Wipfelstürmer

Was will ein Spezialist für Waldpfade in luftiger Höhe an der Börse? Was alle wollen: Geld für weitere Expansion.





Bisherige und in Planung befindliche Baumwipfelpfade:

1 Bayerischer Wald (Neuschönau)
2 Saarschleife (Orscholz)
3 Schwarzwald (Bad Wildbad)
4 Rügen (Naturerbe Zentrum, nördlich von Binz)
5 Bachledka (Slowakei)
6 Krkonoše (Tschechien)
7 Lipno (Tschechien)
8 Salzkammergut (Gmunden)
9 Pohorje (Slowenien)
10 Usedom (Heringsdorf, im Bau)
11 Elsass (Drachenbronn, Frankreich, im Bau)

• Bernd Bayerköhler kann die Wachstumsperspektiven seines Unternehmens in Deutschland präzise umreißen. „Es gibt noch maximal drei bis vier interessante Standorte, an denen es sich für uns zu bauen lohnt“, sagt der Vorstandssprecher der Erlebnis Akademie AG (EAK).

Würde die Firma ihr Geld mit dem Fällen von Bäumen verdienen, könnte man sagen: Deutschland ist so gut wie abgeholzt. Doch das Geschäft basiert auf dem Gegenteil: auf dem Vorhandensein von Wald. Das Unternehmen, beheimatet in einem alten Bauernhof im ostbayerischen Bad Kötzting, errichtet und betreibt Baumwipfelpfade: Fußwege, die sich in luftiger Höhe durch den Wald schlängeln. Die bis zu anderthalb Kilometer langen Stege führen den Besucher zwischen 8 und 25 Metern über der Erde zwischen Baumstämmen und Wipfeln hindurch. Zu jeder Anlage gehört ein etwa 40 Meter hoher Aussichtsturm, von dem aus die Himmelswanderer einen spektakulären Blick auf die zu ihren Füßen liegende Landschaft haben.

Die EAK ist mit derzeit neun Anlagen Marktführer in Europa: Vier befinden sich in Deutschland, zwei in Tschechien, je eine gibt es in Slowenien, Österreich und der Slowakei. Kürzlich begannen auf Usedom die Aushubarbeiten für die Fundamente des Aussichtsturms von Baumwipfelpfad Nummer zehn, und auch im Elsass will man noch im Sommer dieses Jahres eine Anlage eröffnen. Zwar gibt es in Deutschland noch etwa 20 weitere Baumwipfelpfade, doch die EAK betreibt als einziger Anbieter mehr als eine dieser Anlagen.

Bayerköhler ist ein Firmenchef, dem es ohne die Aussicht auf Wachstum schnell langweilig wird. Ein Jahr ohne Eröffnung eines neuen Pfads, ohne Investition in die Zukunft, ist für ihn kein gutes Jahr. Ständig prüft er potenzielle Bauplätze in Europa im Hinblick auf nahe gelegene Großstädte und die Verkehrsanbindung, Sonnenstunden und Regentage, die Zahl der Urlauber und Tagesausflügler. Die Faustregel für einen Top-Standort lautet: maximal zwei Stunden oder 200 Kilometer Anreise. Einen hat sich die EAK bereits gesichert, er liegt an der Ostsee in der Nähe des mecklenburg-vorpommerschen Bad Doberan. Danach, so Bayerköhler, wäre beispielsweise noch in der Region Bodensee Platz für einen Baumwipfelpfad.

Die Geschichte des Unternehmens beginnt im Jahr 2001. Christoph Blaß, heute Finanzvorstand, und der mittlerweile ausgeschiedene Christian Kappenberger entwickeln die Idee für einen Hochseilgarten – ein Kletterparcours im Wald, auf dem die Besucher über schwankende Balken, Seilbrücken oder Netze von Baum zu Baum balancieren, klettern, sich hangeln oder schwingen. Bereits wenige Monate später eröffnen sie im 20 Kilometer von Bad Kötzting entfernten Lam ihre erste Anlage, damals der größte Hochseilpark Europas. Das Geschäft steckt noch in den Anfängen; man zählt in Deutschland zu den Pionieren.

Zur Eröffnung ist auch Bernd Bayerköhler eingeladen, damals Projektmanager bei der Telekom-Tochter DeTeSystems. Er ist schon mit Christoph Blaß zur Schule gegangen, außerdem haben beide dasselbe Fach studiert: Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Touristik. „Das ist doch eigentlich genau mein Ding“, denkt sich Bayerköhler bei der Einweihung des Hochseilgartens. Blaß und er verabreden, die Idee gemeinsam weiterzuentwickeln. Bayerköhler kündigt seinen Job, steigt bei der EAK ein und wird 2002 zum Vorstandssprecher bestellt.

Von Beginn an verankern Bayerköhler und Blaß die Wachstumsmission im genetischen Code des Unternehmens. „Uns war völlig klar, dass wir es nicht bei einem einzigen Hochseilgarten belassen wollen, von dem zwei Familien leben können“, sagt Bayerköhler. Nur fünf Jahre später befinden sich schon vier Kletterparks im Portfolio.

Schon bei der seinerzeit von Blaß forcierten Entscheidung, die Firma als Aktiengesellschaft zu gründen, hatte der Gedanke an späteren Expansionsdrang eine Rolle gespielt. Keine andere Unternehmensform ist besser geeignet, Wachstum zu befeuern – vorausgesetzt, es finden sich genügend Aktionäre. Die EAK ist zunächst eine Kleine AG, eine nicht börsennotierte Kapitalsammelstelle für Privatanleger. Für den Anfang reicht das, zumal der Investitionsaufwand für einen Hochseilgarten überschaubar ist. Man braucht Stahlseile, Leitern, Holzbalken, Netze, Schutzhelme, Rollen und Haken – und ein paar Leute, Studenten meist, die den Besuchern eine kurze Sicherheitseinweisung geben und eingreifen, falls mitten auf einer schwankenden Brücke zwischen zwei Bäumen mal jemanden der Mut verlässt.


Spektakuläre Aussichtstürme und Waldwege auf Stelzen – Baumwipfelpfade wie der in Neuschönau sind eine Touristenattraktion.


die Vorstände Bernd Bayerköhler (rechts) und Christoph Blaß auf dem Heuboden eines alten Bauernhofs in Bad Kötzting, die Firmenzentrale der Erlebnis Akademie AG

Mitte der Nullerjahre werden überall in Deutschland Hochseilgärten errichtet. Das gut laufende Geschäft der Pioniere hat Nachahmer auf den Plan gerufen. Die Konkurrenz ist groß. Schon bald geben die ersten Betreiber wieder auf.

Bayerköhler und Blaß sehen das mit Sorge. Sollen sie das Geld der Aktionäre in weitere Kletterwälder stecken? Anfang 2008 kommen sie mit dem damaligen Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald ins Gespräch. Der klagt über rückläufige Besucherzahlen. Er ist auf der Suche nach einem Publikumsmagneten. Keine Gaudi, kein Vergnügungspark wie der Heide Park in Soltau oder das Phantasialand bei Köln, sondern eine Attraktion, die sich sanft in die Natur einfügt.

Bayerköhler erinnert sich an eine Reise nach Südamerika. Dort hat er Canopy Walks gesehen, wackelige Pfade, die in schwindelnder Höhe von Wipfel zu Wipfel durch den Urwald führen, angelegt für Wissenschaftler, damit sie die Ökologie der Baumkronen erforschen können.

Gemeinsam feilen Bayerköhler, Blaß und der mit ihnen befreundete Architekt Josef Stöger an der Idee eines Spaziergangs hoch über dem Waldboden. Anders als ein Hochseilgarten, der Schwindelfreiheit, körperliche Fitness und festes Schuhwerk -voraussetzt, sind Baumwipfelpfade auch mit Stilettos oder Badeschlappen begehbar. Rollstuhlfahrer können den Ausblick über die Wipfel genauso genießen wie Familien mit Kinderwagen. „Im Grunde sprechen wir alle Menschen an, die nicht bettlägerig sind“, sagt Christoph Blaß.

Im November 2008 steht das Konzept. Die Entscheidung für die Aktiengesellschaft erweist sich als weitsichtig. Keine Bank würde das Wagnis allein finanzieren. Erst recht nicht zu dieser Zeit, kurz nach dem Ausbruch der Finanzkrise, als die Geldinstitute alles scheuen, was nach Risiko riecht. Die Anteilseigner der EAK, damals 35 Einzelaktionäre, bleiben dem Unternehmen treu, fast alle kaufen Aktien nach.

Mit der Eröffnung des ersten Baumwipfelpfads im Nationalpark Bayerischer Wald im September 2009 nimmt das Geschäft richtig Fahrt auf. Anfangs frequentieren an den besten Tagen mehr als 5000 Besucher die Anlage. Später, nachdem die Lust auf Neues bei vielen gestillt ist, kommen immer noch weit mehr als 2000. Vom Geschäft mit den Hochseilgärten verabschiedet sich das Unternehmen zügig. Einige Kletteranlagen werden verkauft, andere einfach abgebaut.

Mit den Einnahmen aus dem ersten Wipfelpfad könnten Bayerköhler und Blaß ein auskömmliches Leben führen. Aber die beiden haben sich nun mal dem Wachstum verschrieben – und das, so Blaß, „erzeugt man nicht, indem man das Geld, das man verdient, an die Aktionäre verteilt“. Sondern indem man es in neue Anlagen investiert, und zwar möglichst schnell.

Irgendwann reicht das Geld der Pionier-Aktionäre allerdings nicht mehr. Immerhin kostet der Bau eines Baumwipfelpfads fünf bis sechs Millionen Euro. Außerdem dauert es zwischen vier und zehn Jahren, bis eine Anlage die Investition wieder eingespielt hat. Die logische Konsequenz ist der Börsengang. Seit Ende 2015 notiert die EAK im M-Access, dem auf Mittelständler zugeschnittenen Segment der Münchener Börse. Der Emissionserlös von knapp 1,5 Millionen Euro fließt direkt in den Bau von zwei neuen Baumwipfelpfaden.

Einen Vergleich braucht die EAK-Aktie nicht zu scheuen: Wer beim Börsengang gekauft hat, verbuchte bis Anfang März 2020 einen Wertzuwachs von 73 Prozent. Beim Dax waren es im selben Zeitraum nur sieben Prozent. Allerdings durchlebten die Aktionäre auch wechselhafte Zeiten. Das zwischenzeitliche Hoch lag fast ein Fünffaches über dem Tiefststand – beim Dax betrug der Unterschied im selben Zeitraum lediglich 50 Prozent. Bei nur gut zwei Millionen handelbaren Aktien schlagen bereits Käufe oder Verkäufe von 1000 oder 2000 Aktien voll auf den Kurs durch.

Gegen weltwirtschaftliche oder konjunkturelle Einflüsse zeigt sich der Kurs vergleichsweise immun, auch der Dax ist kein Taktgeber. Als das Papier im Oktober 2018 sein bisheriges Allzeithoch erklomm, befand sich der deutsche Leitindex gerade auf Talfahrt. Nervös würden die Anleger dagegen, wenn sie wittern, dass die Firma „das prognostizierte Wachstum nicht auf die Straße bringt“, sagt Finanzvorstand Blaß. Besonders Verzögerungen bei der Eröffnung neuer Wipfelpfade sorgten für schlechte Stimmung unter den Aktionären. Neue Pfade sollen möglichst im Sommer in Betrieb gehen, dann können sie bis zum Ende des Jahres noch kräftig Geld einspielen. Doch auch der Ausbruch des Corona-Virus, verbunden mit der Angst vor einer vorübergehenden Reise-Unlust, zog die Aktie jüngst in die Tiefe. Allein in der letzten Februarwoche sank der Kurs um fast 15 Prozent.

Für Großinvestoren war die Aktie bislang nicht interessant, der Börsenwert des Unternehmens ist zu gering. Renditehungrige Firmenjäger, die kurzfristig möglichst viel Profit aus dem Unternehmen saugen wollen, will die EAK-Führung ohnehin nicht an Bord haben – aber ein wenig potenter dürften die Geldgeber schon sein. „Was soll schlecht daran sein, wenn ein größerer Investor über eine Kapitalerhöhung 35 Millionen Euro einbringt und dafür Management-Know-how und Kontakte mitbringt?“, sagt Christoph Blaß. „Unser Wachstumskurs ließe sich dann extrem beschleunigen.“ Er suche „nach Investoren, die zu uns passen“. Mit Erfolg: Bei der jüngsten Kapitalerhöhung im Dezember vergangenen Jahres, die 3,36 Millionen Euro in die Kasse der Firma spülte, konnten 17 Prozent der Aktien bei strategischen Anlegern platziert werden.

Ein größerer Investor wäre nicht nur für die Realisierung neuer Vorhaben aus der, so Bayerköhler, „bestens gefüllten Projektepipeline“ nötig, sondern auch für die Erweiterung bestehender Anlagen beispielsweise zu Naturerlebnisparks. Auch mit dem Betrieb von Hotels, Restaurants und Waldspielplätzen, die separat Eintritt kosten, ließe sich zusätzlicher Umsatz generieren. „Wenn man einen Standort nicht pflegt“, sagt Christoph Blaß, „flaut das Interesse im Laufe der Zeit ab.“

Die EAK zählt sich – in der Tradition der Biosphärenreservate und Naturparks – zu den Vertretern eines sanften, naturnahen Tourismus. Gleichzeitig beruht das Geschäftsmodell darauf, dass Menschen in Massen in die Wälder strömen. Jeder Baumwipfelpfad benötigt, um profitabel zu sein, knapp tausend Besucher pro Tag. „Wir lassen die Natur mit unseren Aktivitäten nicht unberührt“, räumt Blaß ein. Doch Unberührtheit würde bedeuten, den Tourismus aus solchen Regionen komplett herauszuhalten. Wer möchte, kann auf einem Baumwipfelpfad einiges über die Natur des Waldes lernen. Die EAK-Tochterfirma DoNature gGmbH lässt Kinder auf einer Rallye spielerisch ökologische Zusammenhänge erkunden und bietet Führungen über die Wipfelpfade an, auf Rügen gibt es sogar auf dem Gelände der Anlage ein Umweltinformationszentrum mit Seminarprogramm.

Sämtliche Baumwipfelpfade sind weitgehend aus unbehandeltem Holz gebaut. Stahl kommt nur selten zum Einsatz, Beton ausschließlich für die Fundamente. Aber wenn das Gros der Besucher mit dem Auto zum Naturerlebnis anreist, verhagelt das zwangsläufig die Ökobilanz. In Bad Kötzting ist man sich des Problems bewusst. Allerdings glaubt Christoph Blaß nicht, dass durch die Pfade viel Zusatzverkehr entstehe. Die meisten Besucher, auf Rügen sogar 90 Prozent, seien Urlauber, „die sind also sowieso da, und wenn es keinen Baumwipfelpfad gäbe, würden sie mit ihrem Auto woanders hinfahren“. An allen Standorten gebe es „schon ein Grundrauschen an Tourismus“.

Jetzt geht das Unternehmen aus dem Bayerischen Wald den bislang kühnsten Schritt. Er soll dem Wachstum noch einmal einen kräftigen Schub geben. Der nächste Baumwipfelpfad wird weder Deutschland gebaut noch in Europa, sondern in Kanada, anderthalb Autostunden nördlich von Montreal, auf dem Gelände einer ehemaligen Fischfarm. Ein Standort, wie man ihn sich kaum erträumen kann. Hunderttausende Menschen aus Montreal zieht es jeden Freitagnachmittag auf der Suche nach Erholung in einer schier endlosen Blechkarawane in diese Gegend, im Sommer wie im Winter.

Der erste Baumwipfelpfad jenseits des Atlantiks soll bereits im Sommer kommenden Jahres eröffnet werden. Es dürfte nicht der letzte bleiben. Attraktionen dieser Art seien dort bislang kaum verbreitet, sagt Bernd Bayerköhler. Und Kanada hat viele Großstädte mit rauschenden Wäldern drum herum. „Vancouver, Toronto, Calgary, das geht da überall. Wir schlagen jetzt dort einen Pflock ein. Aber das kann nur der erste Schritt sein. Und dann geht es weiter.“

„In Kanada?“

„Und in den USA.“ ---

Luftige Höhen
Die im Jahr 2001 gegründete und im oberpfälzischen Bad Kötzting beheimatete Erlebnis Akademie AG (EAK) zählte 2018 in ihren Baumwipfelpfad-Anlagen knapp 2,2 Millionen Besucher. Weitere Pfade in Heringsdorf auf der Ostseeinsel Usedom sowie im elsässischen Drachenbronn befinden sich im Bau und sollen im kommenden Sommer eröffnet werden. Für Erwachsene kostet der Eintritt in den deutschen Anlagen 10 bis 12 Euro. Rund 120 Vollzeit-Mitarbeiter erwirtschafteten 2018 einen Umsatz von 15,3 Millionen Euro – 32 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Verantwortlich für das Umsatzwachstum waren vor allem die neuen Anlagen in Österreich, Tschechien und der Slowakei. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen betrug 5,4 Millionen Euro – ein Plus von 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

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