Einfach mal die Klappe halten

Schweigen kann mehr sagen als viele Worte. Erst recht in einer Plauderbranche: dem Kulturbetrieb.





• Viel zu viele Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, Künstler reden viel zu viel. Vor allem die, die nichts zu sagen haben, außer dass sie großartig sind. Wenige eigenwillige Künstler schweigen lieber, darunter einige der einflussreichsten Autoren und Musiker. Sie beantworten Bitten um Interviews und Fototermine mit höflichen Absagen. Oder gar nicht. Das sorgt für Aura und Geheimnis oder zumindest für ein ungestörtes Leben. Aber die offensive Kommunikationsverweigerung ist natürlich auch ein Akt der Kommunikation. Und eine hervorragende Marketingstrategie.

Das Phantom: Thomas Pynchon

Thomas Pynchons „einziger öffentlicher Auftritt fand 1953 an der Oyster Bay High School in Long Island statt“, teilt sein deutscher Verlag Rowohlt lakonisch mit. Da war er 16. Aus dieser Zeit stammt auch das einzige bekannte Foto Pynchons, der zu den einflussreichsten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählt. „Er studierte Physik und Englisch, später schrieb er für Boeing technische Handbücher und verschwand. Seitden sind seine Bücher die einzigen öffentlichen Spuren seiner Existenz“, fasst der Verlag die Biografie knapp zusammen.

Aber Pynchon ist kein schrulliger Eremit. Seine ausufernden Romane sind experimentell und intelligenter, sehr unterhaltsamer Pop, immer auf der Höhe der Gegenwart. Vielleicht will er einfach unerkannt durch die Straßen New Yorks gehen. Vielleicht hat er auch keine Lust auf die Rituale der Unterhaltungsindustrie, über die er sich in seinen Büchern lustig macht. Die Unsichtbarkeit ist inzwischen mindestens so berühmt wie das Werk des ewigen Nobelpreiskandidaten. Und Teil der Popkultur, spätestens seit einer Folge der Zeichentrickserie „The Simpsons“, in der Pynchon einen Auftritt hatte – mit einer Papiertüte auf dem Kopf. Die Frage, ob der Meister selbst den „Simpsons“-Pynchon gesprochen hat, ist seitdem unter Pynchon- und „Simpsons“-Verehrern etwa so beliebt wie unter Theologen die Frage, wie das wohl war mit der unbefleckten Empfängnis.

Der Lässige: Walter Moers

Die Frage, wie er aussieht, beantwortet Walter Moers mit der Zeichnung eines freundlich grinsenden Drachens. Das muss genügen. Sein Aussehen geht die Welt nichts an, weshalb er Talkshows und Lesungen konsequent meidet. Bekannt wurde er mit Comics über interessante Persönlichkeiten wie „Das kleine Arschloch“ oder „Adolf, die Nazi-Sau“. Noch etwas bekannter machten ihn seine Romane („Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“, „Stadt der träumenden Bücher“). Die Bestseller verbinden kindliche Spielfreude und Komik mit Fantasy, offenbar zur Freude vieler Leser. Wenn Walter Moers gerade Lust dazu und nichts Besseres zu tun hat, beantwortet er ab und zu Interview-Anfragen per E-Mail. Er weiß, was er will (ein gutes Leben mit guten Büchern zum Beispiel), und er weiß, was er nicht will: „Ich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als prominent zu sein. Ich weiß wirklich nicht, was beglückend daran sein soll, in der Öffentlichkeit von wildfremden Menschen erkannt zu werden. Mehrere Prominente haben mir schon gesagt, dass sie mich um meine Nichtprominenz beneiden.“ Es genüge völlig, dass das kleine Arschloch und Käpt’n Blaubär prominent sind.

Die Konzeptkünstler: The Residents

Keine andere Band bedient, reflektiert, unterläuft und verspottet die Gesetze der Pop-Branche so raffiniert und komisch wie The Residents aus Kalifornien: Pop als Konzeptkunst. Sie treten seit ihrer Gründung Anfang der Siebzigerjahre ausschließlich mit Masken auf, Herren in Frack und Zylinder, meistens mit riesigen Augäpfeln über den Köpfen. Auf ihrer Website geben sich die Musiker launige Pseudonyme („John, Paul, George and Reingold“). Niemand weiß, ob heute noch dieselben Musiker in der Band sind wie vor 50 Jahren. Für Interviews ist prinzipiell ihr Management, die Cryptic Cooperation, zuständig, die Künstler selbst schweigen. Songs der Pop-Geschichte von Elvis bis zu den Beatles sind im Residents-Universum dazu da, durch den Mixer gejagt, massakriert, geteert und gefedert zu werden. Das Ergebnis ist etwas anstrengend, aber auch sehr lustig. Die Rätsel-Band ist für jede Menge Verschwörungstheorien gut – etwa für das hartnäckige Gerücht, die Beatles hätten sie inkognito gegründet. Oder die These, die Band sei das Projekt eines Konzeptkünstlers, der zwar weder singen noch ein Instrument spielen könne, aber bei Bedarf einfach Musiker engagiere. Das Konzept geht auf: Das New Yorker Museum of Modern Art hat Filme und Platten der Avantgarde-Clowns in seine Sammlung aufgenommen. Im Januar zeigte die Band dort ihre neue Multimedia-Show („God in Three Persons“). Und im Frühling erscheint zum Start der nächsten Tournee ihr 49. Studioalbum.

Die Vertraute: Elena Ferrante

Ihre Roman-Tetralogie über die Freundschaft zweier Frauen in Neapel ist eines der erfolgreichsten literarischen Werke des vergangenen Jahrzehntes. Allein in Deutschland verkauften sich die vier Bände mehr als 1,8 Millionen Mal. Wahrscheinlich ist die Autorin, die sich Elena Ferrante nennt, heute Ende 70, wahrscheinlich ist sie Italienerin. Mehr als 24 Jahre lang ist es ihr gelungen, ihr Identität geheim zu halten. Interviews gab sie nur schriftlich.

Im Jahr 2016 legte der Journalist Claudio Gatti starke Indizien dafür vor, dass Ferrantes Bücher entweder von der in Rom lebenden Übersetzerin Anita Raja, deren Ehemann Domenico Starnone oder von beiden gemeinsam verfasst wurden. Dieses Outing wurde vom Verlag oder der Autorin nie bestätigt. Die »Zeit« nannte die gezielte Indiskretion des Journa-listen eine „Anmaßung“. Ferrante selbst hatte ihre Haltung so begründet: „Ein Autor ist die Summe seiner literarischen Entscheidungen, aus denen sich seine fiktive Welt zusammensetzt. Der Rest ist banales Privatleben.“

Leserinnen und Leser haben trotzdem das Gefühl, sie zu kennen: Viel näher als mit der Lektüre ihrer Bücher kann man einer Fremden kaum kommen. Vielleicht war Ferrantes Diskretion dafür notwendig: Wer so persönlich über intime Gefühle schreiben möchte, dem hilft der Schutz eines anderen Namens.

Der gar nicht so Misanthropische: Samuel Beckett

Als er den Nobelpreis für Literatur bekam, schickte Samuel Beckett seinen Verleger nach Stockholm. Lieber hätte er auf den Preis verzichtet, als öffentlich aufzutreten. Die Reaktion seiner Frau auf die Nachricht vom Nobelpreis: „Was für eine Katastrophe!“ In einer Sammlung seiner Briefe sieht man, dass Beckett ein warmherziger Mensch und treuer Freund war, kein düsterer Misanthrop. Aber immer wieder betonte er, wie wichtig für ihn die Stille, das Schweigen, das Alleinsein sei. Natürlich gab er keine Interviews. Als ihn ein Freund bat, für ihn eine Ausnahme zu machen, war die Antwort sehr knapp: „I have no views to inter.“ Ein einziges Mal hat er Fragen zu einem seiner Stücke beantwortet, und auch das nur, um zu erklären, dass er auf die Fragen dieses Stücks, „Endspiel“, auch keine Antwort habe: „,Endspiel‘ ist bloßes Spiel. Nichts weniger. Von Rätseln und Lösungen also kein Gedanke. Es gibt für solch ernstes Zeug Universitäten, Kirchen, Cafés.“ Seine Romane und Theaterstücke sind düster, ein Blick in den Abgrund. Das Werk spricht für sich selbst.

Der Konzentrierte: Kirill Petrenko

Eigentlich ist der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker das Gesicht des Orchesters. Frühere Orchesterleiter von Herbert von Karajan bis Simon Rattle waren brillante Selbstdarsteller, denen die gekonnte Inszenierung ihrer Person mindestens so wichtig war wie das perfekte Konzert. Kirill Petrenko, seit vergangenem Jahr der neue Leiter des berühmtesten Orchesters der Welt, ist das Gegenteil eines smarten Ego-Shooters. Er gibt seit vielen Jahren keine Interviews. Das würde nur von der Musik ablenken. Es gibt keine Homestorys, keine Talkshow-Besuche, keinen Tratsch, nichts. Er dirigiert, das muss genügen. Menschen, die mit ihm arbeiten, beschreiben ihn als sehr höflich, eher scheu und zurückhaltend und als konzentrierten, geduldigen, harten Arbeiter am richtigen Klang. Wenn er ein neues Werk dirigiert, geht er zur Vorbereitung ins Archiv und vergleicht minutiös Handschriften des Komponisten, Fassungen, Partituren. Jede Tempoverzögerung, jeder Takt, jede Klangvariation zählt. Für viele ist er derzeit der beste Klassik-Dirigent der Welt.

Der Einsiedler: J. D. Salinger

Vielleicht fand der US-Schriftsteller J. D. Salinger, dass er mit einigen Erzählungen und dem Roman „Der Fänger im Roggen“ alles gesagt hatte. Der Roman machte ihn 1951 berühmt. Weltweit wurden mehr als 65 Millionen Exemplare verkauft. Salinger war 32, als das Buch erschien. Die nächsten 60 Jahre verbrachte er damit, sich vor dem Ruhm und einer aufdringlichen Öffentlichkeit zu verstecken. Salinger zog aufs Land nach New Hampshire, keine Interviews, keine Kontakte zum Literaturbetrieb. Wer sich seinem Grundstück näherte, musste damit rechnen, dass er sich mit seiner Schrotflinte Respekt verschaffte.

Der Rückzug aus der Öffentlichkeit machte ihn nur noch berühmter. Als er 1973 mit einem Reporter telefonierte, fertigte ihn der Dichter, der schon lange nichts mehr veröffentlicht hatte, kurz ab, bevor er auflegte: „Ich schreibe nur noch für mich selbst, zu meinem eigenen Vergnügen.“ Als in den Achtzigerjahren eine unautorisierte Biografie erschien, klagte Salinger mit Erfolg bis zum Obersten Gerichtshof, um möglichst viele Passagen verbieten zu lassen. Sein Roman, sein Leben, gehörten ihm, nicht seinen Fans und den Voyeuren des Kulturbetriebs. ---