Social Media

Die freundliche Schnüfflerin

Wie eine junge Frau aus Hongkong Facebook & Co. herausfordert.



Foto: privat


• Jane Manchun Wong genießt schon länger den Respekt der Programmier-Elite aus dem Silicon Valley. Die 26-Jährige weiß oft vor allen anderen, wenn Facebook, Instagram oder Twitter ein neues Feature testen. Sie zwitschert die Nachricht dann in die Welt, stiehlt so den Social-Media-Konzernen die Show oder verrät Experimente, die noch nicht für die Öffentlichkeit vorgesehen waren.

75.000 Menschen folgen ihr auf Twitter, darunter ranghohe Manager, Computernerds und Fachjournalisten. Wong ist Aufmerksamkeit inzwischen gewohnt. Dennoch konnte sie kaum glauben, was sie sah, als sie sich Mitte Januar durch den Quellcode einer populären App wühlte. Eine noch nicht veröffentlichte Funktion trug den Namen „Top Secret: Jane please don’t spoil“. Da sei sie sehr stolz gewesen, sagt sie.

Wong studiert Computerwissenschaft an der University of Massachusetts Dartmouth in den USA, nimmt sich gerade aber eine Auszeit. Geld verdient sie als sogenannte Bug-Bounty-Jägerin: Sie beteiligt sich an der Suche nach den Schwachstellen in der Software von Unternehmen und kassiert im Erfolgsfall deren dafür ausgelobte Prämie. Auch die Social-Media-Konzerne, sagt sie, bemühten sich infolge ihrer Enthüllungen darum, die eigenen Apps sicherer zu machen. Sie sieht sich darum nicht als böse Hackerin, son- dern auf der Seite der Guten.

Für die Suche nach unveröffentlichten Funktionen wird sie nicht bezahlt. Das sei nur Hobby. Sie forscht in den Quellcodes der Social-Media-Apps nach neuen Passagen, baut die Funktionen dann auf ihrem Smartphone nach – Reverse Engineering heißt der Fachbegriff. „Das ist wie Schachspielen“, sagt sie. „Ich muss wachsam bleiben, ständig neue Herausforderungen meistern.“ Bis zu 18 Stunden verbringe sie jedes Wochenende damit.

Zu Wongs größten Entdeckungen zäh- len: die Überlegungen von Instagram, Likes nicht mehr öffentlich anzuzeigen; Spotifys Social-Listening-Feature, das Freunden erlauben würde, Playlists gegenseitig mit neuen Songs zu bestücken; Twitters Erwägungen, Tweets künftig nicht generell öffentlich zu halten, sondern die Option anzubieten, sie einem begrenzten Kreis an Personen zuzuspielen.

Die erste Reaktion auf ihre Veröffentlichungen ist nicht selten, dass die Programmierzeilen für das neue Feature wieder verschwinden. Viele werden später dann aber tatsächlich umgesetzt.

Es ist auch schon passiert, dass Mitarbeiter der Plattformen sie kontaktierten, um ihr für eine Entdeckung zu gratulieren. Wong glaubt, dass die Programmierer sich dafür interessieren, vor dem Launch ihrer neuen Features zu sehen, wie diese in ihrer Twitter-Community ankommen. Dass die Konzerne sie gezielt einsetzen, um Testballons zu starten, ist aber nicht belegt.

Mit einigen sei sie wegen einer möglichen Anstellung im Gespräch. Von einzelnen Mitarbeitern weiß sie zudem, dass die sie lieber heute als morgen in ihren Reihen sähen. Wong war auch schon zu Besuch in den Zentralen von Facebook und Twitter, um mit den Leuten, deren Arbeit sie aus der Ferne untersucht, zu quatschen.

Zwischen den Entwicklern und der Schnüfflerin hat sich ein Spiel entsponnen. Nach der ersten Nennung von Wongs Namen in den Tiefen eines App-Codes haben auch die Programmierer von Instagram sie direkt adressiert: Am 31. Januar nannten sie eines der neuen Features „What’s up Jane“, am 3. März „Stop snooping Jane“. ---

Martin Fehrensen ist Autor von Social Media Watchblog – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.