Wirtschaftsgeschichte

In der Mühle

Ein Junge aus Manchester wurde zum Kaffeekönig von El Salvador. Von den Fabrikherren in seiner Heimat hatte er sich abgeschaut, wie man Arbeiter unter Druck setzt.





• Die Vulkanerde El Salvadors war sehr fruchtbar. Als Farmer im 19. Jahrhundert begannen, dort im großen Stil Kaffeepflanzen anzubauen, gediehen diese gut. Auf den Plantagen reiften an Bäumen auch Avocados, Cashews, Feigen, Mangos und Guaven. Kultivierte und wilde Pflanzen ergänzten einander, denn die Bäume gaben den Kaffeepflanzen den Schatten, den sie brauchten.

Die Farmer, viele von ihnen eingewanderte Europäer, suchten damals dringend Arbeiter, um den Kaffee anzubauen. Allerdings waren die Einheimischen nicht besonders interessiert daran, dort zu arbeiten. Die indigene Bevölkerung betrachtete Nahrungspflanzen als Gemeingut – für Essen musste man nicht arbeiten, denn es war für alle verfügbar. Daraufhin privatisierten die Farmer das Land, wurden selbst zu Plantagenbesitzern – und gewannen die Hoheit über Nahrungsmittel.

So brachten sie die Menschen auf die Plantagen, doch damit nicht genug, sie wollten besonders effiziente Arbeiter. In der perfiden Logik der Großbauern waren die Avocados, Mangos und Feigen, die auf den Plantagen so üppig wuchsen, ein Problem: Die Arbeiter sollten sich nicht daran bedienen, sondern hungrig bleiben. Sie sollten nicht essen, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu essen.

Der Plantagenbesitzer James Hill löschte diese Nahrungsquelle aus: Während seine Konkurrenten den Arbeitern verboten, die Früchte zu essen, ließ er sämtliche Obstbäume ausreißen und durch andere Pflanzen ersetzen, die von da an Schatten spendeten. Essen bekamen die Arbeiter nun nur noch in Kantinen auf den Plantagen, Tortillas und Bohnen wurden dort streng rationiert.

James Hill wurde 1871 in den Slums von Manchester geboren. Sein Vater arbeitete hart bei der Eisenbahngesellschaft, auch in den Fabriken der Stadt wurden die Arbeiter ausgebeutet. So lernte Hill, dass im frühen Industrie-Kapitalismus nur wenige gewinnen und viele verlieren. Schon als Jugendlicher plante er seine Aus- wanderung nach Zentralamerika, vielleicht weil ihm ein Aufstieg aus dem Proletariat in England unmöglich schien, vielleicht aus Abenteuerlust. Als Teenager arbeitete er in einem Geschäft für Stoffe, nach Feierabend lernte er Spanisch. Mit 18 Jahren setzte er mit einem Segelschiff nach Mexiko über, von dort reiste er mit Zug, Maultier und Dampfschiff bis nach El Salvador an der Pazifikküste Zentralamerikas.

Zu Anfang handelte er dort mit Textilien, dann tat sich ein anderer Weg auf: Die Produk-tion von Kaffee boomte, und er hatte das Glück, in eine Familie von Farmern einzuheiraten. Auch für die Familie eine gute Partie – bis etwa 1920 hatte James Hill es zum „Kaffeekönig von El Salvador“ gebracht, bis zu seinem Tod 1951 regierte er ein Imperium aus 18 Plantagen, auf denen er zur Hochsaison etwa 5000 Arbeiter beschäftigte. Die Bohnen verarbeitete er in seiner eigenen Mühle. So produzierte er jedes Jahr um die 2000 Tonnen Kaffee für den Export.

James Hill gestaltete die Plantagen El Salvadors im Stil einer Fabrik in Manchester, nur dass er diesmal auf der Seite derjenigen stand, die die Regeln machen.

In seinem Buch „Coffeeland – A History“, das kürzlich auf Englisch erschienen ist, setzt der US-amerikanische Historiker Augustine Sedgewick die Geschichte des Kaffeehandels Stück für Stück zusammen, über mehrere Jahrhunderte und viele Länder hinweg. „Was bedeutet es, durch die Dinge des Alltags mit Menschen in der Ferne verbunden zu sein?“, fragt er. Für ihn ist die Geschichte des Kaffees auch eine Geschichte der Globalisierung.

Im 15. Jahrhundert entdeckten Menschen in Äthiopien die Kaffeepflanze, die dort wild wuchs. Sie sammelten die Früchte und verkauften diese lokal. Angebaut wurde Kaffee erstmals im Jemen. Handel und Kriege trugen dazu bei, dass das Getränk sich im arabischen Raum und um das Mittelmeer ausbreitete. Im 17. Jahrhundert wurde es zum Luxusprodukt. In London zum Beispiel tauschte sich die Elite der Kunst, Kultur und Wissenschaft in Kaffeehäusern aus.

Der Boom kam im 19. Jahrhundert. Je beliebter das Getränk wurde, desto mehr Geschäftsleute drängten in die Branche. Der Handel mit Kaffee nahm rasant zu. Allerdings ging die Massenproduktion zulasten der Menschen auf den Plantagen: In Brasilien wurden Arbeiter wie Sklaven gehalten, bis 1888 ein Gesetz die Sklaverei verbot.

All das war bereits geschehen, als James Hill um 1900 ins Geschäft einstieg. Im Jahr 1927, als er schon als Kaffeekönig galt, besuchte ihn ein Reporter aus New York, Arthur Ruhl, auf seinem Anwesen Las Tres Puertas. Hill, zu der Zeit fast 60 Jahre alt, zeigte dem Reporter seine Mühle und eine angrenzende Plantage. Bei der Führung habe Hill mit seinem Spazierstock immer wieder den schwarzen Lehm rund um die Pflanzen geprüft, schrieb Ruhl später. Höflich und ruhig, noch immer mit Manchester-Akzent, habe er ihm von der Bodenqualität und den Kaffeepreisen, den Löhnen und der Politik El Salvadors erzählt.

Aus den Schilderungen des Reporters geht hervor, dass James Hill sich selbst für einen humanen Unternehmer hielt. Er gelte in der Gegend als „delicado“, spanisch für „zart“, weil er seine Arbeiter besser behandle als damals üblich. Nach Augustine Sedgewicks Recherchen traf dies tatsächlich zu – was allerdings daran lag, dass die anderen Plantagenbesitzer noch brutaler mit ihren Arbeitern umgingen: Sie schlugen diese oder erschossen sie sogar, selbst bei geringsten Anlässen, etwa wenn diese von den verbotenen Früchten auf den Plantagen gegessen hatten.

Letzten Endes waren es allerdings die Arbeiter selbst, die für etwas menschlichere Zustände auf Hills Plantagen sorgten. Sie bestachen Aufseher, damit diese ein paar Bäume übersahen, die etwas versteckt standen. So hatten sie zusätzlich zu den knapp bemessenen Tortillas mit Bohnen auch Avocados, Cashews und Obst zu essen. ---