Frischer Atem

Was bleibt, wenn bei einem Streich-Ensemble der letzte Gründer aufhört? Wie geht es weiter, wenn die Hälfte der Musiker neu dazustößt? Einblicke hinter die Kulissen des weltweit erfolgreichen Artemis Quartetts.




• Es ist eine kleine Bemerkung am Rande, die ahnen lässt, wie viele Details passen müssen, um als klassisches Streichquartett zu einem Gleichklang zu finden. „Was es braucht, um wirklich zusammen zu spielen, um miteinander zu atmen, das überrascht mich immer wieder“, sagt Suyoen Kim und schüttelt den Kopf.

Zu atmen?

„Ja, ich meine das wortwörtlich. Zum Beispiel zu Beginn eines Konzerts: Wie treffe ich den Anfang eines Tons? Wie sein Ende? Das muss man physisch lernen.“

Kim verweist auf Franz Schuberts berühmtes Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“, bei dem alle vier Musiker im selben Moment einsetzen, mit viel Emphase, und gleich wieder absetzen. „Der Ton ist unmöglich“, sagt die Geigerin halb empört, halb lächelnd. Ein Streicher, der da auf den anderen wartet, ist schon den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde zu spät. Um denselben Moment zu treffen und mit dem Bogen genau den richtigen Druck auf die Saiten zu bringen, muss er schon vorher richtig atmen und auf die anderen achten. „Man muss aktiv spielen – und noch aktiver zuhören.“

Wenn die 32-jährige Musikerin erzählt, draußen auf einer Bank in Berlin, Prenzlauer Berg, manchmal mit ihren Händen Töne in die Luft zeichnend, ist eine fast jugendliche Begeisterung zu spüren über das, was es in der klassischen Musik noch alles zu entdecken gibt. Dabei ist Kim keine Anfängerin, schon als Fünfjährige bekam sie Geigenunterricht. Heute spielt sie eine Stradivari, ist Erste Konzertmeisterin im Konzerthausorchester Berlin. Ende 2018 entschied sie sich, zusätzlich beim Artemis Quartett einzusteigen – und damit in eine neue Welt.

Das Artemis Quartett, 1989 gegründet, gilt Kritikern als ausdrucksstarkes Ensemble mit einer „Risikobereitschaft, die an Grenzen geht“ (»Tagesspiegel«), immer auf der Suche nach der Essenz der Musik. Es wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, spielt in der Carnegie Hall in New York, dem Concertgebouw in Amsterdam oder der Berliner Philharmonie. Es sei „eines der besten Streichquartette weltweit, ja das beste überhaupt im 21. Jahrhundert“, schrieb die »Zeit« 2016. Doch das ist nur die eine, die glamouröse Seite.

Die andere, traurige Seite bringt ein Frankfurter Musikfachhändler auf den Punkt: „Die hat’s ganz schön gebeutelt in den vergangenen Jahren.“ 2015 wurde bei dem Cellisten Eckart Runge, einem der Gründungsmitglieder, Krebs diagnostiziert. Kurz darauf verstarb überraschend der an Depressionen leidende Bratschist Friedemann Weigle. Nach einem halben Jahr war mit Anthea Kreston ein neues Mitglied gefunden, doch im Herbst 2017 verkündete Runge, er wolle aufhören. Und Kreston entschied: ich auch. Übrig blieben Gregor Sigl, der nach Weigles Tod zur Bratsche gewechselt war, und Vineta Sareika an der ersten Geige. Sie entschieden: Wir machen weiter.

Was geschieht mit einem Ensemble, wenn die Hälfte ausgewechselt wird? Ein Quartett ist ein sensibles Gebilde aus vier Menschen, die für die Musik leben, die proben, auf Tour gehen, in kleinen Sälen, für kleines Geld, die viel Zeit miteinander verbringen. Eine „Lebensform“, wie es Eckart Runge in dem Dokumentarfilm „Das unendliche Streichquartett“ ausdrückt. Da muss es menschlich passen, vor allem aber musikalisch.

Kompositionen für Quartette gelten vielen als Königsdisziplin. Das komplexe Zusammenspiel von Cello, Bratsche, erster und zweiter Geige lebt im Vergleich zu Solisten oder Orchestern stärker von den einzelnen Stimmen, ihrem Dialog, ihrem Widerstreit oder Verschmelzen. Es ist ein Ausdruck aller menschlichen Emotionen, übersetzt in Noten, und um den richtigen Ausdruck zu streiten, ist etwas Intimes, Intensives. „In einem Quartett können die Persönlichkeiten sehr unterschiedlich sein“, sagt die Geigerin Vineta Sareika. Alle jedoch müssten stark sein, eigene Ideen einbringen und bereit sein für Konflikte und zum Kompromiss.

Zwei Mitglieder ersetzen und zugleich die Identität des Ensembles wahren – darin lag die Herausforderung für Sigl und Sareika. Mögliche Kandidaten, die sie vom Können und von der Ausstrahlung her begeisterten, luden sie zum Spielen ein. Dabei zerschlug sich manche Hoffnung schnell. „Wir haben es mehrmals erlebt, dass wir uns auf jemanden unglaublich gefreut hatten und nach drei, vier Minuten wussten: Das geht nicht“, sagt Sigl, ein mächtiger Mann mit Vollbart. „Da waren wir manchmal am Rande der Verzweiflung.“ Denn die beiden hatten sich geschworen: Wenn sie keine zwei Kandidaten finden, bei denen sie sich absolut sicher sind, werden sie das Quartett auflösen.

Doch Ende 2018 wendete sich alles zum Guten. Schon länger hatte das verbliebene Duo Suyoen Kim und Harriet Krijgh im Auge, nur machten beide gerade steil Karriere. „Doch von Harriet kam die Antwort: Ja, das ist genau das, wovon ich träume, wann können wir uns treffen? Bei Suyoen war es genauso“, erzählt Sigl. Beim Spielen passte es sofort. Seine Lehre aus dieser Zeit: „Aus der Ferne kann man vieles nicht erkennen. Man kann sich so unglaublich täuschen.“ Seit Mai vergangenen Jahres ist die neue Formation komplett.

Die Kooperation der Neuen und der Alten folgt strengen Regeln, die sich Artemis einst gegeben hat. Bei Proben wird maximal vier Stunden gespielt. Pro Jahr gibt es höchstens 60, 70 Konzerte. Das Ensemble entscheidet selbst, was es spielt. „Wir nutzen rigo-ros unseren Status aus und spielen pro Saison nur drei Programme“, sagt Sigl, das könne sich vielleicht eine Handvoll Quartette erlauben. „Das war natürlich nicht immer so, ist für uns inzwischen aber nicht mehr verhandelbar. Sonst können wir nicht so tief eintauchen.“

All diese Beschränkungen schaffen erst die Voraussetzung dafür, dass die Musiker bei Konzerten mit voller Leidenschaft spielen können. „Verausgabung“ nennt Gregor Sigl das. „In dieser Musik kommen die größten Extreme vor, die ein Mensch empfinden kann: Todesangst, Todessehnsucht, lähmende Trauer, unerträgliche Einsamkeit, überwältigendes Glück und Liebe. Wenn man die jeden Abend abrufen muss, ist das wahnsinnig anstrengend.“

Die Mitglieder des Streichquartetts streben ein freies, bedingungsloses Spiel an, das erst durch die Sicherheit möglich wird, die sie sich durch beharrliches Diskutieren, ja Sezieren der Musik in den Proben erarbeiten. Da geht es dann um das Atmen, das Vibrato in der linken Hand oder Druck und Geschwindigkeit des Bogens in der rechten. „Im Quartett lernt man, das in Worte zu fassen, das war für mich neu“, sagt die Lettin Vineta Sareika, die 2012 zur Gruppe stieß und schnell Deutsch lernte. „Da geht es ans Eingemachte“, sagt sie und lacht.

Beim Artemis Quartett gilt: Wichtige Entscheidungen müssen einstimmig gefällt, alle Einnahmen durch vier geteilt werden. Wer etwas kritisiert, muss einen Vorschlag machen, wie es besser geht. Schlägt einer etwas vor, wird es immer ausprobiert. Und wer den Charakter der Musik stärker herausarbeiten will, muss präzise formulieren. „Es reicht bei Weitem nicht zu sagen: Die Musik ist traurig“, sagt Sigl. „Es gibt ja unendlich viele Facetten von Trauer. Ist sie verbunden mit Einsamkeit? Mit wütenden Schreien? Mit verzweifeltem Heulen? Das muss man verbalisieren und die technische Umsetzung überzeugend demonstrieren können.“ Je länger Sigl erzählt, desto weniger bleibt vom Bild des genialen Künstlers, der aus dem Moment heraus Großes erschafft. Vor der Magie steht das Ringen und Zerlegen, das Zerreden und Verzetteln.

In der Arbeitsweise des Quartetts, in seinem tradierten Wissen, seiner eigenen Sprache, in der Begriffe oder Kürzel für eine Technik, eine Marotte, ja eine ganze Situation stehen, sind auch die ehemaligen Mitglieder präsent. Sigl spricht gern von einem „Schatz“. Dieser werde „nicht nur sorgsam bewahrt, sondern ganz bewusst weitergetragen“. Das sei „wie ein Olympisches Feuer“, hat die Niederländerin Harriet Krijgh, mit bald 29 Jahren die Jüngste im Bunde, mal in einem Interview gesagt.

Doch wie können die Neuen die Tradition verstehen, annehmen und respektieren, ohne dass ein Gefälle entsteht? Suyoen Kim sieht das entspannt: „Wir zwei vertrauen Gregor und Vineta unglaublich.“ Am Anfang stehe „eine große Lernphase, in der man erst mal alles aufsaugen muss“. Klar, sagt sie, manchmal sorge sie sich, ob die Balance stimme und sie sich stärker behaupten müsse, aber sie vertraue in die Zeit, das Ganze sei ein natürlicher Prozess. Von den intensiven Diskussionen ist Kim begeistert: „Das ist ja genau das, warum man Quartett spielen will. Im Orchester ist nicht die Zeit, so in die Tiefe zu gehen. Und der Dirigent sagt, wie es gemacht wird.“

Auf der anderen Seite fällt Sigl, 44 Jahre alt, und Sareika, 34, die Aufgabe zu, das Quartett und seine Tradition in die Zukunft zu führen, ohne dabei wie Lehrmeister aufzutreten. Da ist es ein Signal, dass Vineta Sareika im Zuge des Wechsels anbot, die erste Geige, der häufig die Melodie, die Führung und damit viel Prestige zufällt, mit Kim zu teilen – in der Welt der Klassik, die für große Egos berüchtigt ist, ein ungewöhnlicher Schritt. „Das hat mich sehr, sehr beeindruckt“, sagt Kim, deutet allerdings an, dass sie ohne dieses Angebot wahrscheinlich nicht gekommen wäre. Heute spielt mal die eine, mal die andere die zweite Geige. Beide sagen, dass sie es als Bereicherung empfänden, diesen Part kennenzulernen, auch diese Reliefs und Farben zu spielen.

Das alles klingt sehr harmonisch und nach Gleichberechtigung. Gregor Sigl könnte sich als Dienstältester noch am ehesten als Primus inter pares fühlen, doch das weist er weit von sich: „Die Neuen sind genau so wichtig wie die Alten. Jeder trägt etwas bei.“ Wobei Sigl bewusst ist: „Das muss man vorleben, zum Beispiel, indem man bei der Probe jedem wirklich zuhört.“ Dabei lerne er auch von den Neuen. „Die haben ihre eigene Stimme, ihren eigenen Ton. Harriet klingt nicht nach Eckart Runge, auch wenn sie ganz bewusst viele seiner Techniken übernimmt“, sagt Sigl. Es dürfte helfen, dass er 2007 selbst der Neue war, ohne dass er sich als Lehrling fühlte.

Was den Bratschisten optimistisch stimmt: „Jeder von uns hat verstanden, dass konstruktive Kritik hilft – dem anderen, aber auch dem Ganzen. Dass das kein Angriff auf die Person oder das Können ist. Das war in früheren Besetzungen nicht so eindeutig.“ Dabei spielt Sigl vor allem auf die Jahre mit Anthea Kreston an, die mit ihrer Impulsivität anfangs begeisterte, dann aber im Alltag fremdelte. Alle spürten, dass es doch nicht passte wie erhofft. „Wir haben gemerkt, dass wir verschiedene Arbeitsweisen und einen unterschiedlichen musikalischen Geschmack haben“, sagt Sareika. „Auch sie hat gespürt, dass das nicht ihre Art zu arbeiten ist.“ Kreston ist Amerikanerin, spricht kein Deutsch und ist musikalisch anders sozialisiert. So blieb es ein 3 plus 1, das von Professionalität zu- sammengehalten wurde. Sigl hat daraus gelernt: „Man darf es nicht unterschätzen, wenn jemand aus einer ganz anderen Kultur kommt. Da haben sich einfach beide Seiten etwas vorgemacht.“

Mit dem Doppelwechsel ist das Quartett jünger, auch weiblicher geworden. Eine neue Leichtigkeit hat Einzug gehalten. „Wir empfinden einfach eine große Freude, miteinander zu spielen“, sagt Kim. „Jeder kommt mit Begeisterung zur Probe“, schwärmt Geigerin Sareika. Sigl spricht von einem „Segen“. Er sei restlos begeistert von den Neuen, und umgekehrt seien diese regelrechte Fans des Quartetts. „Sie wollen das, was wir machen, kennenlernen und verinnerlichen.“ Die Einigkeit im Geiste beeindrucke ihn. „Das ist von allen Besetzungen die, die am meisten an einem Strang zieht und nach dem Gleichen strebt.“ Sareika sagt, das Quartett sei „viel sinnlicher, viel freundlicher geworden“. Man spürt, wie mühsam, wie gereizt die Zusammenarbeit zuvor gewesen sein muss. Sigl und Sareika wirken wie befreit.

Und die Ausgeschiedenen? Mit Anthea Kreston stünde man weiter „in gutem Kontakt“, sagt Sareika. Mit Eckart Runge – der dem Quartett attestiert hat, „ein Stück weit feiner“ geworden zu sein – hätten dieser Tage eigentlich Konzerte angestanden. Und Weigle wird intern bis heute zitiert. „Wir erinnern uns immer mit einem Lächeln an ihn“, sagt Sareika. Gregor Sigl, der nun das Instrument des Kollegen spielt, sagt: „Für mich ist das bis heute Friedemanns Bratsche. Immer wenn ich die sehe, denke ich an ihn.“

Manche Kritiker stellen bei der neuen Konstellation eine „Aufbruchstimmung voller Leidenschaft und Temperament“ fest. Andere äußern sich verhaltener. Udo Badelt, Redakteur beim Berliner »Tagesspiegel«, der die Entwicklung von Artemis seit vielen Jahren verfolgt, sagt: „Die müssen sich noch finden, doch sie haben das Potenzial dazu.“ Sonia Simmenauer, die Agentin des Quartetts, sieht auch die Gefahren von zu viel Harmonie. „Die brauchen noch mehr Reibung in den Proben, noch mehr Reibung vor Publikum.“

Umso mehr hadern alle mit der Ungewissheit, wann es wieder losgeht mit Auftritten. Eine Ungeduld, die Vineta Sareika nicht daran hindert, weit nach vorn zu blicken. „Mein Wunsch wäre, dass das Artemis Quartett auch in hundert Jahren noch existiert.“ ---

1989: Gründung des Quartetts durch vier Studenten der Musikhochschule Lübeck, darunter der Cellist Eckart Runge

1994: Wilken Ranck (Geige) verlässt das Ensemble, Natalia Prishepenko kommt. Die Erfolgsgeschichte des Quartetts beginnt

2007: Gregor Sigl (2. Geige) und Friedemann Weigle (Bratsche) ersetzen Heime Müller und Volker Jacobsen

2012: Natalia Prishepenko steigt aus, Vineta Sareika tritt an ihre Stelle (1. Geige)

2015: Friedemann Weigle verstirbt

2016: Sigl wechselt zur Bratsche, Anthea Kreston (2. Geige) stößt hinzu

2017: Runge und Kreston entschließen sich aufzuhören, bleiben aber, bis Ersatz gefunden ist

2019: Seit Mai spielt das Artemis Quartett in der Besetzung: Harriet Krijgh (Cello), Gregor Sigl (Bratsche), Suyoen Kim und Vineta Sareika (wechseln sich an der 1. und 2. Geige ab)