„Vielleicht wagen jetzt mehr Menschen einen Neuanfang“

Stefan Bauberger begleitet in einem Meditationszentrum im Bayerischen Wald Menschen bei Umbrüchen im Leben. Ein Gespräch über die große Krise und persönliche Folgen.



Foto: © SJ-Bild / Christian Ender


brand eins: Herr Bauberger, Sie sind Jesuitenpater, Professor für Philosophie und Zen-Meister. Für spirituelle Laien hört sich das nach einer überraschenden Kombination an.

Stefan Bauberger: Häufig gibt es diese Kombination gewiss nicht. Bei mir hat sie sich aus verschiedenen Umbrüchen im Leben ergeben.

Was heißt das?

Ich habe die Jesuiten schon früh kennengelernt, in einem Jugendzentrum in München. Einige, die dort mit uns Jugendlichen arbeiteten, haben mich sehr beeindruckt und geprägt. Ich suchte damals nach einem Lebensweg, den ich als sinnvoll empfand und zugleich als religiös angebunden. Mit 16 Jahren habe ich angefangen zu meditieren. Da hat mich die Suche nach einem spirituellen Weg vollends gepackt. Im Alter von 21 bin ich dem Orden beigetreten. Dabei kam ich aus einer gemäßigt katholischen Familie und war als Einziger unter den Novizen nie Ministrant gewesen. Die anderen wussten immer, wie die Rituale abliefen. Ich nicht.

Dann haben Sie etwas sehr Weltliches studiert: Physik. Warum?

Der Orden hat mich in diese Laufbahn geschickt, damit ich mich mit den Grenzfragen von Physik, Naturwissenschaften, Philosophie und Metaphysik beschäftige und dies später an der Jesuiten-Hochschule lehren kann. Während des Physikstudiums habe ich immer intensiver meditiert. Ich habe mich dann auch zum Zen-Meister ausbilden lassen, zunächst parallel zum Studium in Deutschland, später in Indien. Da habe ich mich nochmals neu sortiert, und die Jesuiten haben mir ermöglicht, sowohl Naturphilosophie als auch Zen-Meditation zu lehren.

Auch das hört sich für eine katholische Institution sehr flexibel an. Die Zen-Meditation ist ja im Buddhismus verwurzelt.

Einer der Pioniere des Buddhismus in Deutschland war ein jesuitischer Missionar, Hugo Enomiya-Lassalle. Er hatte in Zen-Klöstern in Japan diese Form der Meditation kennengelernt und nach Europa gebracht. Einige Jesuiten haben Elemente davon in ihre traditionell katholische Form der Meditation übernommen, die Kontemplation. Aber es stimmt schon: Ich bin eher ein Sonderfall. Das ist auch deshalb möglich, weil ich bei uns für interreligiösen Dialog zuständig bin. Unser Meditationshaus im Bayerischen Wald fördert diesen, und so passt doch alles zusammen. Die Suche nach innerer Ruhe und spirituellen Erlebnissen ist ja nicht auf einen Kulturkreis beschränkt. Sie verbindet Menschen mit religiösem oder spirituellem Bedürfnis weltweit. Jetzt in der Corona-Krise, wo viele Menschen grundlegend über ihr Leben nachdenken, wird das noch deutlicher.

Wie läuft ein Tag bei einem Meditationskurs in Ihrem Haus ab?

Wir haben einen sehr strikten Tagesablauf. Das trägt dazu bei, dass man nicht ständig entscheiden muss, was man als Nächstes machen will. Um 6 Uhr beginnt das Programm. Eine Meditationseinheit dauert 25 oder 40 Minuten. Mehrere dieser Einheiten folgen aufeinander, mit ein paar Minuten Gehmeditation dazwischen. Die Teilnehmer können zweimal am Tag zu einem kurzen Einzelgespräch zu mir kommen, und es gibt täglich einen Vortrag oder eine Messfeier für diejenigen, die das wollen. Abgesehen von den kurzen Gesprächen schweigen wir, auch bei den Mahlzeiten.

Was ist dabei Zen-Meditation und was die Lebensberatung von Ihnen als jesuitischer Pater?

Da gibt es fließende Übergänge. Manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus Krisensituationen und suchen Hilfe, dann gehe ich darauf ein. Andere sind auf einem spirituellen Weg, ohne akute Lebenskrisen, diese Personen leite ich direkt im Sinne des Zen an.

Kommen wegen der Corona-Krise mehr Menschen zu Ihnen, die ihr Leben neu ordnen wollen?

Zurzeit können wir vor Ort keine Kurse anbieten, da man bei uns viel Zeit auf engem Raum verbringt. Körperliche Nähe ist Teil der Erfahrung. Zurzeit fahren wir eine Art Online-Notprogramm. Wir übertragen unsere Meditationssitzungen live im Netz, und ich beantworte in Video-Konferenzen Fragen der Schülerinnen und Schüler. Ich bin aber sicher, dass die Nachfrage nach Meditation nach der Corona-Krise hoch sein wird. Viele Menschen beginnen damit, wenn sie einen Neuanfang wagen wollen. In dieser Krise sind viele auf sich zurückgeworfen. Im Home Office kommen viele raus aus dem Hamsterrad und denken grundsätzlich darüber nach, was sie in ihrem Leben anders machen wollen.

Genau Ihre Zielgruppe …

Na ja, wir sind kein Unternehmen mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, sondern ein gemeinnütziger Verein. Deshalb denken wir auch nicht in solchen Marketingkategorien. Aber klar: Die Menschen, die zu uns kommen, suchen oft Begleitung bei einer solchen Veränderung.

Eine Umfrage der Online-Jobbörse Monster ergab, dass nur sieben Prozent der Befragten ihren Karriereweg noch einmal genauso einschlagen würden. Knapp die Hälfte würde etwas ganz anderes machen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Oha, das sind dramatische Werte. Als Wissenschaftler würde ich mir daher zunächst die Methodik der Umfrage genauer anschauen wollen. Aber ja, berufliche Unzufriedenheit erlebe ich auch bei meiner Arbeit oft. Bei dem Thema kreisen die Gespräche zwischen den Meditationsübungen fast immer um wachsenden Druck, unfaires Verhalten von Chefs und Mobbing. Das beschäftigt die Menschen zutiefst.

Wann entscheiden sich Menschen dafür, einen Neuanfang zu wagen?

Meiner Beobachtung nach ist fast immer eine Krise der Auslöser. Das kann ein Beziehungskonflikt sein, massiver Unmut im Job oder eine schwere Krankheit. Manchmal erfahren Menschen aber auch ohne äußeren Auslöser eine tiefe Sinnkrise, kommen mit innerer Unruhe nicht mehr zurecht und suchen einen Ruhepunkt. In der Geschichte der Religion war es schon immer so, dass Menschen dann zu größeren Umbrüchen bereit sind, wenn in ihnen ein Interesse an Spiritualität und Transzendenz erwacht.

Ich erlebe auch Menschen, die ihr Leben umstellen, weil sie merken: Ich möchte viel mehr Zeit mit Meditation verbringen. Die gehen dann manchmal auf eine Halbtagsstelle oder in Frühpension. Allerdings muss der Impuls für radikale Neuanfänge extrem groß sein. Die Existenzangst oder auch nur die Angst vor materiellen Verlusten ist ebenfalls extrem groß. Davon können sich auch diejenigen kaum befreien, bei denen objektiv materielle Unabhängigkeit gegeben ist.

Sie selbst sind gerade von einer Covid-19-Erkrankung genesen. Wollen Sie sich noch mal neu erfinden?

Bei mir war die Infektion keine Nahtoderfahrung, sondern eher eine schlimme Grippe. Neu erfinden wäre zu viel gesagt. Aber in der Tat werde ich bald weniger an der jesuitischen Hochschule in München arbeiten und mich voll auf die Zen-Kurse im Bayerischen Wald konzentrieren. Es wird hier nach der Corona-Krise sehr viel zu tun geben. Als Mitglied des Ordens habe ich dabei freilich auch keine finanziellen Nöte. Wir zahlen unsere Einkünfte in eine Gemeinschaftskasse ein, und aus der bestreiten alle ihren Lebensunterhalt.

Was könnte aus der Corona-Krise Positives folgen?

Ich hoffe, dass viele in der erzwungenen Reduktion, die wir gerade in vieler Hinsicht erleben, auch einen Zugewinn erkennen. Vielleicht wagen jetzt mehr Menschen, die mit ihrem Leben vor der Krise nicht glücklich waren, einen Neuanfang. Sicher bin ich nicht, dass dies passiert. Denn in einer Rezession nimmt ja die Existenzangst zu, und die verhindert oft grundlegende Veränderung. ---

Stefan Bauberger, 60, ist Professor für Naturphilosophie an der jesuitischen Hochschule für Philosophie in München. Er leitet zudem das Meditationshaus Nordwald-Zendo in Spiegelau im Bayerischen Wald. Ein einwöchiger Kurs kostet 350 Euro für Unterbringung und Verpflegung. Nicht enthalten darin ist das sogenannte Dana, die Spende für den Kursleiter. Statt eines festen Honorars zahlen die Teilnehmer freiwillig so viel, wie sie können und wollen.