Das geht

Finde den Fehler

Defekte, deren Ursache sich einfach nicht ermitteln lässt, kennt jede Autowerkstatt. Mit einer App können Kfz-Experten sich nun gegenseitig helfen.




• Ohne die App wäre Christian Wittersheim an dem Citroën seines Kunden wohl verzweifelt: Die Zylinderkopfdichtung und die Steuerkette waren defekt – eigentlich eine Standardreparatur. Aber nachdem der Kölner Kfz-Meister die neuen Komponenten eingebaut hatte, blinkte die Meldung „Fehler Nockenwellensensor“ im Diagnosesystem des Autos auf. Wittersheim baute die Nockenwelle aus, tauschte die Sensoren, setzte alles wieder zusammen – doch die Fehlermeldung blieb. Er telefonierte mit der Hotline des Diagnosesystem-Herstellers und prüfte, ob der Sensor überhaupt funktionierte: Das tat er. Aber die Meldung verschwand einfach nicht – auch als er nochmals einen Sensor austauschte. Wittersheim wurde nervös: Wirtschaftlich war der Auftrag längst nicht mehr. Die Stunden, die er in die Fehlersuche investiert hatte, konnte und wollte er nicht berechnen. Als er Kollegen um Rat fragte, empfahl ihm einer die Fabucar-App.

Das Prinzip: Fachleute stellen per Text, Foto oder Video ihre Problemfälle vor und geben sich gegenseitig Tipps zur Lösung. Christian Wittersheim registrierte sich und tippte los. 20 Minuten später kam der entscheidende Hinweis: Er hatte bei der Reparatur eine Taschenlampe mit Magnetfuß verwendet, diese hatte die Nockenwelle magnetisiert. Nun sollte er den Gasbrenner kurz an den Sensorring halten: Hitze entmagnetisiert. „Darauf wäre ich niemals gekommen“, sagt Wittersheim.

Die App habe schon in mehr als 4200 Fällen weitergeholfen, sagt Lars Faust, der Gründer der Firma aus Schwelm in Nordrhein-Westfalen. „Etwa 70 Prozent der Fälle sind nach 48 Stunden gelöst.“ Die Nutzer der App zahlen keine Gebühr, sie finanziert sich durch Werbung. „Ganz klassisch“, sagt der 47-Jährige. Mitte 2019 hatte er das Unternehmen ins Handelsregister eintragen lassen. Inzwischen beschäftigt er 13 Mitarbeiter, seit März schreibt die Firma schwarze Zahlen.


Knifflige Reparaturen zeigt Faust auch in seiner TV-Serie.

So einfach die Idee hinter Fabucar ist, so lange brauchte sie, um zu reifen. Am Anfang, vor 14 Jahren, stand Fausts alter Passat Kombi: Dessen Gangschaltung machte beängstigende Geräusche. Nachdem eine Werkstatt sich erfolglos an dem Problem versucht hatte, wollte sie ein neues Getriebe einbauen – für 7000 Euro, zwei Drittel dessen, was Faust für den Gebrauchtwagen gezahlt hatte. Er bat einen befreundeten Mechaniker um eine zweite Meinung. Der zog nach fünf Minuten Probefahrt die Kunstleder-Manschette über dem Schaltknauf hoch und drückte mit einer Zange eine lose Klammer fest: „Fertig.“ Das kann kein Einzelfall sein, dachte Faust, der auch Geschäftsführer einer TV-Produktionsfirma ist. 2007 entwickelte sein Unternehmen Fabula Film daraufhin das TV-Format „Die Autodoktoren“ für den Sender Vox: eine Serie, in der sich zwei Kfz-Experten verzwickten Reparaturen annehmen.

Neun Jahre später, im Oktober 2016, klingelte Fausts Telefon. Eine Mitarbeiterin einer Werbeagentur wollte wissen, ob er auch Werbefilme fürs Internet drehen könnte. Ein paar Tage zuvor hatte er von den überlasteten Hotlines von Diagnosesystem-Herstellern gehört. Und so formte sich eine Idee: Videos, Smartphones und Werkstätten, die händeringend Hilfe benötigen – Fabucar war geboren.


Der Gründer und Filmproduzent Lars Faust in seinem Büro in Schwelm bei Wuppertal

Doch die Suche nach Investoren war schwierig: Die einen verstanden die Idee nicht richtig, die anderen waren nur an einer Übernahme interessiert. Also nahm Faust selbst 30 000 Euro in die Hand und beauftragte eine IT-Firma damit, einen Prototyp zu bauen. Aber zufrieden mit dem Ergebnis war er nicht. Auch nicht mit den Änderungen, die er über Monate hinweg einbauen ließ. Schließlich überzeugte ihn sein Redaktionsleiter Philipp Sternberg, die App endlich zu veröffentlichen.

Und so präsentierte Lars Faust Fabucar im September 2018 auf der Messe Automechanika und ließ die App zeitgleich über den Youtube-Kanal der „Autodoktoren“ ankündigen. Fünf Tage später gab es bereits 5000 Anmeldungen – von denen allerdings nur 800 hauptberufliche Kfz-Mechatroniker waren, die Voraussetzung für eine Registrierung. „So halten wir die Qualität hoch“, sagt Faust. Jedem der 4200 Hobbyschrauber hätten sie einzeln per E-Mail abgesagt. Mitte April dieses Jahres lag die Zahl der registrierten Fachleute bei mehr als 17.000.

Ralf Strehlau ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung Anxo und Experte für den Autowerkstätten- und Ersatzteile-Markt. Seine Einschätzung zu Fabucar: „Das Modell ist smart, der Bedarf der Werkstätten ist hoch.“

Für die Zukunft seiner App hat Lars Faust schon ein paar Ideen: etwa ein System, mit dem Nutzer schneller zu ähnlichen, bereits gelösten Fällen gelangen, oder eine Version für Hobbyschrauber. Auch eine Internationalisierung hat er im Blick: „Fabucar klingt auch auf Englisch nicht schlecht.“ ---