Bobbahn Altenberg

Wenn am 17. Februar im Erzgebirge die Weltmeisterschaft im Bobfahren beginnt, steht für Jens Morgenstern einiges auf dem Spiel. Seit einem halben Jahr ist er der Hauptverantwortliche für die Bahn, die selbst die Sportverbände für zu gefährlich halten. Warum lässt sich der Mann auf dieses Risiko ein?





Generalprobe auf einer der gefährlichsten Strecken der Welt: Athleten beim Start.

• Am Morgen des 28. Februar 2019 sitzt Jens Morgenstern am Steuer seines Wagens, als sein Handy klingelt. Er ist zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter auf dem Heimweg ins Hochsauerland. Sie kommen gerade aus Sachsen, wo Morgenstern am Vortag zu einem Vorstellungsgespräch beim Landrat in Pirna geladen war. Es ging um die Geschäftsführer-Stelle bei der Wintersport Altenberg GmbH. Ein wichtiger Posten, denn wer ihn besetzt, trägt die Verantwortung für die Bobbahn, auf der im Februar 2020 die Weltmeisterschaft ausgetragen wird. 40 000 Besucher werden zu diesem Ereignis im Erzgebirge erwartet, zig Millionen Zuschauer werden es am Fernseher verfolgen. Da muss jemand dafür sorgen, dass auf der Bahn alles perfekt funktioniert.

Der Anrufer ist ein Mitarbeiter aus dem Büro des Landrats: Man würde ihm, Morgenstern, gern die Stelle anbieten. „Freut mich“, antwortet der und schaut grinsend zu seiner Frau. Ein knappes Jahr danach kann er sich noch genau daran erinnern. „Ich war in dem Moment wirklich glücklich.“

Noch am selben Abend unterschrieb er den Vertrag und rief seine damaligen Chefs an, um sie zu einem persönlichen Gespräch zu bitten. Er konnte es kaum abwarten, die neue Stelle anzutreten. Anfang Juni 2019 war es so weit. Seitdem ist er endlich wieder da, wo er sich zu Hause fühlt.

Vor 40 Jahren war er in der DDR auf bestem Weg, Profi-Rodler zu werden. Doch daraus wurde nichts. Die Verantwortung für die Bobbahn ist für ihn darum mehr als nur ein Job. Er erfüllt sich als 54-Jähriger den Traum, der in seiner Jugend schon geplatzt schien: den Sport, den er liebt, zum Beruf zu machen.

Die Stelle war frei geworden, weil der langjährige Geschäftsführer in Altenberg, Matthias Benesch, im Herbst 2018 seinen Posten freiwillig geräumt hatte. Ein ungünstiger Zeitpunkt, nur anderthalb Jahre vor dem großen WM-Spektakel. Das Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge schrieb die Stelle sofort aus, rund 20 Bewerbungen gingen ein, man einigte sich auf einen Nachfolger, der aber im letzten Moment überraschend absprang. Händeringend suchte das Landratsamt weiter. Morgenstern hörte davon und bewarb sich.

Wenn man ihn in der Zeit vor WM-Beginn in Altenberg besucht, trifft man einen Mann in seinem Element. Am 6. Dezember 2019 fährt er im Geländewagen die Strecke ab, im Kofferraum Dutzende Schokoladen-Nikoläuse, für jeden Mitarbeiter einen. An diesem Tag findet in Altenberg ein Europacup-Rennen statt, eine Art Generalprobe für die WM. „Wie ist das Eis?“, fragt Morgenstern Ralf Mende, den Mann, der seit vielen Jahren für spiegelglatten Untergrund auf der Bobbahn sorgt. „Knallhart“, antwortet Mende. Morgenstern nickt, wie jeden Morgen, wenn er Mende diese Frage stellt und der ihm dieselbe Antwort gibt.

Er ist trotz seiner Größe eine eher unauffällige Erscheinung. Ein Kumpeltyp, der Leuten bei der Begrüßung gern auf die Schulter klopft. Fragt man ihn nach dem Stand der WM-Vorbereitungen, sagt er: „Läuft.“ Als er später zusieht, wie Athletinnen in den Eiskanal starten, sagt er: „Wenn’s läuft, dann läuft’s eben.“ So redet er: „Gib Gas!“ oder „Von nichts kommt nichts.“ Trainer-Sätze. Was er nicht mag, sind lange Erzählungen oder Diskussionen, die seiner Meinung nach ohnehin zu nichts führen. Über die Frage nach der Sicherheit der Bahn zum Beispiel, ein Thema, das in diesen Tagen immer wieder aufkommt, genau genommen ist es ein Dauerthema, seit feststeht, dass die Bob- und Skeleton-WM 2020 in Altenberg stattfinden wird.

Der internationale Bob und Skeleton Verband IBSF forderte schon im Jahr 2016 einen Umbau. Weitere Verbände folgten. Und der Bürgermeister von Altenberg, Thomas Kirsten, sagte 2017: „Bauen wir die Bahn nicht für 2,6 Millionen Euro um, finden hier ab 2020 keine Weltcups mehr statt.“


Der Bahn-Chef Jens Morgenstern

Drei gemeine Kurven

Diese Eisschlange, wie Bobbahnen auch genannt werden, die sich über 1400 Meter an einem Nordosthang im Altenberger Kohlgrund schlängelt, gilt als eine der anspruchsvollsten der Welt. 18 Kurven, 15 Prozent Gefälle. Der Bob rast mit bis zu 140 Stundenkilometern übers Eis. Im schwierigsten Teil der Strecke erwartet die Fahrer ein 320-Grad-Kreisel, eine nicht enden wollende Kurve. Enorme Kräfte wirken dort auf die Körper der Athleten.

Lange war man in Altenberg stolz darauf, dass Spitzensportler aus aller Welt mit einer Mischung aus Faszination und Ehrfurcht über die Bahn sprachen. Die deutschen Athleten aus der Region, die darauf trainieren, erkannten in dem hohen Schwierigkeitsgrad zudem einen Heimvorteil. Doch in den vergangenen Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, dass angesichts der durch verbesserte Materia-lien und Aerodynamik immer schneller werdenden Bobs das Risiko für die Fahrer zu hoch ist.


Gleich geht’s los: Das deutsche Team um den Piloten Johannes Lochner präpariert den Bob für einen Trainingslauf


Alles im Blick: Sollte es zu einem Sturz kommen, wird er von Überwachungskameras aufgezeichnet

Am 9. April 2018 beschloss der Kreistag Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, dass die Kurven 11 , 12 und 13 entschärft werden. An diesen Stellen passieren die meisten Unfälle. Die Schlitten kommen, nachdem sie den Kreisel passiert haben, mit rund 110 Stundenkilometer auf die drei eng aufeinanderfolgenden Kurven zugeschossen. Eine wahnsinnige Herausforderung auch für diejenigen Profis, die die Strecke genau kennen.

Der Umbau wurde zunächst mit 2,6 Millionen Euro ver-anschlagt, inzwischen rechnet man mit Kosten in Höhe von 3,6 Millionen. Geld, das der Landkreis lange Zeit nicht aufbringen konnte. Inzwischen wäre es dank der zugesagten Finanzspritzen durch den Bund und das Land Sachsen vorhanden, doch die Zeit reicht nicht mehr.

Es bleibt also nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sich bei der WM keiner der Athleten schwer verletzt. Eine Absage oder Verlegung des Turniers komme nicht infrage, bekräftigen unisono die verantwortlichen Lokalpolitiker und Sportfunktionäre.

An der Gesellschaft, die die Bahn betreibt, sind der Landkreis, der Rennrodel- , Bob- und Skeletonverband Sachsen und die Stadt Altenberg beteiligt. Jens Morgenstern wäre also nicht der Einzige, dem man Vorwürfe machte, sollte es zu folgenschweren Stürzen kommen. Doch er ist der Chef der Bahn und müsste im Ernstfall seinen Kopf hinhalten. Wieso lässt er sich auf das Risiko ein?

„Das ist jetzt einfach so“, sagt er beim Besuch am Nikolaustag. „Die WM muss unter den gegebenen Bedingungen durchgezogen werden.“

Er hat die Verzögerung des Umbaus nicht zu verschulden. Es ärgert ihn, dass man dessen Finanzierung nicht direkt nach Vergabe der WM angegangen ist. Zugleich gibt er sich angesichts des Risikos betont gelassen. „Ich träume nachts nicht von Stürzen auf der Bahn“, sagt er. Und: „Alle wissen, worauf sie sich einlassen.“


Formel 1 des Wintersports: Links die deutsche Olympia-Siegerin Mariama Jamanka im Zweierbob, rechts ein männlicher Kollege

Wie gern würde Morgenstern die Diskussion mit diesem Satz beenden. Doch mit jedem Sturz flammt sie wieder auf. Beispielsweise Ende Oktober, als es Nico Walther traf, den Olympia-Zweiten von 2018. Beim Training kippte sein Viererbob beim Einbiegen auf die Gerade hinter Kurve 11 bei einer Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern auf die Seite. In dieser Position schlitterten die vier Insassen mehrere Hundert Meter den Eiskanal hinunter. Ein Schockmoment. Walther verletzte sich an der Brustwirbelsäule und Schulter, fiel bei den Deutschen Meisterschaften eine Woche später aus.

Unfälle kann man beim Bobsport nicht ausschließen. Trotzdem lässt der von Nico Walther aufhorchen. Er kommt aus Altenberg, kennt die Strecke genau. Vor allem aber weiß er auch nach der Analyse der Fahrt nicht, warum der Unfall überhaupt passierte. „Wir sind ohne ersichtlichen Fahrfehler einfach umgekippt.“ Bis dahin, sagt er, sei er gegen den Umbau der Bahn gewesen, „jetzt denke ich anders darüber. Mittlerweile fährt man im Viererbob hier im Grenzbereich.“

Sätze, die Morgenstern nicht gefallen können. Er erfuhr am Telefon von dem Sturz und sei „total überrascht gewesen“. Zweifel an der WM-Tauglichkeit der Bahn habe er dennoch nicht. Kaum ist das ausgesprochen, beugt sich ein Mitarbeiter zu ihm, erzählt, dass es heute beim Europa-Cup zwei Unfälle mit Verletzten gegeben habe. Nicht Schlimmes, aber am Fuß der Bahn wartet ein Rettungswagen. Morgenstern schüttelt kurz den Kopf, als könne er das nicht glauben. Kann es sein, dass ihm die Sicherheitsbedenken, mit denen er gerade konfrontiert wird, fremd sind? Dass sie keinen Platz haben in seinem in der DDR geprägten Bild von Leistungssport?

Morgenstern, 1965 in Zwickau geboren, ist neun, als er das Rennrodeln für sich entdeckt. Er liebt die Geschwindigkeit, das Kribbeln an der Grenze des Kontrollierbaren. Er ist zudem ein ehrgeiziger Junge, der viel trainiert, und so schafft er es mit 13 auf das Sportinternat im sächsischen Oberwiesenthal. „Das war schon etwas Besonderes“, sagt er rückblickend, „aus dem riesigen DDR-Bezirk Karl-Marx-Stadt wurden nur vier Jungs und vier Mädchen in die Sportschule aufgenommen.“ Sieben bis neun Uhr Training, 10 bis 14 Uhr Schule, 16 bis 18 Uhr wieder Training – so sieht Morgensterns Alltag in Oberwiesenthal aus. Häufig fährt er ins Trainingslager, nach Oberhof, in das Wintersportzentrum in Thüringen, oder auch mal nach Sibirien. Damit in dieser Zeit die Schule nicht zu kurz kommt, werden die jungen Elitesportler auf solchen Trips von Lehrern begleitet.

In der DDR wurde der Sport staatlich gelenkt. Das Regime versuchte, durch Spitzenergebnisse an internationalem Ansehen zu gewinnen und die Überlegenheit des Sozialismus unter Beweis zu stellen. Wer als hoffnungsvolles Talent galt, wurde massiv gefördert, musste aber auch alles der Karriere unterordnen. „Im Sportinternat wurden Leistungen produziert“, sagt Morgenstern. Bei ihm läuft es anfänglich gut, mit 14 wird er DDR-Jugendmeister im Rodel-Doppelsitzer. Doch dann lassen seine Leistungen nach, er kann mit der Konkurrenz nicht mithalten. Am mangelnden Ehrgeiz habe es nicht gelegen, sagt er heute. „Der Kraftzuwachs war nicht so, wie es nötig gewesen wäre, um zur Leistungselite zu gehören.“

Als er 16 ist, kommen seine Trainer zu dem Entschluss, dass sich die weitere Förderung von Morgenstern nicht lohnt. Er muss nach der zehnten Klasse das Internat verlassen.

Man kann sich vorstellen, wie enttäuschend es für ihn war: das Ziel, auf das er so hart hingearbeitet hatte, begraben zu müssen. Wenn Morgenstern heute darüber spricht, ist von Sentimentalität nichts zu spüren. „Die Leistung hat nicht gereicht. Das muss man akzeptieren. DDR-Jugendmeister zu werden war schön, aber nichts von Bedeutung.“ Spitzensportler-Sätze. War er nicht menschlich enttäuscht, dass seine Trainer ihn fallen ließen? „Nein. Im Leistungssport darf es nur nach dem Leistungsprinzip gehen, sonst kann man es gleich lassen.“

Schon bei ihrem Bau ab 1982 wurde an ihrem späteren Mythos gearbeitet: Die Bobbahn, ein Projekt des Ministeriums für Staatssicherheit, soll sich angeblich der Stasi-Chef Erich Mielke persönlich gewünscht haben, denn die einzige andere Bobbahn in Oberhof erfüllte die internationalen Wettkampfbedingungen nicht. Die neue Bahn wurde bewusst so konstruiert, dass sie extrem risikoreich war, sollte sie doch die DDR-Wintersportler an die Weltspitze bringen. Doch schon bei den ersten Probeläufen wurde klar: Der Ehrgeiz war übertrieben. Der heutige Rennrodel-Bundestrainer Torsten Görlitzer gehörte damals zu den ersten Testfahrern. Er sagt: „Die Bahn war unbefahrbar.“ Große Teile der Strecke mussten daher neu gebaut werden. 1987 wurde die Eisschlange im Erzgebirge dann offiziell eingeweiht.

1400 Meter lang, 18 Kurven: der Streckenverlauf der Bobbahn in Altenberg. Besonders der Abschnitt von Kurve 11 bis 13 nach dem langen Kreisel gilt angesichts der zunehmenden Geschwindigkeit der Fahrer als tückisch. Weil es dort häufig zu Unfällen kommt, soll dieser Abschnitt umgebaut werden

Er macht an einer anderen Schule Abitur und zugleich eine Ausbildung zum Zerspannungsmechaniker, lernt drehen, hobeln, fräsen und arbeitet bei einem Fahrzeugteilehersteller, in der Fertigung. Freude hat er daran nicht. Er hängt immer noch am Leistungssport, nimmt sich vor, alles zu tun, dort wieder hinzukommen. Er ergattert einen der begehrten Studienplätze an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig, der renommierten Ausbildungsstätte des DDR-Sports. Dort schlägt er die Trainerlaufbahn ein. Morgens sitzt er im Hörsaal, nachmittags arbeitet er mit Sportlern verschiedener Disziplinen. Das Studium erlebt er als „super Zeit“. Er genießt es, wieder unter Topathleten zu sein. Fachlich interessieren ihn besonders die Kräfte, denen Bobfahrer ausgesetzt sind, und er entwickelt eine eigene Methode, durch gezieltes Körpertraining das Lenkverhalten der Piloten zu verbessern.

Mit seinem Leipziger Hochschulabschluss in der Tasche ist er auf bestem Wege zu einem hohen Traineramt. „Wenn die Wende nicht gekommen wäre, wäre Morgenstern heute vielleicht Bundestrainer der DDR-Rodler“, sagt Matthias Benesch, ehemaliger DDR-Bobprofi und der Vorgänger von Morgenstern bei der Wintersport Altenberg GmbH. Die Wende bedeutet für Morgenstern, dass er sich neu orientieren muss. 1994 geht er in den Westen, nach Nordrhein-Westfalen, wo Wintersport-Trainer aus der DDR begehrt sind. Er wird Landestrainer im Rodeln und betreibt, wie er süffisant sagt, „Aufbau West“.

Er ist erstaunt über die unprofessionelle Talentförderung. Und erschrocken, dass die jungen Wintersportler im Sommer das Training schleifen lassen. „Der unbedingte Wille zum Erfolg fehlte. Das war ein himmelweiter Unterschied zu dem, was ich von früher kannte“, kommentiert Morgenstern heute seine ersten Erfahrungen mit dem Leistungssport im Westen.

Kein Zweifel, der DDR-Sport hat ihn nachhaltig geprägt. Egal wen man fragt, alle beschreiben ihn als sehr ehrgeizigen Typen. Torsten Görlitzer, Rennrodel-Bundestrainer und Morgensterns ehemaliger Mitschüler in Oberwiesenthal, sagt: „Der Jens hat so manchen Vorzug des DDR-Sports verinnerlicht.“ Wo er hinkomme, bringe er Zug rein und sorge dafür, dass die größten Talente entdeckt und gefördert werden.


Voll konzentriert: die deutsche Rennrodlerin Cheyenne Rosenthal vor ihrem Trainingslauf


Aushängeschild der Region und finanzielle Last: die Bobbahn im Erzgebirge

Leistungsoptimierung bis ins Detail

Erfolg als oberste Maxime – diese Prägung könnte tatsächlich ein Grund dafür sein, dass Morgenstern die Sicherheit der Altenberger Bahn nicht höher hängt. In der DDR war die Eisschlange bewusst so konzipiert worden. Sie war ein Geheimprojekt des Ministeriums für Staatssicherheit und sollte die eigenen Athleten zu Höchstleistungen treiben. Zum selben Zweck errichtete die Stasi unweit der Bobbahn eine Halle, in der der Startabschnitt der Bahn eins zu eins nachgebaut wurde. Die heimischen Sportler konnten dadurch auch im Sommer den Start mit dem Bob trainieren. Ein enormer Wettbewerbsvorteil. Leistungsoptimierung bis ins kleinste Detail.

In dieser Gedankenwelt ist Morgenstern groß geworden, doch nicht darauf zu reduzieren. Bevor er im Juni 2019 seine Stelle im Erzgebirge antritt, ist er sechs Jahre im Sauerland als Präsident beim BSC Winterberg tätig, einem der führenden deutschen Bob- und Rodelclubs. In den Neunzigerjahren sind mehrere der früheren DDR-Spitzensportler dorthin gewechselt, weil ihr altes Fördersystem nicht mehr existierte und sie im Westen die Infrastruktur vorfanden, die sie brauchten, um ihre Karriere fortzuführen. Morgenstern lernt im Sauerland, wie Spitzensport-Förderung im Kapitalismus funktioniert. Dass es nicht reicht, Talente zu drillen. Sondern dass Vereine Gelder auftun müssen – durch Veranstaltungen, die sich vermarkten lassen und daher attraktiv für Zuschauer, Sponsoren und die Region sein müssen. Sein Amt als Vereinspräsident bringt es mit sich, dass er sich an der Organisation von Sport-Events in der Winterberger Veltins-Eisarena beteiligt. Zudem ist er zeitweise Vorsitzender im Stadtmarketingverein. Er fuchst sich regelrecht rein in das neue System.

Sein Posten hat allerdings einen Haken: Er ist ehrenamtlich. Geld muss Morgenstern woanders verdienen, und zwar als Leiter der Geschäftsstelle der Breitensport-Vereinigung im Hochsauerlandkreis. Ein Schreibtischjob und keine Topathleten um sich herum – man muss Morgenstern nicht lange kennen, um zu verstehen, dass das nicht seine Welt ist. „Ich bin in den vergangenen Jahren total verweichlicht“, sagt er trocken.

In seinem neuen Job hingegen kommt vieles zusammen, das ihn reizt: die Rückkehr in die Heimat, der Leistungssport als Beruf, eine ambitionierte Aufgabe. Er hat verstanden, welche Bedeutung die Bobbahn in Altenberg heute hat. Dass man bei der Förderung des Leistungssports im Erzgebirge bei ihr ansetzen muss. Die Veranstaltungen, die rund um die Bahn stattfinden, müssen sich vermarkten lassen, sonst hat die Elite des Bobfahrens und Rodelns dort keine Zukunft. Das zu verhindern ist sein Ziel. „Ich will das Ganze auf Vordermann bringen.“

Es ist eine Mammutaufgabe. Die veralteten Umkleiden, die Sperrholzbude am Startplatz, der bröckelnde Beton, die verrosteten Lichtmasten – nahezu alles an der Bobbahn müsste erneuert werden. „Es gibt einen Investitionsstau“, sagt Morgenstern.

Die Bahn ist das Aushängeschild der Region, aber sie überfordert sie auch. Rund 1,2 Millionen Euro kostet ihr Unterhalt im Jahr. „Ohne Zuschüsse von Bund und Land könnten wir uns das nicht leisten“, sagt Landrat Michael Geisler. Morgensterns Vorgänger Benesch hat den Posten auch darum abgegeben, weil es ein Job sei, „in dem du nie Lob kriegst, sondern dich immer für die Verluste rechtfertigen musst“.

Morgenstern schreckt das nicht ab. „Ich wusste, worauf ich mich einlasse.“ In den Wochen vor der WM ist er unentwegt beschäftigt. Beiprogramm, Technik, Marketing, Ticketing – es gibt wahnsinnig viel zu tun. Für die Diskussion um den Umbau der Bahn hat er im Moment schlicht keinen Sinn. Von der WM, sagt er, hänge sehr viel ab. „Sie darf nicht gefährdet werden.“

In der Woche ab dem 17. Februar wird die Welt auf Altenberg schauen. Und sicherlich wird dann wieder der Mythos der unberechenbaren Eisschlange beschworen. Gerade ihre Gefährlichkeit macht für viele Sportler und Berichterstatter den Reiz der Bahn aus.

Morgenstern ist schon im Wettkampfmodus. Wenn er über die Bahn spricht, hört man den Rennrodler heraus, eher fasziniert als besorgt: „Die Bahn verzeiht keine Fehler. Hier musst du auf den Punkt fahren.“ ---