Das geht

Musizieren mit den Besten

Zwei Gründerinnen aus Paris haben eine App entwickelt, mit der man Teil bekannter Orchester werden kann.




• Wer ein Instrument spielt, weiß, wie mühsam das Üben ist – und wie monoton es sein kann. Die App „Nomadplay“, eine Art Karaoke-Maschine für klassische Musik, schafft neue Möglichkeiten: Die Software ist in der Lage, die verschiedenen Klangspuren in Musikaufnahmen voneinander zu trennen und das Instrument, das man übernehmen möchte, stummzuschalten. So kann man daheim mit einem ganzen Orchester musizieren – und lernen, wie die Profis zu spielen.

Auf die Idee kamen zwei Unternehmerinnen aus Frankreich: Clothilde Chalot, 39, die zuvor unter anderem als Managerin für Ensembles und Opernhäuser gearbeitet hatte, und Hannelore Guittet, 38, eine Toningenieurin und Violinistin, ausgebildet am renommierten Pariser Konservatorium. Als die Frauen sich vor sieben Jahren kennenlernten, sorgten sie sich um die Musikbranche und ihre Jobs: Zwischen 2001 und 2013 sanken die Verkäufe physischer Tonträger weltweit um rund 70 Prozent, die digitalen Erlöse konnten gerade einmal ein Viertel der verlorenen Milliarden auffangen. „Die klassische Musikindustrie war mehr oder weniger dabei zu sterben“, sagt Chalot. Sie aber seien weit davon entfernt gewesen, in den Ruhestand zu gehen. „Also wollten wir etwas tun.“

Und so entstand die Idee für ein neues Angebot: eine App, mit der man virtuell mit bekannten Orchestern wie den Straßburger Philharmonikern zusammenspielen kann, statt allein daheim zu üben.

Zunächst wählt man aus vier Schwierigkeitsstufen das gewünschte Stück auf dem Smartphone, Tablet, Computer oder Smart-TV aus. Anschließend öffnet sich ein interaktives Notenblatt, in dem sich das eigene Instrument an beliebiger Stelle stumm- und wieder laut schalten lässt. Wer gerade dabei ist, ein Stück zu erlernen, kann das Tempo reduzieren – oder schwierige Stellen mehrfach wiederholen. Dafür zahlen Kunden 12,99 Euro pro Monat; für Nicht-Abonnenten gibt es die Möglichkeit, einzelne Stücke zu erwerben.


Ihre Idee hielten die Frauen vier Jahre lang geheim.


Die Unternehmerinnen Clothilde Chalot (links) und Hannelore Guittet.

Im April 2019 brachten die Gründerinnen ihre App offiziell auf den Markt. Fünf Jahre lang hatten sie an einem sogenannten Schallquellentrennungs-Algorithmus gearbeitet: Dieser kann die verschiedenen Instrumente in einer Musikaufnahme erkennen und voneinander trennen. Die ganze Zeit befürchteten sie, eine der großen Musikfirmen könnte ihre Idee stehlen: „Wir haben vier Jahre lang niemandem von unserem Vorhaben erzählt“, sagt Chalot, „selbst meine Mutter wusste nichts.“ Als es ihnen 2018 das erste Mal gelang, die verschiedenen Instrumente eines Streichquartetts voneinander zu trennen, habe sie geweint. „Es war ein sehr emotionaler Moment.“

Es sei „eine ziemlich knifflige Aufgabe“, die die Unternehmerinnen gelöst hätten, sagt Michael Ahlers, Professor für Musikdidaktik an der Leuphana Universität in Lüneburg. Denn es sei zwar möglich, bei Aufnahmen im Studio einzelne Tonspuren stummzuschalten. Doch sobald eine fertige Stereoaufnahme vorliege, könne man die einzelnen Spuren nicht mehr voneinander trennen.

Ahlers, der sich mit digitalen Medien im Musikunterricht beschäftigt, sieht in der App großes didaktisches Potenzial. Musiker und Musikerinnen übten normalerweise viel allein, sagt der Professor: „Aber es ist natürlich deutlich motivierender, nicht nur die eigene Stimme, sondern den Klang drum herum wahrzunehmen.“ Playback-Aufnahmen habe es auch früher gegeben, jedoch sei die Tonqualität oft sehr schlecht gewesen – anders als bei den hochwertigen Aufnahmen von Nomadplay. Die App könne einem das Gefühl geben, „mit einer Gruppe von Menschen gemeinsam zu musizieren“.

In den vergangenen Monaten war der Wunsch danach besonders groß: Als wegen der Corona-Pandemie Musikschulen schlossen, Konzerte abgesagt wurden und gemeinsames Proben nicht möglich war, konnten Musiker so zumindest virtuell mit Begleitung spielen. Daher entschlossen sich die Gründerinnen im März dazu, das Abo-nnement vorübergehend kostenlos anzubieten. Innerhalb von zwei Monaten kamen 13 000 Kunden hinzu, mittlerweile musizieren rund 25 000 Menschen in 30 Ländern mit der geschützten Technik.

Im Nordosten von Paris arbeiten heute zehn fest angestellte Mitarbeiter an der App. Einer der ersten finanziellen Förderer war das französische Kulturministerium, mittlerweile wird sie unter anderem durch das Programm „Kreatives Europa“ von der Europäischen Kommission unterstützt. Zudem sammelten die Unternehmerinnen in den Jahren 2018 und 2019 von Investoren 4,2 Millionen Euro ein, einer der Geldgeber ist der bekannte Violinist Renaud Capuçon. Bislang ist ihre Firma Digital Music Solutions, zu der auch ein Musik-Label für Klassik und Jazz gehört, noch nicht profitabel; die Gründerinnen planen, ab 2021 schwarze Zahlen zu schreiben. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 300 000 Euro.

Die App gewann bereits mehrere Preise, etwa den Genfer Arttech Prize. Ihr Katalog umfasst rund 800 Stücke, bis Ende 2020 soll die Auswahl auf 1500 Aufnahmen wachsen und auch Jazzstücke enthalten. Dafür arbeiten die Unternehmerinnen mit mehr als 150 Musikern und Orchestern zusammen, darunter ist auch das Île-de-France-Nationalorchester.

Die Künstler erhalten Lizenzgebühren: Spielt eine Abonnentin ausschließlich Stücke eines Orchesters, erhält auch nur dieses einen Anteil; bei mehreren werden die Tantiemen aufgeteilt.

Bislang ist die App auf Französisch, Deutsch und Chinesisch erhältlich, bald soll Japanisch hinzukommen. Deutschland sei ein sehr interessanter Markt, sagt Chalot, die Ausbildung in klassischer Musik sei eine der besten weltweit. Und in Asien lernten viele Menschen ein klassisches Instrument, ein Team in Singapur kümmere sich um die Expansion. Zwar überlegen die Frauen, neben Jazz noch weitere Musikrichtungen in ihre App zu integrieren – doch die Klassik habe einen entscheidenden Vorteil: „Mozart kennt man auf der ganzen Welt.“ ---

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