Nach dem Sturm, Teil 1

Die Corona-Pandemie hat das Leben der Menschen weltweit verändert. Was wird bleiben? Und was können wir aus der Krise lernen? Fachleute werfen einen Blick in die Glaskugel.





„Dem Wort Normalität haftete lange etwas leicht Spießiges an. Durch die Pandemie hat es etwas Utopisches bekommen – etwas, wonach sich die Menschen wieder sehnen. Ich wünsche mir, dass wir nicht zur Normalität zurückkehren, sondern mehr Vorsorge treffen. Nicht nur im Gesundheitssystem, sondern generell. Wir hatten uns zu einer Gesellschaft entwickelt, in der alle – Individuen wie Unternehmen – von der Hand in den Mund leben. Ein fataler Leichtsinn, der durch das Virus aufgeflogen ist.

Natürlich ist Vorsorge teuer. Man hält mehr Dinge vor, als man unmittelbar braucht, egal ob Intensivbetten, Nahrungsmittel, finanzielle Reserven oder wichtige Teile von Zulieferern. Aber die Krise hat uns gelehrt, dass dieses Geld gut angelegt ist, wenn man dadurch vermeiden kann, dass ganze Wirtschaftszweige ausfallen. Oder dass Firmen nach zwei Wochen Umsatzeinbußen sofort nach Staatshilfen verlangen müssen.

Auch in der Weltwirtschaftskrise ab 2007 wurde viel gesprochen über die Lehren, die gezogen werden müssten. Davon ist wenig geblieben. Ich glaube, dass es bei dieser Krise anders sein wird. Sie greift zu tief in den Alltag jedes einzelnen Menschen ein, als dass wir einfach wieder zum Tagesgeschäft übergehen könnten.

Was ebenfalls bleiben wird: Durch die Krise wurden wir in die digitale Welt hineingeworfen – auch diejenigen, die bislang damit gefremdelt haben. Wir erleben, wie digitale Tools es uns erlauben, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, und das Arbeiten von zu Hause in viel mehr Fällen möglich machen, als viele es vorher gedacht hätten. Wir sehen aber auch die Grenzen: Videokonferenzen mit 50 Teilnehmern, die alle etwas beitragen wollen, funktionieren nicht. Wir haben also erfahren, wofür die digitale Transformation gut ist und wofür nicht.“

„Viele Lehrkräfte mussten unter dem Druck der Krise Dinge ausprobieren. Dadurch können sie besser erkennen, was die Chancen digitalen Lehrens und Lernens sind, aber auch, wo Lücken in der Ausstattung der Schule bestehen. So sollte klar geworden sein, dass Lehrkräfte ein Dienstgerät und eine dienstliche E-Mail-Adresse brauchen und nichtkommerzielle, sichere Plattformen.

Was ich noch wichtiger finde: Lehrkräfte haben gelernt, genauer hinzuschauen, wie Kinder leben. Im Schulalltag geht dies oft unter. Über die soziale Herkunft wussten wir zwar oft Bescheid, sie wurde aber wenig im Unterricht berücksichtigt. Wie ungerecht das gleiche Lernangebot für alle ist, wurde unter anderem durch die unterschiedliche Ausstattung mit digitalen Endgeräten deutlich. Wie unter einem Vergrößerungsglas wurde sichtbar, woran unser Bildungssystem krankt: Es gibt keine Chancengleichheit. Diese Erkenntnis empfinde ich als positives Zeichen.

In den Behörden hat leider noch kein Umdenken stattgefunden: Hier lag das Augenmerk in der Krise von Anfang an vor allem auf den Prüfungen und auf dem vierten Schuljahr – weil das das Jahr ist, in dem wir sortieren, wer aufs Gymnasium darf und wer nicht. Diese Art von Schule – eine Einrichtung, die Bildung erst eintrichtert und dann abprüft – stammt aus dem 18. Jahrhundert. Würde man Bildung zeitgemäß denken, müsste die Unterrichtsgestaltung von Vornherein von unterschiedlichen Lernbedürfnissen ausgehen.

Digitale Angebote können helfen, den Unterricht individueller zu gestalten. Die Schnelleren können selbstständig lernen. Die Lehrkraft hat dadurch mehr Zeit für diejenigen, die mehr Unterstützung brauchen. Der klassische Frontalunterricht orientiert sich hingegen immer an den mittleren Köpfen, das heißt die Starken werden ausgebremst, die Schwächeren überfordert.

Durch die Schulschließungen hat sich ein großer Teil des Unterrichts nach Hause verlagert. Ich habe von vielen Eltern gehört, dass sie es einerseits als Bereicherung empfanden, gemeinsam mit ihren Kindern zu lernen. Andererseits merken viele nun auch, wie herausfordernd Pädagogik ist. Sie bekommen dadurch neuen Respekt für die Lehrkräfte und merken, dass diese etwas können, das nicht jeder kann.“

„Eine scheinbare Kleinigkeit ist ein Verlust körperlicher Nähe im beruflichen Kontext. Sei es der klassische Handschlag, die Küsschen links und rechts hier in Frankreich oder die Umarmung in den USA. Ich glaube nicht, dass all das auf absehbare Zeit wieder üblich sein wird. Das wird etwas verändern. Ich kann mich genau an den einen oder anderen Handschlag nach einem schwierigen Gespräch erinnern, bei dem mir allein die Geste Zuversicht gab. Dieses Gefühl ist per Videokonferenz nicht zu vermitteln.

Wenn die Pandemie vorüber ist, werden wir feststellen, dass die Globalisierung sich stark verändert hat. Wir haben die weltweiten Lieferketten lange Zeit genutzt, um Kosten zu reduzieren. Inzwischen haben wir gemerkt, dass diese Ersparnisse nur möglich waren, weil wir unter anderem Schäden an Mensch und Umwelt nicht mit eingepreist haben. Ebenso wenig das Risiko großer Abhängigkeit von Lieferanten in einem einzigen Land. Ich gehe davon aus, dass Firmen im Vorteil sind, die sich stärker auf eine lokale Verwurzelung besinnen. Es wird weiterhin einen globalen Markt geben – aber die Kosten dafür werden steigen.

Außerdem sehe ich einen Trend hin zur Automatisierung. Viele Diskussionen, zum Beispiel über die Gesundheitsrisiken für Supermarktkassierer oder im öffentlichen Nahverkehr, wären überflüssig, wenn Tätigkeiten automatisiert wären, die einfach zu verrichten sind, aber dennoch essenziell für das Funktionieren einer Gesellschaft.“

„Viele Veränderungen, die wir jetzt erleben, werden dauerhaft sein, zum Beispiel mehr Arbeit im Home Office und mehr digitale Meetings. Die wirtschaftliche Krise infolge der Pandemie wird weltweit tiefgreifend sein. Lieferketten sind unterbrochen, der internationale Handel ist stark beeinträchtigt. Weil lang anhaltende Rezessionen zu sozialer Desintegration führen können, ist es sinnvoll, dass Regierungen mit Hilfspaketen gegensteuern. In der Phase des Stillstands geht es vor allem darum, Unternehmen am Leben zu halten. Kurzarbeit hat sich als Instrument bereits in der Finanzkrise bewährt, denn sie erlaubt es Firmen, an Mitarbeitern und damit auch an deren Wissen festzuhalten. Das erleichtert ein Wiederhochfahren der Wirtschaft.

Allerdings werden staatliche Hilfen weiter notwendig sein, um das Vertrauen der Menschen und Unternehmen wiederherzustellen. Zum Beispiel Konjunkturprogramme, aber auch ohnehin sinnvolle Investitionen – etwa in digitale Infrastruktur oder erneuerbare Energien. Dabei ist internationale Zusammenarbeit wichtig. Es reicht nicht, wenn nur Deutschland seine Wirtschaft ankurbelt, aber die anderen EU-Länder nicht mitziehen können, denn die hiesige Wirtschaft ist sehr stark von ausländischer Nachfrage abhängig. Gleichzeitig müssen wir den Schwellen- und Entwicklungsländern helfen, damit sie nicht stärker und länger als nötig unter dem Virus und den Folgen leiden. Es ist also richtig, dass die Staaten und Notenbanken ungeheure Summen mobilisieren. So schnell wie möglich wieder zu einem harten Sparkurs zu wechseln, wie nach der Finanzkrise in Europa, wäre ein Fehler.

Das ist das Wesen antizyklischer Politik: In guten Zeiten haushalten, denn wenn die private Nachfrage in schlechten Zeiten weitgehend ausfällt, bleibt nur noch der Staat. Reichere Länder können sich derzeit zu sehr niedrigen – teilweise negativen – Zinsen verschulden. Man muss keine Keynesianerin sein, um angesichts dieser Umstände und der schweren Krise staatliches Handeln zu fordern.

Danach sollten wir uns Gedanken darüber machen, wie sich Lieferketten robuster gestalten oder manche Dinge vorhalten lassen, statt alles just in time anliefern zu lassen. Bei lebenswichtigen Gütern wie Lebensmitteln und Medikamenten kann es sinnvoll sein, sich international zusammenzuschließen und gemeinsam Daten zu sammeln. Dann ließe sich schneller erkennen, wie viel Lagerhaltung notwendig ist, um im Ernstfall Engpässe zu vermeiden. Das heißt nicht, dass wir wirtschaftliche Autarkie anstreben sollten. Denn wir werden alle ärmer, wenn wir die Arbeitsteilung und Spezialisierung, die die Globalisierung ermöglicht, wieder vollständig abschaffen.“

„In der Diskussion um die Pandemie wurde oft nur über Deutschland gesprochen und selten über die Entwicklungs- und Schwellenländer, die häufig keine robusten sozialen Sicherungssysteme haben. Dabei müssen wir uns klarmachen, in welcher privilegierten Situation sich unsere Gesellschaft im weltweiten Vergleich befindet.

Was mich ermutigt hat, war Solidarität im Kleinen: Sogar in der anfänglichen Schocksituation waren die Laternenpfähle plötzlich gepflastert mit Hilfsangeboten. Auch die Unterstützung für kleine Geschäfte, Cafés oder Restaurants wurde schnell von unten organisiert, etwa durch Gutscheinverkäufe in den sozialen Netzwerken. Nahezu alle – Einzelpersonen, Netzwerke, Vereine, Kirchen – haben an einem Strang gezogen. Ich glaube, dass wir dadurch als Gesellschaft gestärkt aus der Krise hervorgehen können.

Skeptischer bin ich, was die Halbwertszeit der neuen Wertschätzung für die systemrelevanten Berufe angeht. Es wurde und wird geklatscht für das Pflegepersonal, aber die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für diese und andere Berufe ist Aufgabe der Politik und muss gesellschaftlich eingefordert werden.

Ebenso wichtig ist eine Diskussion darüber, wie wir mit anderen langfristigen Risiken umgehen wollen – der Klimawandel ist das offensichtlichste Beispiel. Wir haben gesehen, dass es möglich ist, radikal umzusteuern, wenn es einen triftigen Grund gibt.

Was mir Hoffnung gibt: Ob es die Podcasts der Virologen sind oder die Wissenschaftsberichterstattung in den Publikumsmedien – noch nie hat sich die Bevölkerung so intensiv mit wissenschaftlichen Themen beschäftigt. Das könnte positive Effekte haben, die über die akute Krise hinausreichen.“ ---