Die neue Leistungsgesellschaft

Wir müssen weniger schuften, aber uns mehr anstrengen. Die Mühe lohnt sich.





Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf machte keine halben Sachen. Die neunjährige Superheldin verfügte schon in den Vierzigerjahren, als sie von ihrer fantastischen Mutter Astrid Lindgren erdacht wurde, über das, was die Kinder von heute als Superkraft kennen. Zu Demonstrationszwecken stemmte die Kleine schon mal ihr Pferd Kleiner Onkel hoch oder schnappte sich weitaus größere Jungs, die sich schlecht benommen hatten, um sie mit Schwung auf den höchsten Ast am größten Baum zu befördern, wo sie sich dann in Reue üben konnten. Zuweilen ließ sich mit Superkraft auch etwas verdienen, und zwar leicht, wie sich an Pippi Langstrumpfs Auftritt in einem Zirkus zeigte. Da lobte der Direktor einen Haufen Geld für denjenigen aus, der den angeblich „stärksten Mann der Welt“ auf der Bühne besiegen konnte, ein Fall für Pippi, die den Muskelmann aufs Kreuz legte und sich so die Moneten holte.

So wurde sie zur Heldin der Kinder, der körperlich Schwachen also, und einige Zeit später auch des Feminismus, denn ein Mädchen, das den männlichen Muskelpaketen, die durch rohe Gewalt regieren, nicht nur ebenbürtig war, sondern überlegen, das war eine schöne Vorstellung. Die kluge Astrid Lindgren hatte sich das fein ausgedacht.

In jedem Kindergarten und auf jedem Schulhof lernen jeden Tag überall auf der Welt die Kleinen, dass die Großen oder wenigstens Größeren allein durch ihre schiere Kraft an der Macht sind und das Sagen haben. Diese Erfahrung machen die meisten ein Leben lang, immer wieder. Sie gilt für Angestellte gegenüber mächtigen Vorgesetzten, für Selbstständige gegenüber Konzernen und Monopolisten, für Bürger gegenüber der Staatsmacht und allmächtigen Behörden. Große Staaten unterdrücken kleine Staaten.

Es gibt nun mal das Recht des Stärkeren – und der setzt sich durch, nicht wahr? Deshalb lieben wir unsere Superhelden mit ihren Superkräften, die uns rächen. Das ist die Logik, mit der wir auch den Herausforderungen der Wissensgesellschaft begegnen, und es braucht keine geistige Superkraft, um sehr schnell zu merken: Damit werden wir nicht durchkommen, das reicht nicht.

Wir bemühen uns zu wenig.

Die alte Leistungskultur kennt nur eines: Kraft, mit der man die Macht erlangt und sie erhält. Auf dem symbolträchtigsten Bau Deutschlands, dem Brandenburger Tor, rankt sich ein Relief mit den Heldentaten des antiken Bodybuilders Herkules. Der löste Probleme mit Muskeln und Keule. Die preußischen Könige, vordergründig dem Schönen, Wahren und Guten zugetan, sandten diese Botschaft in die Welt: Wenn es hart auf hart geht, machen wir euch den Herkules.

In manchen Sprachen tut man gar nicht erst so, als ob es einen Unterschied zwischen Macht und Gewalt gäbe. Die französische Force und das englische Power kommen unvermittelt zur Sache. Leistung ist dort rohe Gewalt, Brute Force.

Die Welt, wie wir sie kennen, verlangt nach vollem Körpereinsatz, die Sache mit dem gesunden Geist kann warten. Für Leistung im Sinne der Wissensgesellschaft fehlt das Bewusstsein. Dabei ist das Problem für uns offensichtlich, auch wenn wir wahre Meister in seiner Verdrängung geworden sind. Die Zeit der schieren Kraft, die die Kulturgeschichte so lange geprägt hat, ist von gestern, und das ist keine Frage der Moral, sondern der technischen Gegebenheiten. Leistung heißt ursprünglich so viel wie: die Spur finden. Wer etwas leistet, schaut, was geht. Wir lernen zu langsam, was die neue Leistung wirklich ist: das Bemühen, die Selbstverpflichtung, sich anzustrengen.

John F. Kennedy machte diese Selbstverpflichtung zum Kern des Mondflugprogramms der USA. In seiner berühmten Rede an der Rice University in Houston erklärte der US-Präsident im September 1962, was auch bei der Corona-Pandemie und der Klimakrise, bei der Frage nach Zukunftsgestaltung und Gegenwartsbewältigung zählt: „Wir haben uns entschieden, noch in diesem Jahrzehnt zum Mond zu fliegen (…), nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist.“

Das klappte nur, weil die, die daran arbeiteten und das Programm unterstützten, es zu ihrer eigenen Sache machten. Doch in der Komfortgesellschaft warten wir lieber auf Pippi, selber können wir gerade nicht. Höchstens mal ‘ne Demo, bestenfalls ein Tweet, ein Rant – das muss genügen.

Damit kommt man nicht zum Mond, bestenfalls aufs nächste Sofa, wo man sich dann seine schlechte Laune darüber, dass alles so bleibt, wie es ist, in High Definition bestätigen lassen kann. Die Streaming-Dienste sind voll mit esoterischem Quatsch, in dem nur Superkräfte oder Übersinnliches die Welt retten können, nur nichts Reales und vor allen Dingen nicht man selbst. Man muss sich nicht mehr bemühen und damit ernsthaft engagieren. Es schaukelt sich bequem in dieser Komfortzone, die nach den Regeln der alten Leistungskultur eingerichtet ist, in der Gut und Böse klar getrennt sind und die Hoffnung auf ein Happy End lebt, ohne dass man auch nur einen einzigen Finger dafür krumm machen muss.

Die Wahrheit ist: Wir machen unseren Job nicht.

Und nein, es geht nicht um mehr Symbolhandlungen und wohlfeile Haltung, die man nebenbei konsumieren kann, es geht um persönliche Mitarbeit. Einsatz. Anstrengung. Leistung.

Die Welt verändert sich radikal, die Digitalisierung macht körperliche Arbeit zusehends unwichtiger, befreit uns von der Plackerei, mit der sich die Generationen vor uns am Leben erhalten mussten. Wir, die wir unverbrüchlich an Superkraft als Grundlage der Macht glauben, denken, dass sich die Sache für uns damit erledigt hat. Damit erledigen wir uns aber selbst. Worum es geht, ist, nicht der Anstrengung auszuweichen, sondern sie zu suchen. Für unsere Selbstachtung müssen wir uns anstrengen.

Die alte Leistung bestand aus Schufterei.

Die neue Leistung besteht aus ernsthaftem Bemühen.

Dazwischen liegen Welten.


„Wir haben uns entschieden, noch in diesem Jahrzehnt zum Mond zu fliegen (…), nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist
John F. Kennedy

Vor mehr als 80 Jahren schrieb der britische Ökonom John Maynard Keynes die ewig goldene Weisheit über das Wesen aller Transformationsprozesse auf: „Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken als in der Befreiung von den alten.“ Das Wort Schwierigkeit steht hier nicht zufällig, es verweist auf eine gewisse Unbequemlichkeit, die uns bei der Einführung neuer Ideen zu schaffen macht.

Es gibt immer wieder schöne Beispiele dafür, dass das auch die treffen kann, die diese Veränderung sehr leidenschaftlich in Angriff genommen haben.

Als das Wort Leistungsgesellschaft aufkam und nicht besonders freundlich gemeint war, in den kritischen und auch ein wenig selbstkritischen Sechzigerjahren, bestritt kaum jemand den alten Leistungsbegriff. Wie auch? Deutschland war nach dem Krieg durch Tüchtigkeit und Fleiß, wie man immer wieder sagte, aus Ruinen auferstanden. Das Wirtschaftswunder war eine Herkulesarbeit, und das Ergebnis der physischen Plackerei konnte man überall sehen: Autos, Häuser, Waren und reichlich Lebensmittel, alles Wohlstand, von dem man eine halbe Generation vorher nicht mal zu träumen wagte. Der Fortschritt als Ergebnis erbrachter Leistungen war real. Leistung lohnte sich.

Die Jungen aber, schon im Wohlstand aufgewachsen, fragten nun nach, wohin all die Leistung führen solle, während den Alten genügte, dass sie erbracht wurde. Die Jungen, also die 68er, waren darin Kennedy sicher näher als der Generation, die ihren Kritikern vorwarf, sie sollten erst mal selber etwas leisten, bevor sie die Klappe aufmachten. Wobei das nicht falsch ist.

Kritik an Verhältnissen, die man schlecht findet, enthält immer die Selbstverpflichtung, es besser zu machen, und zwar nicht moralisch, sondern faktisch. Nörgeln reicht nicht.

Tatsächlich hatten die Leistungskritiker innerhalb der 68er meist nicht viel zu bieten, denn sie bemühten sich nicht ausreichend, sie waren, wenigstens intellektuell, zu faul, um dem alten Leistungsgedanken, der Kraft, Maloche, Machtidee, etwas entgegenzusetzen, das praktikabel genug war, um von anderen angenommen zu werden. Dass man keinen Bock aufs System hat, Maloche und der ganze Stress nervt – geschenkt. Aber, und das ist die feine Ironie der wahren Leistung: Wer sich nicht wirklich anstrengt, nicht immer wieder versucht, es besser zu machen, bleibt am Ende Verlierer. Einfallslosigkeit ist weder eine alte noch eine neue Superkraft.

So kam es, dass die Schwierigkeiten überwunden wurden, indem man ihnen auswich. Das Ende vom Lied war, was sich einige 68er als langen Marsch durch die Institutionen schönredeten, Scheintransformation durch Anpassung also. Man suchte sich einen Platz, an dem man dem alten Leistungsdenken entrinnen konnte oder wenigstens nicht allzu sehr darunter litt, und gehörte bald zu dem Establishment, vor dem man andere immer gewarnt hatte. Wiedervorlage ist die Rache der Geschichte an denen, die ihren Job nicht erledigt haben – und ihren Nachfolgern.

Nils Heisterhagen gehört zu denen, er ist 32, Politikwissenschaftler und Publizist. Er war Grundsatzreferent der rheinland-pfälzischen Sozialdemokraten, ehe er sich mit seiner Partei überwarf. Die Leistungsidee, die verbunden ist mit Teilhabe und sozialem Aufstieg, werde von allen politischen Gruppierungen vernachlässigt, so sein Vorwurf. Aber dass die SPD das tue, schmerze ihn besonders. Denn Leistung war mal deren Markenkern.

Anstrengung und Mühe sind aus der öffentlichen Debatte verbannt. Ein fataler Irrtum, findet Heisterhagen: „Auch Wissensarbeiter fallen nicht einfach vom Himmel, man muss sich das schon erarbeiten. Und es ist immer noch ein Privileg, in einem klimatisierten Büroraum zu sitzen statt in der Hitze oder in der Kälte arbeiten zu müssen.“ Alles sei aber selbstverständlich geworden, „viele Studenten halten ihre Professoren für Dienstleister, die sie so mühelos wie möglich durchs Studium bringen sollen“, so seine Wahrnehmung, und in den vergangenen Jahren hat der Mangel an Arbeitskräften dazu geführt, dass „die Illusion genährt wurde: uns wollen doch eh alle, auch wenn wir uns nicht anstrengen“.

Man hat seine Scheine gemacht. Das muss genügen.

Das sei allerdings nicht nur ein Problem der akademischen Jugend, sondern gehe weit darüber hinaus, glaubt Heisterhagen. Er erinnert an Umfragen bei der IG Metall, wo er als Grundsatzreferent beim Vorsitzenden tätig war, in denen regelmäßig „mehr Freizeit wichtiger war als mehr Lohn“.

Bevor man das als Klage eines konservativen Sozialdemokraten abtut, sollte man kurz einmal nachdenken. Das Wort Freizeit ist mehrdeutig. Es kann heißen: Erholung, damit man wieder gut tun kann, was man gern tut – oder die verbliebene, nicht verkaufte Lebenszeit, in die man sich flüchtet, weil das, was man den ganzen Tag tut, eine ungeliebte Notwendigkeit ist. Ist die Freizeit das Leben, das netto nach Abzug aller Notwendigkeiten übrig bleibt?

Und ist das nicht Selbstbetrug? Und ist das nicht eine Schande, für die man sich schämen sollte?

Ja, wir müssen raus aus dem Leistungsloch. Natürlich wird das hart, denn nichts ist schwieriger, als sich vom alten Denken zu verabschieden. In der Industriegesellschaft war Leistung eine messbare Größe, eine Quantität. Das führte, so der ehemalige Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, Bolko von Oetinger, zu einem „schiefen Leistungsbild“, in dem „rein metrische Kriterien“ die Leistung bestimmten.

Die Muskeln der Industriegesellschaft waren auf Show-Effekte ausgerichtet, auf kurzfristigen Aktienkurs, Effekte wie Quartalsgewinn, Stückzahl und anderes Blendwerk, das die wahre Leistungskraft eines Unternehmens nicht darstellen konnte. Hauptsache, die PS stimmen, dann ist es auch nicht mehr so wichtig, wohin man mit wem fährt – und was man dort so vorhat. „Leistungsüberdehnung“ nannte von Oetinger diesen Vorgang. Die führt zum Muskelfaserriss, und der ist schmerzhaft. Es kommt aber noch schlimmer: Denn dort, wo Leistung nur Selbstzweck ist – viel machen ohne Sinn und Verstand –, steht man irgendwann vor den Trümmern des eigenen Leistungsbegriffs. Das kennen Industriearbeiter schon lange, und jeden Tag kommen andere Berufe mit einem hohen Routineanteil dazu.

Die Ernüchterung angesichts falsch verstandener Leistung ist programmiert.

Der Philosoph Günther Anders, erster Ehemann von Hannah Arendt, hat in seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ vor gut 60 Jahren dieses Problem benannt, das heute, im Zeitalter der digitalen Automation und der aufkommenden Wissensgesellschaft, zu einer Alltagserfahrung geworden ist: Es ist die soge- nannte prometheische Scham, die Menschen erfasst, wenn sie erkennen, dass eine Maschine die Arbeit, die sie tun, besser kann. Der Roboter kann fehlerfreier nieten, schweißen, sortieren, schrauben als es die besten Arbeiter je könnten. Er macht es schneller, genauer und zuverlässiger, seine Tüchtigkeit und sein Fleiß sind vollkommen. Er ist kräftiger als wir.

Damit ist das Ding, das wir geschaffen haben, im Sinne des nach wie vor dominanten Leistungsbegriffs auch mächtiger. Nicht erst heute, sondern schon lange.

Prometheus war jener Whistleblower im antiken Griechenland, der der Menschheit das Feuer und damit die Macht des Einfalls gegeben hat, er war der Urvater aller Technik und Innovation. Die Übergabe des Feuers galt als Geburtsstunde der Selbstbestimmung, mit der Menschen sich Werkzeuge und Techniken einfallen lassen, um nicht mehr vom Wohlwollen und den Launen der Götter abhängig zu sein.

Günther Anders schreibt und denkt aus der Perspektive der Mitte des 20. Jahrhunderts, in der die Technologien den Menschen, die sie geschaffen haben, schon davongelaufen sind. Wenn wir uns mit den alten Kriterien der Leistung begnügen, dann sind wir zu langsam und zu schwach für die Welt, die wir geschaffen haben. Es herrscht, was Anders als „prometheisches Gefälle“ bezeichnet, auf dem es für den Menschen zügig bergab geht. Da hilft auch keine Superkraft, nur nüchterner Verstand, der überlegt, wie neue Leistungskriterien aussehen können.


Es ist die prometheische Scham, die Menschen erfasst, wenn sie erkennen, dass eine Maschine die Arbeit, die sie tun, besser kann.

Natürlich kann man versuchen, die Sache, wie einst anno 1968, zu vertagen. Wir müssen uns dann nicht der Mühe unterziehen, Leistung neu zu definieren, Qualität über Quantität zu stellen und zu fragen, ob Arbeit immer in mühevoller Qual bestehen muss. Wir leiden ein bisschen vor uns hin, richten es uns so gut wie möglich ein und hoffen, dass alles wieder gut wird. Gut, die Welt wird automatisiert, die Routinearbeit fällt weg, was soll man machen? Aber lässt sich das nicht auch durch soziale Dividenden aller Art entschärfen? Muss man etwas leisten, um etwas zu kriegen?

Als Musterbeispiel wird hier gern das bedingungslose Grundeinkommen zitiert, weil es Geld ohne Gegenleistung anböte.

Dabei sind Gegner und Befürworter auf den alten Leistungsbegriff fixiert. Das ist allerdings falsch, ein typisches Produkt intellektueller Faulheit. Einige Gegner glauben, dass mit dem alten Ideal – malochen und leiden – gleichsam auch die Welt untergehen würde, weil sie Anstrengung und Bemühung immer nur mit Leid gleichsetzen. Und einige feurige Befürworter übersehen, dass das scheinbare Geschenk des bedingungslosen Grundeinkommens nur dann eines ist, wenn man in alten Leistungskriterien denkt.

Nämlich, wenn man Leistung so metrisch und kalkulierend denkt, wie es uns die Industriekapitalisten beigebracht haben. Dann hält man Leistung für eine schlichte Angelegenheit.

Aber Leistung ist mehr als der Tausch von Lebens- und Arbeitszeit gegen Geld, sie ist mehr als reiner Materialismus. Sie ist das Gefühl, selbst etwas verändern, ein Ziel erreichen zu können. Leistung heißt, mit Ausdauer, manchmal auch mit Leidenschaft, ein Problem zu lösen, sich einer Frage zu widmen, hinzugeben, wie man es früher nannte. Selbstbestimmung ist Selbstverpflichtung – und damit schon an sich kein Zustand der Faulheit. Man kann sein Leben nicht konsumieren. Herauszufinden, was man will und wie man es kriegt, ist harte Arbeit. Und niemand ist da, dem man die Schuld geben kann.

Das ist unglaublich anstrengend. Aber der industrielle Leistungsbegriff lud dazu ein, es sich geistig bequem zu machen, mitzuschwimmen im Kollektiv und zu tun, was einem andere sagten. Dafür musste man bloß sein Leben eintauschen. Dessen Wert wurde nur klar, wenn der Deal von der anderen Seite gebrochen wurde, etwa durch Kündigung oder Ausstoß aus der Gemeinschaft. Das geschah immer wieder, auch ohne Krise und Krieg. Die Automatisierung war für Anders jene Stunde der Wahrheit, die jedem schlug. Dann übernahm mit der Arbeit die Maschine auch das Leben des Mitarbeiters. Diese „Selbstbegegnung“, wie er es nannte, war immer ein Schock. Wer nicht vorher zu sich selbst gefunden hatte, zerbrach unter dieser Last, egal ob Mensch oder Gesellschaft, Kultur oder Staat. Der Zahltag war bedingungslos.

Nichts ist umsonst. Ohne Anstrengung gibt es keinen Lohn. Das zu wissen und zu lernen bedeutet, weit größere Mühen auf sich zu nehmen, als jeden Tag pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Es verlangt die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.

Und so haben der alte und der neue Leistungsbegriff viel gemeinsam. Die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts sah – in dem berühmten Bild, das Karl Marx prägte – den lesenden Arbeiter als ihr gesellschaftliches Ideal. Was sollte der anderes sein als ein selbstbestimmter, aufgeklärter Wissensarbeiter, der sein Leben weder als alimentierter Konsumidiot noch als Befehlsempfänger verbringt? Der lesende Arbeiter entwickelt sich. Er tut, was damals nur den Privilegierten gestattet wird: neugierig sein, fragen, lernen, experimentieren, sich also entwickeln, ein Leben haben, das man auch so nennen kann. Schwierigkeiten überwinden also. Im Ergebnis bedeutet das Leistungsgerechtigkeit. Sie setzt die Freude daran voraus, sich anzustrengen, weil die Perspektive ein besseres Leben ist. Konkret, nicht ungefähr.

Er ist pure Lust, wie der amerikanische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi in den frühen Neunzigerjahren feststellte: „Flow“, ein „dynamischer Zustand (…) bei völligem Aufgehen in einer Tätigkeit“. Das billigen wir Künstlern, Kreativen, Wissenschaftlern, Sportlern zu. Aber sonst? Wo und wie geht das? Das ist die Frage nach der neuen Leistung, die, die Mühe macht, aber Mühe, die man liebt, Anstrengung, die sich lohnt – für einen selbst. Es gibt nichts Leistungsloses im menschlichen Wesen. Es gibt nur offene Bedingungen. Das ist etwas anderes.

Wer nur seine Arbeitskraft verkaufen kann, der ist auf die Idee der Leistung und der gerechten Gegenleistung angewiesen und verpflichtet, sich weiterzuentwickeln. Dafür kämpfte man und nicht für das Recht, Mathematik in der Schule abwählen zu dürfen. Bildung ist, wenn man weiß, wie man die Maschine für sich arbeiten lassen kann. Die Vordenker der Arbeiterbewegung wussten das sehr genau. Erst sollte man die Arbeitskraft so teuer wie möglich verkaufen, damit den Horizont erweitern und die persönliche Entwicklung durch Bildung und schließlich Selbstführung erreichen. So wird aus dem Malocher der Wissensarbeiter, der lesende Arbeiter. Alle Räder stehen still, wenn dein schlauer Kopf es will. Gewiss: Wer sieht, wie sehr das alte Establishment in Krisenzeiten seine Pfründe verteidigt, der mag an diesem Ziel zweifeln. Doch es ist richtig, ohne Zweifel.

Der Ökonom Jan Schnellenbach weiß, dass diese Wissensarbeiter sich grundlegend von den Superhelden der alten Industriegesellschaft unterscheiden, die „mit ihrer calvinistischen Ethik ununterbrochen arbeiten und am Schreibtisch sitzen – höchstens zwei karge Mahlzeiten einnehmen und sich zu Tode rackern“. Das japanische Modell des „heroischen Todes durch Herzinfarkt wegen Rastlosigkeit“ sei ganz sicher nicht das, was wir wieder brauchen. Die Selbstverpflichtung braucht Selbstverantwortung, und das ist nicht zwingend eine Beschränkung. „Die Welt der Arbeit und der Wirtschaft ist immer noch voller alter Leistungsvorstellungen“, sagt der Professor, der an der Technischen Universität Cottbus lehrt und forscht, „aber der neue Leistungsträger, der Wissensarbeiter, ist kein Mitarbeiter mehr. Leistungsorientierung heißt nicht, die Regeln der Organisationen einzuhalten, die überholt sind, sondern sich darauf zu konzentrieren, was bei der Arbeit rauskommt.“

Insofern, sagt und schreibt Schnellenbach, brauche man eine neue Leistungsgesellschaft, die ein Bewusstsein für Ergebnisse entwickelt und nicht bloß ans „Weitermachen“ denkt. „Der Wohlstand muss immer neu erarbeitet werden.“ Die Vorstellung, es gäbe so etwas wie eine übernatürliche Quelle für soziale Dividenden, die sich in den fetten Jahren aufgebaut hat, ist falsch. Hinter dem, was wir haben, steckt unsere Arbeit, unsere Bemühung, unser Leben. „In Schwellen- und Entwicklungsländern weiß man das sehr gut, weil man noch die andere Seite kennt, die, bei der sich die größte Mühe nicht gelohnt hat. Armut, Ausgeliefertsein, Willkür – all das gibt es nach wie vor reichlich.“ Dort ist der Zusammenhang zwischen Weg und Spur klarer.

Das wisst ihr als Bürger der Komfortgesellschaft nicht mehr? Schlecht. Denn Vergesslichkeit ist keine Superkraft. Wir werden nicht darum herumkommen, uns mal ein bisschen anzustrengen, um zu überlegen, wo neue Möglichkeiten herkommen können.

Bemühen wir uns. Weil es schwierig ist. Und weil wir uns das leisten können. ---

Aus der Ausgabe

Die Bemessung von Leistung ist eines der heikelsten Themen im Arbeitsleben. Dass zumindest bei geistigen Tätigkeiten nicht die Zeit, sondern das Ergebnis zählt, ist lange bekannt und offensichtlich – und dennoch in der Praxis keineswegs angekommen. Das wurde nie so deutlich wie in diesen Monaten, in denen eine Pandemie die Arbeit zu Hause durchgesetzt hat.

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