Editorial

Gemeinsam

• Haben Sie sich auch geärgert? Über die Horden meist junger Menschen, die auf Mallorca, im Hamburger Schanzenviertel oder im Münchener Englischen Garten feierten, als gäbe es kein Morgen mehr?

Foto: André Hemstedt & Tine Reimer


Neben all dem Schaden, den die Pandemie ohnehin anrichtete, scheint das Virus angetreten zu sein, einen Keil zwischen die Generationen zu treiben: Es rafft vor allem die Alten hin, hindert die Jungen am Leben und fordert ihnen Rücksicht ab. Immerhin ist die Idee vom Tisch, die Alten einfach zu kasernieren.

Jung und Alt. Seit Aristoteles ein Thema, über das sich lebhaft diskutieren lässt – und vor allem eines, das zur Konfliktbeschwörung taugt. Dabei – und das ist ein durchaus begründeter Verdacht – scheint es vor allem für die mittleren Jahrgänge ein Streitthema zu sein.

Großeltern und Enkel dagegen verbünden sich gern, wie auf den Demonstrationen für mehr Klimaschutz, gegen Rechts oder gegen Corona-Leugner immer wieder zu beobachten ist. Jung und Alt haben auch viel gemeinsam: Sie werden gern verkannt, nicht ganz für voll genommen, mit Vorurteilen ausgegrenzt oder gegeneinander in Stellung gebracht. Dass sie dennoch gerade in Krisenzeiten immer wieder zueinander finden, spricht dafür, dass der Gene-rationenkonflikt vor allem eine schlagzeilenträchtige Fiktion ist (S. 32, 38).

Als Thema weit wichtiger, wenn auch nicht so leicht zu emotionalisieren: der Generationen- vertrag, der längst einer Überarbeitung bedarf. Nicht nur weil das Rentensystem der demografischen Entwicklung nicht gewachsen und das politische System nicht unbedingt jugendfreundlich ist: Sanfte bis harsche Ausgrenzung des Nachwuchses ist an Universitäten ebenso zu beobachten wie in Vorständen oder Aufsichtsräten. Wer in jungen Jahren an die Spitze will, gründet am besten selbst ein Unternehmen, oder er hat das Glück zu erben (S. 80, 86).

Zwei Ideen, wie das einfacher gehen kann: die triale Ausbildung verschiedener Handwerkskammern und die Erbschaft für alle, die der französische Ökonom Thomas Piketty favorisiert. Beides könnte die Chancen der Jungen verbessern. Und wenn dann noch, wie beim Gleisbauer Hering, alles dafür getan wird, die Alten bei Gesundheit zu halten, ist auch der demografische Wandel bewältigbar (S. 54, 88, 48).

Was dabei sicher mehr hilft als Konfrontation: Verständnis füreinander – und Humor. Den hat Martin Dachselt, der als „alter Sack“ (Dachselt) mit jungen Nerds seine E-Sports-Firma betreibt. Und den hat auch Jens Bergmann, der einer brand eins-internen Jungtürken-Verschwörung auf die Schliche kam (S. 62, 68).

Ärgern Sie sich also nicht, wenn die Jungen feiern. Denken Sie an die Zeit zurück, als es auch für Sie noch kein Morgen gab, und reden Sie mit ihnen. ---

Titelbild: Lorraine Hellwig