Was wäre, wenn …

… die Buchpreisbindung abgeschafft würde?

Ein Szenario.





• Ob Sandalen, Sandwichtoaster, Golfschläger oder Cabrios: Schnäppchenjäger können heute bei fast allem sparen. Schlussverkäufe, Rabatt-Aktionen und Preisvergleichs-Websites erleichtern das. Nur bei Büchern muss – von sogenannten Mängelexemplaren und Altauflagen abgesehen – stets der volle Preis bezahlt werden. Denn der Verlag schreibt ihn für alle Händler verbindlich vor. Seit 1888 gilt für jedes Buch in Deutschland ein Einheitspreis. Was wäre, wenn es diese Buchpreisbindung nicht mehr gäbe?

Theoretisch betrachtet, entstünde ein effizienterer Markt. Denn die freie Marktwirtschaft wird durch den fehlenden Preiswettbewerb stark eingeschränkt. Der Einheitspreis wird damit gerechtfertigt, dass es sich bei Büchern um ein besonders schützenswertes Kulturgut mit einer wirtschaftlichen Sonderstellung handle. Die Preisbindung helfe dabei, ein vielfältiges Angebot an Titeln und eine flächendeckende Versorgung durch kleinere Buchhandlungen sicherzustellen.

Mit 9,3 Milliarden Euro Umsatz ist der deutsche Buchmarkt nach dem US-amerikanischen der zweitgrößte der Welt. Er könnte schrumpfen, wenn die Buchpreisbindung abgeschafft würde. Davon geht zumindest Georg Götz aus, Volkswirtschaftler an der Justus-Liebig-Universität Gießen. In diesem Szenario gäbe es weniger unabhängige Buchhandlungen, sagt er. „Und weniger Buchhandlungen bedeuten weniger verkaufte Bücher. Unter anderem, weil Spontankäufe entfallen.“

Götz hat mit Handelsdaten des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels untersucht, welche Auswirkungen die Buchpreisbindung hat. Dazu verglich sein Team unter anderem Zahlen aus Deutschland und Großbritannien, wo die Buchpreisbindunge Mitte der Neunzigerjahre abgeschafft wurde. Eine Erkenntnis: Nicht nur die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen würde sich verändern, sondern auch die Preise. Bestseller würden ohne Preisbindung günstiger, alle anderen Bücher teurer.

„Harry-Potter-Bände wurden in britischen Supermarktketten zu Tiefstpreisen verschleudert, um die Menschen mit solchen Lockvogelangeboten in die Märkte zu bekommen“, sagt er. Insgesamt seien die Buchpreise von 1996 bis 2018 in Großbritannien aber um 80 Prozent gestiegen. In Ländern mit Buchpreisbindung wie Frankreich oder Deutschland dagegen nur um 24 und 29 Prozent.

Zu einem anderen Schluss kam die deutsche Monopolkommission, die das Thema 2018 in einem Sondergutachten beleuchtete. Darin bezeichnet sie die Buchpreisbindung als einen „schwerwiegenden Markteingriff, dem ein nicht klar definiertes kulturelles Schutzziel ‚Kulturgut Buch‘ gegenübersteht“. Ihre Auswirkungen seien „ambivalent beziehungsweise unklar“. Auch ein freier Preiswettbewerb könne das Kulturgut Buch schützen, zum Beispiel durch effizientere Handelsstrukturen oder alternative Vertriebskonzepte.

Außerdem sei die Buchpreisbindung – ähnlich wie die vom Europäischen Gerichtshof gekippte deutsche Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel – ein Verstoß gegen EU-Recht.

Andreas Fuchs, geschäftsführender Direktor des Instituts für Handels- und Wirtschaftsrecht an der Universität Osnabrück, bezweifelt das: Er hält die Buchpreisbindung für vereinbar mit EU-Recht. Seine Begründung: „Ausländischen Versandunternehmen wird der Zugang zum deutschen Buchmarkt nicht erschwert.“ Zudem reiche der Schutz des Kulturguts Buch als Grund, um den Preiswettbewerb zwischen Händlern auszuschalten.

Den Verlagen dagegen steht es frei, über Preise miteinander zu konkurrieren. Sie dürfen die Preise für jedes Buch so festlegen, wie sie wollen.

Der Bundestag entschloss sich 2018, der Empfehlung der Monopolkommission nicht zu folgen, und hielt einstimmig an der Buchpreisbindung fest. Ihre Befürworter argumentieren oft, nur mit ihr sei eine Vielfalt an Titeln sicherzustellen. Denn mit den Gewinnen aus Bestsellern finanzierten Verlage auch die unbekannteren Titel kleinerer Autoren. Fiele die Preisbindung weg, entstünde ein nur auf kommerziellen Mainstream getrimmter Massenmarkt.

Doch in der Musikbranche – die wie die Buchverlage Produkte mit hohen Fix- und niedrigen Grenzkosten verkauft – werden ohne jede Preisbindung mit wenigen Hits eine große Menge an Flops mit- finanziert.

Auch in Großbritannien zeigte sich: Statt zu sinken, stieg die Zahl der veröffentlichten Buchtitel, nachdem die Preisbindung abgeschafft worden war. Allerdings verloren unabhängige Buchläden Marktanteile: 1998 hatten sie 20 Prozent, 2006 nur noch neun Prozent. Und während sich die Zahl der unabhängigen Buchläden dort von 1995 bis 2001 um rund zwölf Prozent verringerte, waren es in Deutschland von 1995 bis 2002 nur drei Prozent.

Ein weiteres Land, das die Preisbindung abgeschafft hat, ist die Schweiz. Dort wurde sie 2007 vom Bundesgericht als wettbewerbswidrig eingestuft, eine Wiedereinführung scheiterte 2012 bei einer Volksabstimmung. Zu einem freien Markt hat das aber nicht geführt: In der Schweiz werden Buchverlage inzwischen direkt vom Staat gefördert.

Ein Vorteil der deutschen Buchpreisbindung dürfte jedoch unbestreitbar sein: Sie erspart selbst den hartgesottensten Schnäppchenjägern viel Zeit – weil diese statt stundenlang Preise zu vergleichen, einfach zuschlagen können. Ohne Angst, möglicherweise einen niedrigeren Preis übersehen zu haben. ---

Der Handel ist das Lebenselixier unserer Wirtschaft. Ohne ihn geht wenig bis nichts. Werden wir nach Corona also wieder fleißig konsumieren? Wird alles wie zuvor? Was passiert mit einer Konsumgesellschaft ohne Konsum? Diesen Fragen gehen wir in diesem Heft nach.

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