Was Menschen bewegt

Der deutsche Sizilianer

Mit 17 wurde Walter Ansorge von der Mafia entführt. Heute ist der Deutsche einer der erfolgreichsten Unternehmer Siziliens. Und lässt sich nicht mehr einschüchtern.




• Walter Ansorge ist ein Mann, der auffällt. Weil er größer ist als die meisten hier, und wegen der breiten Gliederketten, die an seinen Handgelenken blitzen und glitzern. Diamanten auf Weißgold. Die Armbänder hatte sein Vater seiner Mutter geschenkt, bevor die Cosa Nostra ihr Leben zerstörte. „Ich liebe meine Eltern, und so bin ich ihnen immer verbunden“, sagt er. Auch heute noch, Jahrzehnte nach ihrem Tod. Was andere von seinem Schmuck halten? Ihm egal.

Ansorge steigt in seinen Porsche Cayenne und setzt sich auf die Rückbank. Während Francesco Iannicelli, sein Produktionsleiter, fährt, schreibt er auf dem iPad auf seinem Schoß ein paar Mails, kauft online eine Tonne Ananas-Essenz aus Venezuela. Dann verrät er die ungeschriebenen Gesetze, die hier in Sizilien gelten: Wegen ein paar Cent weniger den Lieferanten zu wechseln gehe gar nicht. Nur Stammkunden bekämen die beste Ware. Natürlich werde verhandelt, aber das müsse einem theatralischen Ritual folgen: Man lasse ein paar Worte im sizilianischen Dialekt einfließen, man dürfe schimpfen und laut werden, aber niemals beleidigend, dann sei das Spiel aus.

Walter Ansorge schmunzelt. „Il Tedescu, der Deutsche, wurde ich früher genannt. Inzwischen sagen sie Waltere.“

Der 54-Jährige ist einer der erfolgreichsten Unternehmer Siziliens. 2011 hat er Sunprod gegründet, ein Unternehmen, das von Catania an der Ostküste Essenzen und Öle aus Orangen, Zitronen, Bergamotten und Mandarinen für Limonade und Parfüm in 52 Länder weltweit verkauft. 2015 zeichnete die »Financial Times« es in einem Vergleich von 50 000 Start-ups als eines der erfolgreichsten im Zeitraum von 2012 bis 2015 aus. In Europa landete Sunprod auf Platz 33, in Süditalien auf Platz 1. 2019 stehen 20 Millionen Euro Umsatz in der Bilanz.

Walter Ansorge freut sich seines schönen Lebens. „Warum soll ich mir keinen Porsche kaufen? Ich arbeite, verdiene und zahle 800 000 Euro Steuern im Jahr, ich bin der mit dem höchsten Steuerbescheid in Catania. Autos machen mir Spaß, besonders Oldtimer, ich mag schöne Uhren und Jachten. Soll ich etwa so tun, als ob ich arm wäre? Nein. Ich genieße, was ich mir geschaffen habe.“

Er, der Deutsche, ist zum Sizilianer geworden.

In der Zitrusindustrie fing Walter Ansorge mit 18 Jahren an – aus Not. Er suchte einen Job, um seine Eltern und sich über die Runden zu bringen, nachdem sie alles verloren hatten. Der erste, den er fand, war in einer Firma, die Zitrusfrüchte verarbeitete. Ansorge war in Sizilien geboren, sprach Deutsch, Italienisch und Englisch. Sie brauchten einen wie ihn, sagt er.


Seien es Zitronen im Werk von Sunprod in Catania oder Blutorangen auf einer Plantage – mit Südfrüchten kennt Ansorge sich aus. An den Wochenenden lebt er im verlassenen Feriendorf seiner Eltern

Er liebt Autos: 2003 hat Walter Ansorge einem Freund bei der Formel 1 als Dolmetscher ausgeholfen

Seine Eltern waren Anfang der Sechzigerjahre nach Sizilien ausgewandert. In dem Land, wo die Zitronen blühen, wo Adriano Celentano „24 Mila Baci“ schmachtet und der Aetna weiße Rauchfäden in den blauen Himmel schickt, wollten sie ein kleines Feriendorf errichten, Cabrio fahren und La Dolce Vita feiern. Dazu hatten sie ihren Holzhandel in Idar-Oberstein für sieben Millionen Mark verkauft. Es gelang ihnen auch, mit dem Erlös ihren Traum zu verwirklichen – in der Bucht von Termini Imerese, in der Nähe von Palermo. Nur eines hatten sie unterschätzt: die Macht und Brutalität der Cosa Nostra.

In den Achtzigerjahren wollten die Mafiosi in den Besitz der Anlage kommen, um damit ihr Drogengeld zu waschen. „Du bonierst am Abend tausend Essen, hast aber nur fünf verkauft. Das Geld für 995 Essen packst du in die Kasse, und schon ist es legal“, sagt Walter Ansorge.

Erst machten dubiose Besucher seinen Eltern schlechte Kauf-angebote, dann brannte ein Bungalow, kurz darauf ein zweiter. Aussage der Polizei: Kurzschlüsse. Statt den beiden beim Wiederaufbau mit einem Kredit zu helfen, schickte die Bank sie zu einem Geldverleiher, der Wucherzinsen verlangte. Nach einem Monat 100 Prozent, nach einem halben Jahr 600 Prozent.

„Dann standen diese zwei Männer vor der Schule“, sagt Ansorge. „Das war 1983, ich war 17 Jahre alt. Nicht dass sie mich mit Gewalt in ihr Auto zerrten, ich kannte sie und wusste auch so, dass ich einsteigen musste.“ Die Nacht verbrachte er in einem Haus einer Mafia-Familie, am nächsten Abend fuhren sie ihn nach Hause. Nach der Entführung ihres Sohnes unterschrieben seine Eltern: Für eine symbolische Million Lire, etwa 765 Euro, überließen sie den Kriminellen ihren sizilianischen Traum. Nur den Bungalow, in dem sie lebten, konnten sie behalten.

„Die Typen von damals sitzen alle im Kittchen“, sagt Walter Ansorge mit leiser Genugtuung. Er sagt „Kittschen“, im rheinischen Singsang, so, wie er es von seinen Eltern gelernt hat.

Sein Fahrer hält an einer Obstplantage. Sein Vertragsbauer hat vor Kurzem auf Bio umgestellt. Die Äste der Orangenbäume biegen sich unter dem Gewicht reifer Tarocco-Orangen, Saisonarbeiter schneiden die Blutorangen mit kleinen Scheren von den Ästen. „Ich liebe den Duft hier draußen, die Farben und die Ruhe!“, sagt Walter Ansorge, der nun zwischen den Bäumen steht. Er atmet tief durch und zeigt auf den schneebedeckten Gipfel des Aetna. „Unser Vulkan wirkt wie ein riesiger Kühlschrank. Tarocco gedeiht nur hier. Auch der Geschmack der Clementinen und Zitronen rund um den Aetna unterscheidet sich von denen, die ich beispielsweise aus Kalabrien importiere. Aus denen kann man Limonade machen, für Parfümessenzen taugen nur unsere sizilianischen Früchte.“


Die Typen von damals sitzen alle im Kittchen.

„Warum soll ich mir keinen Porsche kaufen?“ Der 54-Jährige genießt seinen Reichtum. Er mag auch schöne Uhren und Jachten

Dass er hier einmal stehen würde, als erfolgreicher Unternehmer, das hätte Walter Ansorge vor gar nicht allzu langer Zeit nicht für möglich gehalten. Im Dezember 2010 war alles aus. Zuvor war vieles gut gelaufen: Nach seinem Abitur hatte er Wirtschaftswissenschaften studiert und nebenbei Karriere in der Zitrusfabrik gemacht. Mit 22 wurde er Abteilungsleiter, mit 29 gründete er mit zwei Kollegen eine eigene Zitrusfabrik. „Nach 15 Jahren Arbeit kam raus, dass sie mich reingelegt haben.“ Seine Partner hätten Rechnungen gefälscht und am Ende Ware im Wert von zwei Millionen Euro verschwinden lassen. Er habe den Betrug nicht nachweisen können. „Ich habe sofort meine Anteile an der Firma verkauft, einen Euro waren sie noch wert.“ Seine Eltern lebten da schon nicht mehr.

Mit 46 Jahren muss Ansorge wieder von vorn anfangen. Er bekommt Jobangebote aus der Zitrus-Industrie, will aber nicht als Angestellter arbeiten. „Ich war immer Unternehmer, schon als Jugendlicher habe ich mit meinem Vater das Feriendorf geleitet.“ Er setzt alles auf eine Karte, will es nun allein versuchen.

Alles, was er noch besitzt, sind Kontakte und 30 feine goldene Armreifen, die er seiner Mutter geschenkt und wieder geerbt hat. 7000 Euro bekommt er bei einem Goldhändler für den Schmuck. Davon mietet er eine Wohnung in Catania, bezahlt den Notar für die Firmengründung, kauft einen Laptop und ein Ticket nach Deutschland, um sich bei seinen ehemaligen Kunden vorzustellen. Als Geschäftsführer von Sunprod.

Die Kunden vertrauen ihm, die Vereinigung der sizilianischen Landwirte überlässt seiner Firma Früchte auf Kommission. „Ohne die Unterstützung hätte das nicht geklappt. Es war ein Risiko für alle: Meine Firma war neu“, sagt Ansorge.

Schon im ersten Jahr erwirtschaftet Sunprod 2,2 Millionen Euro Umsatz und 40 000 Euro Gewinn. Im zweiten Jahr stellt Walter Ansorge drei Leute an. Inzwischen hat er 18 Mitarbeiter. In den ersten Jahren habe er in seinem Büro geschlafen, und noch heute müsse er 1000 E-Mails täglich beantworten, sagt er – in Sizilien übertreibt man gern.

Eigentlich hätte Ansorge gerade seine eigene Parfümlinie und die Bioproduktion ausbauen wollen, doch Corona hat auch seine Firma getroffen. Für dieses Jahr rechnet er mit einem Absatzrückgang von bis zu 20 Prozent. „Große Hotels, Restaurants und Bars hatten wegen des Lockdowns keinen Bedarf an Säften. Auch die Produktion an Duftstoffen wird einbrechen, denn Kosmetika sind in Krisenzeiten nicht so gefragt.“ Trotzdem ist er optimistisch, dass er niemanden entlassen muss.

Walter Ansorge will noch zeigen, wo er aufgewachsen ist, und bittet Francesco Iannicelli, nach Termini Imerese zu fahren. „Ich hatte eine riesige Sandkiste für mich allein“, sagt er mit einem Anflug von Melancholie, als er durch das Gestrüpp der heruntergekommenen Ferienanlage zum Strand geht. Die Schule war im Städtchen, da wohnten alle. Als Kind, hier am Meer, lebte er isoliert. Er spaziert zur ehemaligen Diskothek. Eine zerbröckelnde Treppe führt auf das Türmchen, von dem aus der DJ die beiden Tanzflächen im Blick hatte. „Ich war oft da oben und habe aufgelegt. Man kann von hier aus bis nach Palermo sehen.“

Das Gelände gehört jetzt dem italienischen Staat, die Mafiosi wurden enteignet. Laut Francesco Giunta, dem Bürgermeister des Ortes, hat Ansorge viel zu diesem Erfolg beigetragen. „Er hat mutig gegen das organisierte Verbrechen Stellung bezogen. Heute sehen wir in ihm ein großes Vorbild: Er besaß nichts mehr – jetzt ist er ein großer Unternehmer.“

Im Bungalow seiner Eltern, der im Familienbesitz geblieben ist, verbringt Walter Ansorge die Wochenenden mit Gabriella, seiner Frau. Die Einrichtung seiner Kindheit hat er durch eine weiße Ledersitzlandschaft ergänzt. „Das ist mein Zuhause.“

Mit der Mafia habe er nie wieder etwas zu tun gehabt, sagt Ansorge. Bis 2015, da kontaktierte der Vorstand der Antimafia-Vereinigung Federazione delle Assoziazione Antiracket e Antiusura Italiana (FAI) ihn und fünf weitere Unternehmer in Catania. Die FAI hat seit 1990 in verschiedenen Regionen Italiens Gruppen, die sich um Opfer von Schutzgelderpressung kümmern. Ob sie nicht eine neue gründen wollen? „Von der Polizei erhielt die FAI positives Feedback über uns“, sagt Nazzareno Prinzivalli, einer der Unternehmer. Walter Ansorge wählten sie zum Präsidenten. Wegen seiner unternehmerischen Geschichte, seines Teamgeistes und seiner Erfahrungen mit der Mafia. „Diese Leute haben seine Eltern ruiniert, das vergisst er nicht.“

Die Mitglieder von Antiracket begleiten Kläger und Zeugen zu Mafia-Prozessen. Denn häufig sitzen Familien der Cosa Nostra im Zuschauerraum und versuchen, die Gegenseite mit lauten Drohungen einzuschüchtern. „Du wirst schon sehen, was du davon hast!“ – „Wir kriegen dich!“ Die Betroffenen sollen einen Rückzieher machen, sagt Ansorge. „Der übrige Clan ist ja frei.“

Er will auch als Unternehmer etwas gegen die Kriminalität tun. Die Führungsschicht der Mafia sitze zwar im Gefängnis, aber es gebe noch den Nachwuchs. „Die meisten würden lieber arbeiten, doch bis zu 60 Prozent der Jungen unter 35 haben hier keine Chance auf Arbeit.“ Antiracket sei wichtig, sagt er, aber noch viel wirksamer seien neue Arbeitsplätze.

In einem Bericht des italienischen Kriminalamts zur Bekämpfung der Mafia und anderer Formen der Organisierten Kriminalität, schreibt ein Spezialist für die Cosa Nostra in Sizilien: „Die Söhne der Mafiosi laufen nicht mehr mit Schirmmütze und abgesägter Schrotflinte rum, heute haben sie studiert und sind Finanzexperten geworden.“ Sie investierten lieber statt zu morden.

Erpressungen gebe es trotzdem noch, sagt Ansorge. „Fast alle in Catania zahlen den Pizzo.“ Er werde in Ruhe gelassen, sagt er. „Hin und wieder wird mal ein Bauunternehmer erpresst, aber Sunprod ist ein zu großer Brocken für die.“


Die Südfrüchte, die Walter Ansorge verarbeiten lässt, gibt es auch in Form von Säften oder Obst an Straßenständen wie diesem in Catania


Tarocco-Orangen gibt es nur in Sizilien. Da sie in der Regel nicht durchgehend rot gefärbt sind, gelten sie als Halbblutorangen

Für den Fall, dass er sich verschätzt, hat er Lemon, Orange und Clementina, die in seinem Bungalow auf ihn aufpassen. Die Doggen sehen gefährlich aus. „In Wirklichkeit sind das ganz liebe Tiere, eines ist sogar blind“, sagt er. In der Stadt passen Francesco Iannicelli und ein paar andere Freunde und Kollegen auf ihn auf. „Sie begleiten mich, wenn ich irgendwo hinmuss.“

Fühlt er sich also doch bedroht? „Nein.“ Warum er dennoch lieber ein paar Aufpasser um sich hat, will er nicht kommentieren. Überhaupt schade es dem Geschäft und dem Ansehen Siziliens, so viel über die Mafia zu reden. ---

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