Was Marken nützt – Eichelmann

Der Eichelmann

Man kann sich heutzutage auch als seriöser Mensch einen Namen machen – muss dafür aber fleißig arbeiten. So wie Gerhard Eichelmann, einer der führenden Weinkritiker des Landes.





• Gerhard Eichelmann ist als Publizist in einer glücklichen Lage, denn: „Der Stoff geht mir nie aus.“ Sein Stoff, das ist Wein, Schaumwein mag er aber auch. Er sitzt in seinem Haus in Heidelberg, das auch seinen Verlag beherbergt, gerade an seinem neunten Buch über Champagner. Bekannt geworden ist er mit dem jüngst in der 20. Auflage erschienenen Nachschlagewerk „Eichelmann Deutschlands Weine“, das die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« als „umfassend und kritisch“ lobte. Für die »Junge Welt« gehört der Wälzer „zum unverzichtbaren Rüstzeug aller Weinfreunde“. Und der Hessische Rundfunk bezeichnete den Kritiker gar als „Reich-Ranicki“ für Weine.

Diese Position hat sich der 57-Jährige systematisch erarbeitet. Eichelmann machte nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften Karriere als Unternehmensberater. Als er Vater wurde, dachte er über eine familienfreundliche Alternative nach. Und kam, da er Wein mochte, darauf einen Newsletter zu dem Thema zu verfassen, aus dem später eine Zeitschrift entstand. Eichelmann präsentierte zunächst Weine aus der neuen Welt und bewertete sie mit dem Punktesystem des amerikanischen Wein-Papstes Robert Parker. Bald stellte er allerdings fest, dass die Leser sich am meisten für heimische Tropfen interessierten. So entstand der Plan für einen Weinführer mit den besten deutschen Winzern.

Ein ambitioniertes Projekt, an das der Quereinsteiger selbstbewusst heranging, „denn bei mir hat eigentlich immer alles geklappt“. Das klingt bei ihm nicht angeberisch, eher staubtrocken wie bestimmte Rieslinge. Zunächst musste der Newcomer Überzeugungsarbeit bei Winzern leisten, die ihm ihre Weine schicken sollten. Die blinde Verkostung in neutraler Umgebung – Eichelmann hat dazu Räume bei sich im Haus eingerichtet – ist wichtig für eine unverfälschte Beurteilung.

Sein Erstlingswerk sorgte sofort für Aufmerksamkeit, weil er darin auf die in der Branche beliebten, verblasenen Formulierungen verzichtete und die Weine stattessen auf verständliche Weise beschrieb. Er zeigte zudem keinen Respekt vor großen Namen, war sparsam bei der Punktevergabe und beurteilte alle Produkte der Güter, die er für gut befunden hatte. „Denn man kann“, sagt er, „nicht nur die 50 Liter Beerenauslese beschreiben, sondern muss das auch mit den 10 000 Flaschen Gutswein tun, der von den meisten Leuten getrunken wird.“ Der Kritiker achtete von Anfang an auf seine Unabhängigkeit und akzeptierte keine Anzeigen von Winzern; dank eines finanziellen Polsters aus seiner Zeit als Unternehmensberater konnte er sich das auch leisten.

So hält er es bis heute und hat sich mit seinem Stil gegen etablierte Marken wie den Gault & Millau Wineguide Deutschland durchgesetzt. Im aktuellen Eichelmann werden 11.300 Weine von 975 Winzern aus 13 Regionen vorgestellt. Dahinter steht viel Arbeit. Ab Ende April und bis Anfang September probiert Eichelmann mit seinen derzeit vier Kollegen aus dem Verkostungsteam, die ähnlich ticken wie er, Weine – und spuckt jeden Tropfen hinterher wieder aus.

Erzeuger, die Eichelmann für würdig hält, müssen ihm ihre Produkte schicken und 169 Euro Bearbeitungsgebühr zahlen. Wer dazu nicht bereit ist, kommt bei ihm nicht vor, da ist der Meister konsequent. So fehlt der Spitzenwinzer Egon Müller von der Saar im Weinführer, aber das ist eine der wenigen Ausnahmen.

Auf die Frage, wie er sich fühlt als Marke, sagt Eichelmann: „Anfänglich war es etwas seltsam, aber ich habe mich daran gewöhnt.“ Er will seinen guten Namen noch einige weitere Jahre pflegen. Einen Sohn, der die Marke weiterführen könnte, gibt es, aber der Patriarch wolle da, so sagt er, keinerlei Druck machen: „Das muss er ja heute noch nicht entscheiden.“ ---

Feste Mitarbeiter: 2,5, freie: 13; Umsatz: „im höheren sechsstelligen Bereich“ (Gerhard Eichelmann)