Erbschaft für alle

Wenige Menschen erben viel. Viele Menschen erben gar nichts. Der französische Ökonom Thomas Piketty fordert: Künftig sollen alle 25-Jährigen vom Staat ein Startkapital in Höhe von 120.000 Euro bekommen.





Thomas Piketty, 49,

ist Direktor der École des Hautes Études en Sciences Sociales und Professor an der École d’Economie in Paris. Sein Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ wurde in 40 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 2,5 Millionen Mal verkauft. Kürzlich erschien sein aktuelles Buch „Kapital und Ideologie“ auf Deutsch – eine Weltgeschichte der sozialen Ungleichheit über mehr als 1300 Jahre. In dem Buch plädiert Piketty auch für eine radikale Umverteilung von Vermögen durch einen mächtigen und großzügigen Sozialstaat.

• In Deutschland werden jährlich schätzungsweise knapp 400 Milliarden Euro vererbt. Steuern zahlen die Erben kaum. Nur knapp sieben Milliarden Euro Erbschaftsteuer nahm der Fiskus 2018 ein, also nicht einmal zwei Prozent der Erbsumme. Das ist im europäischen Vergleich wenig, dennoch liegt Deutschland im Trend. Erbschaftsteuern sind bei Bürgern (und Wählern) weltweit unpopulär. In den vergangenen Jahrzehnten wurden sie in vielen westlichen Ländern gesenkt, besonders in den USA mit traditionell hohen Erbschaftsteuern.

brand eins: Herr Piketty, weder in Deutschland noch in anderen Ländern hat die Diskussion um höhere Erbschaftsteuern für Vermögende an Fahrt aufgenommen, dabei sollten doch linke und sozialdemokratische Parteien eigentlich daraus politisches Kapital schlagen können. Warum ist das so?

Thomas Piketty: Die Debatten um Erbschaftsteuern sind tatsächlich nicht sehr laut, dafür aber die um Vermögensteuern. Es gibt eine Reihe guter Gründe, warum eine jährlich erhobene Vermögensteuer einer Erbschaftsteuer vorzuziehen ist: Die Steueraufkommen in den Ländern mit Vermögensteuer sind erheblich. In den USA und vielen europäischen Ländern machen sie zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus, während Erbschaftsteuern in der Regel weniger als ein halbes Prozent des BIP einbringen, sehr oft deutlich weniger.

Im Gegensatz zu Erbschaftsteuern sind jährliche Vermögensteuern ziemlich beliebt – und zwar nicht nur bei jenen, die sie nicht zahlen müssen. Millionären und Milliardären und ihren Familien ist es immer noch lieber, ein Prozent Steuern auf ihr Vermögen zu zahlen als auf einen Schlag 30 Prozent Erbschaftsteuer. Ökonomisch betrachtet, ist eine Vermögensteuer effizienter, gesellschaftlich ist sie gerechter.

Warum?

Eine hohe Erbschaftsteuer zwingt Erben unter Umständen, einen Teil ihrer Vermögenswerte zu verkaufen. Das ist nicht nur persönlich schmerzhaft, sondern auch volkswirtschaftlich ineffizient. Viele müssten dann Schulden aufnehmen, Familienunternehmen könnten gar pleitegehen. Es ist zudem gerechter und effizienter, wenn die Steuersumme jährlich angepasst werden kann, entsprechend des jeweiligen Zeitwerts des Vermögens. Und: Menschen leben lange. Wir sollten nicht warten, bis die neuen Milliardäre wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sterben, bevor sie auf ihre riesigen Vermögen Steuern zahlen müssen.

Vor einigen Jahren haben Sie vorgeschlagen, die Höhe der Erbschaftsteuer auf 50 bis 60 Prozent festzulegen, für besonders hohe Vermögen noch höher. In Ihrem aktuellen Buch „Kapital und Ideologie“ haben Sie die Erben nicht mehr im Visier, stattdessen fordern Sie ein „Erbe für alle“ vom Staat. Jede Bürgerin und jeder Bürger soll zum 25. Geburtstag 60 Prozent des nationalen Durchschnittsvermögens erben, in Deutschland wären das 120 000 Euro. Der Vorschlag dürfte beliebter sein als Ihre frühere Forderung, die Erbschaftsteuer zu erhöhen …

Lassen Sie mich bitte kurz skizzieren, was ich genau vorgeschlagen habe. Das wird hier und da missverstanden. In dem System, das ich beschreibe, sollte das Gesamtsteueraufkommen rund 50 Prozent des Nationaleinkommens betragen. 45 Prozent sollten aus Einkommensteuer, einer CO2-Steuer und Sozialbeiträgen kommen, 4 Prozent aus einer Vermögensteuer und 1 Prozent aus Erbschaftsteuern, die ich weiter befürworte. Mit den genannten 45 Prozent würden Bildung, Gesundheitswesen, Arbeitslosenunterstützung und andere öffentliche Ausgaben und Investitionen finanziert. Mit den fünf Prozent Steueraufkommen aus Vermögen- und Erbschaftsteuer könnte man das „Erbe für alle“ solide finanzieren. Das universelle Erbe ist aber eben nur eine Idee in einem großen Paket, das durch mehr Umverteilung mehr Gerechtigkeit schaffen soll. In diesem Kontext müssen Sie den Vorschlag sehen.

Ihre Idee erinnert an das Konzept „Helikoptergeld“ des marktradikalen Ökonomen Milton Friedman. Der Staat lässt Geld über seine Bürger regnen, um den Konsum anzuregen.

In der gerechten Gesellschaft, die ich beschreibe, haben alle gleichen Zugang zu Bildung, Gesundheit und Transferleistungen – ich denke nicht, dass dies Friedmans Ziel war. Ein Erbe für alle verfolgt auch nicht das Ziel, den Konsum zu stimulieren. Hierfür schlage ich höhere Renten, ein Grundeinkommen und Arbeitslosenunterstützung vor. Nein, ein Erbe für alle ist vor allem ein Instrument, um wirtschaftliche Ermächtigung und Teilhabe zu fördern.

Wie das?

Wer gar kein Vermögen besitzt, befindet sich ökonomisch in einer schwachen Verhandlungsposition. Vermögenslose Menschen müssen jeden Job zu jeglichen Bedingungen annehmen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und ihre Familien zu ernähren. Das Erbe für alle sollen alle bekommen, auch junge Millionäre oder gar Milliardäre. Für die machen dann 100 000 oder 200 000 Euro mehr vom Staat keinen großen Unterschied, aber für jeden jungen Bürger ohne Vermögen wäre der Zugewinn an Handlungsoptionen enorm. Er muss dann nicht mehr jeden Job annehmen, sondern kann auch mal ein wenig warten, bis sich eine bessere Gelegenheit bietet. Er kann eine eigene Wohnung oder ein Haus kaufen und muss keine Miete mehr zahlen, oder er kann selbst ein kleines Unternehmen gründen. Dies würde nicht nur zu einer Gesellschaft mit weniger sozialer Ungleichheit führen, sondern auch zu einer dynamischeren Volkswirtschaft.

Was macht Sie so optimistisch, dass die 25-Jährigen das Geld nicht verprassen? Wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht das bessere Mittel, um die von Ihnen erwünschte dauerhafte Ermächtigung jedes Einzelnen zu erreichen?

Lassen Sie mich zunächst zurückfragen: Was möchten Sie mit traditionellen Erben machen? Ich gehe davon aus, dass Sie das Erben nicht verbieten beziehungsweise eine Erbschaftsteuer von 100 Prozent erheben wollen. Das wäre eine seltsame Idee, da die Menschen offenkundig am Erben hängen. Nein, die bessere Idee ist ein Erbe für alle. Diese staatliche Transferleistung würde durch eine jährliche Vermögensteuer und zum kleineren Teil durch eine Erbschaftsteuer auf große Erbsummen finanziert.

Ihre zweite Frage stellt sich in meinem Modell so nicht. Das Erbe für alle ist eine zusätzliche Leistung. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist ja ebenfalls Teil des Gesamtpakets aus kostenloser Bildung, Krankenversicherung, öffentlicher Rentenversicherung, Arbeitslosengeld und mehr. Ein Erbe für alle ersetzt nicht den Sozialstaat, es ergänzt ihn. ---

Dass der Staat beim Erbe mitkassiert, ist keine neue Idee. Bereits die Machthaber der Sumerer in Mesopotamien sollen mehr als 3000 Jahre vor Christus eine Erbschaftsabgabe erhoben haben. Von Althistorikern sicher nachgewiesen ist, dass die alten Ägypter im zweiten Jahrhundert vor Christus und das Römische Reich bis ins vierte Jahrhundert nach Christus Erbschaften besteuerten.

In Europa wurden Erbschaftsteuern im 16. Jahrhundert eingeführt, in der Regel mit moderaten Steuersätzen. Populär war die Steuer nie. Der französische Soziologe Émile Durkheim betonte die Funktion von Erbschaften, den Familienzusammenhalt und die solidarischen Beziehungen über Generationen hinweg zu stärken. Dem österreichischen Volkswirt Joseph Schumpeter waren Erbschaftsteuern vor allem ein ökonomisches Ärgernis: Unternehmer wollten Dynastien aufbauen. Wenn der Staat ihr Lebenswerk abkassiere, senke er die Motivation für langfristiges Unternehmertum.

In den USA wurde die Erbschaftsteuer zwar erst 1916 eingeführt, dafür aber radikaler durchgesetzt als in Europa. Für hohe Vermögen lag sie nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Siebzigerjahre bei bis zu 77 Prozent. Auch war der gesellschaftliche Widerstand gegen Erbschaftsteuern in den USA stets deutlich geringer als in Europa. Das Prinzip der Erbschaftsteuer passt ideengeschichtlich zum Gründungsmythos der USA einer egalitären, auf Chancengleichheit fußenden Leistungsgesellschaft. Für den Gründervater Thomas Jefferson gehörte dazu, „dass sich jeder Mensch an der gleichen Startlinie aufzustellen hat“. Noch heute fordern amerikanische Radikalökonomen gelegentlich eine Erbschaftsteuer von 100 Prozent. Für sie ist das Erben schlicht unfair. Das sehen in den USA übrigens oft auch jene so, die viel an ihre Nachkommen zu vererben haben.

Als 2001 die amerikanische Regierung unter George W. Bush die Erbschaftsteuer in Höhe von damals 55 Prozent streichen wollte, schalteten 120 Superreiche unter dem Schlagwort „Responsible Wealth“ Anzeigen gegen das Vorhaben. Einer der Unterzeichner, Warren Buffett, war schon seit Langem der Ansicht, „man dürfe doch nicht einen lebenslangen Vorrat an Lebensmittelmarken erhalten, nur weil man der richtigen Gebärmutter entschlüpft ist“. Die Formulierung erinnert an einen Gedanken des britischen Philosophen John Stuart Mill. Der beobachtete im 19. Jahrhundert, dass reiche Erben oft wenig auf die Reihe bekommen. Deshalb forderte Mill, dass immer nur das älteste Kind das gesamte Vermögen seiner Eltern erben solle. So würde wenigstens „nur einer in der Familie zum Narren gemacht“.