Prototyp – Idee sucht Geld

Die HIV-Schere

HIV-Infektionen gelten als behandel-, aber unheilbar. Bislang. Wissenschaftler verschiedener Institute testen nun ein neues Verfahren.





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HIV (grün) schleust sich in die DNA (1, 2) ein. Das Designer-Enzym Brec1 (gelb, 3) schneidet es heraus (4) und verschließt den Bruch (5)

• Seit Mitte der Neunzigerjahre werden erfolgreich Medikamentkombinationen gegen HIV (Humanes Immundefizienz-Virus) eingesetzt. Sie unterdrücken das Virus und verhindern so den Ausbruch von Aids. Die Infektion bleibt dennoch ein Leben lang, weil das Virus seinen Bauplan in das menschliche Erbgut einschleust.

Die Konsequenz: Infizierte müssen täglich Pillen einnehmen – manchmal mit gravierenden Nebenwirkungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Schwäche bis hin zu Unverträglichkeit und Resistenz. „Die Leute sterben nicht mehr an Aids“, sagt Joachim Hauber von Heinrich-Pette-Institut, „aber die Therapie ist nicht ganz ohne.“

Hauber forscht an sogenannten Genscheren. Seit rund zehn Jahren ist die CRISPR/Cas-Methode * sehr populär. Mit ihr kann man Teile der DNA aus einer Zelle herausschneiden. Der Nachteil: „Die Zelle versucht den Bruch so schnell wie möglich zu schließen. Dabei macht sie Fehler“, sagt Hauber, „und die sind potenziell hochgefährlich.“ Der Patient könnte zum Beispiel an Leukämie erkranken.

Joachim Hauber und sein Kollege Frank Buchholz, früher Forscher am Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik, heute an der TU Dresden, verfolgen einen anderen Ansatz, über den sie bereits 2007 publizierten: sogenannte Rekombinasen. Das sind Designer-Enzyme, ähnlich wie bei CRISPR/Cas, jedoch sind diese in der Lage, den Bruch fehlerfrei zu schließen – jedenfalls bei Versuchen mit der Rekombinase Brec1 an präparierten Mäusen.

Die beiden Forscher züchteten die Rekombinasen im Reagenzglas so weit, dass sie in der Lage waren, eine bestimmte DNA-Sequenz in der menschlichen Zelle zu attackieren: den Anfang und das Ende des HIV-Genoms. Dieses Teilstück wurde herausgeschnitten und der Bruch von der Rekombinase wieder verschlossen. „Die Zelle ist danach tatsächlich von HIV geheilt“, sagt Hauber.

Die drei beteiligten Institute haben ihre Patente zusammengelegt und die Firma Provirex gegründet. Mit rund acht Millionen Euro Förderung vom Bund und der Stadt Hamburg wagen sie nun die erste Studie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Den acht Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Studie, allesamt an HIV erkrankt, werden blutbildende Stammzellen entnommen. Diese sollen mit der Genschere behandelt und den Probanden wieder zugeführt werden. „Die behandelten Zellen wachsen dann an und bilden kontinuierlich Nachkommenzellen, die nach Infektionen das Virus entfernen können“, so Hauber. Nicolaus Kröger, Leiter der Klinik für Stammzellentherapie am UKE, in der die Studie stattfinden wird, sagt, er sei „gespannt und fasziniert von den Möglichkeiten dieser Methode. Auch für andere Bluterkrankungen.“

Ist die Studie erfolgreich, sollen in einer zweiten Phase 50 bis 100 HIV-Patienten behandelt werden. Provirex sucht dafür bereits jetzt Förderer – denn die zweite Studie würde 20 bis 50 Millionen Euro kosten. Es liegt noch ein weiter Weg vor den Forschern. Aber Kröger ist überzeugt: „Sind die Ergebnisse gut, Investoren schnell gefunden und der gesellschaftliche Druck groß genug – siehe Corona – kann es ganz schnell gehen.“ ---

b1.de/CRISPR_Cas

Eine Ausgründung des Heinrich-Pette-Instituts, Leibniz-Instituts für Experimentelle Virologie, der Technischen Universität Dresden und des Max-Planck-Instituts für Molekulare Zellbiologie und Genetik

Kontakt: mail@provirex.com

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