Kenia

Ein Experiment in Kenia untersucht die langfristige Wirkung einmaliger Geldzahlungen an arme Dorfbewohner: Wie geht es ihnen? Und wie ihren Nachbarn, die leer ausgingen?




• Millicent Achieng Odhiambo erinnert sich noch genau an den Moment, als ihr Leben eine Wende nahm: „Es war im Juli 2014. Ich kam gerade von unserem Maisacker, da sah ich auf dem Handy die Nachricht: 400 Dollar Cash-Transfer, die erste Rate von insgesamt 1000 Dollar.“ Odhiambo scheucht die Hühner aus ihrem kleinen Lehmhaus in Umeina, ein Dorf mit ein paar Hundert Einwohnern im Südwesten von Kenia. Man sieht, dass sie heute morgen alles gefegt und geordnet hat: Hier ein paar Tassen und Plastikschüsseln, dort ein Häufchen Kleider – das ist schon der gesamte Hausstand ihrer Familie.

Wenn Odhiambo spricht, leuchtet ihr rundes Gesicht: Sie hätte, sagt sie, nicht zu träumen gewagt, dass sie einmal so viel Geld besitzen würde. Tausend Dollar! Diese Summe könnte ein armer Haushalt wie ihrer auch mit jahrelanger Feldarbeit nicht als Gewinn erwirtschaften. Für sie, ihren Mann und die sechs Kinder bedeutete die Bargeldspritze der amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation Give Directly zum ersten Mal so etwas wie ein Gefühl der Sicherheit: „Wir hatten schon lange von Blech über unseren Köpfen geträumt. Wenn es regnete, kam durch das Strohdach Wasser, und wir konnten nicht schlafen, haben oft die ganze Nacht auf dem Boden gehockt, auch die Kinder.“ Damals befanden sich in ihrer Hütte noch keine Möbel, lediglich ein paar Strohmatten, auf denen sich das tägliche Leben abspielte.

Heute wirkt das Zuhause der Bäuerin fast heimelig. Außen glitzert ein Blechdach, innen schmücken Jesus-Poster und Bilder von Reggae-Stars die Hütte. Ein Sideboard, grob gezimmerte Holzsessel und ein Tischchen zeugen vom sozialen Aufstieg der Familie. „Wir haben uns eine Kuh gekauft“, sagt sie, „außerdem Schuluniformen und Bücher für die Kinder.“ Ihr Stolz sind die drei Paar Schuhe, die auf der Lehmmauer, die das Wohn- undSchlafzimmer vom Waschraum trennen, wie Schmuckstücke aufgereiht sind. Endlich haben wenigstens ihre drei ältesten Kinder ein Paar, müssten nicht mehr barfuß in die Schule gehen. „Unser Ansehen im Dorf“, sagt Odhiambo und nimmt ihre jüngste, dreijährige Tochter auf den Schoß, „hat sich gebessert. Früher gehörten wir zu den Ärmsten. Jetzt sind wir Mittelschicht.“

Auch einige Nachbarn Odhiambos gehören zu den Geldempfängern: Alle haben ihr Stroh gegen ein Wellblechdach getauscht, eine Investition, die mit etwa 300 Dollar zu Buche schlägt. Den Rest des Geldes hat etwa Michael Omondi Agala in ein gebrauchtes Motorrad investiert. Früher sei er von den Felderträgen abhängig gewesen, als Motorrad-Taxifahrer könne er nun den Schulbesuch seiner zwei Kinder finanzieren. Ähnlichen Unternehmergeist beweist auch seine Mutter Consolata. Sie beglich mit ihrem eigenen Startkapital nicht nur die Mietschulden für ihren Marktstand, sondern renovierte auch ein Zweithaus, das lange verfiel. „Ich habe jetzt vier Mieter. Sorgen gibt es immer, aber nicht mehr so viele wie früher.“

Die Zahlungen, die inzwischen sechs Jahre zurückliegen – sind Teil eines groß angelegten Experimentes, das unsere Sicht auf Entwicklungshilfe und die Bekämpfung der Armut verändern könnte: Warum nicht den Armen das Geld direkt geben? Und sie selbst entscheiden lassen, wofür sie es verwenden – ohne einen teuren Apparat aus Experten und Bürokraten.

Die Antwort soll nun eine wissenschaftliche Analyse geben, statt – wie so oft – darüber zu spekulieren, was gegen Armut wirkt. „Wenn wir nicht wissen, ob wir etwas Gutes tun, sind wir nicht besser als die mittelalterlichen Ärzte und ihre Blutegel“, hatte die aktuelle Wirtschafts-Nobelpreisträgerin Esther Duflo zu Beginn des Projektes erklärt. „Manchmal geht es dem Patienten besser, manchmal stirbt er. Lag es an den Blutegeln? An etwas anderem? Wir wissen es nicht.“ Mit ihren Kollegen Abhijit Banerjee und Michael Kremer übertrug Duflo Versuchsanordnungen aus der Medizin auf die Armutsforschung, um eine schon lange geführte Debatte endlich mit wissenschaftlichen Daten zu unterfüttern: Waren Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe für Afrika in den vergangenen Jahrzehnten hinausgeworfenes Geld? Ging die Art der Hilfe an den Bedürfnissen der Armen vorbei? Wirkte sie gar kontraproduktiv?

Die Spenden für das Forschungsprojekt in Westkenia kamen von der amerikanischen Non-Profit-Organisation Give Directly. Sie ist einer der größten Verfechter solcher Geldtransfers und hat seit 2009 mehr als 140 Millionen Dollar an afrikanische Familien verteilt. 2014 identifizierte sie 10 500 arme Haushalte in Hunderten Dörfern des Siaya County, der kenianischen Region zwischen Viktoriasee und der Grenze zu Uganda, in der auch Umeina liegt – Satellitenaufnahmen von Strohdächern waren eines der Auswahlkriterien. Jeder dieser Haushalte erhielt umgerechnet 1000 Dollar, ein Betrag, der etwa dem jährlichen Durchschnittseinkommen einer Familie entspricht. Das Geld wurde innerhalb einiger Monate in drei Raten ausgezahlt – über ein bargeldloses Handy-Bezahlungssystem namens M-Pesa. Empfänger, die kein Mobiltelefon besaßen, konnten ein einfaches Smartphone bei Give Directly erwerben (siehe auch brand eins 04/2018: Wir sind drin!).

In etwa der Hälfte der 653 untersuchten Dörfer fanden keine Zahlungen statt. Sie dienten als Kontrollgruppe. Schließlich wollte man die Effekte für die gesamte Gemeinschaft messen: Wie würden sich die Zahlungen langfristig auf die Beschenkten auswirken – und wie auf ihre leer ausgegangenen Nachbarn? Und welche Folgen hätte diese enorme Geldzufuhr – im Wert von rund 17 Prozent des örtlichen Bruttosozialproduktes – für die regionale Wirtschaft?

Um das zu messen, arbeitete Give Directly mit US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern zusammen. Johannes Haushofer von der Universität Princeton und Edward Miguel von der University of California in Berkeley entwickelten mit ihren Kollegen Paul Niehaus, Dennis Egger und Michael Walker eine
so noch nie angewandte Versuchsanordnung. „Weil wir“, sagt Haushofer, „eine sehr große Zahl von mit Geld beschenkten Haushalten mit Kontrollgruppen dorfinterner und externer Nichtempfänger vergleichen, können wir nicht nur die Auswirkungen der Bargeldtransfers auf die einzelnen Haushalte erfassen – sondern zum ersten Mal auch den wirtschaftlichen Gesamteffekt auf die Region.“ Mehr als zehn Millionen Dollar und sechs Jahre Arbeit stecken bisher in dem Großexperiment.

Im November 2019 veröffentlichte das Team eine erste Analyse – basierend auf einer Befragung, die 18 Monate nach den Zahlungen stattgefunden hatte und sich sowohl an Geldempfänger als auch an die Kontrollgruppen richtete. Würden die Ergebnisse die Wirksamkeit von Cash-Transfers beweisen?

Tilman Graff hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter Haushofers die Ergebnisse des Kenia-Versuchs ausgewertet: Die Befürchtungen von Kritikern, die Beschenkten könnten das Geld für kurzfristige Belohnungen ausgeben oder zum Anlass nehmen, sich auf die faule Haut zu legen – sie hätten sich nicht bestätigt. Ganz im Gegenteil, sagt Graff. „Unsere Zahlen zeigen: Der Konsum von Alkohol oder Zigaretten hat nicht zugenommen. Die Beschenkten arbeiten auch nicht weniger. Es gibt nicht mehr Gewalt in den Ehen.“ Stattdessen hätten die Empfänger das Gros des Geldes für Haushaltsgüter und die Verbesserung der Wohnsituation ausgegeben. Außerdem hätten sie Schulmaterialien für die Kinder gekauft und sich besser ernährt. Die eigentliche Sensation aber sei der fiskale Multiplikations-Faktor von 2,7. Das bedeute: Jeder gegebene Dollar habe 2,7 Dollar erwirtschaftet. Man müsse sich eine Wertschöpfungskette vorstellen, sagt Graff, „in der der Motorrad-Taxifahrer mit seinem Geld Blechplatten für sein Haus anschafft und der Ladeninhaber wiederum Angestellte bezahlt, die sich davon Hühner kaufen.“

Graffs Arbeitsplatz ist das Busara Center for Behavioral Economics in Nairobi. Zwei Großraumbüros und mehrere Konferenzzimmer nehmen ein ganzes Stockwerk eines der neuen Bürohäuser im schicken Kulturviertel der kenianischen Hauptstadt ein. Ganz nach amerikanischem Vorbild teilt man sich die Tische mit den Laptops und die Kaffeemaschine, der Blick aus den großen Glasfenstern reicht über Hochhaus-Baustellen bis zum Blechdach-Gewirr des angrenzenden Armenviertels Kibera. Haushofer hatte das Institut einst mitbegründet, als Labor und Dienstleister. Die Forschung anhand des Modells von Duflo und Co boomt, Zweigstellen in Lagos und Delhi haben eröffnet, zu den Auftraggebern zählen die Weltbank oder die Bill & Melinda Gates Foundation.

Früher konnten Wirtschaftswissenschaftler den für ökonomische Hilfsprogramme ausschlaggebenden fiskalen Multiplikationsfaktor meist nicht experimentell ermitteln. Nun aber, sagt Johannes Haushofer, habe man genügend Daten gesammelt,
um makroökonomische Zahlen mit mikroökonomischer Feldforschung zu belegen. Der Princeton-Professor hat schon im Rahmen früherer Projekte in Kenia die Auswirkungen von Direktzahlungen an Arme untersucht – inklusive psychosomatischer Effekte wie einer erheblichen Senkung des Stresshormons Cortisol. Einige Fragen aber waren dabei offen geblieben: „Wenn man mehr Geld in einen ökonomischen Kreislauf pumpt“, sagt Haushofer, „dann könnten die Nichtempfänger des Geldtransfers erheblich darunter leiden.“ Deshalb hatte er mit seinen Kollegen diesmal den Fokus auf die Gesamtgemeinschaft gelegt: Würden die leer ausgegangenen Nachbarn am Ende die Verlierer sein? Und was, wenn ein Anstieg der Inflation langfristig alle Gewinne zunichte machte?

Besuch im westkenianischen Dorf Naya: Gut 15 Minuten braucht das Motorrad-Taxi von Umeina über unbefestigte Pisten, die meisten der Menschen hier nutzen dieses Verkehrsmittel, drängen sich zu zweit oder zu dritt mitsamt ihrer Lasten auf die Rücksitze dieser sogenannten Bodabodas. Charles Onyango, der Dorfälteste und Besitzer einer Schneiderwerkstatt, wartet schon am Ortseingang. Nach den üblichen Begrüßungszeremonien und Erkundigungen nach dem Wohl der Familie, kommt der 65-Jährige für kenianische Verhältnisse ziemlich unverblümt zur Sache: Er sei übergangen worden, klagt er. Auch er hätte gern zum Kreis der Bargeld-Empfänger gehört, aber er habe damals sein Haus renoviert und deshalb das Kriterium Strohdach nicht erfüllt. Durchschnittlich jeder dritte Bewohner von Naya erhielt die 1000 Dollar – wie hat sich das Dorf dadurch verändert? „Nun gut“, sagt Onyango, „unser Dorf schaut viel besser aus als zuvor. Fast alle haben nun Blechdächer. Und auch die lokalen Geschäfte haben von dem Geld profitiert, besonders diejenigen, die Werkzeug und Baumaterial verkaufen.“

Sein Bruder Stephene Oduor gehört zu den Gewinnern im Dorf. Oduor, ein gedrungener Mann und auf einem Auge blind, ist der Stolz des frischgebackenen Unternehmers anzusehen. Mit beiden Händen greift er in die Körbe unter dem Vordach seines kleinen Ladens: Tomaten, Zwiebeln, Gurken und Bohnen. „Ich kann meine Familie von den Einkünften ganz gut ernähren und endlich auch das Schulgeld für meine Kinder bezahlen.“ Im schattigen Innenraum des Geschäftes wartet Oduors Frau auf Kundschaft, zwischen Girlanden von Waschmittel-, Seifenpulver- und Gewürzpäckchen. Die Regale dahinter sind prall gefüllt mit Konservendosen, Nudeln und Ölflaschen. „Ich habe als Kuhhirte gearbeitet“, sagt Oduor. „Für 15 Dollar im Monat. Meine Kinder mussten oft ohne eine einzige Mahlzeit ins Bett. Jetzt essen wir jeden Tag.“ Hat er noch Wünsche für die Zukunft? „Ja“, sagt er, „dass meine Kinder es einmal besser haben.“

Nach den bisherigen Ergebnissen der Studie ein durchaus realistischer Wunsch. Der Geldfluss habe, sagt Haushofer, kaum zu negativen wirtschaftlichen Effekten geführt. Im Gegenteil: Auch den Kontroll-Haushalten gehe es besser als zuvor. Sie gaben in den 18 Monaten nach dem Transfer im Durchschnitt 334 Dollar mehr aus – fast genauso viel wie die Haushalte, die Geld empfangen hatten. Die gefürchtete Inflation blieb aus. „Wir haben durchschnittliche Preiserhöhungen von lediglich
0,1 Prozent gemessen“, sagt der Professor. In einer armen Gesellschaft sei die Wirtschaft kaum ausgelastet. Es gebe nicht nur viele unterbeschäftigte Arbeitskräfte, sondern auch jede Menge Leerlauf. Ein Schreinerbetrieb etwa könne deshalb die Produktion für Betten und Stühle jederzeit erhöhen, ein Geschäft mehr ausliefern, eine Maismühle zusätzliche Kapazitäten nutzen, ohne mehr Personal einzustellen. Deshalb bedeute ein Mehr an Geld dort nicht automatisch eine Verteuerung.

Können Geldtransfers an Haushalte alle Entwicklungsdefizite ausgleichen? Brauchte man zur Reform eines völlig überlasteten und korrupten Justizsystems oder für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung nicht noch ganz andere Programme? Sicher, sagt Haushofer, aber immerhin habe man vermehrtes politisches Engagement und eine höhere Wahlbeteiligung der Cash-Transfer-Empfänger festgestellt. „Die Wirkung der Geldspritzen wird oft unterschätzt.“ So habe er in einem anderen Experiment Wege zur Linderung der Depression unter Dorfbewohnern in Kenia erforscht: Eine Gruppe erhielt ein Jahr lang Psychotherapie. Eine Kontrollgruppe bekam stattdessen Geld. Am Ende hatten die Empfänger weniger Depressionen – ein Ergebnis, mit dem er absolut nicht gerechnet hatte. Macht also Geld doch glücklich? Welche kausalen Zusammenhänge wirken hier? Haushofer sagt, das müsse Gegenstand von weiteren Forschungen sein.

Eines aber habe die Studie gezeigt: Der positive Effekt sei auch vier bis sechs Jahre später noch spürbar. „Die Studie legt nahe“, sagt Johannes Haushofer, „dass man mit Bargeldtransfers nicht nur die Armut lindern kann. Sie kurbelt auch im Sinne eines Keynes’schen Stimulus die regionale Gesamtwirtschaft an.“ Das könne für vergleichbare afrikanische Staaten ein vielversprechendes Modell sein. „Auch wenn die Wachstumskurve irgendwann einmal abflacht: Blechdächer, Kühe, Motorrad-Taxis und nicht zuletzt all die Jahre an Schulbesuch, die der wirtschaftliche Boom den Bewohnern der Dörfer ermöglichte, bleiben.“ --