„Wenn ein komplexes System zu groß wird, zerfällt es“

Geoffrey West ist Physiker und Komplexitätsforscher. Mit einem interdisziplinären Team untersucht er in einem Forschungszentrum des Santa Fe Institute die Grenzen des Wachstums von Organisationen.





brand eins: Herr West, in Ihrem Buch „Scale – Die universalen Gesetze des Lebens von Organismen, Städten und Unternehmen“ beschreiben Sie, dass es für Organisationen natürliche Wachstumsgrenzen gibt. Ähnlich wie bei Tieren und Pflanzen, die auch nur eine bestimmte maximale Größe erreichen können. Woran liegt das?

Geoffrey West: Biologische Organismen bilden komplexe Netze aus Zellen, sozioökonomische Organisationen wie Unternehmen oder auch Städte bestehen aus ähnlich komplexen Gebilden, die sich aus Menschen, Maschinen, Straßen, Energieleitungen zusammensetzen. In beiden Fällen gilt: Wenn diese Netze größer werden, wächst der Anteil an Energie und Ressourcen, der gebraucht wird, um das System stabil zu halten. Er steht dann nicht mehr für weitere Expansion zur Verfügung. Das System hat seine Wachstumsgrenze erreicht.

Was geschieht dann?

Es wird immer verletzlicher und fragiler, denn es kann nicht mehr alle Bereiche und Akteure ausreichend effizient mit Ressourcen versorgen. Wenn sich ein sozioökonomisches Netz so überdehnt hat, sieht es zwar oft nach außen hin noch funktionsfähig aus. Es bricht aber in Wirklichkeit irgendwann auf – in mehrere semi-autonome Systeme, die sich dann im kleineren Maßstab wieder besser selbst versorgen können und eigene interne Steuerungs- und Versorgungsketten bilden. Zwischen diesen Subsystemen kann es zwar weiter Verbindungen geben, aber sie entwickeln im Grunde ein Eigenleben.

Hat das System globalisierter Wertschöpfungsketten diesen Punkt erreicht?

Dafür gibt es einige Indizien. Wir werden in herausfordernden Zeiten wie diesen mit ziemlicher Sicherheit erleben, dass viele Unternehmen zu groß geworden sind, dass sie sich an die tief greifenden Veränderungen, die diese Pandemie auslöst, nicht mehr schnell genug anpassen können. Viele von ihnen werden sterben oder aber sich in teilautonome Systeme zerlegen. Wenn man hingegen auf das komplexere Gesamtnetz der globalen Wirtschaftsverbindungen schaut, werden durch die Pandemie jetzt hoffentlich viele Entscheider in Politik und Wirtschaft begreifen, dass wir in einer Welt exponentiellen Wachstums leben – und dass sie mit ihren linearen Strategien nicht weiterkommen.

Worin liegt die Gefahr?

Exponentiell, das heißt eben nicht einfach nur sehr schnell. Es bedeutet, dass etwas sehr langsam beginnt, dann aber sehr schnell einen Kipp-Punkt erreicht – mit so massiven und komplexen Auswirkungen, dass man sie nicht mehr einfach stoppen oder zurückdrehen kann, weil sie bereits viele unbeabsichtigte Folgen und Wechselwirkungen ausgelöst haben.

Eine weit fortgeschrittene Entwicklung wie die Ausdehnung der globalen Lieferketten lässt sich also nicht einfach zurückdrehen?

Genau. Man kann nicht einfach sagen: Wir schneiden jetzt die Teile ab, die nicht mehr funktionieren, bringen alles zurück auf Linie und kehren zurück in eine weniger komplizierte Wirtschaftswelt. Von so einer Welt mit klaren nationalen Grenzen, mit simpel gestrickten Entscheidern, die sagen, wo es langgeht und wer welche Güter wohin schicken darf, fantasieren jetzt ja viele Menschen – nicht nur hier in den USA.

Was passiert, wenn man versucht, ein derart komplexes Gebilde radikal zurückzustutzen und zu vereinfachen?

Ein eindimensionales System in einer komplexen, mehrdimensionalen Welt ist sehr verletzbar, es kollabiert früher oder später. Wenn die Menschen nur nach simplen Lösungen für die komplexen Herausforderungen unserer Zeit fragen, werden wir an der Herausforderung scheitern, unser Wirtschaftssystem robuster und nachhaltiger aufzustellen. Dann könnte der Zerfallsprozess dramatisch ausfallen. Was exponentiell wächst, kann auch exponentiell schrumpfen. Ich bin aber durchaus optimistisch, dass es nicht so kommen muss.

Was ist die Alternative?

Der Corona-Schock könnte einen ähnlich bahnbrechenden Moment der Erkenntnis auslösen wie in den Siebzigerjahren der sogenannte „Blue Marble“-Effekt. Damals hat die Nasa erstmals ein Bild von der ganzen Erde veröffentlicht, aufgenommen aus dem All. Die Menschen haben das gesehen und gesagt: Wow, das sind wir! Alle zusammen auf dieser blauen Kugel. Da haben viele zum ersten Mal gefühlt und begriffen, dass wir alle in einem Boot sitzen. Das hatte einen weitreichenden und komplexen kulturellen Effekt. Es hat die Umweltbewegung gestärkt, und die ist irgendwann im Mainstream angekommen.

Warum trauen Sie Corona eine ähnliche Wirkung zu?

Dieses Virus betrifft jeden Menschen auf dieser Erde in irgendeiner Weise. Jeder von uns könnte erkranken. Jeder von uns ist von den Auswirkungen in irgendeiner Form sozial, wirtschaftlich, emotional oder gesundheitlich betroffen. Das ist eine globale Krise, keine regionale. Das könnte also eine Chance sein. Ein Moment, in dem wir die globalen Herausforderungen in all ihrer Komplexität und ihrem exponentiellen Charakter besser begreifen. Und verstehen, dass wir kluge, gemeinsame, aufeinander abgestimmte Lösungen und Steuerungsmechanismen brauchen, die dieser Komplexität gerecht werden. ---

Die Corona-Pandemie zeigt, wie fragil die globalen Handelsbeziehungen geworden sind. Ist es an der Zeit, Lieferketten zu kappen – und neu zusammenzusetzen?