Nach dem Sturm, Teil 2

Welche Weichen müssen gestellt werden, damit wir gestärkt aus der Krise hervorgehen? Antworten von Menschen, die bereits jetzt daran arbeiten.





Audrey Tang, 39, ist Digitalministerin von Taiwan. Die frühere Hackerin gehörte zu den Gründern der Civic-Tech-Bewegung, die sich für digitale Formen des gesellschaftlichen Engagements einsetzt. Als Mitglied der Regierung ermöglicht sie nun unter anderem digitale Abstimmungen über Gesetzesvorschläge. Außerdem können Bürger Lösungsvorschläge für Probleme einbringen. Während andere Staaten in der Corona-Krise Freiheitsrechte einschränken, gibt Taiwan der Zivilgesellschaft mehr Raum.

brand eins: Hilft Ihr Modell einer digitalen und transparenten Demokratie dabei, die Corona-Krise zu bewältigen, Frau Tang?

Audrey Tang: Definitiv. Deshalb gibt es in Taiwan keine Krise. Wir haben seit Wochen keine bestätigten Covid-19-Fälle mehr. Wir haben keinen Lockdown, unsere Profi-Baseball-Liga spielt. Wir sind dank unserer funktionierenden Zivilgesellschaft in einer glücklichen Lage. Als der mittlerweile verstorbene Arzt Li Wenliang Ende Dezember 2019 in Wuhan frühzeitig vor den Gefahren des neuen Virus in den sozialen Medien warnte, kursierten die Informationen sofort auch in Taiwan.

Sie wurden nicht unterdrückt, sondern schnell zum CDC weitergeleitet, dem Center of Disease Control. Wir begannen bereits am ersten Tag des Jahres 2020 mit den Gesundheitsinspektionen für aus Wuhan kommende Flugzeuge. Diese schnelle Reaktion wurde unterstützt durch ein kollektives Aufklärungssystem, mit dem jeder Bürger dem CDC helfen kann.

Wie funktioniert das?

Die Menschen nehmen einfach ihr Telefon und wählen die kostenfreie Nummer 1922. Ein Tipp war zum Beispiel, dass man den Mund-/Nasenschutz wiederverwenden kann, wenn man ihn mit einem traditionellen Reiskocher reinigt. Ein weiteres Beispiel: Es gab Berichte über Jungen, die sich weigerten, mit der standardmäßig rosafarbenen Maske zur Schule zu gehen, weil Klassenkameraden sie vielleicht auslachen könnten. Nachdem das CDC dies erfahren hatte, trugen am nächsten Tag CDC-Führungskräfte und auch der Gesundheitsminister bei einem öffentlichen Auftritt rosafarbene medizinische Masken, um ein Signal zu setzen.

Entscheidend ist also die unmittelbare Reaktion der politisch Verantwortlichen auf Probleme und Vorschläge?

Die Erfahrung zeigt, dass Menschen generell schnell voneinander lernen, wenn es neue Ideen für eine bessere Coronavirus-Bekämpfung gibt. Als wir anfingen, den Mund-/Nasenschutz zu rationieren, gab es eine große Verwirrung, weil nicht klar war, welche Apotheken noch welchen auf Lager hatten. Jetzt werden die Daten über Lagerbestände alle drei Minuten aktualisiert und veröffentlicht. Jeder kann auf einem von der Zivilgesellschaft selbst gesteuerten Dashboard in der App sehen, dass genau zu diesem Zeitpunkt, heute um 13 Uhr, noch 71,7 Prozent der Masken für Erwachsene und 81,7 Prozent für Kinder in den Apotheken vorrätig sind. Sie können das für jede Gemeinde und jeden Landkreis aufschlüsseln. Jeder kann zu einer Apotheke vor Ort gehen, die Versicherungskarte durchziehen und alle zwei Wochen neun Masken abholen. Alle fühlen sich sicher, weil sie wissen, dass überall in Taiwan genügend medizinische Masken erhältlich sind.

In Deutschland haben viele Menschen Angst davor, mithilfe digitaler Tools zur Coronavirus-Bekämpfung überwacht zu werden. Wie begegnen Sie solchen Sorgen?

Es ist wichtig, deutlich zu machen, wozu Daten dienen. Wir nutzen sie nicht, um Menschen zu durchleuchten, sondern dazu, die Funktionsweise des Staates für das Volk transparent zu machen, zum Beispiel bei der Versorgung mit Mund-/Nasenschutz. Wir veröffentlichen keine Daten über bestätigte Infektionsfälle, also etwa Namen oder Bewegungsprofile. Außer es ist aus gesundheitlichen Gründen absolut notwendig – was sehr selten der Fall ist.

Das klingt gut. Aber welche Garantie haben die Menschen, dass mit den über sie gesammelten Informationen verantwortungsvoll umgegangen wird?

Erstens haben wir ein starkes Gesetz zum Schutz personenbezogener Daten, ähnlich den europäischen Datenschutzgesetzen. Zweitens gibt es eine verfassungsmäßige Grenze für alles, was wir tun – wir haben nie den Notstand wegen des Coronavirus ausgerufen.

Können andere Länder von Ihren Methoden lernen?

Ja, sicher. Uns ist es wichtig, Wissen zu teilen. So haben wir unsere Erkenntnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Unser Vizepräsident ist eine Autorität auf dem Gebiet der Epidemiologie. Er hat gerade einen umfangreichen, frei zugänglichen Onlinekurs zu dem Thema begonnen. Unter Cohack.tw kann man sich eine Menge Vorschläge zur digitalen Bekämpfung der Epidemie von vielen verschiedenen Menschen ansehen. Das Portal steht jedem auf der Welt zur Nutzung zur Verfügung.

Ist diese Krise eine Chance, auch in der internationalen Zusammenarbeit dazuzulernen?

Ja, vor allem wegen des Zeitfaktors. Das unterscheidet das Coronavirus von einer internationalen Herausforderung wie der Erderwärmung: Wenn wir diese heute nicht bekämpfen, leiden in manchen Ländern die Enkelkinder unter den Folgen, bei Inselstaaten wie Taiwan werden es bereits unsere Töchter und Söhne sein. Bei Corona ist das anders: Jeder leidet unmittelbar selbst, wenn er nichts über richtige Handhygiene, den Gebrauch von Mund- und Nasenschutz sowie soziale Distanzierung lernt. Das verbindet die Welt in einem gemeinsamen Lernprozess wie nie zuvor.

Saori Dubourg ist seit Mai 2017 Mitglied des Vorstands des Chemiekonzerns BASF. Sie setzt sich dafür ein, dass Unternehmen in ihren Bilanzen auch die positiven und negativen Auswirkungen ihres Geschäftes auf Umwelt und Gesellschaft mit einrechnen. BASF versucht sich bereits daran. Das Unternehmen weist in einer sogenannten Value-to-Society-Rechnung zum Beispiel negative Wirkungen seines Tuns auf Umwelt und Klima aus. Auf der Haben-Seite stehen positive Beiträge etwa für die Gesundheit, Sicherheit, Kaufkraft und das Steueraufkommen. Könnte ein solcher Bewertungsansatz für mehr Transparenz sorgen und helfen, Investitionen für den wirtschaftlichen Neustart in und nach der Corona-Krise klüger zu steuern?

Saori Dubourg: „Die Krise wird vorbeigehen und die Frage dann sein: Wie begrenzen wir langfristige Generationeneffekte? Noch nie wurde weltweit so viel Geld zur Stabilisierung der Wirtschaft und zur Abmilderung der sozialen Auswirkungen einer Krise ausgegeben. Diese Kosten von heute müssen der Nutzen von morgen sein. Wie könnte also eine Wirtschaftssteuerung aussehen, die auf gesamtgesellschaftliche Wertoptimierung ausgerichtet und damit widerstandsfähiger ist?

Gemeinsam mit anderen Unternehmen erarbeiten wir für die EU-Kommission einen neuen Accounting-Standard. Dabei werden alle Investitionen von Unternehmen in Kaufkraft durch Löhne, in Bildung, aber auch in Umwelttechnologien als Cashflow-Rechnung in der Jahresbilanz mit abgebildet. Der Nutzen des Unternehmens für das gesamte System wird sichtbar, gesamtwirtschaftliche Werte und Risiken werden eingepreist. Auf dieser Grundlage könnten auf dem Aktienmarkt große Summen zum Beispiel für umweltfreundliche Technologien und zur Stabilisierung ganzer Sozialsysteme mobilisiert werden.“

Damian Boeselager, 32, gründete vor drei Jahren gemeinsam mit Mitstreitern aus Italien und Frankreich Volt Europa. Volt versteht sich als paneuropäische Partei und proeuropäische Bürger- bewegung. Er sitzt seit 2019 im Europäischen Parlament. Seine Mission: dafür zu sorgen, dass die EU weniger stark von nationalen Interessen dominiert wird.

Damian Boeselager: „In den ersten Wochen der Krise hat jedes Land versucht, seine eigene Versorgung zu sichern, und Entscheidungen im Alleingang getroffen. Die nationalen Egoismen haben voll durchgeschlagen. Viele Menschen sind davon sehr enttäuscht, es besteht die Gefahr, dass sie sich ganz von der EU abwenden. Auf der anderen Seite gibt es jetzt ein Zeitfenster, in dem wir etwas verändern können. Die für dieses Jahr geplante Konferenz zur Zukunft Europas, an der auch Bürger beteiligt werden sollen, fällt in eine Zeit der Weichenstellungen. Das könnte eine gute Sache sein, auch wenn die Konferenz nun um einige Monate verschoben wird. Vielleicht können wir größere Sprünge machen, als wir uns das noch vor Kurzem haben vorstellen können. Es bringt nichts, immer nur die Weltlage zu kritisieren und zu sagen ,Oh, da muss jetzt aber mal jemand etwas tun, jetzt muss etwas entschieden werden.‘ Nein, wir selbst, wir müssen genau jetzt aktiv werden und etwas tun, sonst passiert gar nichts. Jetzt werden Weichen gestellt dafür, wie wir in Zukunft zusammenarbeiten – auch bei anderen Krisen wie dem Klimawandel, die auf uns zukommen. Jetzt passiv abzuwarten, wie diese Krise ausgeht, das wäre ein Fehler.“

Carla Hustedt, 28, leitet das Projekt „Ethik der Algorithmen“ der Bertelsmann Stiftung. Ihre Mission: unseren Blick auf Algorithmen und künstliche Intelligenz zu verändern.

Carla Hustedt: „Die Debatte über die Corona-Tracking-Apps ist typisch dafür, wie weite Teile der Gesellschaft mit Techniken wie künstlicher Intelligenz und Algorithmen umgehen: Die Software wird als Wundermittel gepriesen. Dabei wird die Komplexität des zu lösenden Problems unterschätzt und die Technik überschätzt. Mir ist wichtig, dass wir die gesamtgesellschaftliche Wirkung im Blick behalten. Wenn wir Technik zur Lösung sozialer Herausforderungen einsetzen, geht es um ganz grundlegende Gerechtigkeitsfragen. Am Anfang der Pandemie war das Narrativ: Vor dem Virus sind wir alle gleich. Inzwischen ist aber klar: In vielen Ländern sind benachteiligte und einkommensschwache Gruppen die Hauptleidtragenden der Pandemie. Alle digitalen Instrumente müssen so gestaltet werden, dass die gesamte Gesellschaft von ihren Chancen profitiert.“ ---