„Es gibt Leistungssportler, die bereit sind, ein kürzeres Leben in Kauf zu nehmen“

Medaillengewinner zahlen einen hohen Preis, sagt der Sportwissenschaftler und ehemalige Profi-Schwimmer Lutz Thieme: Sie sterben früher.




brand eins: Herr Thieme, in Ihrer Studie „Jung stirbt, wen die Götter lieben?“ (siehe Randspalte S. 59) kommen Sie zu dem Ergebnis, dass deutsche Olympia-Teilnehmer ein höheres Risiko haben, früher zu sterben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ist Spitzensportlern bewusst, welchen Preis sie zahlen?

Lutz Thieme: Ein Olympiasieger hat unlängst sinngemäß gesagt, für Athleten sei die Corona-Pandemie eine gute Gelegenheit zur Regeneration ihrer geschundenen Körper. Das ist eine von vielen Aussagen, die nahelegen, dass jeder Leistungssportler weiß und spürt, dass er an die Grenze dessen geht, was man als gesund bezeichnen kann – anders kann man international auch nicht mithalten. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Spitzensportler wissen, dass dieses An-die-Grenzen-Gehen vielleicht Lebenszeit kostet.

Von wie viel Lebenszeit sprechen wir?

In Jahren und Monaten lässt sich das nicht seriös sagen. Mortalitätsstudien sind immer Momentaufnahmen: Man vergleicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, wie viele Menschen eines Jahrgangs in der Gesamtbevölkerung gestorben sind und wie viele in der zu untersuchenden Gruppe – in diesem Fall die Olympia-Teilnehmer. Daraus ergibt sich die Mortalitätsrate. Theoretisch kann es sein, dass die noch lebenden Leistungssportler alle hundert Jahre alt werden, was jedoch sehr unwahrscheinlich ist. In Jahren und Monaten kann man es erst ausdrücken, wenn alle gestorben sind, und das ist zum Glück nicht der Fall.

Sie haben festgestellt, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit mit zunehmendem Erfolg geringer wird: Der Goldmedaillengewinner hat ein höheres Risiko, früher zu sterben, als der Silbermedaillengewinner. Woran liegt das?

Mutmaßlich daran, dass der Goldmedaillengewinner länger und härter trainiert, also noch mehr an die Grenzen seines Körpers geht, und vielleicht auch eher bereit ist, gegen Fairness- oder Doping-regeln zu verstoßen.

Warum können Sie nur mutmaßen?

Wie andere Studien zur Mortalität von Spitzensportlern basiert auch meine auf der Annahme, dass Leistungssport einen Einfluss auf die Lebenserwartung der Risikogruppe hat. Allerdings ist es auch denkbar, dass Leistungssport Menschen anzieht, die infolge ihrer genetischen Dispositionen einen risikoreicheren Lebensstil führen und deshalb eine geringere Lebenserwartung haben. Sicher kann man jedoch sagen, dass der deutsche Leistungssport Risiko-Karrieren auf Gruppenebene produziert und/oder für eine Gruppe mit risikoreichem Lebensstil attraktiv ist. Und diese Menschen sind bereit, auch eine kürzere Lebenszeit für sportlichen Erfolg in Kauf zu nehmen.

Sie selbst haben als Schwimmer Leistungssport in der DDR betrieben. Deren Spitzenathleten standen immer unter besonders hohem Doping-Verdacht.

Was die Studie zu meiner Überraschung nicht bestätigte: Weder haben Olympia-Teilnehmer in den klassischen Doping-Sportarten höhere Mortalitätsraten noch generell DDR-Olympioniken im Vergleich zu ihren Kollegen aus der BRD. Der stärkste Risikofaktor ist das männliche Geschlecht, gefolgt von der Zugehörigkeit zur Mannschaft der alten BRD sowie vom olympischen Erfolg. Mit anderen Worten: Westdeutsche männliche Spitzensportler sind mit ihrer Mortalitätsrate am weitesten von der Gesamtbevölkerung entfernt.

Gerade diese sehr erfolgreichen, meist männlichen Spitzensportler werden gern von Unternehmen als Referenten eingeladen. Warum?

Hochleistungssportler leben ihre Passion täglich aus, und viele Wirtschaftsführer wünschen sich das von sich und ihren Führungskräften. Der sportliche Wettbewerb ist jedoch strukturell ein anderer, er findet unter verschärften Bedingungen statt: Im Sport ist das Zeitfenster für Höchstleistungen viel kleiner als in der Wirtschaft, und man kann es meist nur in einer Sportart an die Spitze schaffen. Es gibt auch keinerlei kulturellen Kontext – man ist einfach nur die Person, die am höchsten springt, am weitesten wirft, am schnellsten läuft, und dann der Sieger.

Eine Führungskraft wird wesentlich vielfältiger beurteilt: Bei einem Kriterium performt sie sehr gut, beim anderen enttäuscht sie. In der Wirtschaft spielen auch Aspekte wie soziale Fragen oder Nachhaltigkeit eine zunehmende Rolle, es geht oft nicht nur um den reinen ökonomischen Erfolg.

Im Spitzensport wird der Leistungsgedanke quasi idealtypisch verwirklicht: kontrollierte Bedingungen, gleiche Regeln für alle, the winner takes it all. Macht das den Reiz aus? Und letztlich auch das Geschäft?

„Manager des Jahres“ kann man drei-, vier-, fünfmal werden, in verschiedenen Kategorien und Ländern. Aber einen Olympiasieger über 100 Meter Sprint gibt es nur einmal auf der Welt, und das auch nur alle vier Jahre. Darin liegt ein großer Reiz für die Zuschauer. Und natürlich für die internationalen Sportverbände, die weder demokratisch legitimiert noch kontrolliert sind: Für sie ergibt sich daraus ein höchst effizientes Geschäftsmodell, weil sie als Monopolisten auf die zwei wichtigsten Komponenten – Athletinnen und Athleten sowie die Infrastruktur – quasi kostenfrei zugreifen können. Ich wünsche mir deutlich mehr Mitsprache der Sportler und auch ihre angemessene Beteiligung an den Erlösen, denn sie sind es letzten Endes, die die Zuschauer mit ihren Leistungen in den Bann ziehen.

Und dafür ein hohes Risiko eingehen, wie Ihre Studie gezeigt hat. Auf Twitter stellen Sie die Frage: Welchen Leistungssport wollen wir? Wie lautet die Antwort?

Ich wünsche mir eine gesellschaftliche Debatte darüber, ob es hierzulande vor allem um Medaillen und Erfolge gehen soll oder ob wir aufhören, den internationalen Entwicklungen zu folgen.

Es geht auch um die Frage, ob wir den Spitzensport in geringerem Umfang mit öffentlichen Geldern fördern sollten. Im Jahr 2020 sind das immerhin knapp 530 Millionen Euro, pro Kopf für jeden der etwa 4000 Bundeskaderathleten rechnerisch mehr als 130 000 Euro. Die Ausgaben für Schüler an öffentlichen Schulen betragen im Durchschnitt gut 7000 Euro. Nicht erst seit den verlorenen Olympiareferenden in München und Hamburg gibt es Anzeichen für einen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust von Leistungssport in breiten Bevölkerungsgruppen.

Ist sportlicher Wettbewerb vorstellbar ohne ein Höher, Schneller, Weiter?

Natürlich braucht man Vergleichsmaßstäbe. Aber die sind nicht gottgegeben, sondern geschichtlich tradiert, sie werden von jeder Gesellschaft und Epoche neu bestimmt. Das zeigen viele Diskussionen und Änderungen in den Reglements, zum Beispiel bei Klassen- und Gewichtsein-teilungen – vom Rollstuhlbasketball über Judo bis zum Boxen.

In welche Richtung sollte es Ihrer Meinung nach gehen?

Wir sollten stärker zwischen Leistung und Erfolg differenzieren. Leistung ist eine individuelle Kategorie: Man erbringt eine Leistung, steigert die und wird danach beurteilt, ob man dabei die persönlichen Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Erfolg dagegen bedeutet, die eigene Leistung ins Verhältnis zur Leistung eines anderen zu setzen – die aber unter ganz anderen Bedingungen erbracht wurde.

Man denke an staatliche Förderstrukturen wie in China, Doping oder Missbrauch durch Trainer. Solche Leistungen lehnen wir ab, schicken unsere Sportler dennoch in einen Vergleich. Dabei sollte es in unserer Gesellschaft vielmehr darum gehen, dass jeder sein Talent optimal ausschöpft. Derjenige, der sein Leistungspotenzial ausbildet, aber nur auf Platz 27 oder 84 landet, kann genauso gut ein Vorbild sein.

Spitzensport ohne Podeste?

Ich glaube, dass es vielen Menschen, die vor dem Fernseher oder im Stadion sitzen, relativ egal ist, ob ein Athlet auf Platz 3 oder 10 landet, und welchen Rang das eigene Land im Medaillenspiegel einnimmt. Viele Zuschauer lieben den Sport, weil sie Menschen bewundern, die ihr Talent ausleben.

Zieht Ihre Studie auch den Breitensport in Zweifel?

Eindeutig: nein. Breitensport ist gesund, das bestätigen unzählige Studien, insbesondere für Ausdauersportarten – solange man sie moderat betreibt, also nicht zum Beispiel Schmerzmittel nutzt, um den dritten oder vierten Marathon in der Saison laufen zu können. ---

Lutz Thieme, 53, lehrt Sportmanagement und Sportökonomie am RheinAhrCampus Remagen der Hochschule Koblenz. Für seine Studie hat er Daten aller 6066 deutschen Olympia-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer zwischen 1956 und 2016 ausgewertet. 400 von ihnen, darunter 138 Medaillengewinner, waren bis zum 1. Juli 2019 verstorben.

Das wichtigste Ergebnis: Spitzensportler sterben früher als Normalbürger, das zeigen Vergleiche von Mortalitätsraten. So ist laut Studie bei Olympia-Teilnehmern, die einst für die alte Bundesrepublik antraten und in der Zeit von 1995 bis 2017 zwischen 35 und 64 Jahre alt waren, die Sterberate doppelt so hoch wie in der gleichaltrigen westdeutschen Bevölkerung.

Die Studie zeigt überdies, dass Männer schlechter dran sind als Frauen und Sportler aus der alten BRD schlechter als ihre Konkurrenten aus der damaligen DDR. Die Sterberate bei Ostdeutschen, die im Alter zwischen 15 und 34 Jahren an Olympiaden teilnahmen, liegt im Vergleich zur gleichaltrigen Bevölkerung in der DDR beziehungsweise den ostdeutschen Bundesländern zwar auch höher, aber deutlich niedriger als im Vergleich zu ihren westdeutschen Kollegen.

Für die 2325 Olympia-Teilnehmer seit der Wiedervereinigung hat Thieme nur sieben Todesfälle erfasst – aufgrund dieser schmalen empirischen Basis sei keine Aussage zur jüngsten Sportlergeneration möglich. Die Werte lägen aber etwas über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Zwischen Ausdauer- und Kraftsportarten fand Thieme keine nennenswerten Unterschiede, was die Mortalität betrifft.

Anders als in anderen Ländern habe es in Deutschland zuvor nur eine einizige Studie zur Mortalität von Leistungssportlern gegeben, so Thieme, und zwar für gut 800 Fußball-Nationalspieler der Jahre 1908 bis 2006. In allen betrachteten Zeitintervallen waren die Todesfälle der Nationalspieler höher, als aus den Daten der Gesamtbevölkerung zu erwarten war. Und je jünger ein Spieler bei der Erstberufung ins Nationalteam war, desto höher sein Risiko, eher als erwartet zu sterben. Was genau im Körper passiert und die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes erhöht, können Wissenschaftler noch nicht sagen.

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