Prototyp – Idee sucht Geld

Wo muss das Kabel hin?

Ändert der Konstrukteur im Büro seinen Plan, wird der Monteur in der Werkhalle in Echtzeit informiert. An dieser Technik arbeiten drei Hamburger Gründer.




• Bei der Firma Stulz in Hamburg kann ein falsches Kabel fatale Folgen haben. Das Unternehmen stellt komplexe Klimaanlagen unter anderem für Rechenzentren her. In den Schaltkästen dieser Anlagen befinden sich bis zu 500 verschiedene dünne Drähte und 1000 verschiedene Anschlusspunkte. Wird ein Draht falsch gesetzt, fällt die Kühlung aus – und im schlimmsten Fall auch das Rechenzentrum. Es gilt daher eine Null-Fehler-Toleranz.

Fast ein Drittel ihrer Zeit verbringen die Monteure damit, die richtigen Teile aus den Bauzeichnungen zu suchen. Seit Ende 2019 erprobt die Firma eine neue Software: TioPro. Mithilfe von Augmented Reality sehen die Mitarbeiter den leeren Schaltschrank auf einem Monitor. Am Bildschirmrand erscheint eine Liste der Bauteile, ihre Beschaffenheit und Stückzahl und wo sie eingepasst werden müssen. Der virtuellen Anleitung folgend, setzt der Monteur den Schaltschrank zusammen – hat er einen Arbeitsschritt erledigt, macht er auf dem Monitor ein Häkchen.

Das Hamburger Start-up Attenio hat die Software entwickelt. Die drei Gründer sind Wirtschafts-, Informatik- und Maschinenbauingenieure und haben an der TU Hamburg über Optimierungen im Schiffbau promoviert. „In dieser Branche werden oft Pläne geschrieben und geändert, während in der Werft schon gebaut wird“, sagt Fedor Titov, einer der Gründer. Das führe zu Fehlern. „Das Problem besteht im gesamten deutschen Mittelstand“, sagt er. „Oft geht es um Einzelanfertigungen großer, komplexer Maschinen. Immer wieder gibt es Änderungswünsche und Anpassungen – oft im laufenden Prozess.“

Das Trio erkannte darin eine Geschäftsidee. Es bündelt alle Informationen aus dem Produktionsablauf, ergänzt um 2- oder 3-D-Modelle und Augmented-Reality-Daten, auf einer Plattform und zeigt dem Monteur in jeder Situation automatisch die für ihn relevanten Daten an – auf einem Monitor, Tablet oder einer Datenbrille. Das lästige Blättern in Aktenordnern entfällt.

Gibt es Planänderungen, so müssen keine Papierunterlagen neu erstellt und – wichtiger noch – die alten zuverlässig wie- der eingesammelt werden. Die aktualisierten und ergänzten Daten sind sofort im System sichtbar.

Was trivial klingt, ist eine technische Herausforderung. Enorme Datenmengen sollen abrufbar sein. Für die Ansicht in VR-Brillen muss zudem auch die Körper- oder Kopfhaltung des Mitarbeiters berücksichtigt werden (siehe brand eins 02 /2020, „Schöne neue Welten“).

„Wenn unsere Fehlerquote auch nur minimal sinkt, hat sich der Aufwand schon gelohnt“, sagt Ingenieur Amir Haddad, der bei Stulz die Integration des neuen Projektes betreut. „Fehler passieren. Das ist menschlich. Aber wenn sie erst in der Qualitätskontrolle auffallen, kostet uns das viel Zeit und Geld.“ Ein Jahr lang will Stulz die Software testen. 100 000 Euro stehen dafür bereit. Einen Nebeneffekt sieht Haddad schon jetzt: „Unsere Datenqualität hat sich seither enorm verbessert.“ ---

Attenio

Philipp S. Halata, Florian Tietze, Fedor Titov
Mit Unterstützung des Startup Dock und der Technischen Universität Hamburg-Harburg

Kontakt: info@attenio.de