Wirtschaft ist mehr

Wirtschaftsförderer siedeln gern große Unternehmen an, weil sie auf Gewerbesteuer hoffen. Ein alternatives Modell in Osnabrück zeigt: Es lohnt sich, auch kleine Betriebe und soziale Initiativen zu unterstützen.





Marianne Steinhoff in der Kiwittstraße

• Marianne Steinhoff bleibt in ihrer Straße vor dem Haus mit der Nummer 5a stehen. „Hier kenne ich mehrere Parteien, einer der Mieter ist handwerklich sehr begabt.“ Einige Schritte weiter zeigt sie auf einen Sechzigerjahre-Bau. „Da wohnt eine ältere Frau, die ist auf Hilfe angewiesen, aber ich weiß, dass sie gut versorgt wird.“ Gleich daneben sei kürzlich ein syrisches Paar eingezogen. „Da habe ich Kontakt aufgenommen und gesagt, sie sollen sich gerne melden, wenn was ist.“

Ein Beispiel für neuen Zusammenhalt als Folge von Corona, könnte man denken. Aber Marianne Steinhoff kümmert sich schon länger. Im November 2017 hat sie die Nachbarschaftsinitiative „Aktive Kiwittstraße“ ins Leben gerufen. Seitdem fanden in ihrer Straße im Osnabrücker Stadtteil Wüste White-Dinner-Abende statt, es gab regelmäßig Freiluft-Qigong, und irgendwann wurde vor dem Supermarkt an der Ecke eine Sitzbank mit Schaukasten aufgestellt, als Treffpunkt und Infobörse. Auf dem aktuell wichtigsten Zettel im Kasten bieten Anwohner an, für andere einkaufen zu gehen oder die Kinder zu betreuen. Auch Marianne Steinhoffs Name und Telefonnummer steht da. „Ich fand es immer schon wichtig, dass man sich hilft“, sagt die 57-Jährige. „Und am besten kann man sich helfen, wenn man sich gegenseitig kennt.“

Dass sie und ihre Nachbarn bereits vor der Krise eine „sorgende Gemeinschaft“ bildeten, wie Steinhoff es nennt, ist nicht nur privatem Engagement zu verdanken. Es half dabei auch eine Institution, von der man das nicht erwarten würde: die örtliche Wirtschaftsförderung. Denn in Osnabrück wurde von März 2018 an ein neuartiges Modell erprobt. Es sieht Hilfe vor allem für kleine Firmen vor, die regional und nachhaltig wirtschaften. Und es geht über die Förderung von Unternehmen hinaus, indem auch Initiativen des Teilens, Tauschens und Kooperierens unterstützt werden. Die Probephase ist abgeschlossen, seit Jahresbeginn gehört das Konzept zum festen Programm der Osnabrücker Wirtschaftsförderung.

Als Marianne Steinhoff damals durch einen Zeitungsartikel von dem Modell erfuhr, rief sie bei der Leiterin des Projektes an, Christine Rother. „Monetäre Hilfe sei nicht vorgesehen, sagte mir Frau Rother, aber sie bot uns an, ein paar Daten zu liefern, anonymisiert natürlich.“ Wenig später wusste Steinhoff, dass in der Kiwittstraße 610 Menschen leben, in elf Haushalten Alleinerziehende wohnen und 32 Anwohner älter als 80 Jahre sind. Außerdem schlug Rother eine „Wer hat was zu verleihen?“-Recherche und Aufkleber vor – als Bekenntnis zur Initiative auf dem eigenen Briefkasten. „Das alles war sehr hilfreich“, sagt Marianne Steinhoff.

Ein Treffen mit Christine Rother im Café „Stadtgalerie“ in der Osnabrücker Altstadt: Die 41-Jährige hat den Ort gewählt, weil am Eingang ein Holzregal mit Produkten regionaler Hersteller steht, die sie betreut hat. „Ein Prototyp, den ich mir irgendwann auch in Tankstellen vorstellen kann“, sagt sie. Mit Nachhaltigkeit beschäftige sie sich, seit sie denken könne. „Ich war schon in der fünften Klasse in einer Umwelt-AG und habe meinen Eltern erklärt, dass man das Regenwasser auffangen und damit die Toilette spülen sollte.“

Neben ihr sitzt Michael Kopatz, von ihm stammt das neue Fördermodell. Der 49-jährige Umwelt- und Sozialwissenschaftler hat es Wirtschaftsförderung 4.0 genannt, der Begriff soll ein Türöffner zur Business-Welt sein. Kopatz lebt in Osnabrück, ist Abgeordneter der Grünen im Stadtrat und arbeitet als Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Dort beschäftigt er sich seit Jahren mit Alternativen zu einer Wirtschaft, die von beständigem Wachstum abhängt. Der Anstoß, über eine neue Form der Förderung nachzudenken, sei die Frage gewesen, wie man auf kommunaler Ebene die wirtschaftliche und soziale Stabilität erhöhen könne.


Christine Rother, Wirtschaftsförderin in Osnabrück


Michael Kopatz, Umweltwissenschaftler


Landwirt Peer Sachteleben auf seinem Schlehbaumhof am Stadtrand von Osnabrück

Klassische Wirtschaftsförderung, sagt Kopatz, sehe oft so aus: „Ein Unternehmen will sich vergrößern, also sucht man ein Grundstück. Ein Unternehmen braucht einen Standort, man findet einen. Oder man hat endlich ein weiteres Gewerbegebiet ausgewiesen bekommen, und dann lässt man das volllaufen.“ Kopatz erlebe das immer wieder: „Dann kommen da Logistikzentren rein, ein enormer Flächenverbrauch, es entstehen wenige Arbeitsplätze, und die sind auch noch schlecht bezahlt.“ Eine solche Praxis sei reine Unternehmensförderung, sagt er. Worum es ihm gehe, sei Wirtschaftsförderung in einem umfassenderen Sinne.

Für Michael Kopatz beginnt wirtschaftliches Handeln bereits damit, dass jemand beim Nachbarn den Rasen mäht und dafür einen Korb Äpfel bekommt. „Das ist Ware gegen Dienstleistung“, sagt er. „Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Ehrenamt – alles Arbeit, bei der kein Geld fließt, aber unverzichtbar. Ohne sie könnte auch der gewerbliche Bereich nicht existieren.“ Neben der Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements sieht sein Modell vor allem die Stärkung regionaler Wertschöpfung vor. Ob Upcycling-Betrieb, lokaler Pflegedienst oder Regionalgeld-Initiative – für Kopatz ökonomisch relevant, also förderungswürdig.

Wie sehr man eine gut gemeinte, aber nicht wirklich gut laufende Sache durch kommunale Unterstützung nach vorn bringen kann, sei ihm durch das Osnabrücker Carsharing klar geworden. „Das war viele Jahre als Verein organisiert und dümpelte so dahin.“ Dann hätten sich irgendwann die Stadtwerke zur Hälfte beteiligt. „Plötzlich fand Marketing statt, auf den Autos wurde geworben, und man konnte sie per App öffnen. Statt einst 120 Mitglieder sind es jetzt weit mehr als 3000.“

Professionalisieren, aber so, dass die Rendite in der Stadt bleibt – das ist Kopatz’ Ziel. Was vorher als „klein und niedlich“, als „Wir-haben-uns-alle-lieb-Projekt“ wahrgenommen werde, könne als innovatives Geschäftsfeld „groß und bedeutsam“ werden. Und manches, das bereits groß sei, würde endlich auf dem Radar der Förderer erscheinen. „Wir sitzen hier in einem Café, das die Heilpädagogische Hilfe betreibt, ein Sozialunternehmen mit vielen Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Dieses Unternehmen hat 1700 Beschäftigte. Die kaufen ein, sind ein Wirtschaftsfaktor. Warum fragt die keiner: Wie geht es euch? Was können wir für euch tun?“

Solche Fragen hat Christine Rother in den vergangenen zwei Jahren oft gestellt, wenn sie – „mit dem Fahrrad natürlich“ – Betriebe und Initiativen besuchte. Anfangs wurde sie nicht überall mit offenen Armen empfangen, etwa bei den Repair-Cafés, denen sie Hilfe bei Vernetzung und Ausweitung der Öffnungszeiten anbot. „Ich hatte gedacht, da wollen Leute die Welt verändern. Dabei sind es überwiegend Rentner, die einfach nur eine sinnvolle Beschäftigung suchen.“ Sie ließ nicht locker und lud zu einem Thementag, mit Erfolg. „Es kamen 65 Vertreter aus zwölf Initiativen, die sich über ihre jeweiligen Fachgebiete wie Textil, Fahrrad oder EDV ausgetauscht und gegenseitig Tipps gegeben haben.“ Langfristig sei nun ein gemeinsamer Internetauftritt geplant und eine Kooperation mit der Handwerkskammer. „In den Reparaturcafés ist viel altes Wissen vorhanden, das die Auszubildenden heute nicht mehr lernen. Lehrlinge könnten sich da was abschauen.“

Am leichtesten habe sich das Modell bei produzierenden Betrieben umsetzen lassen, sagt Rother, zum Beispiel mit der Aktion „Zwischenzeit“. Um örtlichen Herstellern von Glas-Schmuck oder Taschen aus Recycling-Leder ein gemeinsames Vermarktungsforum zu geben, ließ sie mit Unterstützung der Volksbank leer stehende Geschäfte in einer Osnabrücker Einkaufspassage anmieten – als Pop-up-Stores. Bei der zweiten Auflage in der Adventszeit 2019 hätten die beteiligten Produzenten die Organisation schon weitgehend selbst übernommen, sagt Rother. „Wahrscheinlich geht daraus bald sogar ein kleines Unternehmen hervor: eine Agentur für Zwischennutzung.“

Eine der Firmen, die von der Aktion profitierten, ist die Creamy Care Company, Hersteller von Naturkosmetik. „Wir haben unglaublich viele Kontakte geknüpft, ein solches Netzwerk ist unbezahlbar“, sagt Tina Moorkamp, 46. Noch fertigen sie und ihre Partnerin Jana Cordes zu zweit, aber die Nachfrage vor allem nach ihren veganen Deocremes ist in der Krise noch stärker gestiegen als zuvor. „Ohne die Angst vor Ansteckung hätten wir schon jemanden eingestellt“, sagt Moorkamp. Dass es so gut läuft, hat auch mit neuer Kundschaft jenseits der Ökoszene zu tun. Christine Rother hatte den Geschäftsführern mehrerer Osnabrücker Rewe-Märkte von den Cremes erzählt, nun stehen die Glastiegel mit Holzverschluss in zwei Filialen im Regal.

Besonders oft griff Rother ihren Schützlingen beim Marketing unter die Arme. Ende vergangenen Jahres besuchte sie den Schlehbaumhof, wo der 26-jährige Peer Sachteleben eine Bio-Schweinezucht betreibt – mit selbst entwickelten mobilen Ställen, die gleichzeitig Schutz und Auslauf bieten. „Zufällig erfuhr ich dann, dass Sachteleben für den Nachhaltigkeitspreis von »Zeit Wissen« nominiert ist. Der hatte das nicht auf die Website gestellt. Ich habe die Nachricht dann sofort auf der Homepage der Wirtschaftsförderung und auf Facebook verbreitet.“


Milchtankstelle und Regiomat auf dem Hof Gösling in Osnabrück

Für die 22-monatige Modellphase stand Rother für Sachkosten ein Budget von gerade mal 8680 Euro zur Verfügung. Um dennoch ihre Idee von einer professionellen Video-Reihe mit Firmenporträts umsetzen zu können, beauftragte sie damit zwei Praktikanten aus dem Stadtmarketing, die Medienwissenschaften studierten. So entstanden für wenig Geld Filme, in denen ein Unverpackt-Laden, ein Urban-Gardening-Projekt oder der Hof Gösling ihre Arbeit vorstellen. Die Landwirte Dagmar und Bernhard Gösling, sie 58 und er 66, haben früher an die Molkerei geliefert und verarbeiten ihre Milch seit gut einem Jahr vollständig selbst. Mit ihrer 24 Stunden geöffneten Milchtankstelle und einem gekühlten „Regiomaten“, an dem man ihren handgerührten Joghurt kaufen kann, sind sie in Sachen Vermarktung weit vorn; zurzeit wird die Einkaufsmöglichkeit ohne menschliche Kontakte besonders viel genutzt und federte zuletzt ein klein wenig die Einbußen aufgrund der coronabedingten Schließung des Hofcafés ab. Den Werbe-Film, sagt Dagmar Gösling, habe sie zum Beispiel an den regionalen Chefeinkäufer von Edeka geschickt, auch das habe ein wenig genützt. „Wir sind ja schon älter, uns würde man nicht als Start-up bezeichnen. Aber wir haben dieselben Schwierigkeiten wie junge Gründer: Wir müssen Geld generieren und in die Vermarktung reinkommen.“

Christine Rother hätte gern auch alternative Finanzkonzepte gefördert, doch da konnte ihr Michael Kopatz nicht viel Mut machen. „Es gab hier zwar eine Regionalgeld-Initiative“, sagt er, „aber das waren Leute, die die herrschende Wirtschaft sehr stark infrage stellen – damit verschreckt man jeden Unternehmer.“ Er glaube an das Potenzial lokaler Währungen, aber man müsse nicht mit dem Schwierigsten beginnen.

Rother sieht ihre Mission auch so erfüllt: „Die Betriebe und Initiativen haben jetzt dauerhaft einen Ansprechpartner – nur für sie.“ Erst hatte es Widerstand gegen das Projekt gegeben, vor allem bei der damaligen Leiterin der Wirtschaftsförderung, die inzwischen gegangen ist – und eine Anfrage von brand eins zu den Gründen für ihre ablehnende Haltung unbeantwortet ließ. An einer Scheu vor den Kosten könne es nicht gelegen haben, sagt Kopatz, das Projekt sei durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert worden. „Der Bürgermeister wollte es, der Stadtrat war einstimmig dafür. Da hat wohl jemand schlichtweg gedacht: Das passt nicht zu uns.“

Die Wirtschaftsförderung Osnabrück wird zu gleichen Teilen von der Stadt und einem Verein örtlicher Unternehmen getragen. Auch seitens der privaten Gesellschafter gab es Vorbehalte gegenüber dem alternativen Ansatz: Er sichere weder viele Arbeitsplätze, noch sei eine signifikante Steigerung der Gewerbesteuereinnahmen zu erwarten. Man solle besser auf Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial setzen. Rother sagt, die Skeptiker hätten sich am Ende einem Argument nicht verschließen können: „Zu einem wirtschaftsfreundlichen Standort gehören auch Subkulturen, die sich für Nachhaltigkeit oder soziales Miteinander einsetzen. In solchen Initiativen engagieren sich oft gut ausgebildete Leute. Wenn Studenten und Fachkräfte hier gern leben, profitieren davon auch die Unternehmen.“

Seit Jahresbeginn haben drei weitere Städte mit ähnlichen Vorhaben begonnen: Wuppertal, Witten und Witzenhausen. Michael Kopatz begleitet die Projekte als Berater. Dass in Zeiten der Pandemie eine Wir-Kultur entsteht und einstige Nischenangebote wie die Lieferung von Ökokisten plötzlich boomen, macht ihm Hoffnung: „Im Grunde erleben wir gerade die Sternstunde dieses Themas.“

Auch nach Ansicht von Thomas Robbers könnte die Zeit dafür gekommen sein. Der 57-Jährige ist Vorsitzender des Deutschen Verbandes der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaften. „Wir mussten lernen, dass unsere Systeme sehr anfällig sein können, man denke nur an die Beschaffungsprobleme bei Schutzmasken aufgrund komplexer internationaler Lieferketten.“ Es sei jedoch falsch, nun abzuwägen, ob ein globalisiertes oder ein regionales Wirtschaftssystem das richtige sei. Robbers plädiert stattdessen für Verzahnung und Wettbewerb: „Wir sollten künftig genau schauen, an welchen Stellen das jeweilige System leistungsfähiger, effizienter, sicherer ist.“ Wie sehr das Osnabrücker Modell Teil des Mainstreams werde, hänge davon ab, welche Lehren aus der Krise gezogen würden. „Wenn Anbieter und Nachfrager ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf Regionalität und Nachhaltigkeit richten, wird auch die Wirtschafts-förderung als Berater vor Ort ihre Arbeitsweise anpassen. Sie wird weiter Grundstücke vermitteln oder Start-ups unterstützen, aber auch bei der Organisation solcher Netzwerke mitwirken.“

In Osnabrück jedenfalls ist etwas entstanden. Die Kundin, die man zufällig an der Milchtankstelle vom Hof Gösling trifft, stellt sich als Führungskraft der Großkonditorei Coppenrath & Wiese vor, und die Namen von geförderten Betrieben sprudeln nur so aus ihr heraus, überall dort kaufe sie sein. Das systematische Strippenziehen durch eine Institution, die etwas von Wirtschaft versteht – es scheint zu fruchten. ---