Das geht

Lass es kratzen

Jan Sapper entdeckte eine Marktlücke: Folien, mit denen sich das iPad wie Papier anfühlen soll.





• Das leise Schaben eines Füllers oder Bleistifts, der leichte Widerstand, wenn Pigmente auf Papier haften bleiben. Manche Dinge schätzt man erst, wenn sie einem fehlen. Wer schon mal mit einem Stift auf der Glasoberfläche eines Tablets geschrieben hat, weiß: Die Sinnlichkeit hält sich in Grenzen. Kalt und glatt fühlt sich das an, die Schrift wird ungewollt fahrig.

Das störte Jan Sapper, als er 2015 zum ersten Mal das iPad samt digitalem Stift ausprobierte. Er fragte den Verkäufer nach einer Folie für mehr Papiergefühl. Antwort: So ein Produkt gibt es nicht. Kaum zu glauben. War da eine Marktlücke?


Die Folien nutzen auch Tätowierer und Archäologen.

Nicht zum ersten Mal glaubte der Ingenieur, eine Idee zu haben, auf die die Welt wartet. Nach dem Studium in London wollte er einen Adapter für Macbooks entwickeln und reich werden: „Ich hatte gerade das Buch ,The 4-Hour Workweek‘ gelesen.“ Ein Bestseller, dessen Unterzeile lautet: „Entfliehe nine to five, lebe, wo du magst, und werde Teil der neuen Reichen.“ Sapper sammelte per Crowdfunding 40 000 Euro – und musste lernen, dass das so leicht nicht ist. Das Projekt wuchs ihm über den Kopf. Nach anderthalb Jahren musste er – dem Burnout nahe – aufgeben, erzählt der 32-Jährige in einem Hamburger Co-Working Space.

Dieses Mal war er vorsichtiger. Nach seinem Besuch bei einem Apple-Händler wartete er ab. Beobachtete den Markt. Erst als es nach einem Jahr immer noch keine Folie dieser Art gab, legte er los. Er bestellte mehr als 20 verschiedene mattierende Folien, schnitt sie fürs iPad zu und testete sie im Apple-Store. Dort ließ man ihn gewähren. Eine Schreibfolie muss rau sein, damit man nicht rutscht, gleichzeitig so zart, dass die Spitze des Stifts nicht abreibt. Ist sie zu weich, fühlt es sich an, als würde man auf Gummi schreiben, ist sie zu körnig, verzerren sich die Farben, weil das Licht der LEDs bricht.

Als Sapper glaubte, die richtige Folienart gefunden zu haben, schrieb er deutsche Importeure an, um ihnen eine Kooperation vorzuschlagen: Sie sollten in China eine Charge Folien nach seinen Vorstellungen bestellen, er würde sich um die Vermarktung kümmern. Die meisten ignorierten ihn. Nur eine Firma aus Leipzig zeigte Interesse und stimmte dem Experiment ein Jahr nach der Anfrage zu.


Verschafft Tablets eine neue Haptik: Jan Sapper, der Gründer von Paperlike

Das war Anfang 2017. Sapper taufte seine Idee Paperlike und warb per Crowdfunding um Geld. 4000 Euro waren nötig, um in China zu bestellen. Das Ziel setzte Sapper trotzdem nur auf 1500 Euro, denn: „Menschen unterstützen am liebsten Gewinner, also Kampagnen, die ihr Ziel schon erreicht haben.“ Im Notfall wollte er den Rest selbst drauflegen.

Dann passierte viel auf einmal: Seine Freundin wurde schwanger. Das gehypte Start-up Protonet, für das Sapper arbeitete, ging pleite, im neuen Job überstand er die Probezeit nicht. Nur die Crowdfunding-Kampagne lief: Interessenten hatten inzwischen Folien im Wert von 60 000 Euro bestellt. So wurde das Hobby zum Beruf.

Nun wollte Sapper das Produkt fertig entwickeln. Dabei half das Feedback der Kunden. Viele scheiterten trotz der Videoanleitungen daran, die Folie gleich beim ersten Versuch ohne Staubkörner und Luftblasen auf dem Bildschirm anzubringen. Die Folie gab es also künftig nur noch im Zweierpack.

Richtig erfolgreich wurde Sapper, als er iPad-Tester dafür bezahlte, die Folie im Video aufzubringen und davor in kleinen Werbeschaltungen zu loben. Die Verkäufe verfünffachten sich. Inzwischen setzt die Firma rund 250 000 Euro im Monat um.

Die Ausgaben sind dagegen sehr gering: In China hergestellte Folien sind billig. Der größte Kostenpunkt sei das Personal für Auftragsbearbeitung und Versand, doch neben Sapper arbeitet nur ein Marketingleiter fix für die Firma, den Rest erledigen Freelancer auf der ganzen Welt.

Vor Kurzem erreichte Jan Sapper eine Anfrage, ob er die Folie nicht auf einer Tattoo-Messe ausstellen wolle. Dort erfuhr er, dass Tätowierer für ihre Arbeit das iPad mit der Folie nutzen. „Die machen ein Foto vom Arm und zeichnen darauf dann das Motiv.“ Ein anderer Kunde ist Archäologe, der bei Ausgrabungen in Ägypten Fotos und Skizzen macht und sich freut, dass die Folie zusätzlich vor Sand schützt.

Doch ein weiteres großes Ärgernis störte vor allem jene, die sowohl analog als auch digital arbeiten: dass die Folien das Display zu grobkörnig machten. Rund die Hälfte der Käufer sind Künstler, die Illustrationen und handschriftliche Logos fertigen.

Seit Dezember gibt es eine neue Folie, die das Licht des Displays nicht so stark bricht. Dadurch sieht es weniger grobkörnig aus. Während die Hersteller die Oberfläche früher durch Bestrahlung aufrauten, besprenkeln sie diese nun mit winzigen Kunststoffkügelchen. So wird das raue Muster regelmäßiger, und die Lichtstrahlen werden weniger abgelenkt.

Die Firma hat außerdem ein neues Logo, soll bald GmbH werden, und die Folie soll künftig im Sortiment der Elektrohändler zu finden sein, noch gibt es sie nur online. Dort findet man inzwischen ähnliche Produkte aus Japan und China, mit einer eigenen Website und seiner Fan-Community ist Sapper ihnen allerdings noch einen Schritt voraus.

Und trotz der Freude über Archäologen und Tätowierer – erreichen will Sapper vor allem jene, an die er ursprünglich gedacht hatte: ganz normale Büroleute, die ihr iPad zwar für Notizen verwenden, aber doch irgendwie das Papier vermissen. Wie er damals. ---