Was Menschen bewegt

Auf dem Trappenübungsplatz

In Brandenburg leben seltene Großvögel, die fast ausgestorben wären. Ihre Hege und Pflege ist sehr aufwendig. Ein Lehrstück über die Tücken des Artenschutzes – am Beispiel des wohl teuersten Vogels der Republik.





Großtrappenschützer Marcus Borchert in einem Trappen-Ausguck

• Ein früher Abend im April, die Sonne steht schon tief über der Havelländischen Luch bei Buckow. Auf den saftig-grünen Wiesen wird absurdes Tanztheater geboten: Weiß-braun leuchtende, zuckende Federkugeln, groß wie Medizinbälle, rotieren in einem abgehackten Rhythmus. Eben noch stolzierten sie, die Großtrappenhähne, mit abschätzenden Blicken aneinander vorbei wie Honoratioren beim Sonntagsspaziergang. Nun haben sie radikal ihre Gestalt gewandelt: erst den Federschnauzbart aufgestellt, dann die Kehle wie einen Dudelsack aufgeblasen. Sie schleudern den Kopf nach hinten und klappen den Schwanz nach vorn. Schließlich schlagen die Trappenhähne, gelenkiger als Yogis, ihre Flügel noch von hinten nach vorn über, eine Bewegung wie beim Kraulschwimmen. So pumpen sie sich auf zu fluffigen Gebilden, präsentieren ihr strahlend weißes Untergefieder.

Das Ziel der Gymnastik ist, die wohlbehaltene Kloake zu präsentieren, den gemeinsamen Körperausgang für Verdauungs- und Geschlechtsorgane: Ist die Kloake gut in Form, ist es auch der Hahn. Die Trappenhennen wissen das. Sie kommen langsam angestakst, stochern unbeteiligt im Gras herum. Die Hähne quittieren das mit wilden Zuckungen. Eine Henne pickt nun einem Hahn kurz ins Gesäß, ist aber offensichtlich nicht überzeugt und zieht bald von dannen. Der Hahn zittert und zuckt weiter, bis er die momentane Vergeblichkeit seines Handelns erkennt. Zurückgeklappt werden die Flügel, das Schwanzgefieder. Der Überdruck entweicht dem Kehlsack, der Bart sinkt wieder herab. Der Hahn schaut rechts, schaut links, nimmt seine Mitbewerber ins Visier und beginnt erneut seinen Parademarsch.

Das komplizierte Liebeswerben der Großtrappen, die größer sind als Gänse und somit zu den schwersten flugfähigen Vögeln der Welt zählen, ist legendär. Dass es hierzulande noch beobachtet werden kann, ist wesentlich dem Förderverein Großtrappenschutz zu verdanken. Denn die Art drohte auszusterben. 1997, am Tiefpunkt, hätten gerade mal noch 57 Exemplare in Deutschland gelebt, sagt Marcus Borchert, der erste Vorsitzende des Vereins, dessen Arbeit vom Land Brandenburg unterstützt wird. Borchert, ein großer Mann mit Bart, strahlt Kompetenz und Gemütlichkeit aus. Beides ist wichtig für den Trappenschutz, aber nicht ausreichend. Es braucht außerdem: kooperative Landwirte und Jäger, eine Schar hingebungsvoller menschlicher Trappeneltern und einen Batzen Steuer- und Sponsorengelder.

Das Beste für Trappen sei eine kleinteilige Landwirtschaft, wie sie vor hundert Jahren betrieben wurde, sagt Borchert. Mit zunehmender Intensivierung und immer größeren Feldern sei es den Vögeln immer schlechter gegangen, weil Nahrung und Deckung knapp wurden. Und dann zerschnitt auch noch von den Neunzigerjahren an eine ICE-Trasse zwischen Hannover und Berlin das letzte große Rückzugsgebiet. Das wäre fast das Aus für die Trappen gewesen, deshalb habe man seinerzeit ein „riesengroßes Bündel an Maßnahmen“ geschnürt, sagt Borchert: „Wir haben Land erworben, mit Pächter-Landwirten auf extensiv umgestellt. Und wir haben den Trappennachwuchs in einer geschützten Umwelt herangezogen.“

Mit Erfolg: Der Bestand wuchs an, beträgt heute insgesamt 337 Tiere, davon 123 im Havelländischen Luch. Borchert blickt von einem Beobachtungsturm herab auf das Ergebnis seiner Arbeit: „Einige der Hähne kannte ich ja schon als Küken. Das ist rührend. Und es macht natürlich auch ein bisschen stolz.“

Drei ehemalige Niedermoor-Gebiete, alle rund um die Stadt Brandenburg gelegen, beherbergen heute den „Märkischen Strauß“, wie Großtrappen auch genannt werden: die Belziger Landschaftswiesen, das Fiener Bruch und eben das Havelländische Luch. Dort lebt der hiesige Rest einer Population, die einst in ganz Europa heimisch war; allein in Deutschland gab es Zigtausende Trappen. Der Adel jagte sie, man aß sie mit Vergnügen. Alte Rezepte rühmen den Geschmack, vergleichen ihn mit dem des Truthahns. Mit mindestens achtstündiger Garzeit im Ofen sei zu rechnen. Vorher müsse man den Hahn eine Woche in Milch einlegen.

Ursprünglich stammt der Steppenvogel wohl aus Nordafrika, er kam aber nach der letzten Eiszeit vor rund 12 000 Jahren auch in den Kältesteppen Europas gut zurecht. Als sogenannter „Kulturfolger“ profitierte er von den Waldrodungen des frühen Mittelalters, später von abwechslungsreicher Landschaft mit Blühstreifen und Insektenreichtum. „1940 zählte man in Deutschland noch 4100 Exemplare“, sagt Borchert später im kleinen Museum der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg in Buckow – in der Vogelschutzwarte hat auch der Verein seine Unterschlupf gefunden. Danach habe die Großtrappe immer mehr Lebensraum verloren und immer weniger Nahrung gefunden – etwa Insekten, auf die besonders die Küken angewiesen seien. „Sie brauchen die Krabbeltiere nach dem Schlüpfen als Futterquelle.“

Weil man sich um sie kümmerte, geht es den Großtrappen heute wieder deutlich besser. Der deutsche Ornithologe Peter Berthold sagt: „Ohne den Einsatz von Privatleuten, die sich unter Horste setzen, um Eier und Brut zu schützen, wären zum Beispiel auch Seeadler und Wanderfalken sicher ausgestorben.“ Sorgen machen, so Berthold, heute vor allem Vögel, die früher weitverbreitet als Bodenbrüter in der Agrarlandschaft vorkamen: Kiebitze, Braunkehlchen und Uferschnepfen zum Beispiel. Deren Bestände schrumpfen stetig. Sie kennen keinen Kümmerer wie bei den Großtrappen. „Size matters“ – vielleicht gilt das auch im Artenschutz.

20 Millionen D-Mark für 57 Vögel

Der immense Aufwand der hiesigen Vogelschützer für die bedrohte Art hat die Großtrappe zum wohl teuersten Vogel Deutschlands gemacht. So ließ man entlang der ICE-Strecke Hannover–Berlin Erdwälle aufschütten, um Kollisionen der Tiere mit den Oberleitungen zu vermeiden. Trappen haben beim Abheben Schwierigkeiten, an Höhe zu gewinnen, ganz so wie ein russisches Antonow-Frachtflugzeug. Also baute man ihnen eine Art Rampe. Borchert fährt Gäste gern zum Bahnübergang bei Buckow, um die teuren Wälle zu zeigen, die immer noch weit billiger waren als eine Streckenverlegung oder ein Tunnel. „Millionenvogel“ wurde der Spitzname der Trappe: 20 Millionen D-Mark zum Schutz von 57 Vögeln, das hatte das Zeug zum Skandal. Doch Borchert sagt dazu ganz trocken: „Je erfolgreicher wir sind, je mehr Großtrappen es gibt, umso günstiger wird es pro Vogel.“

Die Wälle waren der einfachste Eingriff. Andere Maßnahmen sind komplexer. So wurden in allen drei Trappengebieten jeweils zwei große umzäunte Schutzareale angelegt, um Fressfeinde wie Fuchs, Dachs, Waschbär oder Marderhund auf Abstand zu halten. Die Hennen bekamen schnell spitz, dass ihre Gelege innerhalb der Umzäunung sicherer sind – und nehmen seitdem sich und ihren Nachwuchs in Schutzhaft. „Manche Kritiker reden von einem Zoo, die haben aber nicht verstanden, dass wir die Trappen nicht einsperren, sondern die Vögel freiwillig die Schutzräume aufsuchen“, sagt Borchert. Er steht jetzt am zweiten Beobachtungsturm von Buckow. Mitten am Tag streicht ein Fuchs über die Wiese. Als er den Drahtzaun sieht, dreht er ab.

In Buckow errichtete man das erste Reservat aus Überresten ehemaliger DDR-Grenzanlagen. Doch die erprobten Barrikaden helfen nicht gegen Übergriffe aus der Luft, zum Beispiel von Kolkraben und Nebelkrähen. Deshalb haben heute zur Brutzeit tagsüber Beobachter alle Gehege-Gelege im Blick. Bei Anzeichen von Bedrohung werden die Eier eingesammelt und in Wärmeschränken ausgebrütet. Dasselbe geschieht mit Eiern, die die Tierschützer in freier Landschaft finden.

Die Brutanlage der Landesvogelwarte dürfen nur ein paar handverlesene Mitarbeiter betreten. Denn allzu schnell gewöhnen sich die Jungtiere an Menschen. Mitarbeiter mit Kükenkontakt tragen grüne OP-Overalls, damit die Vögel später in freier Wildbahn auf niemanden stoßen, der aussieht wie ihre Zieheltern – und ihnen hinterherlaufen. Kurz bevor die Küken schlüpfen, summen ihnen die Saisonkräfte des Schutzvereins trappentypische Laute vor, um so früh wie möglich eine Bindung aufzubauen. Sind die Vögelchen auf der Welt, haben sie einen Mordshunger, futtern in den ersten zwei Monaten ihres Lebens rund 10 000 Insekten. Und jede Mahlzeit gelangt per Pinzette in die Schnäbel, dank unermüdlicher Mitarbeiter des Schutzvereins.

Rund um Belzig und im Fiener Bruch werden heute jährlich je an die 20 Küken ausgewildert. Im Luch ist der Bestand mittlerweile so stabil, dass die natürliche Reproduktion innerhalb der Zäune ausreicht. Dies soll auch in den anderen zwei Gebieten so werden, darauf arbeiten die Trappenschützer hin. Die Zäune irgendwann überflüssig machen – davon träumen sie, wagen aber kaum daran zu glauben.

Borchert ist seit 1994 dabei, angefangen hat er als Zivildienstleistender. Vieles spricht dafür, dass er bis zur Rente zu tun haben wird. Am nächsten Morgen ist er zum Ortstermin im Fiener Bruch unterwegs, kleinparzelliges Dauergrünland, so weit das Auge reicht. Borchert reicht das Fernglas rüber, deutet hierhin, dorthin: alles voller Leben. Unzählige Rehe sind im Grün versteckt, Hasenohrpaare ragen über Grashalme, Feldlerchen tirilieren in der Höhe, Kolkraben machen sich kehlig knarzend vernehmbar. Nördlich des Feldweges, an dem der Vogelschützer seinen Geländewagen parkt, stehen die Trappen in großen Trupps. „Hier leben gut 120 der Vögel, zu dieser Jahreszeit fein säuberlich getrennt in Männer- und Frauengruppen“, sagt er. Treu seien die Vögel nur dem Land, auf dem sie leben. Man treffe sich eigentlich nur zur Balz samt Kopulieren, fliege dann getrennte Wege. Die Hennen kümmern sich später um die Brut, während die Jungs nichts anderes tun, als gemeinsam fressen zu gehen. Die Forscher sprechen, in Abgrenzung zur Paarbildung, von „Fortpflanzungsgemeinschaften“.


Trappenvater Arvid Zickuhr hat den Nachwuchs im Blick

Pappeln fällen – auch das muss sein

Plötzlich Aufruhr und Geflatter. Ein paar ältere Hähne fliegen dicht über eine Stromleitung. „Das war knapp“, sagt Borchert. „Es geht nicht immer so gut aus. Den einen oder anderen Vogel verlieren wir in den Leitungen, das ist schrecklich.“ Der Verein steht deshalb in engem Kontakt mit den örtlichen Stromversorgern. Das Ziel sei, dass irgendwann auch die letzten Leitungen unterirdisch verlegt würden.

Derweil zieht der Anlass für die Panik mit schwerem Flügelschlag vorüber: ein mächtiger Seeadler. „Die Adler sitzen auf Pappeln neben den Balzplätzen und holen sich Hähne, wenn die sich gerade um anderes kümmern, zum Beispiel die Balz“, sagt Borchert. Also ließen die Trappenschützer vor einigen Jahren einige Pappelreihen fällen. Was wiederum für Ärger bei örtlichen Baumfreunden sorgte. „Damit müssen wir leben. Wir können es nicht allen recht machen, wenn wir es richtig machen wollen für die Trappen.“

Das gilt auch für die nahe Windkraftanlage, die um die Jahrtausendwende gegen den Protest der Trappenschützer gebaut wurde: „Die steht jetzt genau in der Flugschneise zwischen den Beständen im Fiener Bruch und dem Havelländischen Luch. Der Austausch zwischen beiden Trappengruppen hat nach unseren Beobachtungen Schaden genommen.“ Demnächst läuft die Genehmigung des Windparks aus. Anderswo werden ähnliche Anlagen aufgerüstet, hier wohl nicht. Im Fiener Bruch hat der Kampf gegen Windmühlen ein Happy End für die Vögel gefunden.

Fünf Monate sind ins Land gegangen, es ist nun Ende September, Marcus Borchert rollt über einen staubigen Feldweg im Fiener Bruch. Er telefoniert mit seinem Kollegen Arvid Zickuhr, der den Vorabend bei einem auf Geflügel spezialisierten Tierkrankenhaus in Berlin-Dahlem verbringen musste: Eine Henne im Gehege hatte ein Stück Plastik gefressen, Probleme mit der Magenschleimhaut bekommen, sich apathisch verhalten. „Ah, das ist gut“, spricht Borchert ins Telefon. Später erzählt er, die Henne habe sich erholt: „Bei so wenigen Tieren müssen wir um jedes einzelne kämpfen.“

Der Geländewagen hält an einem Holzschuppen im Nichts, nebenan stehen ein klappriger Wohnwagen und ein Holzturm. Borchert deutet auf den Schuppen: „Die Schleiereulen haben schon die dritte Brut, es ist ein Mäusejahr.“ Dann klettert er auf den Turm, hier hat er in nordöstlicher Richtung einen perfekten Blick auf das 19 Hektar große Schutzareal. Dort ist ein Mann in hellgrüner OP-Kleidung unterwegs, auf dem Kopf einen Strohhut. Es ist Arvid Zickuhr. Um ihn herum laufen 21 Trappenküken. Sie sind bereits größer als ein ausgewachsener Haushahn, in ihrer Entwicklung entsprechen sie aber Kindergartenkindern.

Zickuhr lässt die kleinen Großtrappen morgens aus der überdachten Schutzvoliere und zieht mit ihnen schon mal acht Stunden über das Gelände. Er lehrt Nahrungskunde – und zupft an Kräutern, die schmackhaft sind. Er lehrt Gefahrenkunde – und bringt dem Nachwuchs bei, dass er sich vor dem Seeadler hüten muss. Vier Küken hat sich der Adler in diesem Jahr schon geholt. Die Küken schätzen die Risiken oft falsch ein, haben stattdessen Angst vor Hasen und Rehen. Doch das treibt der Trappenvater ihnen aus.

Zickuhr zieht langsam Richtung Osten, ein kleiner Trupp ist ein paar Meter vorgeflogen. Doch zwei Bummelanten am westlichen Ende der Gruppe wollen nicht in die Gänge kommen. Der Trappenvater muss sich um alle kümmern, zählt immer wieder durch. Gerade nimmt die schnelle Vorhut Kontakt zu in den Vorjahren ausgewilderten Trappenhennen auf. „Das ist gut“, sagt Borchert auf seinem Aussichtsposten, „genau das wollen wir.“ Zwar gebe es auch manchmal Streit bei solchen Begegnungen, aber das lege sich schnell.


Patenonkel für Trappen: Franz-Michael Behrendt mit seinem Sohn Lars

Die Bauern machen mit – auch weil es Geld gibt

Alle vom Verein aufgezogenen Vögel sind beringt. Die Ringe der Hennen tragen Buchstaben, die der Hähne Zahlen. Da den Ringen eines Jahres eine bestimmte Farbe zugeordnet wird, bekommen die Forscher auf einen Blick schnelle Infos zu Alter und Geschlecht. Manche Tiere kennen sie seit vielen Jahren. Wie „Schwarz T“, die 2004 geboren wurde und den Ruf als „beste Henne“ überhaupt hat, weil sie seit vielen Jahren regelmäßig ihren Nachwuchs durchbringt.

Am südlichen Horizont ist eine Staubwolke zu sehen, die sich auf einem Feldweg nähert. Als der Allradwagen vorgefahren ist, steigt das Vater-Sohn-Gespann Franz-Michael und Lars Behrendt aus, der ehemalige und der aktuelle Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Paplitz. Auf deren Flächen ist der Trappenschutzverein im Fiener Bruch tätig. Für die Landwirte ist der Vogelschutz eine zusätzliche Herausforderung. Sie können zum Beispiel erst später im Jahr und insgesamt auch weniger oft mähen – um im Frühjahr die Trappengelege nicht zu schädigen und später die Küken und ihre Mütter nicht zu vergrämen. Dafür erhalten sie eine Prämie, 180 Euro je Hektar und Jahr. „Das ist gutes Geld“, sagt Franz-Michael Behrendt. Dieses Programm läuft allerdings nur bis zum Jahr 2021, eine Folgefinanzierung wird derzeit beraten. Hinzu kommen Prämien aus dem europäischen „Natura 2000“-Ausgleich: 130 Euro je Hektar. „Damit sollen Einschränkungen durch den Schutzgebietsstatus ausgeglichen werden“, sagt der Junior. Diese Zahlungen laufen bis 2022, danach wird die Höhe neu festgeschrieben.

Neben solchen Zuwendungen gibt es auch andere Aufmerksamkeiten, Patenschaften für einzelne Trappen zum Beispiel. Vater Franz-Michael hat einen „prächtigen Hahn, Schwarz 13“ als Patenkind, „mit Urkunde“, wie er stolz erzählt. Sein Sohn verfolgt den Lebenslauf einer Henne namens „Rot NP“.

Die Behrendts haben sich den Trappenschutz nicht ausgesucht. Aber sie machen mit. Weil es Geld vom Staat gibt. Weil man sich dem Land verbunden fühlt und die Trappen eine Besonderheit der Gegend sind. Grundsätzlich hat der landwirtschaftliche Betrieb mit seinen 13 Mitarbeitern und der großen Mutterkuhherde aber andere Probleme als einen Haufen balzwütiger Großvögel. Franz-Michael Behrendt sagt: „Ich habe riesigen Respekt vor den jungen Leuten, die sich heute auf dem platten Land dem internationalen Wettbewerb des Milchmarktes stellen müssen. Ich hätte da keine Nerven mehr für.“ Marcus Borchert lächelt und sagt: „Wir sind froh und dankbar für eure Unterstützung.“

Im Luch besitzt der Verein die Trappen-Ländereien selbst, kann also bestimmen, wie das Land zu nutzen ist: „Natürlich wollen wir überall eine trappenfreundliche Bewirtschaftung, aber die Landwirte müssen von den Flächen auch leben können“, sagt Borchert. Das funktioniere: Im Havelländischen Luch habe sich die Zahl der nach der Wende neu gegründeten landwirtschaftlichen Betriebe trotz der Naturschutzauflagen nicht verringert.

Mit den Bauern läuft’s also. Die Trappenschützer müssen sich aber auch mit den Jägern gut stellen, denn, so Borchert: „Das Fiener Bruch zieht Füchse aus dem gesamten Umland an.“ Deshalb sind Leute wie Michael Haack im Einsatz: groß, rötliches Raspelhaar, offener Blick. Unter der Woche arbeitet er im Bonner Verteidigungsministerium, am Wochenende fährt er Streife, prüft sieben Fallen, zweimal am Tag.

An Stellen, wo Füchse regelmäßig entlangstrolchen, haben er und seine Jäger-Kollegen, die von Montag bis Freitag im Einsatz sind, hölzerne Kästen aufgestellt, mit Öffnungen an zwei Seiten. Holt sich ein Fuchs den Köder, werde der Fall-Mechanismus der Türen ausgelöst, sagt Haack: „Und ich bekomme eine SMS vom elektronischen Fangsystem.“ An diesem Tag hat es gepiept. Die betroffene Falle wurde strategisch als Brücke über einen Feldgraben gelegt. Doch dieses Mal kommt eine Hase herausgehoppelt.

Marcus Borchert schätzt den Einsatz der Jägerschaft als „überlebenswichtig für die Trappen“ ein. Doch die Fuchsjagd ist nicht gerade beliebt bei den Waidmännern: Füchse kann man nicht essen, die Pelze will heutzutage keiner mehr haben. Der Aufbau guter Beziehungen sei daher wichtig. Die Jäger bekommen als Aufwandsentschädigung Kilometergeld.

Ein letzter Blick übers Land. Borchert ist zum nördlichen Rand des Fiener Bruchs gefahren, nach Karow. Hier blickt man auf eine vielgestaltige, kleinteilige und vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Landwirtschaft, wie es sie bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts noch überall gab. Genau die Sorte Habitat, die besonders artenreich ist.

Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen: Überall findet ein Massensterben der Spezies statt, das „Ende der Evolution“, wie der Hamburger Evolutionsbiologe und Professor für Biodiver- sität Matthias Glaubrecht sagt. Bis zu einer Million Arten, so schreibt er in seinem aktuellen Buch, könnten in den kommenden Jahren und Jahrzehnen verschwinden. Wenn man erlebt, wie anstrengend es schon ist, eine einzige Art wie die Großtrappe zu erhalten, kann einem angst und bange werden.

Marcus Borchert setzt diesem Gedanken ein wenig Zuversicht entgegen. Gerade wenn man sich um eine besonders anspruchsvolle Art kümmere, schütze man damit auch andere. „Die Maßnahmen, von denen unsere Trappen profitieren, kommen vielen Tieren und auch Pflanzen zugute. Seit wir uns so intensiv um diese Vögel kümmern, sind bereits verschwundene Arten zurückgekehrt: Heuschrecken, Schmetterlinge, Käfer, Amphibien und Reptilien. Auch der Bestand bedrohter Pflanzen, viele auf der Roten Liste für Brandenburg, ist stark angewachsen.“

Die Trappenübungen fruchten also in vielerlei Hinsicht. Da ist es vielleicht nicht übertrieben, einem Großtrappenei Großtrappenlieder vorzusummen. In diesem Frühjahr wurde im Fiener Bruch sogar zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder ein Küken im Freiland außerhalb der Schutzzäune flügge. Das, so heißt es, sei ein „toller Erfolg“. ---

Das Trappen-Budget
Der jährliche Etat des Fördervereins Großtrappenschutz lag im Durchschnitt der vergangenen Jahre bei etwa 500.000 Euro. 190.000 Euro davon kamen vom Land Brandenburg, Sachsen- Anhalt steuerte 60.000 Euro und im Rahmen eines Projektes des Europäischen Landwirtschaftsfonds (Eler) für den Fiener Bruch noch mal rund 115.000 Euro bei. Der Rest setzte sich aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen, Pachteinnahmen und Fördermitteln kleinerer Projekte zusammen.

Abhängig vom Umfang der jeweils laufenden Projekte beschäftigt der Verein etwa zehn bis zwölf Mitarbeiter, wobei in den ver- gangenen Jahren vier Mitarbeiter ganzjährig beschäftigt waren (ein fest angestellter Geschäftsführer und drei Drittmittelbeschäftigte). Die anderen arbeiten als Saisonkräfte in der Regel von April bis Oktober und kümmern sich um Aufzucht und Auswilderung.

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