Einleitung

Alle kommunizieren. Aber hat auch jemand etwas gesagt? Und redest du mit mir?





Sie sind da.
Wir können sie hören.
Und sie uns auch.

Es hilft nichts, wenn man sich die Ohren zuhält, die Lippen zusammenpresst und die Augen verschließt. Es ergibt keinen Sinn, wenn man so tut, als ob einen das nichts anginge.

Es gibt kein Entrinnen.
Reden wir darüber.

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick hat im Jahr 1967 festgestellt, dass „wir nicht nicht kommunizieren“ könnten. So steht es im ersten seiner insgesamt fünf Axiome zur Kommunikation. „Jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten. Und genauso, wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“

Das sagt einiges und erklärt vieles.

Denn Watzlawicks Einsichten gelten nicht nur für Plaudertaschen und professionelle Tratschen, sondern für alle und auch dann, wenn es einem bei dem, was da mitgeteilt wird, die Sprache verschlägt. Es ist auch dann richtig, wenn einem nichts mehr dazu einfällt. Der Versuch, sich nicht mit anderen auszutauschen, scheitert grundsätzlich, lehrt uns Watzlawick.

Das Schweigen kann sehr laut sein, und manchmal übertönt es jedes Geschrei. Das Weghören sagt mehr als das ständige Mitplappern.

Und was man langsam wirklich verstanden haben sollte auf dieser Welt: Wer nicht hinsieht, war trotzdem dabei.

Der Versuch, sich der Kommunikation, dem Gespräch, dem Mitteilen zu entziehen, ist albern, weil demonstratives Nichtkommunizieren eine ganze Menge sagt.

Ein Beispiel hilft, das zu verstehen. Man nimmt sich, wie heute üblich, eine Fernbedienung und wählt sich beim Streaming-Dienst seiner Wahl zwei Filme aus, die man am besten hintereinander sieht.

Der erste wurde im Jahr 1976 gedreht und war eine Art hellsichtige Vision der Kommunikationsformen in sozialen Medien. Es ist „Taxi Driver“ von Martin Scorsese. Die Hauptrollen spielen Robert De Niro und Jodie Foster. De Niro spielt den grenzwertigen New Yorker Taxifahrer Travis Bickle (Foto), Foster eine Prostituierte. In der aggressiven Grundstimmung der damals verwahrlosten Stadt dreht Bickle allmählich durch. Er besorgt sich Waffen und verpasst sich einen Irokesenschnitt. In einer der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte steht Bickle vor dem Spiegel und spuckt sein aggressives “You talkin’ to me?” aus. „Du laberst mich an?!“ Er wartet nur darauf.

Wer nur mit dem eigenen Spiegelbild redet, und das tun alle, die nichts anderes hören wollen als das, was sie für richtig halten, endet im Desaster. Bei Bickle wird’s ein Blutbad, auf Twitter wird beleidigt und zum Shitstorm geblasen. Aber auch das, Watzlawick hatte schon recht, sagt einiges aus und spricht Bände über den Schlamassel, in dem wir stecken.

Der zweite Film entsteht rund 20 Jahre nach „Taxi Driver“, der Regisseur Robert Zemeckis hat ihn nach einem Buch des Astrophysikers Carl Sagan gedreht, und wieder spielt Jodie Foster eine der Hauptrollen, die der Wissenschaftlerin Ellie. Sie sucht hauptberuflich nach intelligentem Leben, an sich schon eine rechte Plackerei, aber sie tut es noch unter erschwerten Bedingungen, nämlich im Weltraum.

In „Contact“ endet die Suche nach außerirdischer Intelligenz auf dem Stern Wega, gut 25 Lichtjahre von der Erde entfernt. Um sich bemerkbar zu machen, spiegeln die Aliens das zurück, was Menschen im Zeitalter des Radios und der Fernsehwellen – seit Anfang des 20. Jahrhunderts – so in den Äther geschickt haben. Sound-Fetzen, Videos, darunter Hitlers 1936 vom staatlichen deutschen Fernsehen übertragene Eröffnungsrede der Olympischen Spiele in Berlin und Ähnliches mehr. Ein Chaos.

Aber die Reaktion darauf ist kein „Du laberst mich an?“, sondern ein freundliches „Du redest mit mir?“. Außerdem liefern die Aliens auch den Bauplan für eine Zeitmaschine, mit der man sie – durch ein Wurmloch – besuchen kann. Nach einigem Hin und Her reist Ellie damit ins Wega-System. Dort trifft sie auf das Abbild ihres verstorbenen Vaters, der ihr berichtet, dass es viele sehr unterschiedliche Intelligenzen im Weltraum gibt und eine ausgeprägte Technik, mit der sich diese Wesen untereinander unterhalten können. Sie können so verschieden sein, wie sie wollen, und sich dennoch austauschen. Diese Bemühungen führen für Ellie am Ende zu Sinn und Zweck aller Kommunikation: „Auf unserer Suche nach allem, was die Leere erträglich macht, haben wir nur eines gefunden: einander.“

Kommunikation ist Sozial-Arbeit.

Das ist jetzt naiv, werden einige sagen, denn mit dem oder der rede ich erst gar nicht. Das ist verständlich, allerdings muss man dann auch damit leben, dass man es immer öfter mit Außerirdischen zu tun hat, die sich aufführen wie Robert De Niro in „Taxi Driver“. Und wer das nicht glaubt, kann ja gern mal rausgehen oder ein bisschen bei Twitter oder Facebook querlesen.

Kommunikation stammt vom lateinischen communicare, was so viel bedeutet wie „mitteilen“ oder „vereinigen“. Kommunikation ist Anfang und Ende aller sozialen Beziehungen. Wo man sich nichts mehr zu sagen hat, wo man sich nicht mehr austauschen will, also unterschiedliche Wahrnehmungen von der Welt auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen versucht (und sei er auch noch so klein), verstehen wir die Welt nicht mehr – uns selbst mit eingeschlossen. Das Gleiche gilt, wenn wir aufhören, uns dafür zu interessieren, was andere zu sagen haben.

Eigentlich ist spätestens seit der Industrialisierung die Kommunikation als Starthilfe für jede Form guter Geschäfte und funktionierender Märkte erkannt. Doch inzwischen reden alle ununterbrochen und auf allen Kanälen, durch- und nebeneinander. Wir verstehen oft kein Wort mehr. Phrasen und Schlagwörter prasseln ohne Unterlass auf uns ein, und es wird immer schwerer, den Sinn zu suchen, den Zusammenhang, das Verständnis.

Am Ende kommt dabei nicht Klartext heraus, noch nicht einmal eine Ahnung davon, sondern nur ein wildes Durcheinander, ganz so, wie es beim Turmbau von Babel herrschte.

Doch Vorsicht mit Vergleichen: Die Geschichte, die in der Genesis erzählt wird, ist keine Parabel auf das freie Wort und die offene Kommunikation, die wir eigentlich brauchen. Im Gegenteil: Beim Turmbau geht es ums Klappe- und Kleinhalten. Das ist die Grundregel in allen Tyranneien.

In Babel bauten die Menschen an einem Turm, der in den Himmel ragen sollte, bis an die Grenzen des Paradieses und darüber hinaus. Immer weiter wuchs er, und Gott gefiel das naturgemäß gar nicht.

Anders als sonst verheerte der Allmächtige die Erde nun nicht mit Krieg, Pest oder Sintflut, sondern hielt sich das Gesindel mit einem Trick vom Leib, der uns heute sehr vertraut ist. Er gab jedem der vielen Menschen, die an dem Bau des Turmes arbeiteten, eine andere Sprache. Nun konnten sie sich nicht mehr austauschen, einander nicht mehr verstehen.

Man kann zwar nicht nicht kommunizieren, aber wenn man nur noch Bahnhof versteht, ist der Ofen aus – und der Turmbau beendet. Die alttestamentarische Schnurre mag einige an den Flughafen BER in Berlin-Schönefeld erinnern, darüber hinaus aber spiegelt sich darin der Alltag in fast jeder Organisation wider und viele andere Irritationen, die es in der Welt der Transformation an jeder Ecke gibt.

Die Wissensgesellschaft ist komplex, und das heißt erst mal nichts anderes als: So viel Arbeitsteiligkeit war nie. Immer mehr Fachleute und Spezialisten, Frauen wie Männer, Junge wie Alte, sprechen ihre je eigene Sprache. Das hat gute Gründe.Und viele sagen: Das ist halt der Preis, den man für Entwicklung zahlen muss. Aber machen wir es uns damit nicht zu einfach?

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel beschreibt, woraus Macht besteht: Sie tut so, als ob sie alles unter Kontrolle, den Überblick hat und damit anderen Orientierung geben kann. Wo man die Einheit angreift, die ja immer auch die Autorität ist, die herrschende Meinung und ihre Sprache, herrschen bald Chaos und Untergang. Wo alle Systeme, Techniken und letztlich auch die Kommunikationskultur so angelegt sind, stimmt das auch. Und deshalb kann man heute die Geschichte vom Turmbau zu Babel mit dem üblichen drohenden Unterton erzählen.

Aber warum läuft das so? Weil wir zwar die Vielfalt der Spezialisierungen gefördert, aber vergessen haben, eine Kultur der Beziehung und des Austauschs zu entwickeln und zu pflegen, die dieser Vielfalt gerecht wird. Dabei geht es um eine Kommunikation, die nicht abgrenzt, sondern zum Nachdenken und Lernen einlädt. Eine Sprache, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven verständlich macht. Kommunikation ist eine Frage der Beziehungen, eine Sozial- und Kulturtechnik.

Das macht ein wenig Arbeit. Wenn das nicht klar ist, dann können wir den Turm der Entwicklung so hoch bauen, wie wir wollen. Wir werden viel reden, aber haben nichts zu sagen.

Redest du mit mir?

Oder laberst du mich an?

Das Gelabere heißt im Fachjargon Content, was früher mal Inhalt bedeutete, aber das ist lange her.

Content ist eine Commodity geworden – also zur Ware gewordene Kommunikation. Der Inhalt wird zurechtgemacht, aufgehübscht, ins Schaufenster gestellt und so vorgekaut, dass man ihn einfach schlucken kann. Content erkennt man an den immer gleichen Phrasen, an Schlagwörtern, gegen die beim besten Willen niemand etwas haben kann. Oder an ihrer extremen Entsprechung auf der anderen Seite der Gefühlswelt, den sogenannten Trigger-Wörtern, bei denen Leuten der Hut hochgeht, ohne dass sie lange darüber nachdenken müssen, warum. Hauptsache, man muss nicht selber überlegen, worum es geht.

Content soll vor allen Dingen eines sein: berechenbar. In einem echten Gespräch, einem Dialog, entwickeln sich die Gedanken beim Austausch. Beim Content sind sie sozusagen schon fest vorinstalliert. Man muss sich des mühsamen Findens von Argumenten und Zugängen nicht unterziehen, nichts muss verstanden, kein Standpunkt verteidigt, keine Haltung überdacht werden, weil man durchs Miteinanderreden vielleicht – nicht auszudenken! – etwas dazulernen könnte.

Sogar wie lange man fürs Sehen und Hören und Lesen an Zeit braucht, steht heute überall dabei, bei Video und Audiomedien sowieso, aber längst auch bei Texten und Büchern. Haben Sie mal Interesse für fünf Minuten dabei?

Na, dann her damit!

Nun heißt es aber nicht zu Unrecht: Versuch macht klug. Klüger ist man immer hinterher. Und zwischendurch, beim Sehen, Hören, Lesen, Sprechen, da kann es sein, dass recht wenig Erkenntnis auf uns niederprasselt – dann reichen fünf Minuten im Durchschnitt natürlich dicke – oder sehr viel, weil wir etwas finden, das uns mehr sagt als anderen. Dann kommen wir vom Low zum High Involvement, von der niedrigen zur hohen Beteiligung der Person, wie es der Medientheoretiker Marshall McLuhan nannte. Das ist der Zeitpunkt, von dem an man selber denkt.

Dann wird aus dem Medienkonsum eine Beziehung, etwas Gegenseitiges und Neues.

Beziehungen, wer wüsste es nicht, sind schwer berechenbar, da hilft kein Algorithmus. Sie führen aber zu Ergebnissen, die man Verständnis nennen kann, zu gewonnenen Einsichten, die sich wiederum weiterentwickeln. Lesen ist unberechenbar, also echte Maß- und Wissensarbeit. Es ist das Gegenteil von Content-Konsum.

Wenn man das weiß, fragt man sich unaufhörlich, wie denn eigentlich die sozialen Medien auf ihr „sozial“ kommen.

Denn mit Beziehungen haben sie selten etwas zu tun. Ihr Wesen ist meist die Berechenbarkeit von Meinung, eine kontrollierte Kommunikation, bei der man schon vorher weiß, was dabei herauskommt. Deshalb lässt es sich auch so einfach über kurze Phrasen streiten. Lesedauer: zwei Sekunden. Aus Erkenntnis wird Erregung, man kriegt, was man erwartet. Und alles andere ist ein Skandal.

Das ist Medienkonsum in Reinkultur, wie wir sie von den Medien Film und Fernsehen kennen, die die Fantasie eher bedienen, als sie herauszufordern. Natürlich gibt es großartige Filme und hervorragende Fernsehbeiträge, die zum Weiterdenken anregen. Aber dass die Verwandtschaft der Glotze mit den sozialen Medien weit enger ist als jene mit dem geschriebenen Wort, das lässt sich nicht leugnen.

Hollywood, nur als Beispiel, nannte man aus gutem Grund Traumfabrik. Der Film ist eine industrielle Ware, die sich leicht konsumieren lässt. Eine Traumfabrik regt nicht zum Träumen an, sie stellt Träume her, fix und fertig, serienmäßig. Antworten und Moral werden gleich mitgeliefert. Deshalb galt übrigens den Ideologien des 20. Jahrhunderts – ob links oder rechts – der Film auch als Propagandamittel Nummer eins.

Das Internet wiederum galt in seinen frühen Tagen als Gegenthese dazu. Es schien ein Medium für den Dialog zu sein, das Adjektiv „interaktiv“ war allgegenwärtig, und zwar deshalb, weil es ein Ende der alten Einbahnstraße der Massenkommunikation versprach. Interaktiv, das war Dialog, Austausch, Beziehung, pures Lernen, echte Kommunikation. So gesehen sind die Bubbles und Shitstorms eine Art Abwehrreaktion auf das Neue, also eben nicht die neue Welt, sondern das Echo der alten Unfähigkeit, außerhalb der eigenen Blase zu denken. Die geschlossenen Meinungswelten im Web sind voller Taxi Drivers, die nur darauf warten, dass sie endlich jemanden abknallen können. Natürlich um der Gerechtigkeit willen, was sonst?

Es ist, als ob der berühmteste Satz aus Jean-Paul Sartres Drama „Geschlossene Gesellschaft“ zur neuen Leitkultur geworden wäre: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Du laberst mich an?!

All das aggressive Labern im Netz – und nicht nur dort – hat irgendwas mit mangelndem Verständnis zu tun. Vor dem Verständnis kommt das Verstehen, und wenn es damit nicht klappt, kann es daran liegen, dass man etwas nicht so richtig mitbekommen hat. Vielleicht sind die alle gar nicht so böse. Sie verstehen nur die Welt nicht mehr. Dann müsste doch jemand helfen können, die Dinge einfacher zu machen, verständlicher, oder?

Mit dieser Frage wenden wir uns Christian Pieter Hoffmann zu. Er ist Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig. Natürlich kennt der Wissenschaftler Paul Watzlawicks berühmtes erstes Axiom. Leitet sich daraus nicht geradezu die Pflicht ab, sich verständlich zu machen? Müsste man nicht über alles, was uns umgibt und holpert und sperrig ist, einmal so richtig mit schön einfacher Sprache drübergehen? Gesetze, Vorschriften, Regeln, Artikel, Kommentare, Fachpublikationen: eine Klartext-Offensive, die off- und online keine Fragen mehr hinterlässt? Und natürlich verpflichtend, was sonst?

Ach, sagt Professor Hoffmann, so einfach wäre das nicht. „Verständlichkeit für alle klingt super. Da ist jeder dafür. Aber auch die „Tagesschau“ versteht nicht jeder, obwohl der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Auftrag hat, potenziell alle Bürgerinnen und Bürger zu erreichen.“ Alle anderen Medien würden erst recht „so schreiben und reden, wie sie wollen. Und das ist ja gut so: Sprache ist ein Mittel des Unterschieds, und damit auch der Kenntlichkeit.“

Einfache Sprache mache es sich eben auch mal zu einfach, sagt Hoffmann, und verfehle so ihre Ziele. „Auch Donald Trump spricht einfache Sprache – in den Augen seiner Anhänger ist das eines der wichtigsten Kriterien, ihn zu wählen. Für Menschen mit elitärem Bildungshintergrund klingt das vulgär, aber es ist auch die Alltagssprache der Menschen, die ihn wählen“, sagt Hoffmann. Gerade an diesem Beispiel aber könne man sehr gut erkennen, wohin die Forderung nach zu viel Einfachheit führt. Denn wo „zu einfach geredet wird, kommt das Gute am komplexen Sprachgebrauch, die Differenzierung, unter die Räder“. Es gilt also, was der Physiker Albert Einstein wusste: Alles sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher. Simplifizierung in der Kommunikation lehrt nichts mehr, weil sie, siehe oben, alles einfach konsumierbar macht. Und damit die Adressaten auch leichter manipulierbar.

— Christian Pieter Hoffmann

Der Professor ist nun keineswegs ein Feind klarer Sprache. Im Gegenteil. Nur weiß Hoffmann, dass die Voraussetzung für Klartext klare Verhältnisse sind.

Er ist Experte für Finanzkommunikation, Pflichtinformationen, Geschäftsberichte, Bilanzen – eines jener Fachgebiete, angesichts deren Unverständlichkeit auch Menschen mit guter Allgemeinbildung resignieren. Auch das wissen die Macher von Geschäftsberichten. Deshalb wird dort meist unterteilt in Pflicht – den Zahlenteil mit dem eigentlichen Geschäftsbericht – und Kür, den Imageteil, der mehr oder weniger allgemein Verständliches zum Unternehmen, dessen Aufgaben, dem Umfeld der Organisation enthält. Oder, so Hoffmann: „Der Imageteil ist so, wie das Unternehmen sein möchte, der Zahlenteil sagt, wie es ist.“

Man kann es auch anders sehen. Denn der Imageteil verweist ebenso auf Fakten. Hier werden Beziehungen und Zusammenhänge hergestellt, die die Komplexität dahinter leichter zugänglich machen. Dass diese Textsorte aus dem angloamerikanischen Raum kommt, ist kein Zufall. „Die Amerikaner haben eine egalitäre Tradition. Da wollen auch Eliten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft verstanden werden. In Europa hingegen haben die Herrscherhäuser bis ins 20. Jahrhundert hinein noch nicht mal die Sprache ihrer Untertanen gesprochen“, erzählt Hoffmann. Auch wenn das vielen nicht mehr bewusst ist: Verständlichkeit ist in den europäischen Eliten immer noch unerwünscht. Es geht ihnen um soziale Unterscheidbarkeit, um Distinktion.

„Das schützt auch vor Kritik und Auseinandersetzung“, sagt Hoffmann. „Das hat auch etwas mit Autoritätsgläubigkeit zu tun, mit einer Untertanenmentalität: Akademische Eliten soll man nicht verstehen, weil darunter die Ehrfurcht leidet.“

Das ist bemerkenswert, und eigentlich weiß das auch jeder. Als gebildet gilt man in Deutschland, wenn noch Fragen offen bleiben, wenn nicht alles zugänglich ist, was man sagt und schreibt. Das hat Vorteile, für alle Beteiligten, auch für jene, die nicht alles verstanden haben, weil ihnen das Verstehen gar nicht in den Kram passt. Wo nämlich etwas unklar bleibt, eröffnet sich Spielraum für Interpretation, die sich für die eigenen Zwecke nutzen lässt. Dann geht es nicht darum, was die Autorin oder der Autor eindeutig, unmissverständlich festgestellt hat – sondern was sie oder er eigentlich gemeint haben könnte. So lässt es sich besser zwischen den Zeilen lesen. Und – das liegt in der Natur der Sache – auch aneinander vorbeireden.

Das war lange Zeit kein Problem, weil die Fachsprache und ihre Abgehobenheit kaum jemanden gestört haben. Wenn alles läuft, interessiert sich kaum jemand für Zusammenhänge. Wir sprechen untereinander, nicht miteinander. Untereinander, das heißt: in Milieus, in Fachbereichen, unter Spezialisten. Man bleibt in seiner Welt. Dort, wo einen keiner anlabert.

Wo aber die Karten in der Transformation neu gemischt werden, muss man raus aus seinem Silo. Wenigstens so weit, dass man die Welt wieder versteht. Sonst kommt man aus dem Schlamassel nicht raus. Redest du mit mir?

Paul Watzlawick hat eine „Ursache des Leids“ darin gesehen, dass wir „ununterbrochen Tatsachen mit Konzepten vermischen. Wir tendieren dazu, Ideen für Tatsachen zu halten, was Chaos in der Welt schafft.“

Sabine Döring ist Professorin für Philosophie, genauer Inhaberin des Lehrstuhls für Praktische Philosophie in Tübingen. Sie weiß, dass ihrer Disziplin in Zeiten erhöhten Kommunikationsbedarfes eine besondere Rolle zukommt. Die Philosophie hat eine öffentliche Aufwertung erfahren, nicht zuletzt deshalb, weil die Transformation zur Wissensgesellschaft viele alte Gewissheiten zerstört hat. Es läuft nicht mehr so wie gewohnt. Jetzt wäre es gut, wenn man aus dem Silo käme. Aber Döring weiß auch, wie schwierig es ist, allein zwischen den akademischen Disziplinen mit ihrer extremen Arbeitsteilung zu übersetzen.

„Jeder hat seine Sprache und sein Paradigma, Konzepte, in denen bestimmte Wörter und Begriffe völlig unterschiedlich zu anderen Disziplinen benutzt werden.“

Es ist auch nicht die Idee, dass alle das gleiche Lied singen – und man sozusagen, aus Gründen der Verständlichkeit, das Kind mit dem Bade ausschüttet und dann auf dem intellektuellen Trockenen sitzt. „Experten sind gut, Fächer sind wichtig, Unterscheidbarkeit auch“, sagt Sabine Döring, aber all das müsse man halt auch richtig angehen. Es gäbe sie natürlich, die Leute, „die an ihrem Paradigma festkleben und mit niemanden reden wollen, weil sie das wahrscheinlich auch gar nicht können“. Aber die meisten „bräuchten einfach eine Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen – zu reden, zu reflektieren – und dabei auch auf etwas Neues zu kommen“.

Ist das die alte Interdisziplinarität, die man in den Sechziger- und Siebzigerjahren so anpries? Die Philosophin ist skeptisch: „Ich glaube nicht, dass man einen Methodenmix braucht, hier ein wenig, dort ein wenig. Es geht um das Sowohl-als-auch – Expertin bleiben, aber andere verstehen lernen.“ Döring setzt dabei auf Seminare, in denen sich die Vertreter unterschiedlicher Disziplinen treffen, um ihre Bedeutungen für andere klarzumachen. Dann kann es schon mal sein, dass die Begegnung einer Philosophiestudentin mit der Ökonomie dazu führt, dass sie anschließend an der London School of Economics weiterstudiert.

Was man brauche, so Sabine Döring, sei die ständige Frage: „Was machen wir eigentlich? Und wie schauen wir darauf? Wenn wir darüber miteinander reden, verstehen wir nicht nur die anderen besser, sondern auch uns selbst.“

Miteinander reden heißt nicht, dasselbe sagen, das Gleiche denken, also die Kommunikation derart zu vereinheitlichen, dass sie keine Unterschiede mehr macht. Und auch nicht abzugrenzen, was das Zeug hält, also statt einer positiven Differenz eine negative Klassifizierung vorzunehmen.

Der Philosoph Karl Popper hat in seinen „Vermutungen und Widerlegungen“ den Turmbau von Babel als Glücksfall beschrieben, denn an ihm werde klar, dass Gespräche, Diskussionen und Diskurse von der Verschiedenartigkeit ihrer Teilnehmer leben – und ihrer Bereitschaft, etwas Neues kennenzulernen. Die Babel-Kommunikation schafft unterschiedliche Betrachtungsweisen, Angebote, zwischen denen wir wählen können, die wir aber auch neu kombinieren – neu denken – sollen. Popper wendet sich gegen die heute wieder so populäre Idee, dass Menschen, die miteinander reden, eine „gemeinsame Sprache“ sprechen müssten – was im übertragenen Sinne auch bedeutet, dieselbe Weltanschauung zu teilen. Gerade das hält Popper für falsch: Es gehe darum, dem anderen zuzuhören, neugierig zu bleiben, „was den aufrichtigen Wunsch einschließt, zu verstehen, was er sagen will“. Wenn man das will, einander verstehen also, dann wird „eine Diskussion umso fruchtbarer sein, je verschiedener der geistige Hintergrund der Teilnehmer ist“.

Das Zauberwort ist: aufrichtig. Es hat, aus der Sicht der herrschenden Kultur, nur einen Makel: Aufrichtigkeit ist nicht berechenbar. Aber vielleicht ist das eher das Problem unserer Kultur als des Begriffs.

Aufrichtig miteinander reden bedeutet echte Neugierde statt des Versuchs, den anderen von der eigenen Position zu überzeugen. Aufrichtig heißt auch, dass man wirklich wissen will, warum die anderen so ticken, wie man es selbst nicht tut. Klartext, das ist nicht eindeutig sein, nicht alles in Einheitssprache sagen, sondern der Versuch, anderes und andere zu verstehen. Und, am allerwichtigsten, sich selbst verständlich zu machen. Also zugänglich.

Das klingt heute fern, fast utopisch, weil man zwar nicht nicht kommunizieren kann, aber sich dennoch mit offenen Augen und Ohren anschweigen – wenn man nichts voneinander wissen will. Dagegen spricht einiges. Wir finden einander in den anderen.

Sie sind da. Sie können uns hören.

Also, redest du mit mir?

Na klar. ---