Occupy

Warum verschwand die Occupy-Bewegung so schnell, wie sie gekommen war? Der Politologe Claus Leggewie hat das erste große Social-Media-Protestphänomen beobachtet. Und sagt, was andere Bewegungen daraus lernen können.





brand eins: Herr Leggewie, wie konnte Occupy so schnell zu einer so bekannten Protestbewegung werden?

Claus Leggewie: Ein paar Monate zuvor waren Millionen von Menschen in Kairo und der gesamten arabischen Welt auf die Straße gegangen, hatten Plätze besetzt und Autokraten Angst gemacht. Das machte Schule im reichen Norden. Das wachsende Unbehagen vieler über die Folgen der Finanzkrise fand im Slogan „We are the 99 percent“ Ausdruck. Die Wall Street schien für die Teilnehmer der Proteste hauptveranwortlich zu sein für die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich. Nicht ohne Grund. Occupy war die erste antikapitalistische Bewegung seit Langem. Ich habe den Zuccotti Park in Manhattan damals mit einigem Vergnügen über diesen Stachel mitten im Finanzdistrikt durchschritten.

Es hätte doch auch vorher schon einige Anlässe für antikapitalistischen Protest gegeben.

Neben der Finanzkrise begünstigten Verschiebungen in den politischen Systemen das Aufkommen von Occupy. Etwa zur gleichen Zeit stieg in den USA die rechte Tea-Party auf. Das zeigt, dass sich Protestbewegungen wie aus dem Nichts entwickeln konnten, weil die Bindekraft politischer Parteien und Eliten dramatisch nachgelassen hatte. Ein Prozess, der sich in Form unterschiedlicher Bewegungen wie Black Lives Matter, der Gelbwesten, Fridays for Future oder jüngst mit den Straßenprotesten von Südamerika über den Mittleren Osten bis nach Ostasien ausgedehnt hat. Zeitgleich entstanden „Anti-Parteien-Parteien“: die Piraten, Podemos in Spanien oder die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien.

Welche Rolle spielte Social Media?

Die damals noch recht junge Möglichkeit zur direkten Vernetzung vereinfachte die Organisation – sehr rasch Versammlungen einberufen, in Kontakt bleiben, sich in viele Städte der USA und weltweit ausdehnen. Außerdem konnten sich Sympathisanten ohne viel Aufwand im Netz zu Occupy bekennen. Interessant ist, wie die kleinen, lokalen Proteste in einer eher gemütlichen Atmosphäre sich mit der großen Unterstützergemeinde im Netz verbunden haben. Das führte zu großer Aufmerksamkeit – ohne den Weg über die klassischen Medien gehen zu müssen.

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