Sortierhilfen

Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für das Scharfstellen auf das, was zählt. Räumen wir auf – und sehen wir weiter.





Früher, es ist noch nicht lange her, da bestimmten die Ausnahmen die Regeln. Am Besonderen, Außergewöhnlichen konnte man das sogenannte Normale erkennen, die Routine, den Alltag, das Gewöhnliche.

Doch wo nichts mehr ist, wie es war, hilft das Gewohnte nicht mehr weiter. Auf der Suche nach einer neuen Realität muss man weiter schauen und denken als gewohnt. Und sich erst mal einen Überblick verschaffen.

Einen guten Einstieg dazu bietet das Werk der Brüder Grimm. Die fleißigen Geschwister aus Hanau begannen im Jahr 1812 mit der systematischen Sammlung, Bearbeitung und Herausgabe ihrer Kinder- und Hausmärchen. 1812 war nicht irgendein Jahr. Es war ein Wendepunkt. Krieg, Chaos und Blutvergießen in bis dahin unvorstellbarem Ausmaß hatten Europa seit der Französischen Revolution und dem Aufstieg des Diktators Napoleon Bonaparte verwüstet.

Die Deutschen waren ein Häufchen Elend – besetzt, geschlagen, demoralisiert und gedemütigt. Doch kaum irgendwann waren Elend und Hoffnung so nah beieinander wie 1812. In diesem Jahr übernahmen sich Napoleon und seine Grande Armée in Russland, aufgerieben von Seuchen und Krankheiten, weit weniger durch Gemetzel.

Europa befand sich im Ausnahmezustand, im Chaos. Die alte Welt hatte man noch nicht hinter sich gelassen, die neue schien vielfach noch unvorstellbar. Für Zeitgenossen musste sich das Jahr 1812 wie der Weltuntergang angefühlt haben.

Man musste sich entscheiden. Vor dem Entscheiden kommt das Erkennen. So sortieren wir die Welt.

Im Jahr der Krise und der Wende 1812 zeichnen die Brüder Grimm erstmals die alte Erzählung vom armen Mädchen Aschenputtel auf. Es ist eine Geschichte, die tief in uns steckt, eine zutiefst menschliche Geschichte.

Aschenputtel, die Arme, muss für ihre bösen, privilegierten Stiefschwestern Linsen lesen. Lesen? Das in diesem Zusammenhang aus dem Gebrauch gekommene Wort bedeutet im Deutschen so viel wie sortieren. Das trifft auch auf jenes Lesen zu, das nötig ist, um diesen Text zu verstehen. Es bedeutet, so klärt uns der Duden auf, so viel wie etwas „einzeln, sorgfältig in die Hand nehmen und Schlechtes dabei aussondern“.

Lesen ist also in jeder Hinsicht „die Schlechten ins Kröpfchen, die Guten ins Töpfchen“, wie es im Märchen heißt. Die zauberhaften Täubchen, die Aschenputtel unermüdlich dabei helfen, dem Elend zu entrinnen und den Aufstieg zu schaffen, sie sortieren und ordnen mit ihr die Lage. Sie suchen nach Auswegen, gehen Spuren nach, treffen eine Auswahl – eine Auslese – und sorgen so dafür, dass man die Dinge und Vorgänge in der Welt neu beurteilen kann. So wird aus einem Albtraum ein Märchen mit Happy End. Optimismus, so lernen wir bei den Grimms aus dem halb düsteren, halb hellen Jahr 1812, ist keine falsche Hoffnung, sie ist eine Frage des Blickwinkels auf die Welt und der richtigen Technik.

Nicht erst die Corona-Krise hat uns gelehrt, dass unser schlimmster Feind die Ungewissheit ist. Unglück lässt sich eine Weile ertragen, wenn man Anlass zur Hoffnung auf Veränderung zum Guten hat, eine Perspektive, aber die muss man natürlich sehen.

Bei Aschenputtel sind die Tauben Sortierhelfer. Solche Fachkräfte, die Zusammenhänge erklären und uns kompetent machen im Umgang mit neuen Bedingungen, sind immer gefragt – in Krisenzeiten wird das auch von den meisten verstanden. Sie führen vom Komplizierten ins Überschaubare, das man verstehen kann. Und dieses Verständnis legt uns fest: So machen wir das jetzt mal. Lasst uns das versuchen. Am Ende des Sortierens steht das Unternehmen, das Machen. Sortieren führt über den Überblick zum Durchblick. Es ist deshalb falsch, das Ordnen und Sortieren, die Aufräumarbeiten, gegenüber der schöpferischen, kreativen Arbeit kleinzureden. Das eine braucht das andere. Wer seine Ideen nicht ordnet, löst keine Probleme.

Wer nicht sortiert, verliert. Man erkennt diese ungemachte Arbeit an offensichtlichen Folgeerkrankungen, dem Desinteresse, der Ignoranz, der Unfähigkeit sich zu verändern.

Sortieren und Ordnen ist das Geschäft der Kultur. Kulturen liefern Regeln und Richtlinien, Rahmen und, wenn sie etwas taugen, auch die Freiräume gleich mit, in denen eine weitere Entwicklung möglich ist. Kultur ist eine dieser Grimm’schen Täubchen, eine Sortierhilfe, die routiniert zu Werke geht, um uns zu entlasten, und die beständige Updates braucht, um zu funktionieren.

In der Literaturwissenschaft wird „Aschenputtel“ als Aufsteigergeschichte verstanden. Aufsteiger sind Leute, die sich entwickelt haben, die ihre Sortierarbeit gemacht haben, damit sie weiterkommen – zu Entscheidern werden. Erst ab hier herrscht Selbstbestimmung. Wer sie ernst nimmt, weiß das auch. Das ist es, was wir in schweren Zeiten brauchen. Die Hoffnung, dass wir es schaffen, uns so zu sortieren, dass wir Entscheidungen treffen, mit denen wir uns am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf ziehen können. Sortieren ist mehr als Abstauben und ein paar Reförmchen hier und da. Sortieren ist Entscheiden, und das ist eine Dauerleistung – oder, wie man es früher richtig nannte: eine Tugend.

Das Wort Sortieren taucht erst in der Neuzeit auf; im Mittelalter, in dem ohnehin die Religionen für andere alles vordenken, braucht man es noch nicht. Nach der Großen Pest um 1350 ist halb Europa ausgestorben, doch dem Trauma folgt bald der große Aufbruch. Die Renaissance, der Start der Neuzeit, der Moderne, beginnt allmählich im Gefolge der Katastrophe. Sortieren kann man nur, wenn man mehr hat als das Allernötigste. Der Begriff legt einen gewissen Überfluss nahe, Komplexität, Vielheit und Vielfalt. Wer nichts hat oder wem keine Wahl bleibt, der muss nicht sortieren. Die normative Kraft des Faktischen setzt dann die Prioritäten mit der ihr eigenen üblichen Brutalität.

Der Begriff – und seine Entsprechungen, die Auswahl und die Selektion – wurde immer wieder missbraucht, auch von den Nationalsozialisten. Aber sortieren heißt eben nicht, sich auf eine Seite zu schlagen und alle anderen zu vernichten oder auch nur zu ignorieren. Sortieren ist das Gegenteil jener Identitären, die sich für was Besseres halten, weil sie andere ausschließen. Man sortiert, um Unterschiede zu beobachten und nutzen zu können, in Ruhe, mit Distanz, möglichst ohne Vorurteil und blinden Eifer. Sortieren schließt ein, nicht aus. Dieses Sortieren ist ein Fortschritt.

Die Sortierhelfer, die in der beginnenden Neuzeit – wie in allen Wende- und Transformationszeiten – immer wichtiger werden, sind Intellektuelle, die zunächst meist noch für die Machtinstanz der alten Welt, die Kirche, arbeiten, aber die schon den Blick schärfen für das Wesentliche, das kommen wird. Intellektuelle sind nicht nur Philosophen und gründlich das Denken sortierende Köpfe wie der Humanist und Gegenspieler Martin Luthers, Erasmus von Rotterdam, der die Welt vom Schicksal in Richtung Vernunft ordnet. Es sind auch die Bankiers in Italien und Deutschland, die in Augsburg, Mailand oder Florenz das Materielle neu ordnen – und den Nachlass des Mittelalters in eine Investition für die Neuzeit verwandeln.

Der Kaufmann der Hanse sortiert seine Ware nach Güteklassen. Diese alltägliche Sortierhilfe prägt unser Verständnis tiefer als die – zweifelsohne nicht weniger wertvolle – Arbeit der Philosophen, die dicke Bücher in Latein schreiben. Ihre Sortierarbeit ist unbedankter, unspektakulärer. Aber Wissensarbeit war und ist eine lebenspraktische Disziplin. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Sortieren ist Differenzieren, etwas unterscheiden können und wollen. Die Kaufleute der frühen Neuzeit leiten aus dem lateinischen sortiri – auf Deutsch auswählen – diese neue Grundtätigkeit der Moderne ab. Eine Vorstellung von Qualität und damit Unterscheidbarkeit entsteht, die sich immer weiter verfeinert. Die Kulturtechnik des Sortierens führte Unterschiede ein oder machte alte Unterschiede sichtbar. Was man vorher für gottgegeben und natürlich hielt, wurde langsam, aber unaufhaltbar, als Menschenwerk erkannt. Das Sortieren diente der Kenntlichmachung der Welt und ihrer Verhältnisse. Dass man Äpfel nicht mit Birnen verwechseln sollte, das wusste man gewiss schon vorher – nun aber war aus der banalen Erkenntnis eine Lebensregel geworden: Sortiere in immer kleinere Fächer und Schubladen. Daraus folgte die Arbeitsteiligkeit, das Spezialistentum, die Experten. Die heutige Feinauflösung dessen, was ist und uns umgibt, ist das Ergebnis einer gewaltigen Sortierarbeit.

Das Scheitern ist aber offensichtlich, wenn dieses Sortieren dazu führt, dass am Ende die Menschen – die sie betreffen – kaum noch in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu fällen. Wenn es eine Million Schubladen für zehn Millionen Probleme gibt, die jeweils in einem von 100 Millionen Aktenschränken existieren, hat das Sortieren seinen Sinn verloren.

Wir haben uns verzählt. Die Ordnung, das Einteilen, das Unterscheiden ist zum Selbstzweck geworden. Wir erkennen das überall, wo wir Entscheidungen von oben, aus der Politik, der Wirtschaft, der Technik blind vertrauen müssen, weil uns nichts anderes übrig bleibt. So eine Welt nimmt hin, sie sortiert nicht mehr für das Wohl der Menschen, sondern um ihre Grundfunktion aufrechtzuerhalten: die Ordnung der Dinge, die keinen Sinn mehr ergibt. Sie ist zum Selbstläufer geworden, zur Sortiermaschine, die unablässig die Guten immer ins Töpfchen, die Schlechten immer ins Kröpfchen wirft. So einfach ist die Welt aber nicht.

Sortieren ist die Vorstufe der Entscheidung, der Selbstbestimmung – so stand es weiter oben. Sortieren ist mehr als Ordnen. Ordnung schafft man, indem man die Dinge nach den bekannten Regeln aufräumt. Das geht in Ordnung, klar, aber es ist natürlich logisch, dass sich dadurch nichts verändern wird. Man sieht vielleicht klarer auf das Bestehende, den Status quo, das ist auch etwas wert.

Wer sich aber die Frage eines Neuanfangs nach einer Krise stellt, ob es nun eine Pandemie ist, eine Rezession oder ein persönlicher Wendepunkt, der kommt allein mit Ordnungen nicht mehr weiter. Ordnungen haben keinen Platz für Veränderungen und Innovation. Diese Form des Ordnens ist ein Kontrollinstrument, ein Sortieren von weiter oben, das sich zwar bis ins feinste Glied durchführen lässt, aber am Ende nur mehr sich selbst dient. Nützlich ist es nur für die, die wollen, dass alles so bleibt, wie es war.

Ordnungen haben Vereinfachungen zum Ziel. Es geht um Reihenfolgen, Routinen, Prozesse, Methoden, alles also, damit man nicht ständig neu erfinden muss. Das Sortieren aber dient dem Neuanfang, dem Verbessern, der Perspektive.

Sortieren ist der Wendepunkt.

Wenn sie zum Neuanfang führen, sind Krisen befreiend, vorausgesetzt, wie gesagt, die Mitarbeit stimmt. In der Wissensökonomie und ihren Netzwerken ist die Auswahl riesig, die Entscheidungsmöglichkeiten sind gewaltig, da braucht es Sortierhilfen, die von beiden Seiten anpacken. Kunden, die das nicht gewohnt sind, degradieren sich zu Verbrauchern, Bürger, die nicht mitarbeiten, zu Untertanen. Sortieren setzt Kooperation voraus. Wenn eine Seite nachlässt, geht es schief. Mitarbeit, Kooperationsfähigkeit heißt ernst nehmen und ernst genommen werden. Das sind unverzichtbare Einstellungen, um aus der Krise zu kommen.

Und man muss aufpassen – ist es Sortieren oder Ordnen, also Entscheidungen vorbereiten helfen oder die Verhältnisse stabilisieren?

Hier muss man es genau nehmen. Vor einigen Jahren tauchte das Wort „kuratieren“ vermehrt auf und wurde schnell zum Modebegriff. Wer vorher schlicht Berater war, nannte sich jetzt Kurator. In Stiftungen, bei NGOs, im halböffentlichen und öffentlichen Bereich und unter Journalisten klang das besser als das nach der Finanzkrise dubiose „Consulting“, aber es teilt immerhin das Schicksal aller Wieselwörter: Es bedeutet nicht, was es eigentlich bedeuten sollte.

Sortieren wir das mal: Früher bedeutete „kuratieren“ im Deutschen so viel wie eine Ausstellung betreuen – und wurde auch kaum über diese Aufgabe hinaus verwendet. Kurator war, wer auswählte, ein Sortierhelfer. Gut.

Im Österreichischen hingegen konnte man schon die künftige Wortbedeutung erahnen: Dort wird der Begriff des Kurators auch und vor allen Dingen für einen Vormundschaftsverwalter benutzt, also jemanden, der für andere Leute denkt und handelt, weil die das selber nicht tun können.

Das passt gut zum Nudging- und Nanny-Verständnis der neuen Eliten, die gern von Augenhöhe und Respekt reden, weil es in der eigenen Praxis nur sporadisch vorkommt.

Kuratieren heißt bevormunden, jedenfalls im neuen Sinne. Kuratieren bedeutet im lateinischen Ursprung – curare – „Sorge tragen“ oder „sorgen um …“. Das muss man dort, wo man es mit Unselbstständigen zu tun hat. Sortieren ist hier Ordnung schaffen, aber mit integrierten Hidden Agendas. Die Macht und das Gefälle haben sich neu geschminkt. Und das macht die Sache nur schlimmer – denn das Vorsortieren der Leute, die anderen sagen wollen, wo es langgeht, verhindert eigenes Denken und Handeln. Kuratieren, wie es heutzutage meist gemeint wird, heißt entmündigen.


Das Sortieren aber dient dem Neuanfang, dem Verbessern, der Perspektive. Sortieren ist der Wendepunkt.

Was beim Sortieren zählt, ist, wie im Strafrecht, das Motiv. Nichts gegen Denkanstöße, Angebote, Listen, Empfehlungen und Meinungen, die sich klar als solche zu erkennen geben und von einem mündigen Publikum verstanden werden. Dazu braucht man Sortierhelfer. Natürlich haben die auch ihre Weltbilder und Haltungen. Aber wer sie offen trägt, nicht versucht, andere zu täuschen und zu manipulieren, der kann das organisieren, was man für den Überblick braucht: Diskurs, einen gepflegten Streit über den richtigen Weg, eine Auseinandersetzung unter Erwachsenen, die aus einer Krise stärker hervorgehen – weil sie voneinander lernen können und wollen.

Die in Hamburg lebende Karla Paul versteht sich als Kuratorin dieser neuen Sorte, der echten Sortierhelfer. Im Web, im Fernsehen, in Blogs und auf zahllosen Veranstaltungen präsentiert sie Romane und Sachbücher. Früher hätte man sie wahrscheinlich eine Literaturkritikerin genannt, so eine Art One-Woman-Literarisches-Quartett, nur nicht so betulich und elitär, sondern frisch und klug auf Instagram, Twitter oder Facebook.

Rund 80 000 Bücher erscheinen jedes Jahr in deutscher Sprache, davon, sagt Paul, kann sie „zwischen 400, vielleicht 500 sichten und 200 professionell durcharbeiten“. 200 Bücher wirklich lesen. Das schaffen andere noch nicht mal in ihrem gesamten Leben. Man könnte meinen, sagt Karla Paul, sie sei eine „Sortiermaschine“. Die den Leuten sagt, was sie, wenn es ums Lesen geht, wollen sollen. Die Guten ins Töpfchen. Ist das nicht schon Bevormundung?

Karla Paul seufzt, und dann erklärt sie das, was zählt, nämlich ihr Motiv: „Viele glauben, sie könnten neutral bleiben, aber das ist Unsinn, das glaube ich nicht. Kultur lässt sich nicht neutral bewerten. Aber das muss ja auch gar nicht sein. Die Leute müssen selber denken, es geht um den Diskurs, auch mit uns, die ihnen sagen, wo es langgeht. Gerade da.“ Ihr Sortieren habe einen Zweck: „Den Diskurs, das Selberdenken des Publikums, für das man das macht – eine Reflexion, gern auch ein konstruktiver Widerspruch.“

Das aber, sagt Karla Paul, sei selten. Wenn es um Empfehlungen geht, dann nehmen die „Leute das schnell, zu leicht und zu kritiklos für bare Münze. Wir sortieren aber nur vor. Wir entscheiden nicht für die und den, die uns lesen. Wir machen ein Angebot, keine Festlegung.“

Nun ist öffentliche Courage selten und auch bei Lesungen und Präsentationen selten anzutreffen. Kaum jemand traute sich, in den Ring zu steigen und eine andere Position einzunehmen, sagt Karla Paul. Dabei sei ihre Arbeit, so ihr Selbstverständnis, erst dann gemacht, wenn die Leute anfingen, „selber zu denken, selbst zu entscheiden. Wir machen nur die Sortierhilfe. Aber entscheiden müsst ihr schon selber, Leute.“ Wer das nicht tue, versäume das Beste und mache sich dabei auch noch kleiner, als er oder sie ist: „Wer alles schluckt, was man ihm vorsetzt, dem mangelt es an Selbstrespekt. Beim Jasagen und Nicken verkümmert der Kopf.“

Ein wacher Verstand sucht Widerspruch. Konstruktiven Zweifel.


Ein wacher Verstand sucht Widerspruch. Konstruktiven Zweifel.

Klar, das ist alles nicht in Mode. Sich schnell einem Lager zuordnen, das ist in Mode, es ist bequemer, in der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft, in der Kunst und überhaupt.

Das Publikum ist faul und feige geworden – die zwei Hauptursachen, die schon bei Immanuel Kant als Grundlage der Unmündigkeit ausgemacht wurden.

Wozu das führt? Zu immer gleichen Produkten. Man muss dann nicht mehr sortieren, nur noch kopieren, nachmachen. Verlage setzen auf Copy-and-Paste-Romane, sagt Paul, die unweigerlich einem gut verkauften Buch folgen.

Faulheit und Feigheit sind langweilig.

Und sie sind fester Bestandteil des alten Konsumkapitalismus, die Gleichmacherei als Misere der alten Zeit. Ein Roman, der gut läuft, provoziert ein paar Dutzend Kopien gleicher Machart, gleicher Story, Happy End und Kundschaft. Da sind die Leute pingelig, sie verlangen es, sagt Paul. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

Es gibt einen Roman von Stephen King, der von Rob Reiner mit Kathy Bates und James Caan verfilmt wurde, „Misery“. Darin wird der Schnulzenschriftsteller Paul Sheldon nach einem Unfall von der durchgeknallten Ex-Krankenschwester Annie entführt, die seine Romanfigur Misery liebt. Sheldon muss den Text so schreiben, wie Annie das will, mit Happy End, aber als er das nicht tut, bricht sie dem hilflosen Mann die Knochen.

So sind die Leute, auch wenn sie anderen nicht mit dem Vorschlaghammer die Fußgelenke zertrümmern und nicht nur, wenn es um Schnulzen geht. Sie wollen ihr Happy End (oder ihre erwartete Fatalität), also das, was sie schon kennen, was sie erwarten, eine Fehlsortierung der Wirklichkeit, ein Märchen. Gut und Böse, so wie es sein muss. „Die Leute wollen den Roman, den sie sich selber schreiben können“, sagt Paul, „und die Medien und Verlage wiederum unterschätzten die Leser. Denn sie liefern ihnen diese widerspruchsfreien Sachen.“

Gutes Sortieren aber, gute Literatur ist eine Auswahl, eine Auslese, und zwar der Wirklichkeit und ihrer Möglichkeiten, und das heißt, dass es auch Zumutungen geben muss. Sortierhelferinnen wie Karla Paul, so lernen wir, haben es auch nicht leicht: Die Leute halten die Leute für dumm und wundern sich, dass die Dummen nichts lesen. Doch „an glatten Wänden kann man sich nicht festhalten“, sagt Paul.

Das ist sehr klug, natürlich, und es gibt Hoffnung. Wer sich noch der Literaturpäpste und Literaturpäpstinnen entsinnt, die vor gar nicht langer Zeit darüber befanden, wo gute Literatur anfängt und aufhört, der weiß, wie groß der Abstand zu selbstbewussten Sortierhelferinnen vom Schlage einer Karla Paul ist. Das sind Welten. Dort die sakrosankte Autorität, unfehlbar. Hier die Expertin, die Vorschläge macht. Die Entscheidung trefft ihr selber. Ist schließlich eure Zeit, euer Leben. Denkt selber.

Entscheidet selbst.

Ihr müsst es sowieso.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber es gibt Krisen, die Richtiges anstoßen, weil sie dazu aufrufen, Inventur zu machen – also zu sortieren, was man hat, auszuwählen, was man wirklich braucht. Harald Welzer, Direktor der Futurzwei Stiftung, sieht diese Chance auf ein „Re-Arrangement“, wie er es nennt, deutlich: „Das ist eine Neusortierung – das Virus als paradoxe Intervention.“ In kurzer Zeit formulieren die Ausnahmesituation und die absehbaren Folgen klare Fragen und setzen neue Prioritäten. Die Chance, die sich darin verbirgt, ist das Erkennen, „dass das Bisschen, das man wusste bisher über die Welt, eine Zuordnung ist. Nun kann man sich neue Ziele suchen, man muss das sogar.“

Die Sortierarbeit fördert auch zutage, worauf man besser nicht setzt, Moral zum Beispiel statt Vernunft oder „die Fama, dass in der Not die Leute grundsätzlich zusammenhalten. Auch wenn viele Leute großartig sind – andere klauen sogar auf Kinder-Krebsstationen Desinfektionsmittel“, sagt Welzer. Es geht um Realismus, um Vernunft, um Verantwortung ohne Pathos, mit einem realistischen Menschenbild. „Man sieht, dass die alte Präsenzkultur nichts weiter war als eine Konstruktion – die Leute müssen nicht ins Büro fahren. Die Straßen müssen nicht voller Autos und der Himmel muss nicht voller Flugzeuge sein. Es geht auch anders“, sagt Welzer. Die Realität, die neue, hilft uns beim Sortieren. Es wäre aber auch hier falsch, nur auf die „normative Kraft des Faktischen“ zu setzen, den Zwang, die Not – „denn eine Krise ist keine gute Lehrzeit, weil man immer nur reagieren muss“.

Es gehe um die berühmte Verhaltensänderung, also um Einsicht, die innere Vernunft, die die Notwendigkeiten überwindet – und zu einer „Zukunftsvorstellung führt, die Antworten gibt auf die Frage: Wo wollen wir hin, was wollen wir sein?“, sagt Welzer.

Am Ende solcher Zeiten erwartet jeden mehr als eine einfache Antwort – es warten Entscheidungen, die jeder für sich selbst treffen muss.

Das eine hört auf, das andere fängt an. ---