswürdigen Institutionen gefragt. „80 Prozent haben geantwortet: Am meisten vertraue ich der Polizei, dann kommen die Gerichte. Fragen Sie das einmal in den sozialen Medien“, sagt Heinzlmaier. Es sind Welten. Wer aber nur in seiner leben will, wird niemandem gerecht. Auch wenn er noch so oft davon redet.

Was gebraucht wird, ist eine gemeinsame Perspektive für Alt und Jung. „Wir stecken in einer Schleife fest, wir drehen Loopings. Viele Junge sehnen sich heute mehr nach einem Gestern, das es nie gab, als es die Alten tun, die sich noch daran erinnern können, was falsch gelaufen ist. Das muss man durchbrechen“, sagt Heinzlmaier, „und nicht durch Gegensätze anheizen. Risiken sollen nicht verhindert, aber abschätzbarer werden – Zukunft braucht auch kalkuliertes Risiko, eine Form von Sicherheit, die die Angst vor dem Ungewissen reduziert. Junge und Alte wollen in einer Welt leben, in der man sich nicht vorm Morgen fürchten muss, sondern weiß, dass wir alles tun, damit es besser wird.“

Wer das lernt, sieht nicht alt aus. ---

Aus der Ausgabe

 Neuer Generationenvertrag  
Jung und Alt haben auch viel gemeinsam: Sie werden gern verkannt, nicht ganz für voll genommen, mit Vorurteilen ausgegrenzt oder gegeneinander in Stellung gebracht. Dass sie dennoch gerade in Krisenzeiten immer wieder zueinander finden, spricht dafür, dass der Generationenkonflikt vor allem eine schlagzeilenträchtige Fiktion ist.

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