Mein neues Leben

Klug und sensibel sei er, hieß es, lieb zu Kindern und Welpen, hübsch noch dazu. Dann lernte ich Eddy besser kennen.




• Vor einiger Zeit, inmitten der Corona-Krise, beschloss ich, mir einen Kindheitstraum zu erfüllen: Ich adoptiere einen Hund.„Das ist fast wie ein Kind zu bekommen“, warnte mich eine Freundin, „überleg dir das gut.“ Ich schmunzelte nachsichtig über ihre Dramatik. Sicher, es gibt diese anstrengenden Hundebesitzer, die über ihr Tier sprechen wie über den eigenen Nachwuchs und sich über jeden Sabberfaden begeistern, wer kennt sie nicht? Ich aber, ich würde eine abgeklärte Hundehalterin werden. So dachte ich.

Dann kam Eddy.

Ich weiß von Leuten in Deutschland, die Mühe hatten, einen Hund aus dem Tierheim zu bekommen, weil der Andrang so groß ist. Ich aber lebe in Israel, wo die Heime dankbar sind über jedes Tier, das sich irgendwo unterbringen lässt. So war jedenfalls mein Eindruck.

„Ich habe nicht viel Erfahrung“, sagte ich der Frau vom Tierheim am Telefon, „ich suche einen Anfängerhund, sozusagen.“ – „Da habe ich einen tollen Hund für Sie“, sagte die Frau. „Den Eddy.“

Eddy ist sechs Jahre alt und 30 Kilo schwer, eine schlanke Mischung aus Wind- und Kanaan-Hund, einer israelischen Rasse, deren Vorfahren wild in der Region lebten. Klug und sensibel sei er, versprach die Tierheimfrau, lieb zu Kindern und Welpen, hübsch noch dazu. Nur eine Kleinigkeit gebe es: Andere Rüden möge der Eddy nicht besonders, aber ach, da könne ich einfach die Straßenseite wechseln. Klang nicht weiter aufwendig. Schon malte ich mir aus, wie ich mit dem klugen, sensiblen Eddy entspannt durch die Straßen schlendern oder im Café sitzen würde, der Hund ergeben zu meinen Füßen.

Der Traum zerplatzte auf unserem ersten Spaziergang. Wie sich herausstellte, verwandelt sich mein Hund beim Anblick männlicher Artgenossen in eine wütende Bestie, die ich unter Einsatz meiner gesamten Körperkraft davon abhalten muss, dem Rivalen an die Kehle zu springen. Natürlich regt sich dann auch der andere Hund auf, Hunde aus umliegenden Wohnungen beginnen zu bellen, manchmal schimpft auch noch der fremde Hundebesitzer, Leute drehen sich nach uns um – es ist regelmäßig ein großes Spektakel, aus dem ich mich befreie, indem ich davonrenne, den zeternden Hund im Schlepptau. Ich habe mir angewöhnt, mit Sportschuhen Gassi zu gehen. Und statt auf unseren Spaziergängen die Gedanken schweifen zu lassen, bin ich pausenlos damit beschäftigt, nach nahenden Hunden Ausschau zu halten und mögliche Ausweichrouten zu planen. Selbst wenn ich ohne Eddy unterwegs bin, ertappe ich mich inzwischen dabei.

Wegen der Corona-Krise muss ich eine Reihe von Hobbys ruhen lassen. Nichts davon fehlt mir. Die physische und mentale Beschäftigung mit dem Hund füllt meine Freizeit restlos aus. Weil Eddy unter hartnäckigen Verdauungsbeschwerden leidet, recherchiere ich im Internet das Thema Fütterung und stelle fest, dass Ernährungsdebatten unter Hundehaltern mit ähnlicher ideologischer Härte geführt werden wie Diskussionen zwischen Fleischfreunden und Veganern. Ein Bekannter schlägt vor, Eddy gekochtes Hühnchen mit Reis zu servieren, ein anderer rät mir zu rohem Fleisch, meine Hundetrainerin empfiehlt chinesische Medizin. Nachdem ich fast 20 Jahre vegetarisch gelebt habe, finde ich mich an der Fleischtheke im Supermarkt wieder. Kurz darauf tippe ich die Worte „hühnchenbrust wie lange kochen“ in die Suchmaske meines Smartphones.

Meine Hemmschwelle gegenüber Dingen, die ich einmal für unappetitlich hielt, fällt innerhalb von Tagen in sich zusammen. Da mein Hund herkömmliche Leckerlis verschmäht, die in niedlicher Knochenform und vor allem geruchlos daherkommen, werde ich bald Stammkundin eines speziellen Geschäftes für „natürliche Hundeernährung“. Dort erstehe ich Delikatessen wie Snacks aus hundert Prozent Schweinelunge sowie in Klarsichtfolie eingewickelte Rinder-Kniescheiben, die laut Verkäufer „gut für die Zähne sind“. Zu Hause beobachte ich Eddy verzückt dabei, wie er krachend an dem unansehnlichen Rinder-Gelenk nagt. Der abstoßende Geruch, der währenddessen mein Wohnzimmer füllt, stört mich rein gar nicht.

Ich habe eine Whatsapp-Gruppe zusammen mit meiner Mutter und meiner Schwester, die in Deutschland leben. Meine Schwester postet dort Videos ihres kleinen hochbegabten Sohnes, auf denen er Lampen auseinanderschraubt oder in astreiner Grammatik Kinderbücher zitiert. Ich poste dort Videos meines Hundes, auf denen er Fliegen fängt oder sich mit dem Hinterlauf im Ohr kratzt. Was ich für eine akrobatische Meisterleistung halte.

Anstelle der abgeklärten Hundehalterin meiner Fantasie entpuppe ich mich als hysterische Übermutter. In den ersten drei Wochen suche ich drei verschiedene Tierärzte auf, um sicherzugehen, dass dem Kleinen nichts fehlt. Fragen Freunde, wie es mir geht, berichte ich von den jüngsten Entwicklungen seiner Darmtätigkeit.

Selbst Eddys lästigeren Eigenschaften gewinne ich bald etwas Liebenswertes ab: Er verrichtet sein Geschäft vorzugsweise in Blumen-kübeln? Das zeigt Charakter! Er rastet aus beim Anblick von Artgenossen? Wenigstens ist er kein lahmes Schoßhündchen! Ich bin wie jene Eltern, die, wenn ihr Sohn andere Kinder schlägt, heimlich frohlocken, dass „der Kleine sich durchsetzen kann“.

Nicht nur mein Selbstbild, auch mein Sozialleben krempelt der Hund um. Für meine Freunde habe ich nun weniger Zeit, dafür lerne ich in wenigen Wochen mehr Menschen in meinem Viertel kennen als in den fünf Jahren zuvor. Weil die meisten nur nach dem Namen meines Hundes fragen, lerne ich bald, mich angesprochen zu fühlen, wenn jemand von der anderen Straßenseite winkend „Hey, Eddy!“ herüberruft.

Allmählich gewöhne ich mich an mein neues Leben. Ich stehe zwei Stunden früher auf, damit uns draußen weniger Hunde begegnen. Ich kaufe einen neuen Staubsauger, wegen der Hundehaare, räume Eddy ein Kühlschrankfach frei und dazu mein halbes Sofa. Auf Youtube folge ich neben Politanalysten nun meinen liebsten Hundetrainern. Mein Alltag ist chaotischer, schwerer planbar und definitiv dreckiger als vorher.

Ich kann ihn mir nicht mehr anders vorstellen. ---