Wirtschaftsgeschichte

Gut gespielt

Kinobesucher kannten Mary Pickford als liebes Mädchen. Im echten Leben veränderte die Schauspielerin Hollywoods Filmindustrie und erfand gemeinsam mit Kollegen die Oscars.





• Im Stummfilm „Pollyanna“ zeigte sich Mary Pickford 1919 noch einmal ganz so, wie ihre Spitznamen es verlangten: Goldlöckchen, Little Mary, America’s Sweetheart. Sie spielte darin ein Mädchen, das Schlimmes erlebt und trotzdem lebenslustig bleibt. Nach dem Tod der Eltern zieht Pollyanna bei ihrer griesgrämigen Tante ein und wirbelt deren Alltag durcheinander. Anfangs kommt die Tante nur schwer damit zurecht, lässt sich dann aber doch zu einem Happy End bewegen.

Schon als Kind war Mary Pickford zum Stummfilmstar geworden. Ihr mädchenhaftes Image behielt sie auch als erwachsene Schauspielerin noch lange. Trotzdem war sie kein Produkt der Filmindustrie, sondern einer der ersten unternehmerisch denkenden Stars: Indem sie ihr Image weiter bediente, sicherte sie sich die Gunst des Publikums – und trieb ihre Gagen in die Höhe. Sie vernetzte sich mit anderen Filmschaffenden und emanzipierte sich vom hierarchischen System der Filmindustrie. Auf diese Weise prägte Pickford mit ihren Kollegen Hollywood neu.

Mary Pickford wurde 1892 in Kanada geboren und stand mit acht Jahren das erste Mal auf einer Theaterbühne in Toronto, mit 15 in New York am Broadway, mit 17 spielte sie ihre erste Filmrolle. In den darauffolgenden Jahren war sie bei mehreren Produktionsfirmen unter Vertrag. Bei jedem Wechsel handelte sie höhere Gagen aus, sodass diese enorm stiegen, von anfangs zehn Dollar am Tag bei der Produktionsfirma Biograph auf 10 000 Dollar in der Woche bei Famous Players. Zusätzlich setzte sie durch, dass sie am Gewinn beteiligt wurde, den ihre Filme einspielten. Dank dieser Hartnäckigkeit wurde sie eine Zeit lang sogar zur höchstbezahlten Schauspielerin der Welt.

Seit 1911 war Mary Pickford mit ihrem Kollegen Owen Moore verheiratet, lernte dann aber Douglas Fairbanks kennen, ebenfalls Schauspieler, der ihr zweiter Ehemann wurde. In den Zwanzigerjahren waren Pickford und Fairbanks als Glamour-Paar Hollywoods legendär. Auf ihrem Anwesen in Beverly Hills feierten sie mit Schriftstellern, Schauspielern und Royals ausufernde Partys. Gemeinsam mit Kollegen gründeten die beiden im Jahr 1927 die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die bis heute die Oscars verleiht.

1930 wurde Pickford selbst mit dem Academy Award als Beste Darstellerin ausgezeichnet. Dass sie das Gremium mitgegründet hatte, von dem sie sich nun feiern ließ, störte offenbar weder sie noch andere. Selbst dass sie die Jurymitglieder vor der Oscarverleihung zum Tee in ihre Villa eingeladen haben soll, wird heute eher anerkennend als frühes Beispiel für „Oscar Campaigning“ angeführt. Pickford verstand es, sich selbst zu vermarkten.

Als „Pollyanna“ in die Kinos kam, war Pickford 27 Jahre alt. Auch in dem Alter spielte sie noch Mädchen von 12, 13, 14 Jahren. Was das Publikum wohl nicht ahnte: Der Film war das Ergebnis ihres persönlichen Befreiungsschlags. Sie hatte ihn in ihrer ei-genen Produktionsfirma drehen lassen, der Mary Pickford Company. Und es war der erste Film, der aus der Filmgesellschaft United Artists hervorging.

Charlie Chaplin, Douglas Fairbanks und Mary Pickford gehörten zu den beliebtesten Schauspielern ihrer Zeit. Eine Weile konnten sie hohe Gagen und manchmal sogar ein Mitspracherecht beim Schnitt durchsetzen, doch sie fürchteten, dass sich das ändern würde. 1919 gab es Gerüchte, die beiden großen Produktionsfirmen Paramount und First National könnten fusionieren. Bisher hatten Pickford und ihre Kollegen Filmproduzenten immer wieder gegeneinander ausgespielt. Damit wäre es nach dem Zusammenschluss vorbei, glaubten sie. Warum aber sollten sie einen großen Anteil der Gewinne den Produzenten und Verleihern überlassen? Schließlich kämen die Zuschauer ja nicht in die Kinos, um die Manager zu sehen.

Gemeinsam mit dem Regisseur D. W. Griffith gründeten Chaplin, Fairbanks und Pickford deshalb die Filmgesellschaft United Artists als eigenen Filmverleih. Da Mary Pickford und Kollegen zusätzlich ihre eigenen Produktionsfirmen besaßen, konnten sie jetzt sowohl die finanziellen als auch die künstlerischen Bedingungen ihrer Filme selbst bestimmen – „vom Verfassen der Drehbücher über die Auswahl des Regisseurs bis zum finalen Schnitt“, schreibt der Filmhistoriker Tino Balio.

Filmbosse verurteilten die Gründung von United Artists als „Rebellion“, doch ihre Empörung ließ Mary Pickford öffentlich nur noch mehr glänzen. „Sie verkörperte viele Entwicklungen, die das Starsystem Hollywoods in den folgenden Jahrzehnten prägten“, schreibt Paul McDonald vom Londoner King’s College in seinem Buch „The Star System. Hollywood’s Production of Popular Identities“. Dazu gehöre, dass der Schauspieler an den Gewinnen beteiligt wird, die ein Film einspielt, und dass Künstler mit eigenen Produktionsfirmen ihre Unabhängigkeit sichern.

Mit der Academy of Motion Picture Arts and Sciences wollte Mary Pickford erreichen, dass Filme als Kunst anerkannt werden. In den Oscars sah sie eine Auszeichnung für genau das – Kunst. Und so behandelte sie ihren eigenen Oscar mit dem entsprechenden Ernst: In ihrem Anwesen in Beverly Hills, bekannt unter dem Namen „Pickfair“, präsentierte sie die Statue abwechselnd an besonderen Orten, etwa auf dem Esstisch oder über dem Kamin.

Einer Legende nach besuchte sie einmal die Drehbuchautorin Frances Marion, die in ihrer Laufbahn zwei Oscars gewonnen hatte. Pickford war schockiert, als sie feststellte, dass ihre Freundin eine der Statuen als Türstopper benutzte. Sie sei sofort umgekehrt, soll sie später erzählt haben, zu unwürdig sei der Anblick gewesen. „Ich eilte nach Pickfair, nahm eine Leiter und stellte meinen Oscar an die höchste Stelle des Raumes.“ ---