Geliehenes Erbe und gedüngte Zukunft

Über Konflikte zwischen Generationen in Politik, Familienunternehmen, Bildung und Wissenschaft.





Was versteht die Wissenschaft unter Generationen?

In der Biologie ist das noch einfach und deswegen uninteressant: Eine Generation wird definiert als die Zeit zwischen der Eheschließung der Eltern und der der Kinder. Aktuell liegt diese Spanne bei knapp 32 Jahren.

In der Soziologie und Kulturwissenschaft wird es hingegen aufregend, da Medien, Marketing und die Mitglieder der Generationen selbst die Diskussion bestimmen. Generationen werden hier eher als „Altersgruppen“ verstanden und analysiert, die aufgrund gemeinsamer Prägung durch eine spezifische historische und kulturelle Konstellation eine zeitbezogene Ähnlichkeit aufweisen – oder aufweisen sollen.

Ist das der Kern des Konfliktes?

Nicht zwingend eines Konfliktes zwischen den Generationen – das Problem steckt in der Generalisierung. Seit den Sechzigern, bei allen Generationen von B(abyboomern) bis Z, und nun wieder vorn angefangen mit Alpha, bergen verallgemeinernde Zuschreibungen Konfliktpotenzial.

Medien aber lieben zu einem großen Teil alles, was von der Normalität und dem Bisherigen abweicht, und da sind generationale Auffälligkeiten und entsprechende angebliche Konflikte titelträchtig. So wird dann die Abweichung einer elitären Avantgarde gefühlt zum Mainstream, was beiden nicht gefällt.

Und was ist der Kern des Konfliktes zwischen den Generationen?

Die Frage ist, ob es den überhaupt gibt – oder ob er nicht nur eine mediale Inszenierung ist. Auf politischer Ebene ist aber durchaus zu bedenken, ob staatsverschuldende und unökologische Lösungen nicht zulasten und auf Kosten ungeborener beziehungsweise noch nicht wahlberechtigter Generationen gehen.

Sie haben dazu dem ehemaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück einen Vorschlag gemacht, wie dies in die Renten-Debatte einzubringen sein könnte.

Die Idee war sehr einfach. Der Bundespräsident hat neben Kanzler- und Ministerernennung eine besondere Funktion: Er unterzeichnet die Bundesgesetze, wenn sie durch die beteiligten Bundesminister und den Bundeskanzler gegengezeichnet sind. Er muss prüfen, ob die Gesetze nach den Vorschriften des Grundgesetzes zustande gekommen sind (formell und materiell).

Mein Vorschlag war: Bei dieser Prüfung auch die Frage der Generationengerechtigkeit zu berücksichtigen. Konkret: den Blick auf die langfristigen Folgeprobleme vermeintlicher Lösungen zu richten, etwa bei Atomenergie, Staatsverschuldung, Renten- und Bildungsfinanzierung, Landwirtschaft.

Und Steinbrücks Reaktion?

Generational erwartbar. Das ginge nicht, verfassungsrechtlich nicht, und wegen des institutionellen Designs der parlamentarischen Verfassung, des Bundeskanzleramts, des Bundespräsidialamts und so weiter. Ich war während der Finanzkrise 2008 in seinem persönlichen Beraterkreis und habe gelernt, dass es bei Politik doch eher darum geht, den „Laden jetzt zusammenzuhalten“, wie Steinbrück stets wiederholte.

Politik ist im Präsens unterwegs – wissenschaftliche Beratung im Futur Perfekt. Sie muss versuchen, bisherige Probleme, die aktuellen Lösungsoptionen und zukünftige Lösungsprobleme immer gleichzeitig im Blick zu behalten.

Die Lösungen selbst aber müssen wir als Gesellschaft gemeinsam erfinden. Und vermutlich schneller als bisher, denn die politischen Entscheidungen werden zunehmend mit Horizonten versehen, die auch bei allem medizinischen Fortschritt kaum mehr erinnerbar sind. Kohleausstieg, Schuldentilgung, langfristige Infrastruktur-Investitionen, Klimaschutz – alles aufgehoben für die nächste Jahr- hunderthälfte.

Solche Horizonte haben in der Wirtschaft bestenfalls Familienunternehmen. Machen die im Austausch zwischen den Generationen und der Nachfolge alles richtig?

Das ist wohl eher Wunsch als Wirklichkeit. Die Geschichten konfliktreicher Familienunternehmen – beispielsweise Albrecht, Bahlsen, Tönnies und viele andere – zeigen sehr schön, dass auch dort die Kommunikation zwischen den Generationen den gleichen Mustern folgt: Tabuisierung, etwa wenn es um Erwartungen und die Bewertung von Nachfolgen geht, Enthemmung, zum Beispiel manifestiert in öffentlichen Beleidigungen oder Rechtsstreiten mit der nächsten Generation, die es in börsennotierten Gesellschaften selten gibt.

Aber dennoch finden sich auch spannende Aussagen von aufgeklärten Patriarchen am Frühstückstisch, bei denen es sich allerdings lohnt, genau zuzuhören: „Ich führe unser Familienunternehmen in der dritten Generation und spüre die Verantwortung des geliehenen Erbes, liebe Tochter, lieber Neffe“, ist eben auch eine sehr kluge Aufladung, Einbindung, Zumutung.

Und wo stellt sich die Generationenfrage in börsennotierten Unternehmen?

Diese werden von Vorständen geführt, die nachweislich keine substanzielle IT-Kompetenz in ihren Lebensläufen aufweisen und von noch älteren Aufsichtsräten kontrolliert werden, die vermutlich noch per Fax eingeladen werden. Hier zeigt sich: Intergenerationalität hilft – im Management und in der Aufsicht. Es ist Zeit für eine Alters-Quote, zum Beispiel ein Fünftel unter 30.

In Ihrem Buch „Die Befreiung der Bildung“ von 2018 geht es auch um deren Zukunftsfähigkeit – woran mangelt es?

Corona hat wie ein Brandbeschleuniger das seit Jahrzehnten offenliegende Problem der Bildung insbesondere in Kita und Primarschule nun in die zum Home Schooling gezwungenen Home Offices gebracht. Gerade in Zeiten einer digitalisierten und algorithmisierten Arbeitswelt, in der die reine Information besser nicht mehr von Menschen verarbeitet wird, ist Bildung gedüngte Zukunft – Kindergärten heißen ja nicht aus Versehen so. Wir müssen gerade in Deutschland deutlich in die Bildung der unter Sechsjährigen investieren – leider streikt dafür kein Student. Dabei sind Universitäten gut gepflegte Parkanlagen im Vergleich zu den Vorgärten der Bildung. Die Bildungspyramide ist schlicht generationsungerecht, also verkehrt herum finanziert.

Sie waren als Gründungspräsident der Zeppelin Universität mehr als zehn Jahre für Berufungen und Nachwuchsforschung zuständig – da ist der Generationskonflikt vermutlich Alltag.

Das Jammern über „die arme Sau vom Mittelbau“ – also über die Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Personals an Universitäten – gehört ins Repertoire von launig-ironischen Zusammenkünften, und zwar zu Recht. Unterbezahlte, infantilisierte Zuarbeiter mit Kettenverträgen werden in „Graduate Schools“ wieder eingeschult – mit Doktor-Müttern oder Doktor-Opas. Es wird immer schlimmer: War die Promotion bei ihrer Erfindung im Mittelalter ein Selbststudium ohne Abschluss, waren frühere Nobelpreisträger schon mit Mitte 20 Professor, liegt das Alter bei Erstberufung auf die Nachfolgen der kaum weichenden und länger weilenden Senior-Professuren heute bei mehr als 40 Jahren.

Hat der so spät berufene Lehrstuhlinhaber überhaupt noch die Chance, für sich und sein Fach nutzbringend zu arbeiten?

Der mit 40 Jahren berufene Professor hat dann kaum noch zehn Jahre, um sich zu profilieren und seinen Traumjob zu finden – denn ab 50 beginnt das Problem der sogenannten beamtenrechtlichen Einstellungsaltersgrenze sowie der sogenannten Portation der Pensionsberechtigung bei einem Wechsel. Kurz: Sie können dann je nach Landesrecht nicht mehr verbeamtet werden und schwer wechseln.

Wie ließen sich Universitäten generationengerechter gestalten?

An der Zeppelin Universität habe ich von Beginn an auf Junior-Professuren gesetzt. Denn das bestehende System ist in hohem Maße unzeitgemäß, ungerecht gegenüber den alten Jungakademikern – und zudem auch ein Gender-Thema: Für Frauen, die auch noch eine Familie gründen wollen, ist diese eng getaktete Aufstiegslogik – ungeachtet aller anderen Diskriminierungen – kaum machbar. Die Berufung ist schließlich kein Automatismus. Ein interessantes Vorgehen übt die Technische Universität Eindhoven gerade: Sie schließt Männer von Dozentenstellen ganz aus, um so – im Jahr 2042 – die Geschlechterparität zu erreichen. In Deutschland dünnt sich die wissenschaftliche Laufbahn auf 25 Prozent Frauenanteil bei den Professuren aus. Da muss man bei den Rahmenbedingungen ebenso etwas tun wie beim zu geringen Anteil männlicher Lehrer an Grundschulen.

Man muss sich eingestehen: Die Institution Universität ist noch nicht ganz in der digitalisierten Wissensgesellschaft und im agilen Innovationssystem des 21. Jahrhunderts angekommen. ---

Stephan A. Jansen leitet das Center for Philanthropy & Civil Society (PhiCS) an der Karlshochschule und ist Partner der Sozietät „Das 18te Kamel & Komplizen“ in Berlin, Hamburg, Wien.