Ach, du hast hier das Sagen?

Drei Abschlüsse in vier Jahren: Geselle, Meister, Bachelor. Mit dem trialen Studium werden im Eiltempo potenzielle Gründer, Unternehmensnachfolger und Führungskräfte für Handwerksbetriebe ausgebildet. Können sich die jungen Chefs bei ihren älteren Kollegen durchsetzen?





• Selbstverständlich springt Sarah Schell auch mal ein, wenn eine ihrer Mitarbeiterinnen im Service ausfällt. Dann klappt die Unternehmerin ihren Laptop zu, verschiebt die Produktionsplanung und den Entwurf für die nächste Hochzeitstorte auf später, schnappt sich eine Schürze und serviert in ihrer Konditorei Kaffee und Kuchen. Warum auch nicht? In der Sonne auf der Außenterrasse Kaffee servieren, mit den Ausflüglern plauschen, die in Königswinter nahe Bonn bei ihren Wanderungen und Radtouren einen Zwischenstopp einlegen. Über vegane Törtchen fachsimpeln und Gäste überzeugen, auch mal das glutenfreie Brötchen zu probieren. So hatte Schell sich das mit dem eigenen Café immer vorgestellt.

Am Nachmittag hat sie allerdings schon einen Zwölf-Stunden-Arbeitstag hinter sich, denn der beginnt um drei Uhr morgens in der Backstube. Neulich erst, erzählt sie, fragte ein älteres Pärchen sie nach einem Patzer beim Servieren verständnisvoll: „Sag mal, ist das dein erster Ferienjob? Ist anstrengend, oder?“ Dass die junge Frau mit den müden Augen daraufhin auf den Schriftzug „Sarah’s Konditorei und Café“ an der Fassade deutete und sagte, sie sei hier die Chefin – das irritierte die Gäste doch sehr.

Sarah Schell ist solche Reaktionen gewöhnt. Mit 23 Jahren ist sie jung für die Chefposition in einem Handwerksbetrieb. Was sie aufgebaut hat, ist nicht etwa ein kuscheliges Studentencafé mit einer Handvoll Tische, sondern eine Konditorei mit einer Fläche von mehr als 500 Quadratmetern, eigener Produktion, Onlineshop, Kaminzimmer und zusätzlichen Veranstaltungsräumen. Das historische Gebäude dafür hat sie für zwei Millionen Euro gekauft und aufwendig restauriert.

Ach, du bist hier die Chefin? Echt jetzt? Auf den ersten Blick sieht Schell sogar noch jünger aus als 23. Kurz vor ihrem Abitur vor sechs Jahren – sie hat zwei Schulklassen übersprungen – war sie auf eine Anzeige der Handwerkskammer Köln gestoßen. Die warb für ein „triales Studium“, einen neuen akademischen Ausbildungsweg im Handwerk: Auf dem kann man die Lehre in einem Handwerksberuf, ein Bachelorstudium und die Meisterprüfung innerhalb von rund vier Jahren parallel durchziehen.

Für Schell rückte damit die Erfüllung eines Traums in greifbare Nähe – Konditorin sein. Aber nicht irgendwie, irgendwo angestellt. Sondern im eigenen Unternehmen. Gemeinsam mit ihrer backverrückten Familie: der Mutter, die Konditorin gelernt hatte, der Kinder wegen aber daheim blieb und nie ihren Meister machte. Mit der älteren Schwester, die als Kauffrau so gut im Umgang mit Personal und im Marketing ist und sich immer ärgert, dass es nirgendwo frisches veganes und glutenfreies Gebäck zu kaufen gibt. Und mit dem Vater, einem selbstständigen Logistikberater, der die Idee, mit allen gemeinsam ein richtiges Familienunternehmen auf die Beine zu stellen, schon immer richtig gut fand.

Konditormeisterin und Unternehmerin: Sarah Schell

Eine Spinnerei oder jedenfalls ein weit in der Zukunft liegender Traum, den sich die Familie am Abendbrottisch und beim gemeinsamen Backen ausmalte. Die jüngste Tochter sah eine Chance, ihn zu verwirklichen: Mit dem Management-Bachelor und dem Meister, der bis heute die Voraussetzung ist, um eine Konditorei zu gründen, würde das alles möglich – und zwar in weniger als fünf Jahren. „Viele haben gesagt: Was? Du mit deinem Super-Abi, was willst du denn mit so einer Ausbildung – studier doch Medizin oder so“, sagt Schell. „Aber das hier, das ist doch viel spannender.“ Nämlich: eine Abkürzung ins Unternehmerdasein, ohne sich zwischen dem klassischen Ausbildungsweg im Handwerk und einem Studium entscheiden zu müssen. Noch während Schell in der Ausbildung war, fand ihre Familie das passende Gebäude für das Café: den leer stehenden historischen Bahnhof im rheinischen Königswinter.

Jung, ehrgeizig, ungeduldig – das ist die Zielgruppe, die sie bei der Handwerkskammer in Köln im Sinn hatten, als sie vor zehn Jahren das triale Studium konzipierten. In vielen Handwerksbranchen herrscht großer Fachkräftemangel. Das liegt auch daran, dass ein immer größerer Anteil jedes Schülerjahrgangs Abitur macht. Für viele Abiturientinnen und Abiturienten oder deren Eltern kommt ein Handwerksberuf nicht infrage. Verzweifelte Handwerksverbände werben schon mit dem Slogan „Schock deine Eltern, mach ‘ne Lehre“.

Wenn Kinder Schreiner werden wollen, Konditor, Friseur oder Elektrotechniker, „dann warnen die Eltern oft: Handwerk, das ist doch Maloche, dreckige Arbeit, schlecht bezahlt, kleine Unternehmen, kaum Aufstiegsmöglichkeiten“, sagt Ralf Brüning. Er leitet den trialen Studiengang an der Fachhochschule des Mittelstands in Köln. „Stimmt natürlich nicht, viele Handwerksberufe bieten große kreative und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten, viele Betriebe sind sehr modern und digital aufgestellt“, sagt er. „Und gutes Geld verdienen lässt sich in den meisten Gewerken heute auch.“ Dennoch heiße es oft: „Wozu hast du denn Abi gemacht? Auch die Schüler selbst fragen sich: Eine Ausbildung, ist das zukunftssicher? Reicht mir das? Sehen Freunde, die studieren, auf mich herab, wenn ich Handwerker werde?“

Das triale Studium soll das Image der Handwerksausbildung verbessern und junge Leute anziehen, die schnell aufsteigen und Verantwortung übernehmen wollen – ohne sich jahrelang Sprüche wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ anhören und in der traditionellen Handwerkshierarchie nach oben kämpfen zu müssen. „Wenn man sich unser Programm anschaut, ist klar: Das ist etwas für ehrgeizige, disziplinierte Menschen, die richtig schnell richtig viel erreichen wollen“, sagt Brüning.

Von Anfang an haben die trialen Handwerk-Azubis Sechs-Tage-Wochen – in der Woche Ausbildung im Betrieb und in der Berufsschule, samstags Studium. Parallel zum Gesellenabschluss machen sie Prüfungen zum Fachbetriebswirt an der Handwerkskammer, dann folgen Meister- und Bachelorprüfung. Der Lohn der Plackerei: Wer direkt nach dem Abitur oder Fachabitur mit dem trialen Programm anfängt, ist mit Anfang 20 fertig – und kann direkt als Gründer, Nachfolger im Familienunternehmen oder Führungskraft in einer größeren Firma anfangen.

In vielen Handwerksbranchen, in denen es bis vor Kurzem noch üblich war, erst viele Jahre nach der Gesellenprüfung den Meister zu machen, sind so junge Chefinnen und Vorgesetzte mit akademischer Ausbildung allerdings noch ungewohnt. Sie bringen ein Ausbildungssystem durcheinander, das traditionell auf der Weitergabe von Praxiswissen über viele Jahre hinweg beruht: Der Azubi lernt vom Meister oder der Meisterin und von erfahreneren Gesellen. Der Altgeselle perfektioniert sein Können und Wissen jahrelang weiter, bevor er sich dann an der Meisterschule zusätzlich theoretisches, aber sehr praxisbezogenes Wissen aneignet. Mit dem Meisterbrief bekommt er selbst die Erlaubnis, Unternehmer und Ausbilder zu sein. Wenn nun plötzlich der trial im Eiltempo ausgebildete Jungspund mit Anfang 20 dem Altgesellen sagt, was zu tun ist, kann das schon mal knallen.

Diese Erfahrung macht Martin Over gerade. Der 25-jährige Dachdeckermeister hat Ende 2019 sein triales Studium beendet und ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführer eines Dachdeckerunternehmens in Bergheim bei Köln – gemeinsam mit seiner Mutter, die den Betrieb jahrelang allein geführt hat und ihrem Sohn nun noch ein paar Jahre als Co-Chefin zur Seite steht. Auch wenn lange klar war, dass Over ins Geschäft einsteigen würde, stellen die 20 Mitarbeiter den Juniorchef mit Bachelor jetzt, da es so weit ist, gern mal auf die Probe. Zum Beispiel an dem Tag, als Over im Büro einen Anruf von seinem Vorarbeiter bekam, der gerade im Einsatz auf der Baustelle war. Er solle doch mal rüberkommen, sie bräuchten eine Entscheidung vom Chef. „Ich habe schnell gemerkt, dass der Vorarbeiter durchaus in der Lage gewesen wäre, die Entscheidung selbst zu treffen“, erzählt Over. „Er wollte halt wissen, ob ich das auch bin. Oder ob ich einen Fehler machen würde.“ Er ließ sich darauf ein und machte einen Vorschlag, wies den Vorarbeiter aber darauf hin, dass er seine Hilfe eigentlich nicht gebraucht hätte. „In solchen Momenten merke ich: Der Respekt ist nicht von heute auf morgen da.“

Die Skepsis mancher Altgesellen ist geblieben, vor allem wenn ihnen eine Entscheidung des jungen Chefs nicht passt. Nicht selten hört Over dann einen blöden Spruch. Durchgehen lässt er das nicht, er ist überzeugt, dass er gerade in der Anfangszeit gelegentlich ein Machtwort sprechen muss, um sich durchzusetzen. „Ich halte mich dann nicht lange auf und frage direkt: Alles in Ordnung hier? Haben wir zwei ein Problem?“ Das heiße aber nicht, dass er seine Ideen mit der Brechstange durchsetze. „Mir ist schon klar, dass viele hier mehr Berufserfahrung haben. Ich habe kein Problem damit, das zuzugeben. Dann sage ich halt: Triff du die Entscheidung – und ich trage die Folgen mit.“

Oft sei es auch gut zu fragen: „Wie würdest du das machen?“ Ist er mal unsicher, wie er sich gegenüber den älteren Mitarbeitern verhalten soll, bespricht sich Over mit seiner Mutter. Doch auch ihr fällt es nicht immer leicht, dem Junior Verantwortung abzugeben. Etwa beim Thema Digitalisierung, mit dem sich der Sohn schon in seiner Bachelorarbeit auseinandergesetzt hat und das er als Chef vorantreiben will.

„Meine Mutter hat Kundenrechnungen bisher immer in dicken Ordnern festgehalten“, sagt er. Er brauchte viel Geduld, bis sie bereit war, das System zu digitalisieren. Jetzt lässt sich alles am Computer einsehen und verwalten. Das erkennt nun auch die Mutter als Fortschritt an. Genervt ist sie trotzdem manchmal, wenn sie nach einer Rechnung sucht und nicht wie gewohnt in ihren Ordnern nachschauen kann. Hin und wieder wird sie „im PC“ nicht fündig und ruft dann ihren Sohn an. Der sagt: „Das sorgt dann schon für Spannungen, weil sie merkt, dass sie auf einmal abhängig von mir ist.“


Wurde anfangs von seinen Leuten auf die Probe gestellt: der Dachdeckermeister Martin Over bei der Arbeit


Törtchen im historischen Bahnhof: Sarah Schells Café

Solchen Generationenkonflikten entgeht allerdings auch nicht, wer nach dem trialen Studium dem Handwerk den Rücken kehrt. Christian Keilhau ist, anders als die meisten Absolventen, den Verlockungen der Industrie gefolgt. Mit 24 fing er bei Porsche an und wurde zwei Jahre später Teamleiter in der Entwicklung. Und das, obwohl geplant war, dass er später die Kfz-Werkstatt seiner Eltern übernimmt. Sein Vater fand die Entscheidung aber in Ordnung, der Junge solle sich ruhig mal anderswo ausprobieren.

Als Entwicklungsleiter bei Porsche hatte Keilhau nun zwar kein eigenes Unternehmen, aber plötzlich Verantwortung für ein hohes Budget. Und für viele Kollegen mit jahrzehntelanger Berufserfahrung. „Mir war schnell klar, dass hier nicht nur meine fachliche Ausbildung zählt, sondern dass es als junger Teamleiter vor allem auf soziale Kompetenz ankommt“, sagt er. Keilhau bezeichnet sich als selbstbewussten und ehrgeizigen Menschen. Nach dem trialen Studium sei er ein hohes Lerntempo gewohnt, wolle schnell weiterkommen, herausgefordert werden und selbst andere fordern, ihr Bestes zu geben. „Da muss man aufpassen, dass man nicht die Bodenhaftung verliert.“

Vor allem an einem Kollegen, der kurz vor der Rente stand, biss er sich zunächst die Zähne aus. „Der hat sein Leben lang diese speziellen Bauteile entwickelt, er ist der absolute Profi auf dem Gebiet.“ Keilhau merkte, dass er sich beweisen musste, um in den Augen des Mitarbeiters zu bestehen. Nicht besserwisserisch wirken, sondern kompetent. Dabei kam ihm die Erfahrung aus der Werkstatt zugute: Als ausgebildeter Kfz-Meister hat er Ahnung von der Technik. „Da hatten wir irgendwann eine gemeinsame Ebene.“ Das Eis war gebrochen, als der ältere Mitarbeiter ihm schließlich das Du anbot.

Vor Kurzem ist Keilhau noch einmal aufgestiegen, zum Projektleiter des Bereichs Tequipment, wo Zubehör für die Fahrzeuge entwickelt wird. Inzwischen sagt er es offen, wenn er etwas nicht versteht, und ruft einen seiner älteren Mitarbeiter an, damit der es ihm erklärt. Manchmal gibt es aber doch noch Momente, in denen der Druck zunimmt und er aus der Rolle des selbstsicheren, in sich ruhenden Chefs fällt. Etwa, als er neulich in einer Konferenz eine Meinungsverschiedenheit mit einer Kollegin hatte und sich im Ton vergriff. „Ich habe sie danach direkt angerufen, um mich zu entschuldigen, und es war dann auch in Ordnung“, sagt Keilhau. „Aber sie hätte es durchaus anders aufnehmen können.“ Führungskompetenz aufzubauen, sagt er, das brauche wohl doch etwas Zeit und Erfahrung.

Auch für Sarah Schell war der Start nicht leicht. Lange Tage, an denen sie lernte, Arbeit an den Wochenenden – all das war sie gewohnt. Aber darauf, wie anstrengend die ersten Monate als Geschäftsführerin sein würden, wie schwer die Verantwortung wiegen und wie viele Entscheidungen zu treffen sein würden, „darauf war ich dann doch nicht vorbereitet“, sagt sie.

Im Sommer 2019, direkt nach der Meisterprüfung, ging es für die damals 22-Jährige los mit dem Geschäftsführerinnen-Alltag: morgens um drei in die Backstube, fürs Café und für Event-Bestellungen backen, harte körperliche Arbeit – und dann ab mittags die zweite Schicht im Büro und im Café bis zum späten Abend. „Es gab einfach so viele Entscheidungen gleichzeitig zu treffen und mit allen abzustimmen. So vieles, was erst mal nicht so lief wie geplant.“

Anders als mit den Baubehörden beim Kauf besprochen, durfte die Familie etwa das obere Stockwerk des Bahnhofsgebäudes doch nicht zu Wohnungen ausbauen – eine sichere zweite Einnahmequelle fiel damit weg. Der Erfolg des Familienunternehmens, für das alle gemeinsam ins Risiko gegangen waren, hing nun noch stärker an Sarah Schell – an der jungen Meisterin, die jetzt noch dringender das Café zum Laufen bringen musste. „Ich wollte, dass alles perfekt ist. Der Druck und der Stress der ersten Monate waren schon Wahnsinn.“ Und dann, als gerade etwas Ruhe einkehrte im Familienbetrieb und das Geschäft gut anlief, begann die Corona-Krise.

Das Café öffnet vorerst nur noch freitags bis sonntags, ohne Mittagstisch – denn noch immer trauen sich viele Gäste nur zögerlich, wieder auswärts essen zu gehen. Die nun mit Abstand aufgestellten Tische auf der Terrasse füllen sich erst langsam wieder, das Event- und Hochzeitstortengeschäft läuft auf Sparflamme. „Das alles macht natürlich einerseits Angst, keiner weiß ja, wie das nun weitergehen wird in den nächsten Monaten“, sagt Sarah Schell. Andererseits: „Für mich war es vielleicht ganz gesund, dass ich mal ein bisschen Tempo rausnehmen musste.“ ---

Aus der Ausgabe

 Neuer Generationenvertrag  
Jung und Alt haben auch viel gemeinsam: Sie werden gern verkannt, nicht ganz für voll genommen, mit Vorurteilen ausgegrenzt oder gegeneinander in Stellung gebracht. Dass sie dennoch gerade in Krisenzeiten immer wieder zueinander finden, spricht dafür, dass der Generationenkonflikt vor allem eine schlagzeilenträchtige Fiktion ist.

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