Korrespondentenbericht #Südafrika

Die Kosten der Ehre

Die Geschichte von Musa Ngema zeigt: Zum Erwachsenwerden in Südafrika gehört das Teilen.





• Musa Ngema baute Ende vergangenen Jahres unser Haus in Johannesburg um. Er ist 34 Jahre alt und kommt aus Nongoma im tiefen Zululand, wo auch der König des traditionsreichen südafrikanischen Volkes lebt. Der Bauunternehmer war mit seinen Arbeitern mehr als vier Monate auf unserem Grundstück zugange. Zeit für zahllose Lektionen in Zulu-Kultur zwischen Zementsack und Maurerkelle auf der neuen Terrasse.

Als Ngema mit 22 Jahren seinen ersten Job antrat, wollte sein Vater am Monatsende den Lohnzettel sehen, um den Beitrag zu bestimmen, den der Sohn an die Familie abzuführen hätte. Diese Abgabe ist fast überall in Afrika selbstverständlich. Allerdings gibt es für ihre Höhe keine Berechnungsgrundlage, genauso wenig wie für die Bestimmung des Brautpreises. Musa Ngema widersetzte sich der Forderung seines Vaters. Schließlich hatte der ihm seinen Gehaltszettel, als er in einem Kodak-Fotostudio arbeitete, auch vorenthalten, obwohl Musa diesen für die Beantragung einer Beihilfe fürs Studium gebraucht hätte.

Die Familienabgabe ist in Afrika Ehrensache. Der Geber entscheidet selbst, welche Summe er weiterleiten möchte. Führt er nach dem Empfinden der Empfänger zu wenig oder gar nichts ab, leidet sein Ansehen – und dessen Bedeutung ist kaum zu überschätzen. „Ich bin, weil wir sind“, lautet die unter den Zulu Ubuntu genannte afrikanische Gemeinschaftsformel: Der Mensch wird im Wir zum Ich.

Musa Ngema setzte die Höhe seiner Abgabe also selbst fest, und die wurde dankbar angenommen. Bis der Sohn eines Tages mit einem Auto vorfuhr – da gab es lange Gesichter. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Ngema bei einer Baufirma, dank deren Unterstützung er sein Studium als Bauingenieur an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg fortsetzen konnte (im Gegenzug musste er sich verpflichten, drei Jahre lang für die Firma zu arbeiten). Wenn er sich sogar ein eigenes Fahrzeug leisten könne, müsse er ganz schön viel Geld für sich behalten, argwöhnten seine Familienmitglieder. Tun konnten sie jedoch nichts dagegen.

Die Familienabgabe wird hier Black Tax genannt. Zumindest die noch einigermaßen in der Tradition verwurzelten schwarzen Südafrikaner führen sie über die Lohnsteuer hinaus meist ohne zu murren Monat für Monat ab. Sie folgen damit einem ungeschriebenen Genera-tionenvertrag – das Prinzip ähnelt dem deutschen Rentensystem. Auch in Afrika kommt die Abgabe zunächst der älteren Generation zu, den Großeltern oder Eltern. Diese entscheiden dann über ihre weitere Verwendung – meist müssen davon noch weitere Kinder oder Enkel großgezogen werden.

Ngemas Großvater (väterlicherseits, der mütterliche Zweig spielt keine Rolle) war mit vier Frauen gleichzeitig verheiratet, seine Sippe zählt 67 Mitglieder. Davon machten vier das Abitur, Musa Ngema ist der Einzige, der auch studiert hat. Mit zwölf Jahren Schule und vier Jahren Studium investierten die Ngemas in den klugen Musa so viel wie in keinen anderen. Da glaubten sie schon, eine ansehnliche Rückzahlung erwarten zu dürfen. Wenn Musa schlechter Laune ist, nennt er das „emotionale Erpressung“.

Jahrhundertelang funktionierte die „freiwillige“ Familienabgabe in großen Teilen Afrikas weitgehend reibungslos. In der meist nahe beieinander lebenden Großfamilie war die soziale Kontrolle perfekt – wirklich entziehen konnte sich der schwarzen Steuer keiner.

Das änderte sich, als die weißen Kolonialherren kamen, was in Südafrika im großen Stil nach der Entdeckung von Gold und Diamanten geschah. Für deren Abbau brauchten sie Arbeitskräfte, die sie oft unter Zwang aus der einheimischen Bevölkerung rekrutierten. Auch wenn die Löhne erbärmlich waren: Bald strömten aus allen Teilen des Landes Männer im besten Alter zu den Minen.

Hunderte Kilometer von der Heimat entfernt, ließen sich die Kumpel in Baracken nahe der Bergwerke nieder. Sie kamen höchstens noch einmal im Jahr nach Hause, um ihre Familien zu besuchen und ihre Abgabe zu entrichten. Wie hoch die fairerweise eigentlich ausfallen sollte, konnten die Angehörigen nicht länger beurteilen. Außerdem hatten die Arbeitsmigranten in der Ferne auch neue Ausgaben. Von ihren Frauen getrennt, legten sie sich Freundinnen oder gar Zweitfamilien zu, und das ging ins Geld. Die Familie zu Hause musste mit dem auskommen, was übrig blieb.

Viele Großeltern bewirtschaften seitdem bis ins hohe Alter die Felder und kümmern sich ums Vieh und die Kinder. Und unzählige schwarze Südafrikaner wachsen noch heute ohne Eltern auf, vor allem ohne Väter.

Einen eigenen Haushalt zu gründen zähle zu den wichtigsten Etappen im Leben eines Afrikaners, sagt die Johannesburger Historikerin Khumisho Moguerane. Selbst ein 54-jähriger Philosophieprofessor gelte noch als Kind, wenn er in einer Mietwohnung lebt. Zum Erwachsensein gehöre außerdem die Bereitschaft zu teilen. Insofern trage die Familienabgabe auch zur Charakterbildung bei. Altwerden sei unter Afrikanern in doppelter Weise erstrebenswert: Neben dem hohen Ansehen könne man dann über die Verteilung der Ressourcen bestimmen. „Die Großeltern sind die mächtigsten“, sagt Moguerane. Zumindest war das mal so.

Mit der Kolonialisierung wurden die Alten zunehmend unter Druck gesetzt. Die abwesenden Kumpel schwächten die Familien, Fremdherrschaft und Wirtschaftskrisen setzten ihrem Ansehen zusätzlich zu. Junge Befreiungskämpfer warfen ihren Eltern Unterwürfigkeit gegenüber den Besatzern vor; Millionen junger Arbeitsloser sehen sich heute um die Chance gebracht, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen.

Wer sich den Brautpreis nicht leisten und keine eigene Familie gründen kann, muss im Schatten der Eltern verkümmern. „Wir stecken in einer schweren Krise des Erwachsenwerdens“, sagt Khumisho Moguerane. Mit den Economic Freedom Fighters gibt es in Südafrika bereits eine militante Partei wütender junger Schwarzer. Sie werfen selbst dem Nationalhelden Nelson Mandela vor, ihre Zukunft der Versöhnung mit der weißen Geschäftswelt geopfert zu haben.

Der afrikanischen Definition zufolge ist auch Musa Ngema noch ein Kind. Er lebt mit seiner Freundin in einem Township bei Johannesburg, ohne eigenes Heim und ohne Kinder. Bisher konnte er nur einen Teil des von seinen künftigen Schwiegereltern geforderten Brautpreises (rund 4000 Euro) zahlen. Schließlich geht von seinem Einkommen neben der Familienabgabe und der Lohnsteuer auch noch der Beitrag für eine private Rentenversicherung ab. „Ich glaube nicht, dass ich meinen Kindern noch die Black Tax zumuten kann“, sagt Musa Ngema.

Er hat das Pech, in das große kulturelle Beben geraten zu sein: zwischen Township und Zululand, schwarzer und weißer Steuer, zwischen der Macht der Eltern und den Ansprüchen künftiger Kinder. Und als ob das alles noch nicht genug wäre, muss in Nongoma auch noch ein Alterssitz errichtet werden: „Denn dort“, sagt Musa Ngema, „gehöre ich hin.“ ---