Was wäre, wenn …

… es keine Schwarzarbeit gäbe?

Ein Szenario.




• Von der Putzhilfe bis zum befreundeten Fliesenleger, der das Badezimmer am Wochenende kachelt; vom Kellner, der seinen Lohn am Abend bar auf die Hand bekommt, bis zur Großbaustelle, auf der nur ein Teil der Arbeiter angemeldet ist: Schwarzarbeit hat viele Gesichter. Sie findet im großen wie im kleinen Stil statt, in Privathaushalten ebenso wie in Unternehmen. Doch was wäre, wenn es keine Schwarzarbeit mehr gäbe? Wenn für alle bezahlten Tätigkeiten auch Sozialabgaben und die Einkommensteuer anfielen?

Schon die Frage, wie viel Schwarzarbeit es in Deutschland gibt, ist schwer zu beantworten. Dominik Enste vom Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) geht in einer Studie aus dem Jahr 2017 von jährlich 136 Milliarden Euro Wertschöpfung durch Schwarzarbeit aus. Hinzu kommen 75 Milliarden Euro für nicht versteuertes Material. Gäbe es keine Schwarzarbeit mehr, würde jedoch nur rund ein Drittel dieser insgesamt 211 Milliarden Euro der regulären deutschen Wirtschaft zugute kommen, sagt Enste.

Denn viele Dienstleistungen würden dann – so Umfragen in der Bevölkerung – entweder selbst erledigt oder aufgrund der höheren Preise nicht mehr in Anspruch genommen. Auch Friedrich Schneider, der das Thema lange an der Universität Linz erforscht hat, sieht in Schwarzarbeit gewissermaßen einen Schmierstoff der Wirtschaft: Sie ermögliche Dienstleistungen, die sonst nicht erbracht würden. Er schätzt, dass nur etwa eine Million der Schwarzarbeiter in Deutschland ihre illegale Tätigkeit in Vollzeit verrichten. Die restlichen acht Millionen gingen einem regulären Job nach und besserten sich lediglich ihr Einkommen auf.

Gerhard Bosch sieht das kritischer. Er ist Research Fellow und ehemaliger geschäftsführender Direktor am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. „Bis in die Neunzigerjahre dominierte in Deutschland die Schwarzarbeit im kleinen Maßstab: Rasenmähen, Babysitting oder ein Handwerker, der mal einen Auftrag ohne Rechnung erledigte“, sagt Bosch. Diese Art der unversteuerten Arbeit sei eher zurückgegangen, unter anderem weil sich viele Dienstleistungen im Haushalt steuerlich absetzen lassen. Die organisierte Schwarzarbeit nehme hingegen stark zu: So schickten Scheinfirmen aus dem Ausland häufig in großem Stil Arbeiter nach Deutschland, die ausgebeutet würden. Das drücke die Löhne, vor allem in der Baubranche oder in den Schlachthöfen.

In einer Welt ohne Schwarzarbeit wären also fast alle Beteiligten besser dran: Zum einen der Staat, weil er mehr Steuern und Sozialabgaben erhielte. Zwischen 0,4 und 1,1 Millionen neue Vollzeitstellen würden bei einer erfolgreichen Bekämpfung entstehen, schätzt das IW. Dadurch könnte der Staat bis zu 8,8 Milliarden Euro zusätzliche Steuern und bis zu 19,8 Milliarden Euro zusätzliche Sozialabgaben einnehmen.

Doch auch viele Unternehmen profitierten, wenn es keine Schwarzarbeit mehr gäbe: Firmen, die ehrlich abrechnen, sehen sich oft einem ruinösen Preiskampf ausgesetzt, worunter kleine und mittelständische Firmen stärker leiden als Großunternehmen mit mehr als 250 Angestellten. Ein Ende der organisierten Schwarzarbeit würde nicht zuletzt den Schwarzarbeitern nützen, denn von ihr profitieren „vor allem Schlepperbanden, welche die Arbeiter betrügen und einen Großteil des Geldes selbst einstreichen“, sagt Gerhard Bosch.

Ohne Schwarzarbeit stiegen auch die Renten – schließlich gehen all diese Einnahmen an der Rentenkasse vorbei.

Außerdem hörten Fachkräfte vermutlich auf, aus besonders betroffenen Branchen – beispielsweise dem Baugewerbe – abzuwandern. Gut ausgebildete Arbeiter und Arbeiterinnen, die flexibel genug sind, wechseln laut Bosch zunehmend in Branchen, in denen es weniger illegale Konkurrenz und somit auch weniger Preisverfall gibt. Das führt dazu, dass in den betroffenen Industriezweigen gut ausgebildete Arbeitskräfte fehlen.

Ein Nachteil dieses Szenarios: Manches würde teurer. „Da gerade bei der organisierten Schwarzarbeit aber auch die Hintermänner und Schlepper wegfielen, die einen Großteil des Geld einbehalten, würden die Kosten wohl nicht so stark steigen, wie manch einer befürchtet“, sagt Bosch. Dennoch müssten wir als Gesellschaft umplanen und beispielsweise „deutlich mehr Geld für die Pflege ausgeben – denn dort findet sehr viel Schwarzarbeit statt“.

In der deutschen Bevölkerung hält sich die Sehnsucht nach einer Welt ohne Schwarzarbeit allerdings offenbar in Grenzen: In Umfragen gibt zwar fast niemand zu, unversteuerten Tätigkeiten nachzugehen. Wird jedoch danach gefragt, ob man jemanden kennt, der schwarzarbeitet, sagen nur 40 Prozent, dass ihnen niemand bekannt ist. Für viele scheint es sich um ein Kavaliersdelikt zu handeln: Während 78 Prozent der Deutschen Schwarzfahren und 86 Prozent Steuerhinterziehung „völlig inakzeptabel“ finden, liegt der Anteil bei Schwarzarbeit im Privathaushalt nur bei 62 Prozent. ---