„Wenn viele unserem Beispiel folgen, ändert sich etwas“

Der Vermögensverwalter Globalance Invest gilt als Vorreiter bei nachhaltigen Geldanlagen. Was müssen Unternehmen leisten, um ins Portfolio aufgenommen zu werden? Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer Werner Hedrich.




brand eins: Herr Hedrich, Analysten versuchen seit Jahrzehnten zu bestimmen, wie nachhaltig ein Unternehmen ist. Wie lautet die goldene Formel?

Werner Hedrich: Die gibt es nicht, und die wird es auch nie geben. Sie werden nicht sagen können: Das ist nachhaltig und das auf jeden Fall nicht. Es gibt ja nicht einmal eine einheitliche Definition. Schon da öffnet man die Büchse der Pandora.

Öffnen wir sie mal.

Je nach Weltgegend und Region gibt es große Unterschiede in der Beurteilung. Fragen Sie mal einen US-Investor, ob Boeing oder Airbus – die auch Rüstungsgüter herstellen – nachhaltig sind. Der wird sagen: ja klar. Das Militär gehört bei uns zur Wirtschaft. Aber er nähme niemals die Produzenten von Zigaretten oder Alkohol in sein Portfolio auf. Anders als der Franzose, für den Wein zum guten Leben gehört und daher duchaus als ein nachhaltiges Investment gelten könnte. Ebenso Atomkraft. Wir Deutsche sehen das wiederum ganz anders.

Wenn der Begriff so beliebig auslegbar ist, dient er dann nur der PR für angeblich saubere Anlagen?

Das würde ich so nicht sagen. Es gibt verschiedene Ansätze. Wenn ein Fonds zum Beispiel einen Best-in-Class-Ansatz verfolgt, dann investiert er nur in die saubersten Unternehmen einer Branche – aber eben auch in Branchen wie Kohlebergbau. Das müssen die Anleger wissen.

Wie definieren Sie Nachhaltigkeit?

Im Gegensatz zum Best-in-Class-Ansatz schließen wir einige Branchen aus, unter anderem Tabak, Glücksspiel oder Kohle und andere fossile Brennstoffe. Viele Unternehmen in diesen Feldern sind eher Teil des Problems, statt der Lösung zu dienen. Bei Investitionen, die für uns infrage kommen, schauen wir auf dreierlei: Hat ein Unternehmen ein zukunftsträchtiges Geschäft wie beispielsweise ressourcenschonende Mobilität? Stimmen die Finanzkennzahlen? Immerhin sind wir ein Vermögensverwalter. Und drittens: Welche Relevanz haben die Unternehmen für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt? Sprich: Inwiefern tragen sie zur Lösung eines Problems bei? Wir nennen diese Unternehmen Zukunftbeweger.

An welche Problemlösungen denken Sie?

Ein Beispiel: Das Internet wäre nach Stromverbrauch das fünftgrößte Land der Welt. Die Digitalisierung lässt das Datenvolumen stark anwachsen. Das Unternehmen Equinix betreibt besonders energieeffiziente Daten-Center und adressiert damit den Energiehunger des Internets.

Woran machen Sie fest, ob ein Unternehmen alle geforderten Kriterien erfüllt?

Wir haben neun Kategorien, mit denen wir beispielsweise die Auswirkung von Firmen auf Ressourcen und Klima beurteilen. In diesen Kategorien vergeben wir Punkte, zum Beispiel 70 von 100 möglichen. Stimmt neben der Wirkungs-Rendite auch die zukünftige Ausrichtung, investieren wir.

Wonach werden die Punkte genau vergeben?

Unsere Analysten werten Datenbanken, Medienanalysen und viele weitere Daten aus. Und daneben, welchen Einfluss die Produkte auf Umwelt oder Gesellschaft haben. All diese Informationen werden gewichtet, bewertet und gehen dann in diese Skala ein. Aber wir stoßen da auch an Grenzen: Man kann den ökologischen und sozialen Nutzen von Unternehmen nicht so mathematisch exakt ausrechnen wie Finanzkennzahlen. Ab einem gewissen Punkt müssen wir uns fragen: Meint es das Unternehmen ernst, oder ist die Nachhaltigkeit nur eine große Show?

Das zu beantworten ist bestimmt nicht einfach, zumal Unternehmen manchmal bewusst täuschen, wie etwa der Abgas-Skandal in der Autoindustrie zeigt.

Wir müssen uns auf vorhandene Research-Berichte und die Arbeit unserer Analysten verlassen. Und wir schauen, ob ein Unternehmen sich differenziert und progressiv äußert und ob das mit dem zusammenpasst, wie es intern und extern Erfolge misst. In der Autoindustrie hängt der Erfolg noch viel zu oft von der Zahl verkaufter SUV ab – es ist nicht glaubwürdig, wenn ein Manager dann von Nachhaltigkeit spricht.

Welches Unternehmen meint es denn zum Beispiel ernst?

Unilever.

Woran erkennen Sie das?

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Paul Polman hat 2010 angekündigt, dass Unilever seinen Umsatz verdoppeln und seinen ökologischen Fußabdruck halbieren will. Nachhaltigkeit ist mitt- lerweile tief verankert im Konzern, weil die Ansage von oben kommt und es entsprechende Anreizsysteme gibt.

Unilever musste aber immer auch wieder eingestehen, dass es gegen die eigenen Ziele verstößt, weil es zum Beispiel Palmöl verwendet, für das in Indonesien Wälder abgeholzt werden.

Niemand will, dass unsere Schokocreme mit solchem Palmöl produziert wird. Unilever ist dieses Problem bewusst und sagt, dass zur Vermeidung schätzungsweise 90 Prozent der Lieferkette bereits kontrolliert werden können. Das ist die richtige Richtung, auch wenn die Firma nicht perfekt ist. Für uns ist die Einstellung wichtig.

Warum investieren Sie nicht ausschließlich in ökologisch tadellose Unternehmen?

Da wir einige Branchen ausschließen, sind unsere Investitionsmöglichkeiten ohnehin reduziert. Sie noch stärker einzuschränken wäre zu riskant, die Diversifikation würde leiden. Am Ende sind wir immer auch Vermögensverwalter.

Muss, wer auf nachhaltige Anlagen setzt, nicht ohnehin bei der Rendite Abstriche machen?

Studien zeigen, dass das nicht der Fall ist. Hinzu kommt, dass die Investments langfristig besser funktionieren. Kohle beispielsweise wird es irgendwann nicht mehr als Energieträger geben – und damit auch keine Investments in diesen Rohstoff.

Sie setzen vorwiegend auf große Unternehmen. Warum?

Weil deren ökologisches oder soziales Engagement eine größere Wirkung hat. Wenn Sie und ich beim Biometzger ein Hähnchen für 15 Euro kaufen, dann fühlen wir uns gut. Es macht einen kleinen Unterschied. Wenn ein großer Discounter sein Bio-Waren-Sortiment ausbaut, macht das einen großen Unterschied. Damit wird Bio für mehr Konsumenten erschwinglich. Deshalb investieren wir in große Unternehmen, die sich bemühen, nachhaltiger zu wirtschaften. Zudem investieren wir in 70 mittelgroße Firmen, die beispielweise die Energiewende vorantreiben, auf Kreislaufwirtschaft setzen oder smarte Megacitys bauen.

Sie verwalten mehr als eine Milliarde Euro. Haben Sie damit Einfluss auf die Ausrichtung der Unternehmen?

Wir können denen nichts diktieren und auch nicht den Aktienkurs nach oben oder unten treiben. Dafür verwalten wir zu wenig Geld.

Inwiefern hat Ihr Geschäftsmodell dann überhaupt einen ökologischen Nutzen?

Wenn viele unserem Beispiel folgen, dann ändert sich etwas – und es werden immer mehr. Wenn viele Investoren keine Kohle-aktien mehr kaufen, entfällt die Finanzierung über Aktien für diese Branche. Wenn Anleihehändler und Banken ebenfalls Nein sagen, stirbt das Geschäftsmodell aus. Das haben wir bei Kohle schon sehr deutlich gesehen. Kapital hat in solchen Fällen eine Lenkungswirkung.

Dann freuen Sie sich also über Konkurrenten wie Blackrock? Die US-Fondsgesellschaft ist der größte Vermögensverwalter der Welt, und deren Vorstandsvorsitzender Laurence Fink rührt seit einiger Zeit die Werbetrommel für nachhaltige Investments.

Bei jedem Euro, der in die richtige Richtung fließt, sage ich: wunderbar. Ein Großteil von Finks Produktpalette sind allerdings ETFs, also börsengehandelte Fonds, die auf einem Index basieren, der danach gewichtet, welches Unternehmen am wertvollsten ist – und nicht, welches am nachhaltigsten wirtschaftet.

Auch einige Banken bieten ihren Kunden mittlerweile nachhaltige Anlagen an. Freuen Sie sich darüber?

Wie kann eine Bank oben im siebten Stock eine Erdölfördergesellschaft beim Börsengang beraten und im fünften Stock nachhaltige Investmentprodukte anbieten? Das ist einfach nicht glaubhaft. ---

Werner Hedrich ist Diplom-Politologe, hat sich laut eigener Aussage aber immer schon für Finanzen begeistert. Beim US-Rating-Anbieter Morningstar leitete der 47-Jährige sechs Jahre das sogenannte Research im deutschsprachigen Europa. Seit Oktober 2018 ist er für das Deutschlandgeschäft von Globalance Invest zuständig. Die Firma mit Sitz in München ist eine Tochter der Schweizer Privatbank Globalance Bank und verwaltet das Geld von Vermögenden. Den Gründer der Globalance Bank, Reto Ringger, lernte Hedrich schon vor zwölf Jahren kennen – bei einem brandeins-Streitgespräch (siehe brand eins 12/2008: „Wir stehen bei der Nachhaltigkeit erst ganz am Anfang.“)