„Etwa 20 Prozent sind sehr motiviert“

Lehrer bewerten permanent ihre Schüler, müssen aber selbst keine Leistungskontrolle fürchten. Geht das anders?


„Ich habe keine Sanktionsmöglichkeiten.“

Eine Schulrätin spricht über fleißige und faule Lehrer – und wieso sie gegen Letztere keine Handhabe hat.

Protokoll: Peter Laudenbach
Illustration: Jan Robert Dünnweller

• Susanne Müller ist seit knapp 30 Jahren im Schuldienst. Erst leitete sie eine Schule in einer ländlichen Region, seit mehr als zehn Jahren ist sie Schulrätin in einer mittelgroßen Stadt in Baden-Württemberg. Dort ist sie für die Schulaufsicht verantwortlich. Müller heißt eigentlich anders, denn ihre Äußerungen sind nicht mit den Vorgesetzten im Ministerium abgesprochen.

„Ich schätze, dass etwa 20 Prozent der Lehrer sehr motiviert und engagiert sind. 20 Prozent sind desinteressiert, lernunwillig und machen nicht mehr, als sie unbedingt müssen. Das breite Mittelfeld bewegt sich dazwischen, bemüht sich, will guten Unterricht machen und sich nicht übermäßig anstrengen.

Die demotivierten Lehrer, die vor allem ihre Ruhe und einen pünktlichen Feierabend wollen, prägen die Kultur an einer Schule oft stärker als die Engagierten, die manchmal als Bedrohung erlebt und ausgebremst werden. Gleichzeitig wird Engagement ausgenutzt. Wenn ich als Schulleiterin einen Extrawunsch habe, wende ich mich eher an einen motivierten Kollegen als an einen der Nörgler, mit dem ich dann endlose Diskussionen habe. So werden das Engagement und der Wunsch, den Schülern eine gute Betreuung zu bieten, auf Dauer verschlissen.

Rein formal müssen in unserem Bundesland Lehrer und Schulleiter alle fünf Jahre beurteilt werden. Diese Überprüfung entfällt ab dem 50. Lebensjahr. Die dienstliche Beurteilung wird in der Regel vom Schulleiter durchgeführt, in Ausnahmefällen und an Privatschulen vom Schulrat, der auch die Schulleiter beurteilt. Dabei wird die dienstliche Tätigkeit beschrieben, die fachlichen Leistungen und die generellen Fähigkeiten werden bewertet.

Dafür gibt es einen Vordruck, das sind seit 40 Jahren im Wesentlichen die gleichen Bögen. Sie wurden nie modifiziert. Das ist absurd, als hätte sich die Schule in der Zeit nicht verändert.

Man darf nicht einfach unangemeldet den Unterricht besuchen, auch der Rektor nicht. Wenn ich kommen möchte, muss ich mich vorher anmelden. Dann schaue ich mir die Stunde an, um die Vorbereitung, das fachlich-didaktische Vorgehen und das erzieherische Wirken des Lehrers zu bewerten. Als Schulrätin sehe ich die Person einmal in fünf Jahren. Die ausgefüllten Vordrucke zur Leistungsbeurteilung werden im Regierungspräsidium in der Personalakte abgeheftet. Sie haben keinerlei Folgen für die Betroffenen.

Ich habe keine Sanktionsmöglichkeiten, auch wenn offenkundig ist, dass die Leistungsbereitschaft oder die Kompetenz einer Lehrkraft sehr zu wünschen übrig lässt. Natürlich weiß diese das auch. Jedem ist klar: Sobald man die Verbeamtung auf Lebenszeit hat, kann einem nichts mehr passieren. Wir können niemanden wegen dauerhaft schlechter Leistungen entlassen oder in seinen Bezügen herabstufen. Eine Versetzung an eine andere Schule gegen den Willen des Betroffenen ist nur einmal möglich. Wenn er damit nicht einverstanden ist, kommt schnell eine Krankschreibung.

Ich kann Problem-Lehrkräften auf die Nerven fallen, etwa mit Berichtspflichten. Im Gegenzug muss ich mich dann mit dem Personalrat auseinandersetzen. Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Hart gesagt: Gegen Faulheit oder Ignoranz sind wir machtlos. Solange sich ein Lehrer nicht strafbar macht, hat er vom Disziplinarrecht nichts zu befürchten. Ich fürchte, genau diese Sicherheit macht den Beruf für einige von ihnen attraktiv. So sorgt das System dafür, dass manchmal die falschen Leute Lehrer werden.


„Je länger ich im Schuldienst bin, desto erschrecken- der wird das Bild, das ich von einem Teil der Kollegen habe.“

Mit den lustlosen Lehrkräften haben wir häufig befremdliche Briefwechsel. Sie beschweren sich wegen Kleinigkeiten und verwickeln uns lieber in unendliche Auseinandersetzungen, statt zum Beispiel an einer Konferenz außerhalb ihrer Kernarbeitszeit teilzunehmen. Ich will nicht verallgemeinern, aber es ist auffällig, dass bei dieser Klientel auch Krankschreibungen überdurchschnittlich häufig sind. Ich kann sie zwar zum Amtsarzt schicken – aber dann habe ich sofort einen Briefwechsel mit dem Personalrat.

Wenn ich sehe, dass ein Lehrer seine Aufgaben nicht gut erfüllt, kann ich ein Gespräch ansetzen. Darin kann ich sagen, was ich von der Person erwarte und freundliche Ratschläge geben. Sie kann das einfach ignorieren. Ich kann niemanden zwingen, sich zum Beispiel mit E-Learning, digitaler Unterrichtsunterstützung oder zumindest mit einem Laptop auseinanderzusetzen.

Wir bekommen im Schulamt immer noch handschriftliche Briefe und dienstliche Anfragen von Lehrkräften, die nicht bereit sind, Mails zu benutzen. Fünf bis zehn Prozent der Lehrer sind für die Digitalisierung schlicht verloren. Im besten Fall sind die Jahre bis zu ihrer Pensionierung überschaubar.

Formal haben Lehrer eine permanente Fortbildungspflicht. Ob sie die wahrnehmen oder nicht, kann ich nicht kontrollieren. In Baden-Württemberg diskutieren wir gerade, ob wir Pflichtfortbildungen einführen, etwa zur Digitalisierung. Aber wenn Lehrer Fortbildungen einfach nur absitzen und nichts lernen wollen, sind wir Schulräte machtlos.

Wenn sich Eltern öfter über eine bestimmte Lehrkraft beschweren, werde ich hellhörig und spreche mit der Schulleitung. In der Regel besuche ich dann auch den Unterricht.

Wie die Sanktionsmöglichkeiten sind auch die Aufstiegsmöglichkeiten im Schuldienst begrenzt. Zugespitzt formuliert: Besonders gute Leistung wird nicht unbedingt honoriert. Die Beförderung zum Schulleiter bedeutet deutlich mehr Stress für unwesentlich höhere Bezüge. Eine Grundschulleitung zum Beispiel bekommt, abhängig von der Besoldungsgruppe, eine Amtszulage von weniger als 200 Euro im Monat. Für Gymnasiallehrer lohnt sich die Beförderung schon eher.

Die meisten fangen in der Besoldungsgruppe A13 an und werden irgendwann Oberstudiendirektor, das bedeutet etwa 500 bis 800 Euro mehr im Monat. Aber ob sie sehr engagiert arbeiten oder ihre Jahre absitzen, die Beförderung kommt in der Regel sowieso – vielleicht nur etwas früher oder später. Wir haben kaum Möglichkeiten, die individuelle Leistungsbereitschaft durch Karrierechancen zu beeinflussen.

Je länger ich im Schuldienst bin, desto erschreckender wird das Bild, das ich von einem Teil der Kollegen habe. Einige leben in einem Paralleluniversum. Das wird von den Strukturen befördert. Intern, etwa in den Schulämtern, ist das kein Geheimnis. Aber weil Lehrer auch Wähler sind, und zwar relativ viele Wähler, und weil sie ihre Privilegien selbstbewusst verteidigen, ist die Politik zögerlich, wenn es darum geht, diese Strukturen hin zu größerer Leistungsorientierung zu reformieren. Ich persönlich halte das für überfällig.“

Sollten Pädagogen nach Leistung bezahlt werden?

Text: Johannes Böhme
Illustration: Jan Robert Dünnweller

• Es gibt wohl nichts Gefährlicheres für Politiker als das Interview mit einer Schülerzeitung. Als Gerhard Schröder vor 25 Jahren von »Die Wühlmaus« des St.-Viti-Gymnasiums in Zeven, Niedersachsen, gefragt wurde, was er von Lehrern halte, sagte er: „Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“

Das Vorurteil, dass Lehrer nicht genug leisten, ist alt. Es beruht darauf, dass die Beamten fast vollständig von dem befreit sind, was die meisten anderen Menschen bei der Arbeit erleben: Belohnungen und Sanktionen. Sie dürfen keinen Bonus erwarten, wenn sie hervorragende Arbeit machen, und müssen keine Sanktionen fürchten, wenn sie es nicht tun.

Würden Lehrer also besser arbeiten, wenn man sie nach Leistung bezahlte? Sie könnten zum Beispiel Gehaltszuschläge oder -abschläge bekommen, die sich nach dem Lernfortschritt ihrer Schüler richten. Und wäre es nicht gut, schlechte Lehrer einfach feuern zu können?

In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Länder, zumindest teilweise, leistungsabhängige Lehrervergütungen eingeführt, darunter die USA, Dänemark, Schweden, Finnland und Großbritannien. Deutschland ist mit seinem rigiden Beamtensystem inzwischen global gesehen eher die Ausnahme.

Es gibt aus diesen Ländern, vor allem aus den USA, unzählige wissenschaftliche Studien mit Zehntausenden Schülern, die das Ziel haben, zu ergründen, wie man Lehrerleistungen verbessern könnte. Das Ergebnis: Es ist eine komplizierte Angelegenheit.

Um herausragende Arbeit zu belohnen, muss man herausragende Arbeit messen können. Das ist in Schulen nicht einfach – auch wenn Schüler ständig getestet werden. Es gibt zwar eine Reihe standardisierter Tests, von Pisa bis zum Abitur, die ermitteln sollen, wie viel die Schüler gelernt haben, aber wenn diese zu wichtig werden, verengen sie die Perspektive der Lehrer. Diese sollen den Kindern ja nicht nur beibringen, möglichst schnell und richtig zu rechnen, zu lesen und zu schreiben.


Ein anderes Mittel, die Qualität der Schulen zu steigern, wäre daher, die inkompetentesten Lehrer einfach zu feuern und durch kompetente zu ersetzen.

Fakt ist allerdings: Wenn man Lehrern mehr Geld bietet, führt das manchmal dazu, dass ihre Schüler in den Tests besser werden. Britische Forscher etwa fanden heraus, dass der Anreiz einer dauerhaften Gehaltserhöhung von 2000 britischen Pfund pro Jahr bei Lehrern bewirkte, dass die Testergebnisse ihrer Schüler in den wichtigen GCSE-Examen, deren Noten bei den Universitätsbewerbungen entscheidend sind, im Schnitt um einen halben Punkt stiegen (die Notenskala geht von 1 bis 9).

Die Schüler waren aber nur erfolgreicher, wenn die finanziellen Anreize großzügig und langfristig angelegt waren. Einmalzahlungen von bis zu 15 000 Dollar, wie sie Teil amerikanischer Studien waren, konnten Lehrer nicht zu einem deutlich höheren Einsatz bewegen.

Erfolgreiche Bonussysteme dieser Art sind teuer. Und funktionieren wie ein Scheinwerfer, der die gesamte Aufmerksamkeit auf einen Punkt lenkt. In den Studien konzentrierten sich die Lehrer auf die Verbesserungen der Testleistungen. Bei Themen, die durch die standardisierten Prüfungen nicht abgefragt wurden, schnitten die Schüler nicht besser ab.

Bei einigen Lehrern hatten die Anreize sogar negative Folgen: Sie versuchten, schlechte Schüler vor Tests loszuwerden, damit sie den Schnitt nicht nach unten zogen – oder halfen ihnen beim Schummeln. Am Ende setzte sich die Einsicht durch: Um wirklich bessere Lehrerleistungen zu erzielen, ist dies wohl nicht der beste Weg.

Von Lehrern wird viel verlangt. Ihre Tätigkeit ist komplex – denn sie sollen nicht nur Stoffvermittler sein. Die Besten unter ihnen bauen Nähe und Vertrauen zu ihren Schülern auf, manchmal vergleichbar mit dem, was guten Eltern gelingt. Sie fangen diejenigen Kinder auf, die zu Hause Probleme haben. Sie helfen ihnen dabei, selbstbestimmte und mündige Menschen zu werden – Dinge, die sich nicht in den Ergebnissen standardisierter Tests widerspiegeln.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Bildungsforscher festgestellt, dass die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit von Lehrern, die mit den gleichen Qualifikationen an derselben Schule arbeiten, riesig sind. Laut Eric Hanushek, einem Ökonomen an der Stanford University, lernen Schüler bei exzellenten Lehrern den Stoff von 18 Monaten innerhalb eines Jahres. Die schlechtesten Lehrer schaffen es lediglich, in diesem Zeitraum den Stoff von sechs Monaten zu vermitteln.

Diese großen Qualitätsschwankungen sind aber nicht nur eine Frage der Motivation. Schlechte Lehrer sind nicht einfach lustlos – etwas, das sich möglicherweise durch Bonuszahlungen beheben ließe –, oft wissen sie schlicht nicht, wie sie es besser machen können. Eine Studie im amerikanischen Cincinnati kam zu dem Ergebnis, dass ein Weg, ihre Leistungen langfristig zu verbessern, darin besteht, ihnen genau das zu erklären. Lehrer wurden dort mehr als ein Jahr lang von einem besonders kompetenten Kollegen einer anderen Schule während des Unterrichts immer wieder beobachtet und bewertet.

Im Folgejahr arbeiteten die Lehrer merklich besser – und das, obwohl sie alle bereits mehr als acht Jahre Berufserfah-rung hatten. Es zeigte sich: Entscheidend war es, ihr Tun einmal genau zu analysieren. Die meisten Lehrer wollten einen guten Job machen, wussten bloß nicht, wie sie das anstellen sollten.

Die meisten Lehrer in Deutschland bekommen derart gründliches Feedback nur am Anfang ihrer Karriere: im Referendariat. Danach sind sie oft jahrelang auf sich gestellt. Das Modell aus Cincinnati wäre ein Weg, ihre Arbeit zu verbessern.

Vollständig lassen sich die eklatanten Unterschiede zwischen guten und schlechten Lehrern aber auch so nicht ausgleichen. Ein anderes Mittel, die Qualität der Schulen zu steigern, wäre daher, die inkompetentesten Lehrer zu feuern und durch kompetente zu ersetzen.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Qualifikationen wie Studienabschlüsse wenig darüber aussagen, ob jemand ein guter Lehrer wird oder nicht. Bei den meisten sieht man das erst, wenn sie in einem Klassenraum stehen.

Sollte man also nicht schon im Referendariat diejenigen aussortieren, die vor Schülern nicht zurechtkommen? Nur: Wer nähme noch das Risiko auf sich, fünf Jahre zu studieren und zwei Jahre Referendariat zu machen – wenn am Ende nur ein Drittel oder die Hälfte übernommen würde? Man müsste dann wohl sehr viel höhere Gehälter zahlen, um noch genügend qualifizierte Bewerber anzulocken.

Der amerikanische Autor Malcolm Gladwell hat deshalb einmal vorgeschlagen, dass man von Lehrern am Anfang weniger verlangen sollte: geringere formale Anforderungen, Qualifikationen, Hürden. Jeder mit einem Bachelor-Abschluss solle sich an einer Schule bewerben können, schrieb er.

Denn wenn weder Studienabschlüsse noch Noten etwas darüber sagen, ob jemand gut in dem Job ist – wieso lässt man nicht einfach mehr Leute in die Schulen, um herauszufinden, wer geeignet ist? In Großbritannien zum Beispiel kann man sich für die Lehrerausbildung nach jedem beliebigen Bachelor-Abschluss bewerben. Allerdings wird dort in der Ausbildung keinesfalls so radikal zwischen guten und schlechten Kandidaten ausgewählt, wie Gladwell vorschlägt – etwa 90 Prozent derjenigen, die die Lehrerausbildung durchlaufen, bestehen hinterher die Abschlussprüfungen. Außerdem werden Lehrer in Großbritannien im Vergleich mit ähnlich wohlhabenden Ländern wie Deutschland, Frankreich, Dänemark oder Finnland schlecht bezahlt.

Wenn es nach Gladwell geht, sollte es eine leistungsgerechte Bezahlung geben. Kandidaten, die ihren Job gut machen, bekommen mehr Geld. Das wiederum würde auch Bewerber anlocken.

Die effektivste Methode, um Lehrerleistungen zu verbessern, wären also neue Rekrutierungswege. Wer die richtigen Leute schon am Anfang findet, muss sie weder mit Bonuszahlungen bei Laune halten noch mit Entlassung drohen.

Denn die wirklich guten Lehrer erledigen ihren Job auch ohne Zuckerbrot und Peitsche so, dass ihre Schüler in einem Schuljahr den Stoff von 18 Monaten lernen – auch jetzt schon.

Die Schwierigkeit besteht darin, sie zu finden. ---