Teambank

Easycredit heißt mal wieder Teambank. Will aber unübersehbar anders sein.






Jeden Morgen rein ins Grüne: Christian Polenz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Teambank, in seinem neuen Arbeitsumfeld

• Der Urwald beginnt direkt hinter den Abteilungen Kommunikation und Recht. Ein wilder Dschungel aus Topfpflanzen mit ein paar Sitzgelegenheiten im Dickicht. Aber die Social-Media-Managerin Annemarie aus dem Dialogcenter fühlt sich hier nicht so richtig wohl. Zu viel Unterholz. Sie will lieber auf die Schaukel. Von dort aus sieht man mehr vom Leben im neuen Bürohaus der Teambank in Nürnberg. Den Urwald hat vor ein paar Jahren Evolution Design gepflanzt, ein Architekturbüro aus Zürich, das sonst aus Google-Büros Spielplätze für Erwachsene macht. Denn so cool wie Google will die Teambank auch sein, obwohl das Unternehmen eigentlich nichts anderes macht, als Ratenkredite zu verkaufen: ziemlich unsexy.

Das soll nicht zuletzt der Dschungel ändern, er ist Teil eines Change-Prozesses, der echt krass „an die DNA“ geht, wie Teambank-Sprecher Marco Kreyer sagt. Und das will etwas heißen. Denn das Institut hat in den 70 Jahren seines Bestehens schon einige Veränderungen erlebt.

Nach mehreren Fusionen unter wechselnden Namen kaufte 2003 die genossenschaftliche DZ Bank das Geldinstitut. Der ehemalige Markenname Norisbank und die Filialen wurden an die Deutsche Bank verscherbelt – und der Rest 2007 Teambank genannt. Der neue Name ist also ein alter.

Teambank sei bis heute „die unbekannteste Bank Deutschlands“, gesteht Kreyer unumwunden ein. Denn den Bankern war damals sehr schnell aufgefallen, dass sie nur ein einziges Produkt hatten: den Easycredit, eine Art vollautomatisiertes Online-Darlehen (siehe auch: brand eins 02/2013: „Die Kreditbank“). Und auf den konzentrierte sich die gesamte PR. Als Annemarie vor zehn Jahren zur Teambank kam, wurde deren Name gerade von den Briefköpfen entfernt und durch Easycredit ersetzt. Auch die E-Mail-Adressen änderte man. „Das war mein erster Change-Prozess bei der Teambank“, sagt Annemarie und schaukelt gelassen vor und zurück. Es sollte nicht der letzte sein.

Der Easycredit ist bis heute der Verkaufsschlager der Bank. Aktuell sind 8,2 Milliarden Euro an mehr als 900.000 Kunden ausgeliehen. Das Verfahren ist simpel: Wer seine jüngsten drei Gehaltsabrechnungen und die Kontoauszüge der vergangenen drei Monate parat hat, bekommt nach Aussagen der Bank seinen Wunschkredit innerhalb von drei Minuten. Oder auch nicht. Der Algorithmus ist knallhart, wenn er eine Überschuldung befürchtet. Da hilft es auch nichts, wenn der Antragsteller der Sohn des Bürgermeisters ist. Oder mit dem Leiter einer Filiale der Volks- und Raiffeisenbanken bekannt ist, zu deren Genossenschaftsverbund die Teambank gehört. Solche weichen Kriterien kennt der Computer nicht. Kredite ohne Klüngel – hört sich eigentlich ziemlich zukunftsfähig an.

Aber das Banken-Business ist vom Wandel mindestens so stark betroffen wie die Automobil- und Medienbranche. Filialen verschwinden, die Zinsen auch, dafür entstehen überall superagile Fintech-Start-ups, die den etablierten Instituten mit cleveren Geschäftsideen die Butter vom Brot nehmen. Da wollten die Easycredit-Banker nicht abseits stehen und entwickelten vor rund vier Jahren eine smarte Finanz-App: Fymio. Wer Fymio die Zugangsdaten zu all seinen Konten (auch bei Konkurrenzbanken) überlässt, kann sie damit managen. Die App analysiert Ein- und Ausgaben und warnt, wenn ein finanzieller Engpass droht. Das ist praktisch für den Kunden, aber erst recht für die Bank: Sie kommt an sehr viele Daten, kann zum Beispiel den CO2-Fußabdruck des Nutzers berechnen – anhand der Lastschriften für die Stadtwerke, Benzinrechnungen auf der Kreditkarte, Reisebuchungen.

Dumm war nur, dass nun der Name Easycredit als Unternehmensmarke nicht mehr passte, denn die App hatte mit dem klassischen Kreditgeschäft nur noch am Rande zu tun. Ein neues Branding musste her. Ende 2016 tagten die Chefs – wie so oft – im Benediktinerkloster Plankstetten und beschlossen, das Institut solle künftig wieder Teambank heißen. Und müsse kräftig aufgepeppt werden: neue Werte, neue Kultur, neue Produkte. Eine Wandlung von epischen Ausmaßen für die brave Nürnberger Genossenschaftsbank.

„Der zweite Change-Prozess, zurück zur Teambank“, sagt Annemarie, „fühlte sich viel natürlicher an als der erste. Da hat sich nämlich wirklich etwas verändert.“ Eine dieser Veränderungen sieht man ihr sofort an: Annemarie trägt ein buntes Hippie-Kleid. Der Dresscode bei der Teambank lautet „no Dresscode“. Nicht einmal die Chefs tragen noch Schlips. Eine weitere Veränderung hört man: Alle duzen sich. Manchmal kommen Delegationen von den Volks- und Raiffeisenbanken, die den Easycredit in ihren Filialen verkaufen – und sind sichtlich verblüfft über die lockere Stimmung. Vielleicht sollte man das mal in der eigenen Bank ausprobieren.

Die größte Veränderung aber war der Umzug ins neue Firmengebäude auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände am Stadtrand. Drei Stockwerke, vier Innenhöfe, 15.000 Quadratmeter, viel Licht, Urwälder, Schaukeln, Kinderzimmer, Massagesessel, Open Space. Niemand hat einen eigenen Schreibtisch, jeder einen Laptop. E-Mails von Büro zu Büro sind verpönt, klassische Büros gibt es ohnehin nicht mehr, sondern Home Zones und Meet & Create Zones. Wer etwas von jemandem will, geht und sucht ihn. Das Thema wird besprochen und mit Handschlag besiegelt, absichernder Schriftverkehr ist kaum noch nötig.

Ohnehin wird auf Bürokratie gern verzichtet. Früher gab es 34 Seiten Richtlinien für Dienstreisen, jetzt nur noch einen einzigen Satz: „Wir reisen angemessen.“ Eigenverantwortung stärkt das Selbstbewusstsein und die Performance. Auch die Urlaubsformulare landeten im Schredder. Nun handeln die Team-Mitglieder untereinander aus, wer wann wie lange in die Ferien geht. Eine Genehmigung der Chefs ist überflüssig.


Für sie fühlt sich der Wandel gut an: die Social-Media-Managerin Annemarie Achour


Arbeitet nicht nur am Laptop, sondern auch mit Legosteinen: der Nachhaltigkeitsbeauftragte Daniel Seemann

Unbeliebt sind auch bräsige Meetings. Die Teambanker haben eine Umfrage entdeckt (Iqudo 04/2010), aus der hervorgeht, dass nur 6,4 Prozent aller guten Ideen am Arbeitsplatz entstehen. Die meisten dagegen unter der Dusche oder im Bad (13,5 Prozent), im Bett oder auf dem Sofa (12,1), auf dem WC (9,9), beim Joggen (7,1) oder beim Spazierengehen (6,7). Daher bieten die Nürnberger Banker an: Duschen, Sofas und jede Menge Schrebergärten und Landschaft, um darin spazieren zu gehen.

Nur nennt man das jetzt nicht mehr so, sondern Walk & Talk. Außerhalb herumlaufen hat noch einen anderen Vorteil: Es hält Schreibtische frei. Denn die sind knapp. Beim neuen Desksharing kommen auf zehn Mitarbeiter nur sieben Arbeitsplätze. Fast jeder dritte Mitarbeiter arbeitet von zu Hause aus oder ist im Außendienst.

Daniel ist der Nachhaltigkeitsbeauftragte. Er trägt Jeans und ein hellblaues Langarmshirt und sitzt in der Kantine. Gerade gab es noch Steak mit Gemüse und einen Smoothie, jetzt liegt ein Jutesäckcken vor ihm auf dem Tisch. „Was heißt Nachhaltigkeit bei der Teambank?“, fragt er und öffnet das Säckchen, ein paar Legosteine fallen heraus. Damit geht Daniel der Nachhaltigkeitsfrage auf den Grund. Neulich hielt er einen internen Workshop ab, in dem alle Teilnehmer aus den Legosteinen eine Ente bauen mussten, aber das war nur die Aufwärmübung. Dann wurde es ernst: Jeder sollte etwas konstruieren, das mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Später lagen die Objekte in der Mitte der Gruppe und wurden diskutiert. Einer hatte ein Windrad gebaut, aber die Workshop-Teilnehmer dachten nicht an erneuerbare Energie, sondern an Gegenwind. Das gibt Daniel zu denken: „Damit müssen wir uns auseinandersetzen.“

Ein paar gute Ideen kamen bei den Workshops aber schon heraus. Zum Beispiel wurde der Fuhrpark der 300 Außendienstmitarbeiter als „Handlungsfeld“ entdeckt. Die fahren bisher mit Minis herum und verpesten die Luft. Jetzt gibt es einen „CO2-Deckel“, und die Teambanker bekommen nagelneue BMWs, die offenbar sauberer sind. Insgesamt soll die ganze DZ Bank Gruppe klimaneutral werden, allerdings erst bis 2050 und nur zu 80 Prozent. Da ist noch Luft nach oben, und Daniel hat noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Mitarbeiter stehen schon mehrheitlich hinter ihm, sagt er. Kürzlich wurde sein Thema Nachhaltigkeit im Intranet-Voting als ganz besonders wichtig erachtet. „Die Mitarbeiter sind die treibende Kraft“, sagt Daniel, „aber auch das Vorstands-Commitment kommt immer stärker.“ Dann packt er seine Legosteinchen wieder in den Sack.

Demnächst macht Daniel als einer von drei ausgewählten Teambankern eine Learning Journey. Zwei Wochen lang reist er auf Kosten der Bank durch Europa und schaut sich an, was in Sachen Nachhaltigkeit so geht bei Southpole in Zürich, BNP Paribas in Paris, Lego in Dänemark und Volvo in Schweden. Selbstverständlich fährt er mit dem Zug.

Christian sagt, er sei klassischer Banker, brauche aber nichts mehr von dem, was er einst gelernt hat, weil die Teambank mittlerweile ganz anders sei. Er ist Chief Customer Officer und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Bank, trägt beige Chinos, ein blaues Hemd und einen blauen Pullover mit Flicken auf den Ellbogen. Er hat eine Powerpoint-Präsentation dabei, in deren Zentrum ein Foto des nachtschwarzen Himmels mit vielen Sternen und einem hell leuchtenden Fixstern steht. „Das Bild ist so schön einfach“, ruft Christian. „Der Fixstern ist der Kunde, und dessen Bedarf, sich etwas zu leisten, für das er nicht gespart hat, ist beständig.“ Er klickt ein paar Folien weiter. „Aber wie der Kunde seinen Bedarf stillt“, sagt er, „das verändert sich.“ Der Markt wird dynamischer, Technik wird zum Schlüsselfaktor, die Finanzbranche unterliegt komplizierten Regulierungen, die Wertschöpfung verändert sich. Alte Banken verlieren den Anschluss. Der Change-Prozess soll die Teambank vor diesem Schicksal bewahren.

Christian stoppt die Präsentation beim Thema Pixar. Dabei handelt es sich um eine Initiative der Teambank, die nach den Machern der Toy Story benannt ist, dem auf Computeranimation spezialisierten Filmstudio, das von Steve Jobs mitgegründet wurde. Unter Hollywood macht es Christian nicht. Für Pixar haben sich 20 Teambanker am Nürnberger Flughafen ein paar Wochen in Klausur begeben und sich angeschaut, wie der Kunde der Zukunft aussehen könnte. Ist er eher arm oder eher reich, eher fremd- oder selbstbestimmt? Alle kamen zu dem Schluss dass die Bankkunden von morgen ziemlich wohlhabend sind, aber fremdbestimmt im „Golden Digital Cage“ leben.

Für diese Golden Cager stellt sich die Teambank jetzt auf: nach innen hoch standardisiert, nach außen stark personalisiert. Für die Kunden soll es so aussehen, als stünde ihnen ein warmherziger, verständnisvoller Berater zur Seite, aber in Wirklichkeit handelt es sich um ein eiskaltes, hoch effektives Computerprogramm. So wurde Easycredit zum Erfolg, und wer sagt denn, dass das mit anderen Bankprodukten nicht genauso funktioniert?

In einer stillen Ecke der Bank arbeitet eine Gruppe von DataAnalysten bereits daran. Kontoauszüge sind Datenschätze. Wer sie lesen kann, weiß fast alles über den Kontoinhaber. Wo war er wann? Für was gibt er Geld aus? Wo spart er? Ist er diszipliniert, zuverlässig? Oder schlägt er gelegentlich über die Stränge, verliert die Kontrolle? Die Antworten auf diese Fragen finden sich alle im Kontoauszug. Jetzt geht es darum, wie man sie nutzen kann. Das Analyseteam besteht fast nur aus Quereinsteigern: Sozialwissenschaftlen, Psychologinnen, Statistikern. Neue Perspektiven sind gefragt. Wer etwas ändern will, muss anders sein.

Noch kann das Data Analytics Center keine konkreten Ideen vorlegen, zumindest keine, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Aber die richtigen Fragen stellen die Analysten schon: Was sind Daten wert? Wie kann man sie zu Geld machen? Welche datengetriebenen Geschäftsmodelle sind zukunftsfähig?

Eine Antwort darauf gibt es schon: Fymio ist es nicht. Nur 45 000 User meldeten sich bisher an. Eine bescheidene dreistellige Zahl von ihnen schloss irgendwann einen Easycredit-Vertrag ab. „Kein tragfähiges Geschäftsmodell“, befindet Christian, „am 31. März wird Fymio eingestellt.“ Die zuletzt nur noch zehn Fymio-Leute werden woanders beschäftigt.

Ironie des Schicksals: Das Produkt, für das der große Wandel bei der Teambank in Gang gesetzt wurde, gibt es nicht mehr. Der Change-Prozess aber hat sich verselbstständigt. Er läuft jetzt von allein weiter. Ohne Stechuhr, ohne Bürokratie, ohne „Sie“ und ohne Dresscode. Christian braucht nur noch wenig von dem, was er einmal gelernt hat, Daniel spielt mit Legosteinen, Annemarie schaukelt. Und der Urwald steht still und grün direkt hinter den Abteilungen für Kommunikation und Recht. Das Leben ist ein Dschungel. ---

Die Teambank AG in Nürnberg gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe der Volks- und Raiffeisenbanken. Ihr wichtigstes Produkt ist der Ratenkredit Easycredit.

Kennzahlen (2018):
Bilanzsumme: 8,5 Mrd. Euro
Mitarbeiter: 1028
Neugeschäft: 3,4 Mrd. Euro
Kreditsummen: 1000 bis 75 000 Euro
Kreditanfragen pro Tag: 3000
Cost Income Ratio * (CIR, Aufwand-Ertrag-Relation): 51 Prozent

*Je geringer der Wert, umso besser. Der CIR der deutschen Banken insgesamt liegt im Jahr 2018 bei durchschnittlich 75,5 Prozent