Die Jungtürken-Verschwörung

Altersdiskriminierung? Doch nicht bei brand eins! Dachte unser Autor – bis er Opfer eines perfiden Komplotts wurde.





• Irgendwann bekam ich mit, dass sich die jungen Leute im Büro gern zum Plausch trafen und nach Feierabend zu gemeinsamen Aktivitäten. Ein abteilungsübergreifender Austausch ist eine feine Sache und in einem hochmodernen Unternehmen wie dem unsrigen sehr erwünscht – aber wieso nur unter den Generationen Y und Z? Wenn ich die Betreffenden auf das Thema ansprach, bekam ich pflichtschuldig zu hören: „Komm doch auch mal mit auf einen Wein …“ Als sensibler Mensch spürt man, ob eine solche Einladung wirklich von Herzen kommt.

Weil jedes Kind einen Namen haben muss, nannte ich die Truppe Jungtürken, was zunächst für Irritationen sorgte. Ich musste erst erläutern, dass der Begriff auf eine politische Bewegung zurückgeht, die sich ab Ende des 19. Jahrhunderts für eine Modernisierung der Türkei einsetzte. Ein Ehrentitel also.

Ja, die Jungen können von uns Älteren (ich bin Jahrgang 64) eine Menge lernen. Aber selbstverständlich wollte ich mich nicht aufdrängen. Nur einen – meiner Ansicht nach legitimen – Wunsch äußern: Zugang zu dem Kanal auf unserer internen Online-Kommunikationsplattform, in dem sich die Jungtürken austauschten und verabredeten. Nicht etwa, um die Gruppe zu überwachen, das lag mir fern: Allein kollegiales Interesse stand hinter meinem Wunsch. Doch ich biss auf Granit. Immer wieder sprach ich jeden einzelnen aus der Gruppe an. Vergeblich. Bedauerlicherweise bin ich in Sachen IT nicht versiert genug, um mir eigenständig Zugang zum Jungtürken-Kanal zu verschaffen. Und die entsprechenden Fachleute bei uns gehören dummerweise allesamt zu diesem Kreis.

Dann, nach Monaten des Bohrens und Insistierens, erhielt ich für mich völlig überraschend eine offizielle Einladung:

Ich war überwältigt und gerührt. Nicht nur, dass sich die Kollegen und Kolleginnen den Namen Jungtürken zu eigen gemacht hatten – sie nahmen mich nun auch offiziell in ihre Runde auf. Meine Hartnäckigkeit, bekanntlich die journalistische Kardinaltugend, hatte sich ausgezahlt. Nun lag der gesamte Kosmos der Jugend vor mir: alle Posts, Diskussionen, Kommentare, Links zu Websites, Videos, Emojis und, und, und. Eine wahre Fundgrube, um die mich viele Wissenschaftler beneiden würden. Denn solche authentischen Einblicke in die Gedankenwelt der nachwachsenden Generationen sind rar und wertvoll. Ich bedankte mich artig:

Sofort fing ich an, alles zu lesen und mich durch die Kommentare zu klicken. Allerdings war ich recht schnell irritiert – und auch ein wenig enttäuscht. Junge Leute sind sonderbar, das ist bekannt. Aber so sonderbar? Sie diskutierten angeregt über einen „tollen Artikel über Negativzinsen in Schweden“ aus der »Neuen Zürcher Zeitung«. Über kryptische mathematische Rätsel: „Wie viele verschiedene Monominos, Dominos, Triominos und Tetrominos gibt es?“ Und über die Frage, wie man neue Bücher richtig auspackt. Wie langweilig war das denn? Verpassten diese armen Menschen ihre eigene Jugend? Eine Kollegin schlug ihren Mitstreitern vor, „gemeinsam einen Gottesdienst zu besuchen. Am besten einen ökumenischen, sodass sich niemand ausgeschlossen fühlt.“ Begeisterte Kommentare.

Bemerkenswerterweise gab es auch einige Beiträge zu meiner Person. So kommentierte ein Kollege in typischer Jugendsprache eine launige Bemerkung, die ich während einer Konferenz gemacht hatte, folgendermaßen: „So super geistreich! And so true! Can’t believe it! Wo holt er so was nur immer her?“ Ein anderer schrieb: „Habe gestern das aktuelle Buch von Jens auf der Heimfahrt gelesen. Wie immer ein großer Lesetipp! Weitsicht gepaart mit Humor. Echt gut.“

Da dämmerte mir, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Alles Fake. Der gesamte – offenbar in einer kollektiven Anstrengung gefüllte Kanal – hatte nur eine einzige Funktion: mich hinter die Fichte zu führen.

Die Jungtürken hatten mich reingelegt. Respekt. Um eine Jugend, die zu solchen Komplotten fähig ist, muss man sich keine Sorgen machen. Ich schaue immer mal wieder im Forum vorbei, um mich an den Frechheiten zu erfreuen.

Neulich allerdings konnte ich es nicht lassen, eine der Kolleginnen – ganz dezent – auf das wirkliche und wahre Forum des brandeins-Nachwuchses anzusprechen. Sie sah mich treuherzig an und beteuerte, dass dort seit Monaten, nein, eigentlich schon immer, nichts los sei.

Wer’s glaubt, wird selig. ---

Aus der Ausgabe

 Neuer Generationenvertrag  
Jung und Alt haben auch viel gemeinsam: Sie werden gern verkannt, nicht ganz für voll genommen, mit Vorurteilen ausgegrenzt oder gegeneinander in Stellung gebracht. Dass sie dennoch gerade in Krisenzeiten immer wieder zueinander finden, spricht dafür, dass der Generationenkonflikt vor allem eine schlagzeilenträchtige Fiktion ist.

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