Projecttogether

Was wäre, wenn die ökonomische Potenz der Großen und die Ideen der Kleinen zusammenkämen, um die Probleme der Welt zu lösen? Die Initiative Projecttogether bringt die Parteien erst einmal ins Gespräch.




• Es sind drei sehr unterschiedliche Menschen, die im Sommer 2018 eine Initiative gegen Plastikmüll planen: Paul Kupfer, 31, ist einer der Gründer von Soulbottles, einem Hersteller von Trinkflaschen. Sein Unternehmen, so Kupfer, sei „ein Berliner Hippie-haufen“. Die Glasflaschen, die Soulbottles verkauft, sollen PET-Flaschen ersetzen. Die Firma ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Sie beschäftigt 70 Mitarbeiter, hat 2019 mehr als 300 000 Glasflaschen verkauft und 4,6 Millionen Euro Umsatz gemacht. Im Vergleich zu Einweg-Plastikflaschen ist das allerdings wenig: Von denen werden in Deutschland 16,4 Milliarden pro Jahr verkauft – etwa 200 Stück pro Kopf.

Der zweite der drei Initiatoren ist Uwe Amrhein, 53, ein ehemaliger Journalist, der die Röchling Stiftung leitet, die gemeinnützige Stiftung eines der größten deutschen Kunststoffhersteller. Die Röchling-Gruppe ist im Vergleich zu Soulbottles ein Riese. Sie beschäftigt fast 11 000 Mitarbeiter und hat 2018 rund 2,1 Milliarden Euro Umsatz gemacht, vorwiegend mit technisch anspruchsvollen Kunststoffprodukten: Operationsklammern für Chirurgen, Gehäuse für Treibstoffsysteme in Flugzeugen, Isolierungen für Gaslager und antimikrobielle Wandverkleidungen in Fleischereibetrieben. Die Stiftung ist die kleine Schwester dieses Großunternehmens, das jedes Jahr Tausende Tonnen Plastik produziert.

Der Dritte ist Philipp von der Wippel, 23, Oxford-Absolvent und seit Schulzeiten davon überzeugt, dass Große und Kleine zusammenarbeiten sollten, wenn etwas vorangehen soll in der Welt. Er hat die Parteien zusammengebracht. Seine Idee: Soulbottles und die Röchling Stiftung sollen zusammen mehr als 100 Start-ups und Initiativen fördern, die etwas gegen Plastikmüll unternehmen wollen. Aber wie bringt man so ungleiche Partner ins Gespräch?

Am Anfang herrscht große Skepsis, vor allem bei Soulbottles. „Wenn man die Röchling-Gruppe googelt, dann sieht man, wie viel Kunststoff die jedes Jahr produzieren“, sagt Paul Kupfer. „Meine erste Reaktion war: Das geht gar nicht.“ Er misstraut den Absichten der Stiftung, hat Angst, von einem Großunternehmen instrumentalisiert zu werden, das Greenwashing betreiben und sich in der Öffentlichkeit als Vorkämpfer für den Umweltschutz präsentieren möchte. Andererseits: „Die haben einfach enorm viel Wissen in diesem Bereich, an das wir sonst nie herankämen. Wir kennen sonst keine Leute aus der Kunststoffindustrie.“

Sie setzen sich also zusammen. Uwe Amrhein erklärt Kupfer, dass die Röchling-Gruppe zwar sehr viel Kunststoff produziert, aber kein Einwegplastik. Die meisten dieser Kunststoffteile seien so langlebig und wertvoll, dass niemand auf die Idee käme, sie einfach wegzuwerfen. Die Stiftung der Gruppe finanziert gleichwohl Projekte zur Lösung des Problems, etwa eine Schiffsflotte, die Plastik aus dem Ozean fischt und recycelt, oder die Forschung an einem Wurm, der in der Lage ist, Plastik zu zersetzen. Für die Stiftung ist das ein sinnvolles Engagement, weil die Firma von der Materie etwas versteht – und weil es das Geschäftsmodell der Industriegruppe nicht fundamental infrage stellt. Aus der Kooperation mit Soulbottles erhofft sie sich Zugang zu neuen Initiativen, die sich sonst nie mit ihnen in Verbindung gesetzt hätten.

Es gibt also durchaus gemeinsame Interessen, aber auch Misstrauen und Skepsis. Von der Wippel hält das Gespräch deshalb immer eng am Problem: an der Frage, was jetzt wirklich notwendig ist, um den Plastikmüll zu reduzieren. Er drängt auf die Analyse der Fakten, und da stellen Kupfer und Amrhein bisweilen überraschende Übereinstimmungen fest. „Der Uwe hat mir bei einem der ersten Gespräche gesagt: Wir brauchen nicht noch fünf Produkte wie die Soulbottles, die Plastikwasserflaschen ersetzen“, sagt Kupfer. „Und da hatte er recht. Es reicht nicht, einfach nur den Plastikkonsum zu reduzieren. Wir müssen vor allem besser und rigoroser recyceln.“

Dennoch kostet die Annäherung viel Zeit. „Bei keinem Projekt habe ich so oft mit dem Partner telefoniert wie hier“, sagt Amrhein. Mehr als ein Jahr dauert die Planung. Philipp von der Wippel organisiert alle Telefo-nate, schreibt die Details des Programms, vermittelt, wenn es sein muss. „Philipp war viel mehr als wir gewohnt, mit unterschiedlichen Akteuren zu kommunizieren“, sagt Paul Kupfer. „Und er hat einfach eine unglaubliche Ausdauer. Ohne ihn hätte das nicht geklappt.“

Auf diese Rolle bereitet sich von der Wippel im Grunde vor, seit er 16 ist. Damals ging der behütet im Münchener Stadtteil Giesing aufgewachsene Sohn zweier Juristen für ein Jahr nach Lancaster, in den armen Norden Englands. Eine ungewohnte Umgebung für ihn. In seiner ersten Woche an der neuen Schule lernt er einen syrischen Jungen kennen, Ebrahim. Es ist das Jahr 2012, der Krieg in Syrien hat gerade begonnen, kaum ein Mitschüler weiß etwas über das Leid in Ebrahims Heimatland. Die beiden kommen auf die Idee, mit der ganzen Schule Skype-Konferenzen in die syrischen Kriegsgebiete zu organisieren.

Die Aktion ist ein großer medialer Erfolg – und bringt die Schülergruppe aus Lancaster inklusive dem deutschen Austauschschüler bis in die Downing Street, für eine Kurzvisite beim damaligen Premierminister David Cameron. Zwar ändert das nichts an der britischen Politik der Zurückhaltung in Syrien. Aber Philipp von der Wippel erfährt zum ersten Mal, wie weit man kommen kann, wenn man die richtigen Verbündeten gewinnt. Auf dem Flug nach Hause, so erzählt er rückblickend, „habe ich gedacht: Das kann jetzt nicht der Endpunkt sein, das ist ein Beginn“.

Noch als Schüler gründet er Projecttogether mit dem Ziel, sozialen Projekten zu mehr Durchschlagskraft zu verhelfen. Nach dem Abitur macht von der Wippel ein Praktikum bei der BMW Foundation, studiert dann Politik, Philosophie und Wirtschaft in Oxford und kehrt nach seinem Abschluss 2018 zu seinem Sozialunternehmen zurück.

Dessen Grundgedanke: Demokratische Gesellschaften reagieren zu langsam auf sehr große komplexe Probleme, etwa auf den Klimawandel. Es fehlt dabei oft gar nicht an guten Ideen, aber es dauert viel zu lange, sie zu testen und umzusetzen. „Wir müssen versuchen, gesellschaftliche Evolution zu beschleunigen“, sagt von der Wippel. „Wir brauchen einen Mechanismus, damit Dinge schneller ausprobiert werden und damit das, was funk-tioniert, schneller Anschluss findet an bestehende Systeme. Wir sind derzeit einfach zu langsam.“ Dafür müssen die Großen mit den Kleinen reden, die Jungen mit den Alten, Umweltaktivisten mit Kunststoffkonzernen.

Inzwischen hat Projecttogether zehn Angestellte, mit der BMW Foundation Herbert Quandt, der Robert Bosch Stiftung und der Schöpflin Stiftung bereits einige große Förderer und noch größere Pläne: Mit dem vor Weihnachten eingesammelten Startkapital von drei Millionen Euro soll ein „dezentrales Forschungszentrum für die Gesellschaft“ entstehen, das Initiativen und Start-ups unterstützt und vernetzt, die gemeinsam an einem Zukunftsplan 2030 arbeiten wollen.

Dass ihm seine Unterstützer solche vollmundigen Ankündigungen abnehmen, hat vermutlich mit dem Ruf des Oxford-Absolventen zu tun, sicher mit der Hilfe seines ersten großen Förderers Markus Hipp, Vorstandsmitglied bei der BMW Foundation, aber vor allem auch mit der freundlich-bestimmten Art, die von der Wippel zu einem idealen Moderator komplizierter Gespräche macht.

Er passt sich schnell an sein Gegenüber an, bleibt dabei aber immer etwas schwer zu durchschauen. Paul Kupfer sagt zum Beispiel, dass es ihm bis heute schwerfalle, Philipp von der Wippel einzuordnen: Fühle er sich eher in der Welt der Nichtregierungsorganisationen heimisch oder bei den Angestellten der Großkonzerne? Der so Beschriebene klärt das nicht auf: Von der Wippel versteht, dass er als Mittler auch immer Projektionsfläche sein muss, jemand, der von allen als Verbündeter gelesen wird und von niemandem als Gegner, der die Parteien bei den Fakten hält und sie weglenkt von den ideologischen Bruchstellen.

Bei Soulbottle und der Röchling Stiftung braucht es ein Jahr bis zu einem ersten Ergebnis: Im Sommer 2019 wird „Act on Plastic“ als gemeinsame Initiative verkündet, bei der sich wiederum Initiativen und junge Firmen bewerben können – mehr als 100 folgen dem Aufruf. Die Teilnehmer der ersten Runde sind bunt gemischt: Es gibt Initiativen wie „Merijaan“, die mit viel Pragmatismus ein Plastik-Pfandsystem in Sri Lanka einführen wollen. Oder „Einmal ohne, bitte“, die in München schon sehr erfolgreich Läden auszeichnen, in denen man unverpackte Ware wie Wurst oder Käse einkaufen kann. Es gibt plastikfreie Puppen, Marketing-Kampagnen für Leitungswasser, ein System, um Windeln zu recyceln (und die Babyfäkalien zu kompostieren), essbares Besteck, plastikfreie Supermärkte und Yogamatten aus recyceltem Plastik.

Es gibt Träumerisches und Realistisches. Es ist ein Anfang, nicht mehr, nicht weniger.

Überhaupt sind die Ambitionen, die von der Wippel mit seinem kleinen Unternehmen hat, größer als das bisher Erreichte. Nur ein Projekt wurde vor „Act on Plastic“ abgeschlosssen: ein Förderprogramm für Projekte, die die Erderwärmung abmildern. Den Initiator und seine Mitstreiter stört das nicht: Irgendwo müsse man anfangen, irgendwie die Generationen, die Parteien, die Gegner miteinander ins Gespräch bringen – und das funktioniere nun einmal am besten mit einem gemeinsamen Vorhaben. „Wir sind letztlich auch nur ein Prototyp, der erst einmal im Kleinen beweisen muss, dass er funktioniert, bevor man ihn ganz groß machen kann“, sagt von der Wippel. „Diesen Beweis müssen wir jetzt liefern.“ ---